__________________________________________________

Wahrheit zwischen Theorie und Praxis:

Vom unmöglichen Reden bei Wittgenstein zum Zeigen der Chiffren bei Jaspers

[Karls Jaspers: Von der Wahrheit. R.Pieper & Co. München, Zürich. 3. Auflage. 1983 [1947]]

Wahrheit ist einer der Kernbegriffe für die meisten Menschen - und dennoch ganz und gar nicht so klar, wie man sich das so denken könnte. Wahrheit ist nicht nur und nicht unbedingt Logik. Dies gilt nur für abstrakte Wahrheiten. Wahrheit im sozialen und politischen Bereich ist Dialog und Wertung. Wahrheit ist also nicht nur in den Wissenschaften zu finden, ja dort sogar nur beschränkt auf Logisches - sondern weitaus mehr in der Philo-Sophie, der Liebe zur Wahrheit:

Diese Darstellung basiert auf dem monumentalen, 900-seitigen Werk von Karl Jaspers: Von der Wahrheit. Suhlen Sie sich also nicht in der Illusion, dass ich Ihnen die 900 Seiten ersparen kann mit dem relativ kurzen Text hier, der auch schon 37 Seiten umfasst, und nicht eben leicht geniessbar ist. Aber ich denke, es ist den Aufwand wert, insbesondere als Jaspers ganz andere Schlüsse zieht aus dem, worüber wir nicht reden können, als Wittgenstein, dessen abstrakter Formalismus (Wiener Kreis) insbgesondere die amerikanische Philosophie nun fast ein Jahrhundert lang dominiert hat:

1. Methodische Schritte des Erkennens der Welt

  1. Benennen: Dies ist die erste Stufe des Denkens, die als <Begreifen> bezeichnet wird. Begriffe bilden und verbinden, Begriffe klassieren, sortieren, definieren, beschreiben. Punkt 3 hier, operierendes Denken, findet auf diese Art in allen Wissenschaften statt.
  2. Versuchen: Ich erkenne, was ich machen kann. Können im Sinne der Technik. Diese Ansicht ist etwas zu begrenzt. Immerhin steckt hinter dem <Versuchen> DIE Grundmethode der Wissenschaft, das Experiment. Dummerweise beweist ein Experiment gar nichts, da es immer nur in begrenzter Zahl durchgeführt werden kann. Es kann bloss beweisen, dass eine Theorie nicht stimmt. S. Falsifikationismus
  3. Operierendes Denken: Mathematik. (s. Topologie) Das Wissen besteht im operieren können (Calculi anwenden) - grosse Entdeckungen jedoch sind Entdeckungen neuer Operationen (neuer Sprachspiele, neuer Calculi)
  4. Tatbestände historisch-kritischer Forschung Diese sind jeweils Resultat einer Kombination aus Zufall und Plan, Schicksal und Wille, können also nicht gleich abstrakten Tatbeständen induktiv oder deduktiv (oder gar stochastisch) zu Gesetzen führen, sondern erhellen das Verstehen bloss als Beispiele, über hermeneutische Interpretation.
  5. Apellierendes Denken: Lässt in der Reflexion den Gedanken noch offen. Apellierende Entwürfe von Idealen oder doch Wegen, von Freiheit zu Freiheit indierekt sprechend, zeigen, das ist und sein kann. z.B. Apellierendes Denken wird weniger vom Streben nach Wahrheit geleitet, als von Intentionen, Willen, Absichten und Motiven.
  6. Transzendierendes Denken: Erhellen der existentiellen Bezüge zur Transzendenz, Lesen der Chifferschrift.

Das Gemeinsame aller dieser Methoden ist die Loslösung von derjenigen Praxis, welche eine unmittelbare Wirkung für dieses bestimmte Dasein hat. In ihnen ist freie Praxis. Sie ist nicht mehr gebunden an diesen Augenblick und vollzieht im Medium allgemeiner Denkformen Erkenntnis, die für sich als solche gemeint und gewollt ist. Der Verzicht auf unmittelbaren Nutzen in solcher Praxis schliesst nicht aus, dass sie in der Tat Wirkung hat und dass unter diesen auch Nutzbarkeit ihre Folge ist.

Da transzendierendes Denken den Horizont von Wissenschaft, Wissenschaft, und eh von Wirtschaft übersteigt, sollte man heute vielleicht besser von Meta-Wissen, Meta-Konzepten oder ähnlichem reden, also dem, worin die einzelnen Wissenschaften und Denkweisen begründet sind. Nicht von Paradigmen, denn diese sind bekanntermassen schon bereits eher Glaubenspostulate des rechten Wissenserwerbs, also immer kritisch zu bewerten - ohne ihnen den Status einer transzendentalen Orientierung zu verleihen.

  1. existentielles Denken: Selbstreflexion. Was ich denke, das bin ich existierend. Was ich glaube, das bin ich. Existentielles Denken ist zugleich Erhellung und Entfaltung des Glaubens, durch den, und der ich bin. Zum existentiellen Denken gehören also primär die Aufbildung der Identität (II) - die Orientierung an der eigenen Identität - was eben das Wort eigentlich aussagt: Eins sein mit sich selbst.
  2. kontemplatives Denken: Die Erfahrung der Einheit von Gedanke und Sein. s. Halladsch: Ana al Haq

1.1 Logik

Formale Logik:

Mein teurer Freund, ich rat' Euch drum
Zuerst Collegium logicum.
Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
In spanische Stiefel eingeschnürt,
Dass er bedächtiger fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
Irrlichtere hin und her ...
Der Philosoph, der tritt herein
Und beweist Euch, es müsst' so sein:
Das Erst' wär so, das Zweite so,
Und drum das Dritt' und Vierte so,
Und wenn das Erst' und Zweit' nicht wär,
Das Dritt' und Viert' wär nimmermehr ...

Mephisto in Goethes Faust

Der Name Logik

a) Das Wort Logos. "Logos" bedeutet im Griechischen "Wort", auch "Satz" und "Behauptung", dann weiter: den Inhalt solcher Rede, die "Sache", den "Gedanken", den "Begriff", dann den "Grund" aus dem etwas hervorgeht. Logos bedeutet schliesslich: das "Gespräch". [S. 15]

Logik ist, ei der Daus, also schon mal selbst als Begriff nicht klar und eindeutig definiert. Die Logik selbst hat also ein Fundament, das ihr selbst keinen Halt zu verleihen vermag. Wittgenstein ist also zu restriktiv, wo er den Gedanken auf den Satz beschränkt, denn er kann sich sogar in einem Begriff ausdrücken, also einem blossen Wort - aber auch ein ganzes Gespräch benötigen.

Erst bei den Stoikern kam der Ausdruck Logik auf. Die Logik zerfällt ihnen in Rhetorik und Dialektik: es handelt sich um das Wissen von den sprachlich formulierten Aussageinhalten. Für das, was Logik heisst, ist der Name Dialektik gleichwertig. [S. 15]

Bereits bei den Stoikern ... also vor über 2000 Jahren, war die Logik also zweiteilig, wirksame Sprache (Rhetorik) und Erfassung der Mannigfaltigkeit in ihren Widersprüchen (Dialektik). Warum benutzen wir heute einen restriktiveren, also dämlicheren, regressiven Ansatz im Denken, bei dem alles eindeutig und klar, ohne Widersprüche daher kommen soll? Denn die Welt ist nun mal nicht so eingerichtet.

