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Systeme der Wissenschaft II (historisch)

[Andreas Rötzer: Die Einteilung der Wissenschaften. Analyse und Typologisierung von Wissenschaftsklassifikationen. Diss. Uni Passau, Jan. 2003]

Es gibt keine Hierarchie des Wissens, die eine Struktur des Wissens per se definieren könnte. Je nach Funktion des Klassierungssystems (Priorität der Speicherung, der Vermittlung, der Heuristik, der Repräsentation von Macht etc.) sah und sieht dies anders aus. So entstanden über die letzen 2500 Jahre eine Unzahl von Konzepten über Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit. Die Philosophie war manchmal Herrin, manchmal ganz einfach unwissenschaftliches Geschwätz. Enzyklopädisches Wissen ist heute eher verrufen - war aber urspünglich DER Inbegriff von Bildung, von notwendiger, abgerundeter, notwendiger Bildung, notwendig für die Entwicklung des Selbst.

Ueber die Jahrhunderte stund dann, je nach Zeitgeist, entweder die Erkenntnis, die Theologie, die Technik, oder wie heute, die Oekonomie an der Spitze - als bedeutendste Leit- (oder Zahl-)wissenschaft.

Weder Philosophie noch Interdisziplinarität konnten bisher die Spaltung in Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften auflösen, die beträchtliche Problem verursacht wo Wissen zwecks Anwendung geschaffen und vermehrt wird.

Eben so problematisch ist die Auflösung des sicheren Wissens durch die Postmoderne, die leider nicht unterschied zwischen faktischem kausalem Wissen und einigermassen will-kürlichem finalem Wissen der Intentionen, Pläne, Absichten und Handlungen. Hier ist eine Neuordnung dringend nötig.

1. Wissenschaft

‚Wissenschaft haben’ bedeutete so viel wie ‚von etwas Kunde haben’. Die Begriffe ‚scientia’, ‚ars’ und ‚disciplina’ bezeichneten das systematische Wissen, das eine universale Gültigkeit beanspruchte. Sie wurden in ihrer Bedeutung analog zum neuzeitlichen Begriff ‚Wissenschaft’ verwendet.
Im neuzeitlichen Verständnis erwächst Wissenschaft aus Wissen, an das besondere Anforderungen gestellt werden. Platon definierte das einfache Wissen als unterschieden von der bloßen Meinung. Für ihn war ‚episteme’ richtige ‚doxa’. Bei Kant erhielt der Begriff ‚Wissenschaft’ eine ähnliche Qualität: „Eigentliche Wissenschaft kann nur diejenige genannt werden, deren Gewißheit apodiktisch ist.“ Allgemein beansprucht ‚Wissen’ einen Gewissheitsgrad, der nicht nur auf subjektiver Überzeugung, sondern auf Nachvollziehbarkeit und Verifizierbarkeit der Behauptungen beruhen muss.
Unter ‚Wissen’ wird also eine gesicherte Erkenntnis verstanden und damit dem Glauben und Meinen entgegengesetzt. Das Verhältnis von Wissen und (religiösem) Glauben ist allerdings sehr problematisch.

1.1 Wissenschaft als Analyse: Das Ziehen von Grenzen, die Feststellung von Unterschieden:

‚Scientia’, das lateinische Wort für Wissenschaft, leitet sich ab vom Verbum ‚scire’, das sich wiederum vom griechischen Verbum ‚σχαξω’, das den Vorgang des Teilens, Spaltens bezeichnet. Zu Beginn bedeutete ‚scire’ im Lateinischen einfach ‚unterscheiden’, und meinte damit ‚bis auf den Grund dringen’. Es ist bemerkenswert, dass sich nicht der griechische Begriff für Wissenschaft (‚επιστημη’), der sich von dem Wort ‚vor etwas stehen’ (‚επι−ισταμαι’) herleitet, durchgesetzt hat, sondern der Begriff mit der Konnotation des Teilens, Spaltens.

Weitgehend invariante Merkmale von ‚Wissenschaft’ sind:

Hilfswissenschaften und Einzelwissenschaften fügen sich allerdings kaum mehr zu einem Ganzen:

Die Gruppe der Struktur- Hilfs- oder Querwissenschaften stellen ein besonderes Problem für die Wissenschaftsklassifikation dar. Zu ihnen zählen, je nach Klassifikation, beispielsweise Mathematik, Kybernetik oder Logik. Erschwerend kommt hinzu, dass Innen- und Außenverhältnis der Einzelwissenschaften einander bedingen.

Definieren heißt Abgrenzen, und erst in der Abgrenzung wird ein Gegenstand deutlich. Es ist “impossible to fix the position of a science without reference to neighbouring sciences, and even to the general system of the sciences”.

Wissenschaftsnormen aber lassen sich nicht beweisen, bestenfalls lassen sie sich rational rechtfertigen. s. Wittgenstein II: Calculi/autonomer Kalkül

Beispielsweise ist bei ARISTOTELES die Logik ‚organon’, also Hilfsmittel für alle Wissenschaften, und nimmt damit die Stelle einer Hilfswissenschaft ein. Die STOIKER hingegen weisen der Logik einen der drei Hauptplätze neben Physik und Ethik an.

Die Hoffnung auf eine universale Wissensordnung wird seither von den meisten als Utopie abgetan.

1.2 Wissenschaft als Geschichte

Der Begriff ‚Wissenschaft’ war in seiner Geschichte großen Bedeutungsschwankungen ausgesetzt, und es ist heute ein wissenschaftsphilosophischer Gemeinplatz, dass es keinen historisch irreversiblen Wissenschaftsbegriff geben kann.

Im Zuge eines evolutionären Wissenschaftsbilds entstand im 18. Jahrhundert die Vorstellung von historisch gewordenem Wissen. ‚Geschichte’ in ihrer Verwendung als zusammengesetztes Substantiv wie ‚Philosophiegeschichte’ oder ‚Literaturgeschichte’ wurde entdeckt und machte zahlreiche neue Wissenschaften möglich.

1.3 Wissenschaft als "Gedächtnis", Lehre, Forschung - und Macht

Wissenschaftsklassifikationen weisen zumindest 3 Aspekte auf:

Hinzu kommt eine Spielart der mnemotischen Funktion von Wissensklassifikationen. Sie diente zeitweise als Instrument zur Entdeckung eines clavis universalis, eines Schlüssels zum Wissen darüber, was „die Welt im Innersten zusammenhält“.

Bei vielen Klassifikationsschemata geht es unter anderem – manchmal ausschließlich – um die Erleichterung des Lernens. Die pädagogisch-didaktische Funktion der Wissenschaftsklassifikation dominiert also um so mehr, als die Forschungsstätte zur Lehrstätte wird.

In unserer Zeit allerdings hat auch hier die Oekonomie die Führung übernommen und Wissenschaft wie Wissen wurden zu den wichtigsten Produktionsfaktoren ernannt.

Erkennt man Wissen als nutzbar und sucht seine Effizienz als Macht, muss es akkumuliert und erweitert werden.

1.4 Wissen und Macht

Seit Francis Bacon wissen wir, daß Wissen auch Macht ist und seit Foucault, daß Macht Wissen schafft. An der Schwelle zur Neuzeit, als Francis Bacon das berühmt gewordene Schlagwort schuf, fand ein Transformierung des Ideals von Wissen statt, die sich indirekt auch auf die Wissenschaftsklassifikation auswirkte. So wird die Verbindung von Macht und Wissen besonders in der weltbilderzeugenden Funktion der Wissenschaftsklassifikation manifest. Das ursprüngliche Ideal der Uneigennützigkeit des Wissens stützt sich auf die christliche Vorstellung von der Gefährdung durch übermäßiges Streben nach Wissen. Paulus mahnt in Röm. 12,3 zur Mäßigung: „Trachtet, nicht mehr zu wissen, als zu wissen sich geziemt, alles zu wissen mit Maß.“

1.5. Wissenschaftliche Klassifikation

Der Mensch ist ein Sammler - Und der Mensch wird dabei zugleich zum homo classificans. Der Begriff "Klassifikation" setzt sich zusammen aus den lateinischen Begriffen ‚classis’ (‚Abteilung’, ‚Klasse’) und ‚facere’ (‚machen’, ‚hervorbringen’, ‚schaffen’) und ist erstmals um 1800 belegbar. Jede Wissenschaft hat in ihrem ersten Entwicklungsstadium einen klassifikatorischen Charakter gehabt, und einige Wissenschaften behalten auf Grund ihres spezifischen Gegenstandes diesen Charakter auch auf neuester Entwicklungsstufe (z.B. Botanik, Zoologie, etc.).

‚Klassifikation’ als Tätigkeit im Sinne von ‚Klassifizieren’ bezeichnet die logische Operation der vollständigen und systematischen Zerlegung einer nichtleeren Menge in paarweise unverbundene Teilmengen. [S. 32]

Die ‚Klassifikation’ bezieht sich ähnlich wie das ‚System’ auf das Verhältnis von Teilen einer Menge zueinander und zu dem von ihnen gebildeten Ganzen.