Für Jaspers ist Logik also nicht beschränkt auf das, was die Mathematiker daraus gemacht haben, sondern eigentlich das Drehbuch der persönlichen Vernunft, man könnte fast sagen des Charakters. Vielleicht kommen wir in der Psychologie etwas weiter, wenn wir Charakter, Persönlichkeit, Individualität, Identität mal unter dem Aspekt des persönlichen Drehbuches, eben der persönlichen Logik untersuchen:

a) die Logik ist nicht abschliebar: systematische Vernünftigkeit wird kein System der Vernunft ...Die Logik ist keine Spezialwissenschaft.

d) Die Logik als Organon der Vernunft wird zum Bildungsprozess des je Einzelnen. Ich selbst muss ganz beteiligt sein, wenn solche Logik gelingen soll. Der Wille zur Klarheit, Offenheit, Gerechtigkeit ist mehr als der Wille zu irgend einem Einzelwissen oder auch zu der gesamten gegenständlichen Erkenntnis; er ist ein Wille meines Wesens, unbedingt, keinem anderen untergeordnet, vielmehr andern in mir Raum und Weg zeigend.

Philosophie ist vermöge der Logik die Verwirklichung der Vernunft. [S. 8-10]

1.2 Sammeln und Ordnen als erste wissenschaftliche Tätigkeiten

Im 19. JH folgte Sammeln und Ordnen. Die spekulative Philosophie der Griechen wurde fremd und unverständlich. Mit der Ausbreitung der Erkenntnismethoden von Mill, Sigwart, Wundt ermattete der philosophische Sinn - der ursprünglich in der Suche nach Wahrheit lag, der Für-Sorge für Wahrheit, der Kultur und Pflege der Wahrheit. Denn eigentlich ist und war der Philo-sophos ja immer und in erster Linie: der Wahrheits- und Weisheitsliebende.

Grundwerke der Ordnung des Denkens:

Besondere Gestaltungen und Ansätze:

19. JH: (Zu Logik, Logistik, Analytische Philosophie s. Topologie

  1. Hegelianer: Erdmann, Rosenkranz, Kuno Fischer
  2. Bolzano: Wissenschaftslehre
  3. Lotze: Logik
  4. Formale Logik: Fries, Drobisch, Ueberweg
  5. Logistik: Russell
  6. Induktive Logik: Mill, Sigwart, Wundt

1.3 Methodologie

Definition Methodologie: Logik des konkreten Erkennens. [d.h. für Jaspers ist Methodologie quasi identisch mit dem Begriff <Paradigma>). Dadurch wird klar die entdeckerische Kraft von Methoden und damit das eigentlich Schöpferische in der Erfindung neuer Methoden, die dann, wenn sie einmal da sind, in vielen Händen zu einem breiten Strom des Erkennens führen. Klar wird aber auch die Grenze jeder Methode, die in ihrer Eigentümlichkeit liegt. Das, was eine Methode fruchtbar macht, bedeutet zugleich, dass sie in einen Kreis von Möglichkeiten eingeschlossen ist, über die sie nicht hinausdringen kann.

Jaspers unterscheidet bereits, ohne die Ausdrücke zu gebrauchen, zwischen dem was später bei Th. S. Kuhn "Normalwissenschaft" und " Revolution" genannt wurde. Während dem die Normalwissenschaft ihren Adepten erlaubt, die vorhandene Methodik produktiv zu nutzen, braucht der wissenschaftliche Fortschritt Brüche, in denen neue Denksysteme (Paradigmen) und Methoden sich entwickeln und durchsetzen können. Da dies meist erst möglich ist, wenn die Vertreter der alten ausgestorben sind, gleichen diese Aenderungen also ab und zu eher Revolutionen als Evolutionen. Lerne: In den Wissenschaften, in der Erkenntnis, läuft nicht alles über eine Evolution, also weiter- oder gar Höherentwicklung. Ab und zu brechen Denksysteme radikal zusammen (Geozentrisches System, Evolutionstheorie, Relativitätstheorie, pluralistische Kultur / Werte ...). Diese Entwicklung neuer Methoden, war für ihn allerdings weniger revolutionär, sondern schlicht Aufgabe philosophischen Denkens.

Analysieren liesse sich die Geschichte von Evolution und Revolution der Denkmuster vermutlich am besten anhand der jeweils aufkommenden oder verschwindenden Calculi (s. Topologie / Wittgenstein: Ein Calculus ist immer von beschränkter Gültigkeit, oft weist er selbst interne Widersprüche auf)

Jaspers stand für uns noch in der Zeit ohne Computer, also mit beschränkten Mengen an Daten und Wissen - ohne postmoderne Beliebigkeit. Dennoch klagt er: Wir leben in einem Reichtum des Wissens und Denkens, der die Welt verworren gemacht hat. [S. 24] Dennoch zeichnet sich bereits unter diesen Bedingungen eine Regression des Denkens, vor allem in den Wissenschaften ab: "Erkenntnistheorie" ist eine spätere Verarmung und Verflachung Kantischen Philosophierens." [S. 22]

  1. Kategorienlehre, II
  2. Methodenlehre
  3. Wissenschaftslehre

1.4 Begreifen - Verstehen - Vernunft und Geist

Verstand, Geist und Vernunft sind im deutschen Philosophieren längst unterschieden worden. Aber der Sprachgebrauch hat die Worte nicht in ihrem tiefen Sinn geschieden gehalten. Am besten ist die anhand der Definitionen unter Wiki zu sehen: totales Chaos. Die Scheidung ist daher immer von neuem zu fordern:

1.4.1 Der Verstand

Der Begriff <Verstand> wurde über die Jahrhunderte vermutlich am unpräzisesten verwendet. Für Kant waren Vernunft und Verstand in etwa das selbe. Etymologisch ginge der Verstand der Vernunft voraus, da man erst einen Begriff verstehen, im Sinne von begreifen und einordnen können muss, bevor man ihn in einem grösseren Umwelt in Beziehung setzt und wägt. Genau hier gerät der Verstand aber wiederum in Clinch mit der Weisheit, denn das Abwägen können, das richtige Mass finden können, wäre dann eben eine Sache von Werten, also der Weisheit. Man wird nicht umhin kommen, im jeweiligen Text nach dem Kontext entscheiden zu müssen, was nun welcher Begriff präzise meint:

Unser Verstand, gebunden an räumliche Anschauung und bildhafte Stützen, denkt jeweils die Beziehung zweier gleichsam stabiler Punkte, die er als Subjekt und Prädikat im Urteil verbindet. Sein Begriff ist die starre Identität einer sich gleichbleibenden Bedeutung.

Hier wird Verstand benutzt für ein "in Beziehung setzen von als klar definiert angenommenen Begriffen. Wie wir aber bereits anhand des eigentlich vorab klar zu seienden Begriffes Verstand gerade gesehen haben, können wir uns auf solche Klarheit höchst selten verlassen. Deshalb müssen wir die Begriffe, bevor wir sie in Beziehung setzen erst verorten, also ihren Raum und dessen Struktur kennen (deshalb die philosophische Topologie). Dass Wittgenstein bei seiner Analyse ein abstrakte Sprache im Sinne hatte, gleich der mathematischen Sprache der Logik, wird auch aus folgenden Erwägungen klar:

Diese drei Sätze formulieren gleich drei Beschränkungen der Vernunft. Interessanterweise finden wir auch hier eine starke Beziehung zur Problematik der Unendlichkeit in der Mathematik, die das Hase-Igel-Paradoxon seit Xenon tradiert. Der Verstand kann vieles nicht fassen: Dem Verstand ist aus der Gesamtheit der Kategorien nur ein beschränkter Ausschnitt zugänglich. Die übrigen Kategorien erreicht er nicht, wenn diese auch nicht ohne ihn gedacht werden können. Wittgenstein meinte, dazu müsse man dann eben schweigen. Er hat dann aber später selbst herausgefunden, dass diese Sprache eine sehr kleine Welt beschreibt, und, obwohl absolut logisch und widerspruchsfrei gedacht, selbst in dieser extremen Verengung nicht widerspruchsfrei gestaltbar ist. Gödelsche Unvollständigkeitssätze:

Axiomatische Systeme sind entweder:

  1. nicht hinreichend einfach oder
  2. nicht vollständig oder
  3. widersprüchlich.

Wittgenstein, allerdings erst der späte, leitet daraus einen Pluralismus der Calculi ab und stützt damit eigentlich den Konstruktivismus: Das Erkennen des unendlichen Verstandes ist ein Bestimmen des Gegebenen, ein Berechnen und ein mechanisches Machen. Der Verstand ist Techniker, im grössten Stil Demiurg. [S. 393] Als Absicherung gegen die Beliebigkeit der Denksysteme erwähnt er aber immer noch die Dialektik, die Spruch und Widerspruch in Synthese zusammenfasst: Eine Form des Hinausgehens ist die Dialektik. Der Widerspruch wird durch Synthese des Sichwidersprechenden zu einem umfassenden Ganzen hinfällig.

Kritisch ist er betr. des Verstandes im sozialen Umgang:

Die Verbindung zwischen Menschen durch Verstand ist begrenzt auf zwei Möglichkeiten: entweder erfolgt ein wechselseitiges unpersönliches Verstehen in einer rationalen Sache und durch sie eine Solidarität, die durch die Sache rational klar, greifbar und dadurch begrenzt ist; - oder der eine Mensch behandelt den andern als zu verwendende Kraft, die er dirigiert nach psychologischem Wissen und Instinkt; Sprache und Benehmen, Mitteilung und Haltung sind Mittel zum Zweck der Herrschaft, sind Masken, in denen etwas anderes gewollt als gesagt ist.

Rationalität, Verstandesorientierung führt also entweder direkt zur Schizoidie - oder zum dialektischen Materialismus, der den Menschen zum Mittel macht. Um sich ein Mittelfeld zu erhalten braucht es mehr als reinen Verstand. Jaspers fand dieses Mehr in der Transzendenz, also Gott, wobei allerdings gerade auch bei ihm, wie bei Spinoza, oft die Idee Gottes als der Orientierung dienendes Abstraktum stark durchscheint. Analog zu Descartes Beweis der Existenz des Menschen, des Ich, kann man genau so ruhig und wahrhaftig sagen: Ich denke Gott, also ist er. Denn der gedachte Gott ist als Idee genau so wirksam wie einer, dem irgend eine absurde und unverständliche, eben transzendente Existenz zugeschrieben wird. (Was in etwa eine Kürzestdefinition des Idealismus wäre).

Das Erkennen des Menschen aber ist mehr als Verstand, weniger als göttliches Denken. Es ist Teilhabe am Sein, ist Aehnlichwerden dem Seienden, ist Wiederholen dessen, was ewig schon ist. Der Mensch ist Seele, die heimkehrt. Hier klingt die Überzeugung der Rationalisten an, dass es eingeborene Ideen gäbe, auf die jeder Geist zurückgreifen kann, ohne sie erklären oder ableiten zu müssen. Die Empiristen bestreiten dies, die Entwicklungspsychologie vermutlich auch. Dennoch gibt es ein Ahnen, Spüren, Fühlen, vermutlich zusammengefasst unter dem extrem dubiosen Begriff "Gefühle", und es gibt intuitives Denken, das im Erkennen schafft.

1.4.2 Worte, Sprache und Zeichen

Jaspers erklärt hier, etwas blumig, weshalb Worte eben gerade nicht die klare und eindeutige Be-Deutung haben, die ihnen von Wittgenstein und der analytischen Philosophie gerne zugeschrieben würde:

Worte, die für das Bewusstsein nicht mehr Metaphern sind, sind doch noch immer ein schwebendes System von Bedeutungen: sie sind vieldeutig, sind Träger von noch verborgenen Bedeutungsmöglichkeiten, haben von ihrem Ursprung her gleichsam eine Atmosphäre, haben Tiefe und Hintergrund und dadurch Gewicht. Niemals sind lebendige Worte bloss Zeichen. Wenn sie aber auch Zeichen für Begriffe sein können, so sind sie doch solange sie Worte bleiben, nicht als Zeichen kristallisiert. Es ist ein radikaler Unterschied zwischen Wortsprache und Zeichensprache (wie sie in Mathematik, Logik und zum Teil in Wissenschaften wie der Chemie mit Nutzen verwendet werden). Der Wille des Verstandes zu Bestimmtheit und Klarheit drängt dazu, die vieldeutigen, gehaltvollen Worte in bestimmte, gehaltlose Zeichen zu verwandeln. Zeichen sind der definierbare, eindeutige Ausdruck eines Begriffssinns, daher sind sie für den Verstand den vieldeutigen schwebenden Worten vorzuziehen.

Wir kontrastieren Zeichen und Wort
Zeichen sind willkürlich, sind erfunden, mit der Erfindung sogleich definiert.
Zeichen sind eindeutig.
Worte sind geschichtlich geworden, Träger unbestimmt reicher Bedeutungen, im Gebrauch entwickelt.
Worte sind vieldeutig.
Zeichen sind mit ihrer Eindeutigkeit leblos, sie dienen einer methodisch beherrschbaren Funktion. Sie sind ein festgelegter Sinn. Worte sind nur am Massstab des Zeichenseins mehrdeutig, sie sind in der Tag eine Welt bewegten, aber an diesen Worten sich jeweils kristallisierenden Bewusstwerden von Sinn, Wesen, Sachen, Erfahrungen. Sie sind ohne Fixierung das Leben der Bedeutungsverwandlung.
Zeichen sind endliche Bedeutungen und gültig nur für das Bewusstsein überhaupt, sind ohne Atmosphäre und Hintergrund.