Wir kommen hier wieder zum Kalkül Spencer-Browns, für den das Ziehen einer Grenze (draw a distinction = diskriminiere!) erst zur Vielfalt führt: ”A universe comes into being when a space is severed or taken apart“. Erst die Zerlegung führt zu klaren Begriffen, die sich eindeutig beschreiben lassen - und nur eindeutige Begriffe erlauben deduktive Ableitungen oder induktive Synthesen:

In vielen Definitionen des Begriffs ‚Klassifikation’ findet ausschließlich die rein instrumentell-methodologische Bedeutung als induktives Verfahren der Analyse Erwähnung. Im Zusammenhang mit der Klassifikation der Wissenschaften spielt jedoch ihr synthetisierender und konstruktiver Charakter eine große Rolle.

Noch erst am Rande kommen zu dieser Zeit die weiteren, heute unentbehrlichen Momente der Wissenschaftlichkeit zum Tragen:

Was nun Klassifikation betrifft, so dürften wohl wichtigsten und wissenschaftlich einflussreichsten die botanischen Klassifikationen Carl von Linnés darstellen:

„Die Naturforscher, welche von allen Gelehrten die ausgedehntesten und schwierigsten Klassifikationen durchzuführen gehabt haben, haben auch den größten Fortschritt in der allgemeinen Methode der Klassifikation gewirkt. Das Grundprinzip dieser Methode ist festgelegt worden, seitdem in der Botanik und der Zoologie philosophische Klassifikationen bestehen, d.h. solche, welche auf wirklichen Beziehungen beruhen und nicht auf künstlichen Vergleichen. Es besteht darin, dass die Ordnung der verschiedenen Einteilungsstufen bezüglich ihrer Allgemeinheit nach Möglichkeit genau den Beziehungen zwischen den zu klassifizierenden Phänomenen entspricht.
Dergestalt ist die Hierarchie der Familien, Arten usw. nichts anderes als der Ausdruck einer geordneten Gruppe allgemeiner Tatsachen, die man in verschiedenen Stufenreihen geteilt hat, welche zunehmend in das Spezielle gehen. Mit einem Wort, nur dann ist die Klassifikation der philosophische Ausdruck der Wissenschaften selbst, deren Fortschritt sie begleitet. Die Klassifikationen kennen, heißt denn die Wissenschaft kennen, wenigsten in ihrem wichtigsten Teil. Dieses Prinzip lässt sich auf beliebige Wissenschaften anwenden.

Die Klassifikation ist damit auch „ein Kunstbegriff des Denkens, um Übersicht in die große Anzahl von wahrnehmbaren und denkbaren Gegenständen zu bringen, das Chaos zu entwirren und das Gedächtnis zu entlasten.

Auf Grund der unterschiedlichen Anforderungen an Klassifikationen wurden auch recht unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Titeln geschaffen:

8 unterschiedliche Verwendungsbereiche von Wissenschaftsklassifikationen:

  1. Klassifikationen zur Wissensdarstellung:
    1. Philosophische Klassifikationen
    2. Pädagogischdidaktische Klassifikationen),
  2. Klassifikationen zur Wissensverwendung
    1. Enzyklopädische Klassifikationen,
    2. Wörterklassifikationen und linguistische Thesauri),
  3. Klassifikationen zur Wissensvermittlung
    1. Bibliothekarisch-bibliographische Klassifikationen,
    2. Dokumentarische Klassifikationen,
  4. Klassifikationen zur Wissensorganisation
    1. Wissenschafts-, wirtschafts- und verwaltungspolitische Klassifikationen,
    2. Informationssystemorientierte Klassifikationen.

‚Ordnung’:

Eine ‚Ordnung’ ist eine absolute oder relative topische Festlegung von Elementen einer bestimmten Menge, die ein Ganzes bildet, das wiederum unterschiedlichster Art sein kann.

Besondere Schwierigkeiten bietet die Definition spezifischer Ordnungen aufgrund der Zirkelhaftigkeit des Begriffs. Sie setzen sich immer bereits voraus, und das schöpferische Setzen von Ordnungen ist eigentlich eine Entdeckung einer bereits bestehenden Ordnung:

Im Buch der Weisheit (11,21) heißt es: „Du hast alles geordnet nach Maß, Zahl und Gewicht“. Für Augustinus war der Begriff ‚Ordo’ konnotiert mit dem Guten und damit ein Schlüsselbegriff seiner Weltsicht, den er in die Tradition christlicher Philosophie implementierte:
„Ordnung aber ist die Verteilung gleicher und ungleicher Dinge, die jedem den gebührenden Platz anweist. Darum fehlt den Unseligen, die, sofern sie unselig sind, keinen Frieden haben, die Ruhe der Ordnung, in der es keine Störung gibt.

Hierher gehört auch das heute noch bekannte Ordnungssystem der Hierarchie, die ein Verhältnis der (unumstösslichen, also undemokratischen) Über- und Unterordnung repräsentiert. Seine ursprüngliche Verwendung fand der Begriff ‚Hierarchie’im religiösen Bereich, wie bereits das Wort selbst, das aus dem Griechischen übersetzt soviel wie ‚heilige Herrschaft’ bedeutet, anzeigt. Bis etwa 500 n.Chr. nur selten gebraucht, und in klassischer Zeit nicht belegbar, bezeichnete ‚hierárchês’ zunächst das Amt des Oberpriesters. So galt die hierarchische Abstufung bis über das 18. Jahrhundert hinaus als „universale Vorschrift der göttlichen Vernunft

Auch die Klassifikation AUGUSTE COMTES war diesem Hierarchieverständnis – in seiner säkularisierten Form – verpflichtet. Er glaubte, die Wissenschaften in eine ontologisch-hierarchische Ordnung mit folgender Rangreihe definitiv gliedern zu können: Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie und schließlich Soziologie. Galt ihm die Mathematik als Ausgangspunkt jeder Wissenschaftlichkeit, so sah er in der Soziologie den Zielpunkt der Wissenschaften. Der Positivismus Comtes stellt also die abstrakten, symbolischen Tätigkeiten der Wissenschaft weit über die Erkennung natürlicher und kultureller Systeme, erliegt aber zugleich der Illusion der Berechenbarkeit derselben (s. Wittgenstein: Vielfalt der autonomen Kalküle - wie z.B. Logik als Kalkül der Mathematik, etc.)

Der Zusammenhang von Ordnung und Erkenntnis besitzt zwei Aspekte.

Zum einen ist die Ordnung wesentliche Voraussetzung für jeden Erkenntnisakt, denn die Wirklichkeit ist für den Menschen ohne Ordnung nicht erfahrbar; und eine ordnungslose, unstrukturierte Wirklichkeit, wie bereits Platon deutlich machte, nicht denkbar. Insofern spielt sie die Schlüsselrolle im Versuch der physisch, geistig oder metaphysisch erfahrenen Wirklichkeit Sinn und Bedeutung zu geben.

Zum anderen ist sie für die Erkenntnisverfahren in formeller Hinsicht wichtig: Wissenschaften bedienen sich geordneter Verfahren, also Methoden. Dadurch entsteht eine zirkelhafte Situation, denn einerseits schafft sie die Ordnung der zu erkennenden Gegenstände, und andererseits bedient sie sich ihrer als einer bereits vorfindlichen Ordnung.

Probleme mit der Klassifikation:

Taxonomie kommt vom griechischen ‚taxio’, die Heeresordnung. Gleich wie eine Heeresordnung erlaubt sie mehr effizienz - beschränkt aber die Freiheit, verhindert Neues, auch neue Erkenntnisse. Die Weltbilderzeugung durch Klassifikation wurde von Foucault in "Die Ordnung der Dinge" umfassend kritisiert.

Sachlich, wissenschaftlich, hat die Klassifikation mit ihren Beschreibungen von statischen Elementen, Zuständen ihre Grenzen. Die Evolution wie andere dynamische Prozesse lassen sich so nicht erfassen, Veränderungen und Entwicklungen schon gar nicht zufriedenstellend erklären.