Worte sind getragen vom Umgreifenden. (d.h. sie sind "Zeichen/Chiffren" aus der Transzendenz)

Das Wort ist auch Zeichen, aber es ist mehr.

Die eigentliche Bedeutung der Worte liegt nicht in ihnen allein, sondern erst in den Bewegungen der Sätze, in denen die Worte sich gegenseitig erhellen, begrenzen, bestimmen.

Zeichen sind erschöpft in ihrer Definition, daher im Prinzip durch andere gleichwertige Zeichen ersetzbar (Mass der Kritik ist die technische Brauchbarkeit zum einfachsten Ausdruck und die bequemste Ermöglichung von Operationen und Mannigfaltigkeiten). Zeichen sind restlos klar, auch wenn dem Erfinder im Gebrauch sich Möglichkeiten durch sie zeigen, an die er zunächst nicht gedacht hat.

Worte sind unersetzlich, daher irgendwie unübersetzbar, wie Gemüt, Geist, Idee, Esprit, Elan usw.

In Worten bleibt immer ein Rest, der das eigentliche Rätsel ist. Ihr Klang ist nicht gleichgültig, aber auch als Klang sind sie nicht genügend charakterisiert, noch weniger durch Assoziationen. Worte aus fernsten Sprachen vermitteln eine Stimmung (wie tabu, totem, mana, tao, wu-wei, atman).

Jaspers macht auch auf eine Bedeutung der Sprache hin, die ihr schon von Karl V. gegeben wurde:

So viel Sprachen ich kenne, so oft bin ich Mensch.

Die Formulierung ist zwar positiv gemeint, müsste aber auch als Warnung dienen, denn ein Mensch der aus zu vielen Teilen besteht könnte leicht zerfallen, also seine Identität, wenn nicht gar seinen Verstand verlieren. Jeder Mensch sollte also gemäss seinen eigenen Begabungen uns Bestrebungen diejenigen und vor allem auch die Anzahl an Sprachen erlernen, die ihm gemäss sind. Das Serienweise vermitteln von Sprachen bereits in frühester Kindheit dürfte eher für Verwirrung, als für plurivalente Orientierung sorgen, wenn die Gehirne der Lernenden diese Vielzahl von Kulturen und "Mensch sein" nicht fassen können oder wollen. Letzteres wird meist der Fall sein, wo Sprache bloss des Kommerzes wegen gelernt wird, und die dahinter stehende Kultur so ein bisschen als Zugemüse mitläuft. Diese Art von Spracherwerb ist führt zur selben Bildungslosigkeit wie die sprachliche Armut der Fachwissenschaften:

Die Aneignung der Sprache macht den Reichtum des individuellen Geistes aus, der ihm unbewusst zugeflossen ist. Man sagt treffend: die Sprache denkt für mich. Daher gilt, dass für unsere Geistigkeit die Aneignung der vollen Sprache durch die Schriften der sprachschöpferischen Denker und Dichter schlechthin begründet ist, während die sprachliche Armut vieler Fachwissenschaften auch bei grosser auf ihren Bereich beschränkter Lektüre zu geringer oder gar keiner Bildung führt. Leicht liest man auch in schlecht gekannten fremden Sprachen fachwissenschaftliche Bücher und das Alltagsreden der Zeitungen, während erst das Eindringen in die nicht klischeeartigen Anstrengungen schaffender Geister die Denkmöglichkeiten erweitert. [S. 417]

1.5 Wissenschaft

1. In den Wissenschaften wird die Erkenntnis als solche zum Zweck des Tuns. Das Betreiben von Wissenschaften wird zu besonderen Berufen. Wissenschaft ist die konzentrierte Praxis eines versuchenden, methodischen Umgehens mit der Wirklichkeit und zwar entweder mit den Naturdingen oder in historischer und geisteswissenschaftlicher Forschung oder innerlich als Arbeit des Geistes an sich selbst. [S. 344]

2. Inwiefern Erkennen Betrachten ist. Der Zauber der anschauenden Ruhe verführt zur täuschenden Selbstgewissheit vollendeten Wissensbesitzes.

3. Erkennen verändert die Wirklichkeit. Die echte Betrachtung wirkt. Sie zeigt, erhellt, klärt, sie lässt nicht passiv, sondern sie inspiriert.

Wittgensteins Zeigen darf also nicht als minderwertig betrachtet werden gegenüber dem Rechnen, dem Kalkül.

4. Das Ganz ist nicht zu wissen: Will ich vor dem Handeln alle Bedingungen wissen, um zur richtigen Entscheidung zu kommen, oder will ich erst dann handeln, wenn ich das volle Recht dazu weiss, so ist die Folge, dass ich niemals handle.

5. Arten wissenschaftlichen Denkens.

Auf unterster Stufe stehe ich als Gelehrter mit einem Minimum von Praxis. Ich sammle, ordne, kenne, stelle Werke und Texte wieder her, stelle zur Verfügung. Ich weiss nicht mehr von den Sachen, sondern von den Dingen in ihrer blossen Mannigfaltigkeit und von den Büchern, d.h. davon, wie Sachen gewusst werden.

Praxis des Erkennens vollzieht erst der Forscher. Er geht mit den Sachen um, zerschlägt sie un setzt sie wieder zusammen, macht Versuche und Beobachtungen, stellt Fragen, entwickelt Möglichkeiten. Er will nicht nur kennen, sondern erkennen. Er gibt Resultate, mit denen man in der Welt etwas hervorbringen, die man technisch anwenden kann.

Philosophieren - unmöglich ohne Gelehrsamkeit und ohne Forschung - ist die entschiedenste Praxis, aber eine Praxis des inneren Handelns im Erreichen der Freiheit. [S. 307]

2. Praxis - Die Priorität des Machens

Praxis ist arbeitendes Denken, denkendes Tun, tätiges Hervorbringen der Welt.

Insbesondere der Begriff Wirklichkeit zeigt die Bedeutung der Praxis für den Menschen, denn die Wirklichkeit ist die Welt, die durch Wirkungen des Menschen, seines Handelns, entstand; die Welt, in der der Mensch wirken kann und soll (Die Drohung der Not ist der Zuchtmeister zum denkenden Tun.). Diese Bedeutung wurde insbesondere von Vico betont: Ich erkenne nur, was ich machen kann. Eine Aussage die dann von Kant ebenfalls verwendet wurde, allerdings ohne den Urheber zu nennen. Dieser Satz aus Vico scientia nuova wurde von den modernen Naturwissenschaften nicht sinngemäss umgesetzt, sondern auf Kausalität beschränkt, zu Sachzwang gemacht -oder in der Technik verabsolutiert:

"Ich erkenne nur, was ich machen kann, " dieser stolze Satz eröffnete eine neue Welt, aber beschränkte zugleich den Menschensinn, wenn Erkenntnis auf dieses Feld beschränkt wurde, und die weite, grosse, unendlich reiche Welt des Wirklichen versank. [S. 17]

Die Dominanz der Wirtschaft machte daraus: Ich muss erkennen, was mir machen hilft.

Dass Praxis, also tätiges Denken, aus der Not entsteht, steht nun im Widerspruch zur Erkenntnis (also Theorie), die eigentlich am besten gedeiht, wo freies Denken möglich ist. Hier vergisst Jaspers (wie nach ihm die meisten heutigen Sklaventreiber), dass der Mensch nicht bloss ein denkendes (sapiens) und produzierendes (habilis) Tier ist, sondern, wie alle Tiere, auch extrem neugierig. Die organisierte Arbeit hat nun aber weder mit diesen Anlagen noch mit Denken oder Bildung viel am Hut. Sie ist Dressur. Ja Selbstdressur wird gar verlangt (Anpassung, Marktfähigkeit). Während Jaspers immer noch die Forderung der Arbeit an den einzelnen Menschen so formulieren konnte: Aufmerksamkeit, Überlegung, Voraussicht - Genauigkeit in der Aktion. Ohne Denken ist kein Schritt der Arbeit - ist Arbeit heute nicht bloss gesellschaftlich gebundene Arbeit, sie ist heute finanziell determiniert. Die Arbeitsteilung fördert Vielfalt im Ganzen, bei den Produkten wie bei den Berufen - leider aber Einfalt beim Einzelnen, der über seine Spezialisierung kaum mehr hinaus sieht.

Was einerseits von den Arbeitgebern verlangt wird, nämlich mehr Bildung, wird andererseits genau durch diese Arbeit wieder zerstört. Ein Vorgang den Marx <Entfremdung> nannte:

Das Denken bei ausführender, das Gleiche wiederholender Arbeit ist unerlässlich zum Gelingen, aber selber begrenzt auf endliche Zwecke und die für sie gültigen Regeln. Es ist nicht notwendig, dass der Arbeitende den Sinn des Ganzen kennt. Es geschieht ein Bewusstseinsverlust in der Arbeit.

Methodische Schritte aktiven Verhaltens zur Welt

  1. Machen ist Hervorbringen aus einem Material, rational berechenbar und insoweit mechanisch. Es werden Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände, Bauten, Organisationen hergestellt. Die Brauchbarkeit des Hervorgebrachten ist der Sinn dieses Tuns.
    1. Voraussagen ist die Einsicht in das Kommende auf Grund von allgemeingültigen Erkenntnissen und zwingender Berechnung (im Unterschied von Prophetien). Eintreffen ist das Kriterium der Richtigkeit.
    2. Gestalten ist das Hervorbringen von Werken, die im Machen zugleich einer Form unterworfen werden, welche nicht errechenbar, sondern unendlich ist. Sie sprechen eine Sprache des schaffenden Menschen, indem sie die Sprache der Dinge verstehbar machen.

Auch hier übersteigt Jaspers Wittgenstein klar, in dem er eben darauf verweist, dass nicht nur Sprachspiele, sondern auch anderes "Zeigen" sich gestaltend er-schaffen lässt.

  1. Pflegen und Züchten: s. Kultur
  2. Erziehen (s. S. 364. ergänzen: Bildung)
  3. Beherrschen

Was Machiavelli und indische Theoretiker (Kautilya) erhellt haben, ist keine widerspruchslose Konstruktion, sondern das Aufzeigen des dialektischen Gewebes, in dem Herrschaft sich vollzieht. Weder gilt der absolute Terrorismus der Gewalt (bei dem das Vertrauen, die Freiwilligkeit und Initiative schliesslich verlorenginge und die Macht zusammenbräche durch Schwäche des Ganzen), noch gilt der absolute Idealismus freier Gemeinschaft unter verlässlichem Recht und offener Kontrolle aller Instanzen bis zur höchsten (bei dem der Eigenwille der meisten Menschen und ihre täuschende Herrschsucht die Anarchie bewirken würde), sondern es gilt der jeweils geschichtliche Versuch, eine Gestaltung der Herrschaft für jetzt zu finden. [S. 369]

Jaspers sieht unter Herrschaft also ein Mittleres zwischen Gewaltherrschaft und vollständiger Freiheit, also Anarchie. Er relativiert die Werte einer solchen Herrschaft auf eine historische, der Zeit angepasste, also nicht ewige, nicht mal 1000-jährige. Wichtig ist hier die Bedeutung der Kommunikation, die laut Jaspers direkt zur Erkenntnis mit gehört:

Erkennen hat stets die Form des Sichmitteilens. Die Kommunikation des Daseins ist das Dasein in Gegenseitigkeit erhaltende und fördernde Gemeinschaft.

In den letzten 50 Jahren sind wir allerdings noch weiter in Richtung Komplexität gewandert. Nicht nur Geschichtlichkeit relativiert Herrschaft, sondern vor allem Beteiligung, vor allem die Beteiligung höchst unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilgruppen. In einer multikulturellen Demokratie verliert Herrschaft mit festen unumstösslichen Prinzipien den Boden. Sei es sie wandle im Sumpf unausgegorener, meist nationalistischer "Werte", sei es sie wird zu permissiv und lässt sich ausnutzen. In der Demokratie müsste das Führungsprinzip, das heisst, nicht dieses selbst, aber sein Stellenwert, ersetzt werden durch die Bedeutung der Qualität von Verhandlungsprozessen. [s. Einrichten]

Ähnlich wie die Unterscheidung Jaspers zwischen Entschlossenheit und Verhärtung, muss Macht von einer harten zu einer sicheren Führung, eher im Sinne von Orientierung werden:

Entschlossenheit Verhärtung
Freie Unerschütterlichkeit des in das Wesen übergegangenen Entschlusses. Verkehrung der Entschlossenheit zu unfreier Beherrschtheit.
Totales Wesen in geschichtlicher Einsenkung. Endliches Fixiertsein in greifbarer Objektivität
Wissen um sich selbst in freier Bestätigung. Unruhe im Grunde der Festigkeit, die sich verschliesst.
Offen für jede Reflexion. Abwehr von Fragen und Wissen.
Prozess der Vertiefung, Weitung, Entfaltung. Prozess der Vergewaltigung, Verengung, Verarmung.
Einfaches, intuitives Denken, in Kontinuität und Verlässlichkeit. Advokatorisches Denken, endlos sich verwandelnd, ständig unklar bleibende Denkungsart.
Unbefangene Gegenwärtigkeit Befangene Unfähigkeit zum erfüllten Augenblick.

2.1 Handeln ist handelndes Denken

Handeln ist das Tun in jeweils einmaliger Situation, aus einer Entscheidung, welche bewirkt, was im wesentlichen weder wiederholbar noch rückgängig zu machen ist. Handeln bestimmt das Schicksal aus allen Umgreifenden im Dasein.