Husserl beispielsweise hatte noch die Hoffnung auf eine systematische Einheit aller Wissenschaften. Dass diese Einheit keine logische oder natürlich ist, sondern eine konventionelle, erleichtert die Verwaltung der Wissensproduktionseinheiten - erschwert aber die Integration zum System: Einheit der Wissenschaften stellt für die synthetisierende Wissenschaftsklassifikation den ideellen, a priori vorhandenen Fluchtpunkt dar. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, that the distribution of knowledge under individual sciences is not based on any logical and therefore necessary unity in the parts of these sciences, but is entirely arbitrary, and instituted only for convenience. [McRae]

Heute ist, mit Ausnahme von Zweier, maximal Dreierbeziehungen zwischen Disziplinen, jede Spezialität ihr eigenes Reich, das sich (und die darin enthaltenen Stellen) zu fördern sucht. Gewinner war über lange Zeit die Oekonomie. Jeder wollte (und will?) einen MBA. Die seit den 80ern geforderte Interdisziplinarität blieb, nicht zuletzt auf Grund der fast unendlichen Anzahl an Kombinationen (physikalische Chemie - nicht das Selbe wie chemische Physik, Ethno-Botanik, Bio-Physik ... Philosophische Anthropologie etcetc.), mit wenigen Ausnahmen so ziemlich auf der Strecke.

Auch hier eine Chance für die Topologie als Lehre von der Raum-Ordnung, der Ordnung der Lage, der Situation, der Punkte und Strukturen, denn Ordnung ist die Basisaufgabe der Topologie: Die Errichtung des richtigen Koordinatensystems und die Verbindung unterschiedlicher Koordinatensysteme. Dies wäre ein erster Schritt. Systemische Ueberlegungen wären begleitend nötig und würden dann zu weiterer Entwicklung führen - aber durch seinen konservativen Totalitätsanspruch auch zur Verhinderung von Entwicklungen.

FAZIT:

Auch erforschte oder erdachte Systeme sind bloss Hypothesen,
also von zeitlich beschränkter Gültigkeit.

1.6. Wissenschaft als System

Definition System:

Ein System ist ein nach außen hin abgeschlossenes Ganzes, „wobei jede Teile einander erfordern, voraussetzen oder nach sich ziehen.“ Die Einzelteile eines Systems stehen also in bestimmten, eindeutigen Beziehungen zueinander. Diese
Beziehungen, die sich in Interdependenzen und Hierarchien ausdrücken können, sind Merkmale eines Systems. Die Bedeutung eines jeden Elements des Systems ist vom übergeordneten, übersummativen Ganzen bestimmt. Dieses definiert sich aus dem gemeinsamen Ordnungsprinzip, das jedem Teil des Systems seinen festen Platz in ihm zuweist, den Umfang des Systems und damit seine Vollständigkeit bestimmt. Die Vollständigkeit der Elemente erfordert die Abgeschlossenheit des Systems, das in ihrer engen Definition statisch ist. Obwohl die Vollständigkeit ein Definiens des ‚Systems’ ist – es folglich abgeschlossen sein muss –, wird häufig vom Spezialfall des ‚offenen’ Systems gesprochen.

In alter Terminologie nannte man das wissenschaftliche Resultat des Sammelns ‚summa’, erhielt dies noch eine Struktur ‚Architektonik’:

Um 1600 geht der Systembegriff diese wesentliche Verbindung mit dem Begriff der ‚scientia’ ein. Bis dahin war der aus dem Griechischen stammende Begriff ‚systema’ mit dem Konzept der ‚ars’ verbunden.

Allerdings wurde bereits unter Architektonik die Kunst der Systeme verstanden. Weil die systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntnis allererst zur Wissenschaft macht, d.i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System macht, so ist Architektonik die Lehre des Scientifischen in unserer Erkenntnis überhaupt, und sie gehört also notwendig zur Methodenlehre.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert hieß es: „Die Denkform nun, welche die Vollständigkeit der Unterordnung des Besonderen unter das Allgemeine enthalten, nenne ich die wissenschaftlichen Formen oder die Formen der systematischen Einheit. Ein demgemäß angeordnetes Ganzes der Erkenntnis heißt seiner Form nach ein System, seinem Gehalte nach eine Wissenschaft.“

KRITIK der Systeme:

Allerdings wurde die Ausrichtung auf Systeme auch kritisiert, vor allem darum, weil damals wie heute die Aussage, man arbeite mit Systemen, eher eine Behauptung als eine Tatsache war: „die Überbetonung der Systematizität wissenschaftlicher Disziplinen [...] unterschlägt, dass diese im Normalfall eher als ein lockeres Aggregat lose miteinander verbundener Begriffe, Theorien und methodischer Prinzipien sind, die jeweils ihre eigene Geschichte haben und auch einzeln verändert und neuen Problemsituationen angepasst werden können. [Toulmin 1978]

Voltaire bereits lehnte das Systemdenken vollständig ab. Er begründete seine Ablehnung mit der Behauptung, Systeme seien artifizielle Konstrukte, die der Wirklichkeit nicht gerecht würden.

Auch der frühe Systemtheoretiker Johann Heinrich Lambert (1728-1777) weist auf die Schwierigkeit hin, eine
allgemeine, für alle Systeme gültige Definition zu geben, da es nur konkrete Systeme gäbe.

Beide, praktisch identischen Vorwürfe können nur dadurch aufgelöst werden, dass das System als Hypothetisch, die Wirklichkeit als Prüfstein angesehen wird. Gerade für komplexe Systeme ist dieses schrittweise herantasten an ein Verständnis der Funktionalität vermutlich der einzige Weg. [s. Komplexe Argumentation]

Das oben unter Fazit erwähnte Problem des Konservativismus von Systemen, die sich selbst zu erhalten trachten, wird von Maturana bei der Erforschung autopoietische Systeme angesprochen mit der Frage: Ist Systemerhaltung vielleicht doch eine teleologische Ausrichtung der Natur? Die Frage lässt sich leicht beantworten, denn es handelt sich auch hier, nach Wittgenstein, um eine Scheinfrage. Systemerhaltung ist rückwärts gewandt, ist Ueberlebenstrieb, entsteht aus dem Moment der Bedrohung und hat meist wenig mit langfristigen Zielen, viel aber mit kurzfristigen Entscheiden zu tun. Hierin liegt vermutlich der Grund für die immer kurzfristigere Ausrichtung von Wirtschaft und Politik: Wer jetzt bedroht ist scheisst auf das Morgen. Er will in erster Linie jetzt überleben.

2. Wissenschaft als Sammlung - von Wissen: Enzyklopädien

Wie Wort und Einrichtung der Universität zeigt, war und ist Wissen immer mit der Entwicklung des Wissens (= Forschung) und der Vermittlung/Verbreitung des Wissens assoziiert. Logischerweise richtete sich die Klassierung also entweder nach der einen oder der anderen Priorität, oder nach noch anderen Ideologien:

„Wichtiger als die Systematik und Logik der Wissenschaftsgliederung erscheint in dieser Perspektive die möglichst effiziente Wissensvermittlung. Deshalb liest Gessner die Gliederung des Wissens der institutionellen Praxis seiner Vermittlung ab.“ [Zedelmaier]

Wissen und Bildung:

Während dem heute eine "enzyklopädische Bildung" entweder einen Bildungsfanatiker oder verschrobenen Intelligenzler bezeichnet, präsentierte die Enzyklopädie für die Griechen (wie Römer) das abgerundete und umfassende Wissen über das ein Mensch verfügen musste, um sich selbständig weiter entwickeln zu können:

Quintilians Definition der Bildung:

Das griechische Wort ‚enkyklios paideia’, von dem sich der im 15 Jahrhundert von humanistischen Grammatikern neugeschöpfte Begriff ‚Enzyklopädie’ herleitet, bezeichnete ursprünglich die harmonische Anordnung und den Zusammenhang desjenigen Wissens, das ein freier Grieche der herrschenden sozialen Norm nach erwerben musste.

Damit führt er „die schon vorbereitete Deutung des enkyklios als ‚rund, abgerundet’ zu Ende“ und spricht von einem „Fächerkreis, den die Griechen enkyklische Bildung nennen – orbis ille doctrinae, quem Graeci enkyklion paideian vocant.

Insofern war die ‚alltägliche’ Bildung auch zwangsläufig eine ‚runde’, da sie alle Wissensgebiete betraf. Von dieser Bedeutung ist es nur noch ein kleiner Schritt zur universalen Bedeutung als Gesamtheit des gesicherten Wissens.

Zu Beginn der neuzeitlichen Verwendung bedeutet also ‚Enyklopädie’ die strukturierte Darstellung des gesamten verfügbaren Wissens

Nichts soll vergessen werden, weder das als nützlich, also ‚gut’ bewertete Wissen, noch das als schädlich und schlecht indizierte Wissen.

Systematik:

Mit einer stetig steigenden Zahl von Wissenschaften wächst auch das Bedürfnis nach Schaffung von Überblick und Orientierung über diese Wissenschaften. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es der Setzung eines einheitlichen Wissenschaftssystems.
Eine derartige Zielsetzung ist nur dann erreicht, wenn die Wissenschaftsklassifikation – dies wurde im Kapitel ‚System’ ausgeführt – ein wechselseitige Abhängigkeit sowie die direkte Verbindung zwischen den einzelnen Wissenschaften
besitzt und darstellt.