1. Handeln ist nicht aus dem Zweck-Mittel-Verhältnis verständlich. Technische Aktivität sucht für gegebene Zwecke die geeigneten Mittel. Denken ist hier Anwendung von Gewusstem. Dieses Denken ist keine neue Gestalt aktiven Denkens, sondern eine Weise des arbeitenden Denkens. Die Zwecke müssen gegeben sein. Erst das Handeln ist es, das die Zwecke ergreift und Ursprung wird auf für die Anwendung des technischen Denkens. Das technische Denken ist beliebig verwendbar. Das handelnde Denken geht den entschiedenen, eindeutigen Weg; es führt das technische Denken. Daher ist Handeln nicht aus dem technischen Denken zu verstehen, vielmehr ist die bestimmte Verwirklichung technischen Denkens aus dem Handeln zu verstehen, von dem es in Bewegung gesetzt wird.

2. Handeln ist nicht aus den Trieben verständlich. ... Der eigentliche Wille ist der Ursprung aus dem ich meiner Triebe Herr werde und handle. Dieser Wille ist zugleich selbst ein Trieb, aber wie ein völlig heller, der aller Triebe Herr ist. Er ist, was ich selbst bin.

3. Einheit von Wille und Denken im Ursprung. Der Wille selbst ist in seinem Ursprung zugleich Denken derart, dass das Denken mit dem Wollen eine unmittelbare Einheit bildet.

> Von Handlung (2) kann also nur gesprochen werden, wo der Wille frei ist, nicht aber dort, wo Zwänge eine Reaktion bedingen. Handlung entsteht aus dem Dreiklang Denken > Wollen > Handeln (na ja, bei Philosophen vielleicht. Bei den meisten Menschen wäre es vermutlich eher Wollen - Denken - Handeln, oft bloss nur Wollen - Handeln, oder, tragischerweise die kindliche Regression: Wollen! .... plärrrr.

Aber hier im eigentlichen Handeln ist eine Unklarheit nur für den Verstand, eine Unklarheit, die sich nicht klar wird in einem allgemeinen Wissen, sondern allein im konkreten Denken für die einmalige Situation. ... Es ist die Klugheit, auf höherer Stufe die Weisheit, welche denkend auf der Basis des Wissens und Erfahrens, aber schaffend und ohne Vorbild, gesichert - wenn auch immer vieldeutig gesichert - im Bewusstsein der geschichtlichen Kontinuität des eigenen Denkens handelt.

4. Störungen des Handlens durch das Denken, das nicht denkendes Handeln ist endlose Reflexion auf Möglichkeiten ... s. Buridans Esel

5. Substanz des Handelns. Ein Handeln, das sich dem berechnenden Verstand zwingend als das allein "richtige" darstellt, ist nicht mehr Handeln, sondern technische Anwendung von Wissen.

> Ein Calculus wird gewählt und verwendet, der Metadiskurs verschwindet, wird in dem Falle als obsolet angesehen. Das kann bei zu langer Dauer und zu weiter Ausdehnung des herrschenden Calculus zu einer beinahe monopolistischen Beherrschung des Denkens führen, wie wir sie immer wieder erlebt haben und erleben - im Oekonomismus.

Das substantielle Handeln, durch keine Forschung zwingend begreifbar, nur philosophisch sichtbar, ist nicht einfach von selbst da, wie Naturgeschehen. Ob gut oder böse, es ist freie Aktivität des Denkens. Für diese kann die praktische Wahrheitserkenntnis im Handeln immer nur geschichtlich gegenwärtig sein.

6. Handeln des Kriegers. Die technische Maschine der Kriegsführung hat als solche das handelnde Menschsein vernichtet. s. The last Samurai

7. Handeln und Voraussagen. Es ist ein radikaler Unterschied zwischen der Voraussage etwa einer Mondfinsternis und der Voraussage von Ereignissen, die durch menschliches Handeln, sei es das eigene oder das anderer, geschehen.

Und doch ist diese Objektivität (gegen Blindheit von Gefühl und Leidenschaft) selbst nicht mehr blosse Betrachtung, sondern schon denkendes Handeln. Es ist ein voraussehendes und darin Zukunft herbeiführendes Denken. Dieses wollende Denken ist ein anderes als das sachlich zwingende Denken der Wissenschaft. Es ist ein erkennendes Ergreifen des Weges nicht als eines fremden, von aussen gegebenen, sondern als des in meinem Weltdasein innerlich wesentlichen Weges. Es ist nie zureichend ausweisbar aus "Prinzipien".

Wenn dieses Denken auch nicht wissenschaftliches Denken ist, so hat es doch Wissenschaft zu seiner Voraussetzung als Werkzeug. Während Wille und Wunsch als irreführende Einflüsse in der Wissenschaft suspendiert werden, ist dieses handelnde Denken ein denkendes Erhellen in sich selbst, ein Hellwerden der Welt und meiner selbst durch Praxis des Tuns, das auf Entscheidung und Entschluss beruht.

8. Weltauffassungen, in denen eigentliches Handeln keinen Platz hat. Ist aber das Dasein mit der Verflechtung allgemeiner Gesetzlichkeiten nicht erschöpft, gibt es vielmehr Freiheit und ein aus dem Ursprung der Existenz erfülltes geschichtliches Dasein, so gibt es auch dieses denkende Handeln, das nie allgemein und gesetzlich, daher nie durch Wissenschaft erkennbar und lenkbar wird, und das doch das wirkungskräftigste Denken im Medium der Allgemeinheit und der Erfahrung ist, und das eine eigentümliche Helle im Handeln schafft. Es ist das wahrhafte Handeln gegenüber dem zufälligen Tun mit innerer Leere. [S. 342]

9. Unterscheidung des handelnden vom arbeitenden, einrichtenden, wissenschaftlichen Denken. Das handelnde Denken ist wesensverschieden vom wissenschaftlichen Denken. Dieses ist zwar ebenfalls an Besinnlichkeit gebunden, an freie Musse, aber es tut nichts Unwiderrufliches in einem unwiederholbaren Augenblick, es ist seinem Sinne nach nicht gebunden (wenn auch zuweilen faktisch gebunden) an diese eine Gelegenheit, hat Spielraum und Zeit, ist im Prinzip, wenn auch nicht faktisch frei von Termin und Entscheidung.

2.2 Erziehen ist bildendes Denken

Bildendes Denken vollzieht sich in Tätigkeiten, deren Ziel ist, den Menschen im Ganzen zu formen, sein Wesen auszuprägen, und zwar mit dem Sinn dieser Bildung als eines Selbstzwecks. Diese Tätigkeiten gleichen dem Spiel, weil sie nichts ausser sich wollen. Sie sind von ihm unterschieden durch den Ernst der Idee des Menschseins. Diese Idee erwirkt eine Kontinuität derart, dass bildende Tätigkeit selber Ausdruck der schon erworbenen Bildung und Weg zu weiterer Bildung ist. Nicht der Besitz von Kenntnissen ist Bildung, sondern die Aneignung geistiger Gehalte. ...

2.3 Einrichten ist beherrschendes Denken durch Macht

Unter "Einrichten" versteht Jaspers die planvolle autoritative Gestaltung der menschlichen Zustände.

Die Gesamtordnung des menschlichen Daseins steht als Zweck vor Augen.

Die richtige Welteinrichtung ist hervorzubringen.

Am Menschen kann der die Autorität für sich ergreifende Mensch gestaltend arbeiten wie der Künstler an der Materie. Er will aus dem Menschen durch Einrichtung der Zustände und Gesetze das machen, was er für das Beste hält.

> Dies geschieht auch gutmeinend, durch die Entwicklungshilfe anderswo, durch Sozialarbeit innerhalb der eigenen Gesellschaft. Das Problem dabei ist die Meinung:

Die Welteinrichtung ist für die überwältigende Mehrzahl, nicht für wenige Ausnahmen zu machen.

> Gerade dies aber verhindert die von natur aus gegebene Vielfalt, die Pluralität von Meinungen wie Kulturen. Die Folge davon sind Gestalten wie Dostojewskis Grossinquisitor - und die breite Akzeptanz des westlichen Kulturimperialismus ... im Westen. Die Idee der allgemein gültigen und für alle guten Welteinrichtung scheitert aber nicht erst an den Kulturen, sondern bereits am Menschen, am Wissen über den Menschen, am Wissen des Menschen über sich selbst. Deshalb gilt:

Der Mensch kann sich weder im Erkennen noch im Handeln über den Menschen stellen. ... Nie kann Erkenntnis das Ganze des Menschen derart fassen, dass am Ganzen zweckhaft und mit Erfolg gestaltend gearbeitet werden könnte.

Der Mächtigste steht noch im Menschsein als undurchschaubarem Ganzen, nicht über dem Menschsein als seinem Material. Daher ist jeder Totalplan sinnwidrig. Der Mensch macht sich damit zum Gotte. Als ob eine Gottheit die Welt eingerichtet hätte, und zwar schlecht eingerichtet hätte, und nun der Mensch dazu käme, um das Misslungene zu erkennen, verhält er sich um als neuer Gott Gottes schlechte Leistung zu verbessern. Darum sagt der Grossinquisitor zu Jesus: "Wir haben deine Tat verbessert."

Diese Haltung, die insbesondere vom Buddhismus völlig abgelehnt wird, macht Gott zum Demiurgen, einem ungeschickten Bastler, dessen Werk wir nun verbessern. Dass der Mensch ein Mensch bleibt, und dass er stets an dem arbeitet, was er auch selber ist, das ist die unüberspringbare Grundtatsächlichkeit allen menschlichen Handelns. Daraus ergibt sich:

Jedes Ziel ist zuletzt partikular und steht in einem umgreifenden ungewussten und unwissbaren Ganzen.

Wer sich dagegen, auf dem Weg zu einer vermeintlich richtigen Welteinrichtung, an die Stelle der Gottheit setzt, muss von einer Verwechslung und Verkehrung in eine andere gleiten. Bleibt er guten Willens, so muss er erfahren, dass nichts so geschieht, wie er gewollt hat, dass ganz anderes entsteht, als er geplant hat, dass seine Gewaltsamkeit nur neue Gewaltsamkeit gebiert, aber nicht die Ordnung einer richtigen Welteinrichtung. Wird er aber in der Situation an der Grenze sich darüber klar, und sieht er das Nichts, und setzt er dann sein Handeln aus der Macht für die Macht fort, so wird alle richtige Welteinrichtung, alles Glück, jedes gemeinsame Ziel fortfallen und alles Tun nur noch im Dienste der Macht stehen: selbst obenauf zu bleiben um jeden Preis. Aus der Lüge zum Wohle aller wird die Lüge im Interesse der eigenen Macht, die eigene Macht mit dem Wohl aller identifiziert.

> Wir haben hier ziemlich präzise die Situation der Reichen, der Unternehmer, der Finanzeure etc. - aber auch der Parteipolitiker. In erster Linie geht es ihnen um die Erhaltung der Macht - und deren Ausdehnung. Im einen Fall der Macht des Kapitals weiteres Kapital zu binden, zu akkumulierne, im andern Fall um politische Macht, die eigene Meinung als allgemein geltende durchsetzen zu wollen. Autorität und Freiheit entziehen sich gleicherweise der Erkenntnis wie dem Plan, sie sind also weder eine Angelegenheit die sich wissenschaftlich, noch eine die sich administrativ beherrschen lässt. Die besondere Bedeutung die sich die Naturwissenschaften in den letzten Jahrhunderten erarbeiten konnten, liegt darin, dass es ihr empirisches Wissen weder Autorität noch Freiheit gehorcht. Hier ist das Wissen wie es ist, ohne Perspektive (abgesehen von Aenderungen der Raumstruktur wie sie die Relativitätstheorie und vorher bereits in der nichteuklidischen Geometrie und den Riemannschen Räumen).

Unabhängig davon können wir uns hier aber meist auf Kant verlassen, der, trotz aller Kompliziertheit und Komplexität der Welt gemeint hat: Was der Mensch soll, das kann er auch.

2.4 Organisation ist ordnendes Denken

Definition: Das organisierende Denken befasst sich mit arbeitenden Menschen, deren Zusammenwirken geordnet werden soll.

Organisation macht aus Vielheit Einheit, vereinfacht, simplifiziert. Nicht immer ist dies jedoch möglich, und vor allem lässt sich nicht alles mechanisieren:

Das organisierende Denken muss immer klarer erkennen, was der Natur der Sache nach der Maschinisierung zugänglich ist und was gerade umgekehrt leben und wachsen muss aus unvorhersehbaren Antrieben und Schaffenskräften, was darum von der planenden Organisation so weit wie möglich frei gehalten, vielmehr einer bis zur Unmerklichkeit verschwindenden Verwaltung unterstelle werden müsste. [S. 335]

Durch diese Entscheide, die meist eher in Betrieben, betriebswirtschaftlich, als in Politik, und damit demokratisch, volkswirtschaftlich beschlossen werden, wird die Welt, d.h. zuerst mal die Gesellschaft, in Form gepresst:

Das organisatorische Denken ist also nicht nur Ursprung einer Betriebslehre, sondern einer Gesellschaftslehre.

Arbeitstechnik der jeweilige Stand an Können der Technik, hat Folgen für den gesamten Gesellschaftszustand. ... Die Folgen der produktiven Handarbeit durch ihre Gestaltung in der menschlichen Gesellschaft werden zum Gegenstand menschlichen Beobachtens und Nachdenkens, menschlichen Planens und engagierten Gestaltens und schliesslich einer bewussten gesellschaftlichen Ordnung. Da aber eine Wesensverschiedenheit ist zwischen einem technischen Naturgebilde (einer Maschine) und der gesellschaftlichen Struktur des Menschen (einem umgreifenden, nie im Ganzen erkannten Leben), so kann organisatorisches Denken zwar ins Grenzenlose vorandringen, aber das Ganze der menschlichen Wirklichkeit niemals treffen oder umfassen oder wirklich gestalten, sondern nur fördern oder zerstören.