„Welches Ordnungsprinzip die Aufbereitung gelehrten Wissens orientiert, ist letztlich beliebig, da es nicht die Funktion hat, Wissen zu konstituieren, sondern zu verorten und aufzufinden.“ [Zedelmaier, zit. S. 161]

Eine Ordnung erfüllt dann am besten ihren Zweck, wenn sie in der geringstmöglichen Zeit den Suchenden an das Gewünschte heranführt.“ Dies ist nicht selbstverständlich: „Es gibt Bibliotheken, in denen Tausende von Büchern hoffnungslos verloren sind, weil sie in dem veralteten und mit der Zeit trotz vieler Bemühungen unübersichtlich gewordenen Sachkatalog nicht mehr gefunden werden.“

„Die Aufgabe, die sich die Enzyklopädisten des 17., 18. und zum Teil auch noch die des 19. Jahrhunderts stellten, keineswegs die möglichst vollständige Repräsentation der Wissenschaften war, sondern in erster Linie ihre Verbindung und Zuordnung, ihre Gliederung und Klassifikation.“

Lexika (Wiki) und Thesauri dürften also streng genommen nicht ‚Enzyklopädien’ genannt werden, da ihnen das für diese Bezeichnung wesentliche Kriterium der systematischen Strukturierung fehlt.

Die Entstehung der neuzeitlichen Enzyklopädie war gebunden an die humanistische Revolution; die demographisch-sozialen Veränderungen des 19. Jahrhunderts veränderten die Anforderungen an Nachschlagewerke insoweit als die geringeren Bildungsvoraussetzungen alphabetische Ordnungen erforderlich machten, da die systematisch geordnete Enzyklopädie zu ihrem Verständnis und zu ihrer Handhabung eine gewisse Kenntnis bereits voraussetzt.

Es handelt sich bei diesen Arten von Wissensspeicherung also a) um Vorläufer des knowledge managements. b) ist die Demokratisierung des Wissens stark fortgeschritten, da sich Google heute schon fast von Analphabeten nutzen lässt

Die Konservierung des vorhandenen Wissens ist eines der Hauptanliegen der neuzeitlichen Enzyklopädie. Zwei hervorragende Beispiele:

  1. D’ALEMBERT (1717-1783) vertrat ein pragmatisches Klassifikationsprinzip, das von seinem erkenntnistheoretischen Standpunkt abhing. Er ging dabei von der Nichtexistenz eingeborener Ideen aus und musste daher eine statische, ontologische Ordnung der Wissenschaften ablehnen. Gleichzeitig lehnte er auch die historischen Ordnung des Wissens ab, da er glaubte, sie würde die Übersichtlichkeit verletzen.
  2. Auch die wohl einflussreichste Klassifikation des 19. Jahrhundert – die Dezimalklassifikation nach MELVIL DEWEY – hatte nur eine Funktion zu erfüllen. Sie zielte als Bibliotheksklassifikation auf die Ermöglichung eines optimalen Überblicks ab. „Deweys Theorie war eben sein Pragmatismus: Klassifikation um der Verfügbarkeit in Sortierfächern willen.“

2.1.Bibliothekswesen Dewey (1859-1952) alphabetisch

Ordnung zu schaffen im gedruckten Wissen wurde nach und nach so schwierig, dass Bibliothekswissenschaften nötig wurden ... sich aber bis heute in Europa nicht als solche durchsetzen konnten. Gerade weil sachlich orientierte enzyklopädische Darstellungen Kenntniss der komplexen Strukturen erforderten (s. Dewey > Bausteine > Taxonomie), setzte sich meist eine alphabetische Ordnung durch. Mit den heutigen elektronischen Suchmitteln ist auch diese obsolet, solange die richtigen Suchbegriffe vorhanden sind ist das wichtigste Ziel des Bibliothekswesens erreicht, die problemlose Auffindbarkeit - je nach Bildungsmöglichkeit für alle Bevölkerungsschichten.

Die alphabetische Ordnung begann sich mit der Encyclopédie durchzusetzen, die „paradoxerweise dem neuen, reduktiven Modell zum Durchbruch verholfen hatte, ohne es prinzipiell zu akzeptieren“.

Die erstmals 1872 vorgelegte Dezimalklassifikation von MELVIL DEWEY ist als Beispiel am besten geeignet, da sie eine rein numerische Klassifikation ist, deren Zweck, nicht mehr als eine Bibliotheksordnung zu sein, schon allein dadurch deutlich wird.

Somit verfolgt auch eine Wissenschaftsklassifikation „stets einen Zweck und hat damit bestimmte praktische Aufgaben zu erfüllen“. Sie ist also zwecksetzungsabhängig und perspektivisch, da sie von einem bestimmten Erkenntnisinteresse, das sich in den jeweiligen Funktionen niederschlägt, motiviert ist. Wie jedes System gerät auch die Wissenschaftsklassifikation in ein Zwecksetzungsdilemma, wenn das Ziel die Erstellung eines Wissenschaftssystems mit universalen Ansprüchen ist. Dies ist auch der Grund, weshalb Universalklassifikationen in der Regel eine geringe Aussagefähigkeit besitzen und hinsichtlich eines Erkenntnisziels meist von geringem Nutzen sind.

Das damalige Anliegen, das bekannten Wissens zu sichten und angesichts sich vergrößernder Bibliotheksbestände neu zu klassifizieren, scheiterte wohl an dem sich zu dieser Zeit entwickelnden ‚postmodernen’ Wissenschaftsbegriff, der Klassifizierungsversuche zu verhindern schien. Und so sind seit geraumer Zeit keine einschlägigen Veröffentlichungen zum Thema Wissenschaftsklassifikation erschienen.

Bibliothekarische Klassifikationen der Wissenschaft:

3. Systementwürfe der Wissenschaften, chronologisch nach Urhebern

Rötzer unterteilt die Geschichte der Ausbildung wissenschaftlicher Systeme in 3 Phasen:

1. Phase der ontologisch rückgebundenen geschlossenen Systeme, in denen sich die wie auch immer als göttlich vorgestellte Ordnung der Welt und ihres Ablaufs widerspiegelt. Ziel der Wissensordnungen ist es, ein möglichst genaues Abbild der göttlichen Schöpfung zu geben. Dabei geht man von der Möglichkeit einer Isomorphie von Bild und Abbild aus. Der Zeitraum, in dem diese Auffassung der Wissenschaftsklassifikationen vorherrschte, verlief von der Antike bis zur Aufklärung.

2. Phase der Expansion des Adressatenkreises von Klassifikationen seit dem Spätmittelalter im 15. Jahrhundert. Das didaktisch-pädagogische Interesse steht bei der Erstellung der Wissenschaftssysteme, die noch immer geschlossen und meist ontologisch rückgebunden sind, im Vordergrund.

3. Phase der Systematiken, die als temporär gültige (Arbeits-)Hypothesen gelten. In dieser Phase, die bereits mit der Klassifikation von Francis Bacon mit dem 17. Jahrhundert beginnt, wird die Möglichkeit der Erstellung einer objektiv gültigen, wahren Wissenschaftsklassifikation angezweifelt.

Eine Klassifikation der Wissenschaften nach ihrer zeitlichen Entstehungsgeschichte geht von der Voraussetzung aus, dass es keine ontologisch begründete Ordnung der Wissenschaften gibt:

In einer seiner Schriften berichtet der deutsche Sinologe Franz Kuhn (1884 bis 1961) von einer altchinesischen Enzyklopädie, die eine Taxonomie der Tiergattungen in vierzehn Gruppen vorschlägt:

1. dem Kaiser gehörige
2. einbalsamierte
3. gezähmte
4. Milchschweine
5. Sirenen
6. Fabeltiere
7. streunende Hunde
8. in diese Einteilung aufgenommene
9. die sich wie toll gebärden
10. unzählbare
11. mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete
12. und so weiter
13. die den Wasserkrug zerbrochen haben
14. die von weitem wie Fliegen aussehen

ARISTOTELES (384-322)

ARISTOTELES unterscheidet die Wissenschaften nach dem Aspekt, unter dem sie die objektive Realität erforschen, und teilt sie in drei Gruppen ein, deren Ziel reine Erkenntnis (‚episteme’), Herstellung (‚techne’) oder schöpferisches Hervorbringen (‚poiesis’) ist. Es ergibt sich folgende Aufstellung:

Theoretische Philosophie:
episteme

Praktische Philosophie
praxis (+ phronesis)

Schöpferische Philosophie
techne - poiesis
  • Analytik
  • Physik
  • Mathematik
  • Metaphysik
  • Ethik
  • Ökonomie
  • Politik
  • Poetik
  • Rhetorik
  • Künste

Bei den technischen Wissenschaften ist es der operationale Standpunkt – sie gehen vom Ziel aus; die von diesem Erkenntniszweck geleiteten Wissenschaften sind zweckorientiert.

Die technischen Wissenschaften hingegen fragen danach, welche Mittel gesetzt werden müssen, damit geforderte Funktionen unter bestimmten Bedingungen mit hohem Wahrscheinlichkeitsgrad bewirkt werden.

Die Dichotomie der Wissenschaften ist die auf ihrer ersten Ebene am weitesten verbreitete Einteilung der Wissenschaften. Der heute oft beklagte Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften wurde in Ansätzen schon von ARISTOTELES und seinen Nachfolgern aufgerissen. Seine ursprünglich dreigeteilte Wissenschaftsordnung (‚episteme’, ‚techne’, und ‚poiesis’) wurde später reduziert auf eine Zweiteilung – obwohl er vor den Fehlern, die durch eine dichotomische Einteilung entstünden, warnte. Indem der fließende Unterschied zwischen den schöpferischen und praktischen Wissenschaften aufgehoben wurde, entstanden zwei Wissenschaftsgruppen: die der theoretischen Wissenschaften auf der einen, die der praktischen auf der anderen Seite. Die schöpferischen Wissenschaften gingen in die Gruppe der praktischen Wissenschaften ein.

Episteme: Darunter verstand er die theoretische Philosophie, die kein Ziel außer der Erkenntnis hat. Zu ihr zählen in Abstufung des Abstraktionsgrads Metaphysik, Mathematik und Physik.

Techne: Die Wissenschaften die unter dieser Bezeichnung zusammengefasst sind, zielen auf Herstellung dauerhafter Produkte ab; aus diesen Wissenschaften werden die ‚artes’, Künste.

Poiesis: Die hier zusammengefassten Wissenschaften dienen der Regulierung der Handlungen in Hinblick auf Erreichung des Guten; sie sind unterteilt in Ethik und Politik. Diese sind für Aristoteles, anders als für die Zeit der modernen Wissenschaft und den Positivismus, die höchsten Wissenschaften. Dieser Rang gebührte ihnen weiterhin, alleine auf Grund ihrer Komplexität und Bedeutung für die Menschen - nicht allerdings auf Grund ihrer "Wissenschaftlichkeit", also Abstraktionsfähigkeit und Berechenbarkeit.

„Allem Anschein nach gehört es der maßgebendsten und im höchsten Sinne leitenden Wissenschaft an, und das ist offenbar die Staatskunst. Sie bestimmt, welche Wissenschaften oder Künste und Gewerbe in den Staaten vorhanden sein, und welche und wie weit sie von den Einzelnen erlernt werden sollen. Auch sehen wir, dass die geschätzten Vermögen: die Strategik, die Ökonomik, die Rhetorik, ihr untergeordnet sind.“

Auch bei Zenon und der Stoa fand die Dreiteilung weite Verbreitung; auf einer anderen philosophischen Grundlage auch bei Epikur. Sowohl die stoische als auch die epikureische Triade kennt folgende Hauptteile: Physik, Logik und Ethik.

Plinius (24-79)

1. Astronomie, Physik, Chemie, Geologie
2. Geographie, Länder- und Völkerkunde
3. Anthropologie, Kulturgeschichte, Ethnographie
4. Zoologie
5. Botanik
6. Pharmazie und Medizin
7. Metalle
8. Bergbau
9. darstellende Künste
10. Mineralogie
11. Gemischte Materialien

Porphyrios (...234): s. Tafel rechts. Baum des Porphyrios s. Roger Bacon

Augustinus (344-430): Augustinus bereitete den Boden für diesen spekulativen Umgang mit dem Gedächtnis in der christlichen Tradition, indem er das Gedächtnis „nicht als Erinnerung, sondern als Arsenal von eingeborenen Begriffen, die Anspruchs- und Gewissenscharakter haben“ bezeichnete. -Also das Gewissen zum Kern der Wissenschaft machte.

Martianus Capella (5. JH)

Einen großen Anteil an ihrer Fixierung hatte die kunsthistorisch äußerst einflussreiche allegorische Schrift ‚De Nuptiis Philologiae et Mercurii’ des MARTIANUS CAPELLA. In unterschiedlichsten Formen findet man die Aufteilung des Wissens gemäß seiner Grundordnung in mittelalterlichen Kompendien, Didascalien, Etymologien und Kompilationen: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astrologie und Musik. Bis ins frühe Mittelalter blieb sie die wichtigste Einteilung des Wissens.

Cassiodorus (485-585)

Die heute übliche Einteilung in ‚Trivium’ (philologische Künste) und ‚Quadrivium’ (mathematische Wissenschaften) hatte FLAVIUS MAGNUS AURELIUS CASSIODORUS (490-583) eingeführt.
In der Regel wird heute die Ordnung der Septem Artes Liberales folgendermaßen wiedergegeben:

Boethius (475-480):

Mit der Wiederentdeckung der aristotelischen Schriften im Hochmittelalter verlor das Ordnungssystem der Septem Artes Liberales wissenschaftlich an Bedeutung.

Isidor von Sevilla (560-636):

1. Septem Artes Liberales (I-III)
2. Medizin (IV)
3. Jurisprudenz, Zeit und kurze Weltgeschichte (V)
4. Bibel (VI)
5. Die himmlische Hierarchie (VII)
6. Kirche und Häretiker (VIII)
7. Völker, Sprachen, Staat (IX)
8. Etymologisches Lexikon, alphabetisch (X)
9. Mensch (XI)
10. Zoologie (XII)
11. Himmel, Atmosphäre, Meere und Ozeane (XIII)
12. Geographie (XIV)
13. Städte und Gebäude (XV)
14. Geologie, Maße und Gewichte (XVI)
15. Landwirtschaft und Gartenbau (XVII)
16. Kriegskunst, öffentliche Spiele (XVIII)
17. Schiffe, Häuser, Gebräuche (XIX)
18. Nahrungsmittel, Werkzeuge, Möbel (XX)

Mittelalter

Das populärste Viererschema stellt das System der vier Fakultäten dar: Sie bildeten sich im Laufe des 12. Und 13. Jahrhunderts an den zu einer ‚universitas’ zusammengeschlossenen Pariser Schulen. Diese Gliederung der Pariser Universität wurde in der Folgezeit von vielen Universitäten übernommen und blieb bis ins 19. Jahrhundert üblich. Von den vier wissenschaftlichen Fakultäten steht die theologische an höchster Stelle. Neben der juristischen und der medizinischen Fakultät zählt sie zu den primären Fakultäten. Die philosophische Fakultät, die auch ‚Artistenfakultät’ genannt wird, ist der Lehre der Septem Artes Liberales vorbehalten und wird als propädeutische Fakultät bezeichnet.Die Rangfolge Theologie, Jurisprudenz, Medizin, Philosophie wurde in Universitätsprotokollen festgelegt.

HUGO VON SANKT VICTOR (1097-1141)

Roger Bacon (1214-1294)

In den späten Schriften (1266-1292) ROGER BACONS (1214-1294) – u.a. in dem für die Wissenschaftsklassifikation wichtigen Werk ‚Opus majus’ – galt sein Interesse in der Hauptsache „the reform of education and society.

Der so genannte ‚Baum des Porphyrios’ (‚arbor porphyrios’, Baum des Wissens) war der Beginn dieser langen Tradition, die ROGER BACON, René Descartes und viele andere weiterführten.

Dieses Modell bedarf stets einer selbständigen Allgemeinwissenschaft – der Wurzel –, die eine Art scientia universalis darstellt. FRANCIS BACON nennt sie, wie ARISTOTELES, ‚philosophia prima’.

Juan Huarte (1530-1592)

Künste und Wissenschaften, die mit Hilfe des Gedächtnisses erforscht werden: Grammatik, Theoretische Rechtsgelehrsamkeit, Positive Theologie, Arithmetik, Theoretische Medizin (erster Teil)

Künste und Wissenschaften, die mit Hilfe des Verstandes erforscht werden:
Theorie der scholastischen Theologie, Theoretische Medizin (zweiter Teil), Dialektik, Naturphilosophie, Praktische Rechtsgelehrsamkeit

Künste und Wissenschaften, die mit Bildern und Gleichungen ausgerüstet sind. Sie beherrscht man mittels der Einbildungskraft: Dichtkunst, Rhetorik, Gesang, Homiletik, Praktische Musik, Praktische Mathematik, Praktische Medizin, praktische Astrologie, Praktische Justiz, Regierungskunst, Kriegswissenschaft, Bildende Kunst, Schreiben und Lesen, Maschinenbau, Wunder.

Zabarella (1533-1589)

Der Gelehrte ZABARELLA (1533-1589) nannte die beiden vorherrschenden Ordungsformen seiner Zeit ‚ordo compositivus’ und ‚ordo analyticus’. - Also Syntese und Analyse.

FRANCIS BACON (1561-1626) (System der Wissenschaften)

Bereits FRANCIS BACON nahm Wissenschaft als dynamischen, sich entwickelnden Prozess wahr und rief zur Entdeckung neuen Wissens auf:

„Das wahre und rechtmäßige Ziel der Wissenschaften ist kein anderes, als das menschliche Leben mit neuen Erfindungen und Mitteln zu bereichern.“

Sowohl für FRANCIS BACON als auch für RENÉ DESCARTES war eine wichtige Eigenschaft der Systematik der Wissenschaften ihre Funktion als Gedächtnisstütze.

Mit FRANCIS BACON’ begann die Neuzeit, und die große Zeit der Wissenschaftsklassifikation. Es ist die Zeit der beginnenden Aufklärung. Der Glaube daran, dass neue Erfindungen und "Mittel" das Leben bereichern, ist Grundlage des Fortschrittsglaubens, der erst mit den durch Mechanisiserung bedingten sozialen Problemen, der zunehmenden Umweltzerstörung wie den wachsenden, von der Gemeinschaft zu tragenden Risiken langsam ins Wanken kam. (s. Alternativen)

COMENIUS (1592-1670) : didactica magna

Das aristotelische ‚sapientis est ordinare’ machte er sich zum Motto und ordnete die Wissenschaften nach dem Konzept klassischer Sakralarchitektur an, mit der Weisheit als allerheiligstes Zentrum. Der so konzipierte siebenteilige Tempel der christlichen Pansophie des COMENIUS besteht aus:

1. Propyläum (Einführung in Möglichkeit und Struktur des Tempels)
2. Portal (Allgemeine Prinzipien)
3. Primum Atrium (sichtbare Natur)
4. Atrium Medium (Mensch und Vernunft)
5. Atrium Internum (wesentliche Natur des Menschen, sein freier Wille, und seine Rettung in Christus)
6. Sanctum Sanctorum (Theologie, Studium Gottes, seiner Offenbarung und seine Verehrung)
7. Fons Aquarium Viventium (Benutzung und Weitergabe der Weisheit)

Logic comes first because it paves the way leading to culture with the study of words or their meanings or the art of reasoning. Ethics follows as a necessary companion to Logic, for it attends to the upbuilding of the soul while the intellect is being fed by the other arts and sciences. The Theoretical sciences come next as the core disciplines devoted to research leading to knowledge of the truth, and the Mechanical sciences cannot be fully appreciated without the foregoing disciplines.

Das Konzept kommt uns heute ziemlich strub vor. Allerdings würde eigentlich die Aussage von Comenius immer noch stimmen, nämlich dass die ganze Technologie (und Wirtschaft) nichts taugt, wenn sie sich über logische Gesetze, ethische Grundhaltungen oder wissenschaftliche Fakten hinwegsetzen will.

Eine Klassierung in Naturwissenschaften - Humanwissenschaften - Geisteswissenschaften + Weisheit zeichnet sich hier schon ab.

Hegel : System der Wissenschaften

GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ, (1646-1716)

VICTOR COUSIN (1792-1867)

WILLIAM WHEWELL (1794- 1866) William Whewell wendet ein ungewöhnliches Klassifikationsprinzip nach inhärenten Ideen an. Er war der Überzeugung, dass den Wissenschaften Ideen a priori zugrunde liegen; identifizierte diese Ideen und gruppierte auf dieser Grundlage die Wissenschaften folgendermaßen:

• ‚Idee von Raum, Zeit, Zahl, Zeichen und Begrenzung’: reine mathematische Wissenschaften
• ‚Idee von der Bewegung’: reine Wissenschaften der Bewegung
• ‚Idee von Kraft und Ruhe’: mechanische Wissenschaften
• ‚Idee von der Intensität der Eigenschaften’: abgeleitete Wissenschaften
‚Idee von der Polarität’: analytisch-mechanische Wissenschaften
• ‚Idee von den Elementen’: analytische Wissenschaften
• ‘Idee von Symmetrie und Ähnlichkeit’: analytisch-klassifikatorische Wissenschaften
• ‚Idee von Ähnlichkeit und Anziehung’: klassifikatorische Wissenschaften
‚Idee von Lebenskraft und Anpassung’: organische oder biologische Wissenschaften
• ‚Idee von Gefühl und Gedanken’: Metaphysik und Psychologie
• ‚Idee von historischer Kausalität’: Paläontologische Wissenschaften
• ‚Idee vom ersten Grund’: Naturtheologie

AUGUSTE COMTE (1798-1857) Positivismus:

Bei Descartes basierte das Konzept der Einheit auf der als ‚Universalwissenschaft’ betrachteten Mathematik, deren Methode für alle Wissenschaften verbindlich sein sollte.

The Unity of Method in science, [is…] the theses that all the empirical sciences employ the same standards of explanation, of significance, of evidence, etc.”‚Methode’ wird dabei definiert als „Anwendung logischer Gesetze in den verschiedenen Wissensgebieten“ . Unter ‚Logik’ ist dabei eine folgerichtige Kausalität zu verstehen.

ANTOINE-AUGUSTIN COURNOT (1801-1877)

Louis Agassiz (1807-1873)

AGASSIZ bemühte sich, ein Klassifikationssystem zu erstellen, das „true to nature” sei, „namely, one that reflected with greatest accuracy the immaterial plan of the Creator” Ihm ging es bei seiner Klassifikation nicht um Erkenntnisgewinn, der das Ziel Carl von Linnés gewesen war, sondern um die Bestätigung der göttlichen Ordnung und der Bekämpfung der als bedrohlich empfundenen Erklärungsversuche Darwins.

Dove (1815-1873)

PATRICK EDWARD DOVE entwickelte in seinem Werk ‚Theory of Human Progression’ (1850) auf der Grundlage eines pathetischen Fortschrittsoptimismus eine evolutorische Wissenschaftsklassifikation.

Auf dieser Grundlage nahm er an, dass sich eine Wissenschaft konsequent aus der anderen heraus entwickeln und dabei immer komplexer würde. Eine Art ‚logischer Stufenfolge’ sei das Ergebnis. Die Struktur seiner Klassifikation ist folgerichtig linear-hierarchisch.

Der grundlegenden, allgemeinsten und einfachsten Wissenschaft – der Logik – folge, laut DOVE, in ihrer Anwendung auf die Zahlen die Arithmetik. Gehen Logik und Arithmetik eine auf quantitative Kategorien angewendete Verbindung ein, entstehe die Algebra. In der Anwendung der Logik, Arithmetik und Algebra auf den Raum sei die Geometrie entstanden. Diese vier Wissenschaften angewendet auf die Wirkungen der Kraft würden die Statik ergeben. Damit hat man die ersten fünf der Wissenschaften, die DOVE zu den mathematischen Wissenschaften zusammenfasst.
Sie haben ihm zufolge gemeinsam, dass sie unabhängig von der materiellen Wirklichkeit bestehen. Die zweite Gruppe seien die physikalischen Wissenschaften, die sich aus der Anwendung der mathematischen Wissenschaften auf Substanzen und Prozesse der materiellen Welt ergeben. Die drei höchsten, also komplexesten Wissenschaften dieser Gruppe leiteten über zur Gruppe der Organisationswissenschaften, deren höchste wiederum überleitete zu den Wissenschaften von den menschlichen Handlungen. Es ergibt sich folgendes Bild:

Abstraktes logisches Denken als Basis (Mathematik. Hilfswissenschaft) - Physik (also Naturwissenschaften I) - Wissenschaften der organischen Organisation (Naturwissenschaften II) - Wissenschaften der menschlichen Handlungen. Der letzte Punkt macht Geisteswissenschaften zu Wissenschaften menschlicher Handlungen. Dies dürfte angepasster sein, da eben Handlung frei ist und zielorientiert, ja an Werten orientiert - nicht kausal bedingt, also ein bedeutender Unterschied zu den anderen Gattungen der Wissenschaften. Diese Unterscheidung geht im heutigen Wissenschaftsbetrieb weitgehend verloren. Dies um so mehr als Wissenschaft wertfrei agieren soll, also das wichtigste Element menschlichen Handelns umgeht.

HERBERT SPENCER (1820-1903)

Friedrich Engels (1820-1895)

FRIEDRICH ENGELS unterschied zwischen drei für ihn wesentlichen Wissensgebieten: Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Wissenschaften vom Denken. In seinem Schema drückt sich die große Stellung der Gesellschaftswissenschaften aus, die gleichwertig neben Naturwissenschaft und Wissenschaft vom Denken steht.

Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondere Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehn bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen – die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.

Die Philosophie untersucht aber auch die Gesetze des Denkens selbst und erlangt durch diese reflexive Aufgabe eine herausgehobene Stellung, die FRIEDRICH ENGELS ihr nicht zugestehen wollte.

WILHELM WINDELBAND

Windelband bemühte sich vor allem um die Abgrenzung von Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften (Geisteswissenschaften). Die Naturwissenschaften verfahren "nomothetisch", d. h. sie beschreiben ihren Gegenstand durch allgemeine Gesetze. Die Kulturwissenschaften haben es dagegen mit dem Einmaligen, Individuellen und Besonderen zu tun, sie verfahren "idiographisch".

Auch hier wäre Kulturwissenschaft ein besserer Begriff als Geisteswissenschaft, da sie sich eben mit dem befasst, was der Mensch schafft, und wie er es schafft, und warum er es schafft. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden wäre aber weniger das Allgemeine oder Individuelle, sondern Kausalität und Finalität.

WILHELM DILTHEY (1833-1911)

Dilthey formulierte in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften eine Theorie der Geisteswissenschaften, als deren Begründer er gilt. Als deren Methode entwickelte er die Hermeneutik und die verstehende Psychologie in wesentlicher Weise weiter.

Ein Kernpunkt seiner Lebensphilosophie ist die Weltanschauungslehre,denn Weltanschauungen sind für Dilthey – wie auch philosophische Systeme – an das Herzblut eines Menschen geknüpft, an eine sie tragende Grundstimmung.

Hier fällt mir noch ein wichtiger ein, der eine ganz andere Art von Wissenschaft geschaffen hat, allerdings bereits im Mittelalter. Es handelt sich um Giambattista_Vicos (1668-1744) Nuova Scienza. Hier ist gerade nicht das Naturwissenschaftliche dasjenige, dass sich am besten erforschen lässt, sondern das vom Menschen geschaffene, also die Kultur. Hier setzt auch die moderne Humanökologie (unter Brainworker) an.

ROBERT FLINT (1838-1910)

Für Flint ihn war die Philosophie die ‚scientia scientiarum’: „[…] there must be a science of the sciences – a science which determines the principles and conditions, the limits and relations of the sciences. This science is philosophy.”

Philosophie hat bei FLINT die Aufgabe, kritisch die reinen Faktenergebnisse der Einzelwissenschaften zu hinterfragen, Werte vorzugeben und den für alle Wissenschaften zentralen Begriff der Wahrheit zu definieren. Außerdem soll sie eine Ontologie bereitstellen, mit der die Einzelwissenschaften zu arbeiten haben. Sie stellt darüber hinaus eine Metaphysik bereit und gibt Ziele vor. Die Philosophie leitet bei FLINT also in umfassendem Sinn die Wissenschaften an. Ihr obliegt damit auch die Aufgabe, die Wissenschaften zu klassifizieren.

Auf diesen Punkt müssen wir unter Kapitel 5.1, d.h. Topologie > s. Reiter: Bausteine nochmals im Detail eingehen, denn Ontologien werden heute vor allem von Computerwissenschaftlern erstellt, und da könnte doch einiges mit der "Seinslehre" durcheinander geraten.

Peirce (1839-1914)

CHARLES SANDERS PEIRCE machte auf einen weiteren pragmatischen Grund aufmerksam, der Anlass für eine Wissenschaftsklassifikation sein kann. Ihm ging es im Wesentlichen um Rechtfertigung seiner wissenschaftstheoretischen Überzeugung. Indem er die Wissenschaften klassifizierte, konnte er ihren Zusammenhang und ihre Grundlagen so darstellen, dass die Logik als die von ihm als wichtigste dargestellte Wissenschaft eine grundlegende Position im System der Wissenschaften einnahm.

Auch CHARLES SANDERS PEIRCE bestimmte in seinen ‚Principles of Philosophy’ die drei wissenschaftlichen Hauptgruppen nach ihren Methoden.

  1. Die deduktiven Wissenschaften platzierte er an erste Stelle: Mathematik, Rechtswissenschaft und politische Ökonomie.
  2. Die induktiv vorgehenden Wissenschaften, deren Gruppe er ‚induktive’ oder ‚Klassifikationswissenschaften’ nennt, folgen dieser Gruppe als zweiter Hauptgruppe. Zu ihr gehören Chemie, Logik, Philosophie, Botanik.
  3. Die dritte Gruppe bilden die so genannten ‚hypothetischen’ oder ‚Kausalwissenschaften:
    zu ihnen zählt er auch Gravitation, Mechanik, Akustik, Geschichte, Geologie und Physiologie.

PAUL TILLICH (1886-1965)

Paul Feyerabend (1924-94): Wider den Methodenzwang / Diogenes der Wissenszunft

Feyerabend kritisierte die Methodengläubigkeit der Wissenschaften und belegt vielfach, dass die meisten grossen Entdeckungen eher durch Probieren, durch Verletzung logischer Zusammenhänge und durch Missachtung methodischer Vorschriften entstanden als durch deren Anwendung (was Thomas Kuhn als wissenschaftliche Revolution durch Paradigmenwechsel und damit Verstoss gegen die "Normalwissenschaft" beschrieb.)

Mit dem ‚anything goes’ Paul Feyerabends begann sich die Forderung nach einem methodischen Monismus zu relativieren; die Notwendigkeit methodischer Vielfalt ist heute fast unbestritten. Hinzu kommt, dass nicht einmal mehr klar ist, was überhaupt als wissenschaftliche Methode definiert werden kann.

Obwohl es keine Oberwissenschaft gibt, keine Leitwissenschaft, kein generelles Ordnungsprinzip oder gar eine Hierarchie der Wissenschaften - ist die Hierarchie innerhalb der einzelnen Disziplinen äusserst streng. Zugelassen zum Studium wird nur, wer die Grundlagen mitbringt, also die Maturität - oder für Fachhochschulen allenfalls eine Berufsausbildung und die Berufsmaturität.

Dann erlernt der oder die Studentin über ca. 3 Jahre die Grundlagen der gewählten Wissenschaft um die Prüfung als Bachelor bestehen zu können.

Der Bachelor versteht also die "Sprache" seines Fachgebietes und beherrscht einfache Anwendungen

Als 2. Stufe folgt der Master, in dem Kenntnisse, besonders die theoretisch-analytischen Fähigkeiten, vertieft und erweitert werden, also meist eine Spezialrichtung eingeschlagen wird.

Der Master meistert sein Fach nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch - und kann es auch verständlich erklären, also unterrichten auf nicht universitärer Stufe.

Als 3. Stufe folgt das Doktorat. Hier setzt der Absolvent (oder die Absolventin natürlich) seine Kenntnisse ein um Neues zu erforschen, das Wissen also zu erweitern, innerhalb seines Fachbereichs.

Der Doktor beherrscht das gesamte Methodenpaket und kann es erfolgreich einsetzen in der Forschung, der wissenschaftlichen Arbeit.

Als 4. Stufe folgt nun Forschung. Und hier haben wir das Problem. Forschungsfreiheit haben nur Professoren.

Professoren kennen, verstehen und beherrschen die Materie so umfassend, dass sie an Universitäten unterrichten dürfen. Die können Metadiskurs betreiben, also die Grundlagen ihres Gebietes hinterfragen, ihr Gebiet auch mal überschreiten oder was ganz anderes machen (sofern sie sich nicht vor Beschimpfungen und Veräppelungen fürchten).

Könnten, denn trotz dieser steilen Hierarchie die Jahre des Lernens bedingt und bei der die Meisten auf der Strecke bleiben, die "Erfolgreichen" eine langjährige Karenzzeit als akademische Handlanger durchhalten müssen, reicht das nicht. Nein, denn Professoren sollen nun primär daran gemessen werden, wie viele weitere geistige Handlanger er wie schnell und wie billig, also effizient, produzieren kann.

Das hier was wirklich Neues entsteht, neue Einsichten, neue Strukturen, ist also recht selten. Es besteht also das Problem, dass quasi jeder der die vorhandenen Strukturen kritisiert, also seine Grenzen überschreitet, die Grenze die durch die vorhandenen Strukturen der Disziplinen gebildet werden, als Scharlatan bezeichnet wird. Die Philosophen halten sich da eh raus, da gegenwärtig ihre Denk-Kunst eh als <nicht wissenschaftliche> quasi zweitklassig ist (vor allem, wenn sie dazu auch noch nicht rentiert, keine Wert vermehrenden Innovationen erzeugt (wobei hier mit Wert natürlich bloss Geldwert gemeint ist).

Diese quasi Unmöglichkeit (für alle die sich nicht selbst unmöglich machen wollen) der Entwicklung wissenschaftlicher Systeme ausserhalb der historischen Grenzen verleitet dann eben leicht dazu anzunehmen, die Wissenschaft per se sei genau so scharf und präzise geordnet. Dem is aber nich so .... Sie ist genau so präzise geordnet wie das Bild oben rechts, und das ist ein Sierpinski-Fraktal, also bloss repetitive Struktur im Chaos. Wie übrigens die hübsche Schnecke ganz unten. Wir sollten uns also vielleicht auch nicht all zu viel einbilden was unsere kulturellen Leistungen betriff, das Chaos schafft auch ganz schöne Sachen ...

Sierpinski: Linien, die keine sind (nicht ableitbar, wie die brownsche Bewegung, also zufallsbedingt), Flächen die eigentlich Linien sind (keinen Inhalt)

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Interdisziplinarität

„Gegenüber vielen früheren und gegenwärtigen Klassifikationen scheint es mir unmöglich, mit einem einzigen Einteilungsgrund auszukommen." Es müssen mehrere sich durchkreuzende benutzt werden, will man den charakteristischen Unterschieden der hervortretendsten Wissenschaftsgruppen gerecht werden." [Stumpf 1906, zit. S. 166] Ein einheitliches Klassifikationsprinzip kann also einer komplexen Wissenschaftsstruktur nicht gerecht werden.

Mit Hilfe mehrdimensionaler In-Bezug-Setzungen könnte auch einem wechselseitigen Prozess entgegnet werden, der sich seit gut einem Jahrhundert mehr und mehr dynamisierte: Gleichzeitig mit dem Differenzierungsprozess der Wissenschaften, der besonders in den letzten Jahrzehnten immer rascher fortschreitet und hybride Wissenschaftsbezeichnungen wie ‚Physikochemie’, ‚Biophysik’ oder ‚Soziobiologie’ entstehen ließ, geht ein Integrationsprozess einher, der diese Wissenschaften sich wieder annähern lässt. Diese Gleichzeitigkeit der entgegengesetzten Prozesse von Differenzierung und Integration könnte eine neue Form der Einheit der Wissenschaften schaffen, die eine Entwicklung der Wissenschaften zu einem einheitlichen Ganzes in Gang setzt. Damit könnten die großen Potentiale, die in diesem dialektischen Prozess von Differenzierung und Integration hinsichtlich neuer Forschungsergebnisse verwirklicht werden. [S. 243]

Im Prinzip ja, antwortet Radio Eriwan, aber ... das dauert Jahrhunderte, insbesondere da sich meist Disziplinen paaren, die benachbarte Gebiete untersuchen, sich also quasi zurückentwickeln können um einen neuen Anlauf zu nehmen (s. Biotechnologie, Gentechnologie, Nanotechnologie ....). Um so schwieriger wird aber den Aussenstehenden, den Nichtspezialisten das Verständnis und die Mitsprache gemacht, die wiederum für die Anwendung der Resultate unumgänglich wäre. s. nächstes Kapitel: Demokratisierung des Wissens.

Je nach Wahl des Klassifikationsprinzips entstehen so „Weltkarten verschiedener Projektionen".

[Rötzer S. 164]

Wir haben hier also ein echtes Problem für die Topologie, deren Aufgabe präzise die Definition von Räumen und Projektionen ist.

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Die Sonderstellung der Philosophie

Philosophie kann mit ‚Wissenschaft’ identisch sein, kann eine Sonderstellung einnehmen oder als eine unter vielen gleichberechtigten Wissenschaften in der Klassifikation erscheinen. Es kann aber auch der Fall sein, dass die Wissenschaftsklassifikation einen Dualismus von Philosophie und Wissenschaften unterstützt, oder dass die Philosophie als Wissenschaft nicht anerkannt wird, aus der Klassifikation der Wissenschaften also ausgeschlossen wird.
Historisch gesehen ist die älteste ‚Position’ der Philosophie die der Identität von Wissenschaft und Philosophie. Philosophie’ist u.a. eine Art Sammelbegriff für alle wissenschaftlichen Disziplinen und die unendliche Menge der in ihnen behandelten Wissensgebiete.

Die ‚eigentlich’ philosophischen Wissenschaften, wie Ontologie, Metaphysik, Ethik, etc. erhalten hingegen stets eine Sonderstellung.

In dieser Sonderstellung innerhalb der Wissenschaftsklassifikation wird die Philosophie am häufigsten angetroffen. Schon bei ARISTOTELES hat die Philosophie nicht nur die Funktion einer Ontologie, sondern auch die der Metatheorie der
Wissenschaften, die über deren Methoden spekuliert und sie festsetzt.

s. Abstimmung der Sprachspiele als weitere Aufgabe der Philosophie

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4. Fakten gibt's - trotz Postmoderne

Die wichtigsten Elemente der Wissenschaftlichkeit:

Die wichtigsten Ziele von Klassifikationen:

Die wichtigste Dialektik: Fortschritt gefährdet bewährtes Wissen. Bestehende Ordnung verhindert neue Ordnung, ev. bessere Ordnung. Dies gilt auch für Systeme, die sich fast immer erhalten wollen, koste es was es wolle (äusserst aktuelle Erfahrung mit dem Banksystem). Dies erweist sich als fast so zäh wie ehemals (bei uns, immer noch im Islam) die göttliche Ordnung.

Theoretische Philosophie: episteme/theoria
wahres Erkennen

Praktische Philosophie
praxis

gutes Handeln

Schöpferische Philosophie
poiesis
schönes Werk
  • Analytik
  • Physik
  • Mathematik
  • Metaphysik
  • Ethik
  • Ökonomie
  • Politik
  • Poetik
  • Rhetorik
  • Künste

Eine Wissenschaftsklassifikation, die nicht dargestellt werden kann, ist wertlos. Das wohl am weitesten verbreitete Bild des Wissenschaftssystems ist das des Baumes - das ebenfalls wertlos ist, da es eine Hierarchie behauptet, die nicht vorhanden ist. Die Primärdichotomie – der Dualismus zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ist unergiebig:

Neuansatz: Wichtig ist die Unterscheidung zwischen:

  1. Fakten (theoretische Philosophie, Naturwissenschaften), die stimmen müssen, gegeben sind, die wir so nutzen können wie sie sind, aber nicht verändern, also die naturwissenschaftlichen Tatsachen wie Erkenntnisse über gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische etc. Zusammenhänge. Kausale Bedingungen. causa
  2. Intentionen (praktische Philosophie, Politik, Ethik) die wir frei wählen können, Angelegenheiten des Willens, also speziell Ziele für die Zukunft. Diese sind nur soweit frei wählbar, als wir uns mit den Bedingungen von 1. arrangieren können. causa finalis / phronesis
    1. Normen über die wir unsere freie Wahl mehr oder minder freiwillig beschränken, nach dem Motte: Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Auch diese gehören zu den causae finalis
    2. Werte, die wir anerkennen, glauben, begründen, oder einfach im Dialog übereinkommen
    3. Ziele - über die wir uns in einer Demokratie immer dann einigen müssen, wenn sie andere in Mitleidenschaft ziehen.
  3. Kulturelle Prozesse der Gestaltung, Modellbildung und Verhandlung (Schöpferische Philosophie: Technik, Politik, NGOs, Grassroots, Thinktanks, Presse etcetc.), der Aushandlung, der Abstimmung, der Vertragsbildung - in Politik und Wirtschaft. Hier ist darauf zu achten, dass nur die Intentionen fluide sind, die Fakten aber Fakten bleiben. Konsens-/Sinnfindung

Die Postmoderne verursacht Probleme weil sie Punkt 1 negiert und Punkt 3 vernachlässigt, oft vernachlässigt durch Uebersättigung (Presse, Politik, Event-ualisierung etc.). Die Dominanz der Vertragsbildung in Wirtschaft über die in der Politik verursacht noch grössere Probleme.

5. Ausblick: Demokratisierung des Wissens - über das Internet u.a.

5.1 Technisches Wissensmanagement

Web 2.0, Web 3.0, Wissensorganisation, knowledge management und weitere postmoderne Versuche Wissen zu schaffen, zugänglich und verständlich zu machen, zu demokratisieren

s. Topologie > s. Reiter: Bausteine (- in Bearbeitung)

5.2 Persönliches Wissensmanagement

Die ganze Methodik die sich mit Denken und Wissen befasst zumeist unter knowledge management läuft, dieses aber ziemlich stark betriebswirtschaftlich ausgerichtet ist, dass man eigentlich, zur Schaffung des wirklichen Menschen, des Seins (oder allenfalls Nietzsches Uebermenschen ---) mal ein persönliches Knowledge Management definieren sollte, das den Schwerpunkt auf persönliche . nicht betriebliche, wirtschaftliche Entwicklung legt.

> Intelligenz ( Physische Intelligenz, Soziale Intelligenz), moralische Intelligenz, Ausbildung, Bildung, Lernen, Denken, Werten, Wissen ...

5.3 Gesellschaftliches Wissensmanagement

Gleiches könnte und sollte man aus der Perspektive der Gesellschaft tun, also auch der Sozialarbeit: Was ist entscheidendes, wichtiges Wissen für die gesellschaftliche Integration, wie managen wir dieses? Beispiele: > Wirtschaft, Politik, Journalismus, Bildung (Schule), NGOs (2), Kultur ...

5.4 Projekt Bildungsbörse (- in Bearbeitung)

Martin Herzog, Basel, 3.3.09