Das geradlinige Inbetriebhalten ist nicht auf Dauer, sondern immer nur unter relativ gleichbleibenden Bedingungen für eine Weile möglich. Darum steht der Mensch immer wieder in Situationen, in denen er nicht nur Einrichtungen befolgen oder fördern kann, sondern handeln muss.

Organisation ist also nie auf Dauer, sondern immer nur historisch, temporär. Und wann es Zeit ist für einen Wechsel, sagt uns nicht die Organisation, die wie die meisten Organe auf Selbsterhaltung drängt.

2.5 Vergleich der vier Weisen der Praxis in der Welt

  1. Das Unerlässliche jeder Weise der Praxis. Auf andere Weise ist unerlässlich, dass alle Praxis vermöge der Einrichtungen ihren Platz, durch Handeln ihren Grund gewonnen hat, durch Wissenschaft ihre Einsicht besitzt.
  2. Alle Weisen der Praxis zeigen eine eigentümliche Wirklichkeit
  3. Die eigentümliche Gefahr in jeder der vier Weisen:
    1. In der Arbeit liegt die Tendenz, den Menschen zum Maschinenteil zu machen, ihn gedankenlos und bewusstlos in einer Spezialität routinierten Könnens versinken zu lassen.
    2. Im Einrichten liegt die Tendenz, zu vergessen, dass alle Substanz aus dem kommt, was im Eingerichteten von den Kräften getan wird, die selber nicht Einrichten sind und nicht durch Einrichten hervorgebracht werden können. An Stelle von Leben aus dem Ursprung tritt der Betrieb und die Entleerung im Betrieb.

> Dies charakterisiert den aktuellen Zustand unserer wirtschaftlichen Einrichtungen.

  1. Im Handeln liegt die Tendenz, auf ein Irrationales zu pochen, sich zu rechtfertigen für die eigene Willkür, sich Verdienst oder Entschuldigung zu verschaffen durch Deuten des Zufalls. Das Verlorengehen in Verantwortungslosigkeit ohne Gewissen hebt die Substanz des Handelns auf.
  2. In der Wissenschaft liegt die Tendenz, (im Begriff) die Wirklichkeit zu verlieren.

Also präzise das, was bei Wittgenstein der Bereich dessen ist, wovon man reden kann, wird zugleich irrell durch die Abstrahierung in Begriffe, Worte, Sätze, also Sprache.

  1. In jeder Weise der Praxis liegt eine eigentümliche Enttäuschung. Keine Praxis vollendet sich. Jede stösst an ihre Grenze, wo sie ihre eigene Sinnlosigkeit gewahr wird. Dort fordert sie eine Interpretation von einem Anderen her, durch das sie Sinn erhält.

> Genereller formuliert, s. Wittgenstein: Kein abstraktes System, kein Kalkül, enthält den höheren Sinn gleich selbst. Dieser ist "transzendent".

Handeln scheitert: Die tragische Interpretation vergegenwärtigt das Scheitern, indem sie befreit durch ein metaphysisches Bewusstsein. Oder die Interpretation durch Gottes Vorsehung verleiht dem Scheitern einen Sinn, der im Handeln selbst nicht gewusst und nicht beabsichtigt wird. Systemtheoretisch könnte man das auch so ausdrücken: Wie ein komplexes System reagiert, lässt sich erst anhand der Reaktion selbst beurteilen.

Wissenschaft findet kein Ende.

  1. Die Weisen der Praxis werden fälschlich gegeneinander ausgespielt.

    So wurde etwa die Arbeit sowohl verachtet als auch als einziger Zugang zum Wirklichen für den Wahrheitsgedanken monopolisiert. Verachtet wurde sie von den Griechen, denn Arbeit fördert niedrige Gesinnung, ist banausisch, nicht vereinbar mit freier Menschlichkeit; von vielen Priestern und Mystikern, denn Arbeit ist nur Stufe, Folge der Sünde, und der arbeitende Mensch steht auf niedrigster Stufe; vollkommener als das tätige Leben ist das beschauliche.

Dagegen erhielt die Arbeit eine eigene Würde in dem seit dem Mittelalter aufsteigenden Bürgertum.

Die "richtige" Weltordnung/Welteinrichtung - der Totalplan - und seine Verengung der potentiellen Wunsch- und Zielvielfalt

Ich zerstöre die anderen, wenn ich, die Zwecke bestimmend, das Ganze, was geschehen und getan werden soll, zum Gegenstand meines Planes mache. Was aus dem Grunde des Umgreifenden, für keinen Menschen berechenbar, in schöpferischem Antrieb hervorbricht, kann ich nur verderben, wenn ich es zur Organisation zwinge. Organisation kann nur Lebensbedingungen herstellen, nicht Zwecke setzen und durch Befehle ersetzen. [S. 106]

Natürlich kann die Organisation Zwecke setzen oder gleich durch Befehle ersetzen. Jeder Angestellte kennt das zur Genüge. Was Jaspers meint ist jedoch, sie sollte es nicht tun, denn Organisation und Disziplin beeinträchtigt die schöpferische Fähigkeit und beraubt den Menschen seines eigenen Willens, also seiner Freiheit.

Die Empfehlung Jaspers entspricht also a) der Erkenntnis Wittgensteins, dass es keinen unwidersprüchlichen und ewig geltenden Kalkül gibt. Er nimmt auch gleich Feyerabend voraus, der Zeit seines Lebens Methodenvielfalt forderte, um den Wissenschaften ihre Produktivität zu erweitern:

Statt einer beherrschenden Totaltheorie gelten viele Theorien nach dem Masse ihrer empirischen Fruchtbarkeit. Ich beschränke mich auf die Wechselwirkung von Theorie und Erfahrung im Raume fortschreitenden Entdeckens, verwerfe dagegen jedes abschliessende Totalwissen. Statt einer unversalen Erkenntnismethode herrscht Methodenmannigfaltigkeit. [S. 107]

3. Wahrheit

Wahrheit ermutigt - Wahrheit gibt ein Vertrauen - Wahrheit bewirkt Qualen.

Laut Kant findet sich Wahrheit nur in den Wissenschaften und: Wissenschaft ist nur, soweit Mathematik anwendbar ist. Diese Wahrheitsforderung nach zwingender Gewissheit ist aber eben: nur formal-argumentativ zu erreichen, und nicht mal das ohne Fallstricke (s. Gödel). .

Die Begründung für die Vorliebe mathematischer "Genauigkeit" liegt in der präzisen Berechenbarkeit, also der Möglichkeit zum Kalkül. Allerdings: Nur quantitative Beziehungen lassen sich exakt berechnen und konstruieren und als Tatsachen mit einer Genauigkeit die die Fehlergrenze mit berechnet, feststellen. [S. 468]

Die logische Argumentation als zwingende Gewissheit täuscht Wahrheit des Gehalts vor. Die formale Argumentation ist ein gefügiges Werkzeug: seit den Sophisten weiss der Mensch, dass durch Gründe alles bewiesen und alles widerlegt werden kann, und dass es nur Sache des intellektuellen Niveaus ist und der Bereitschaft zu den nötigen versteckten Fehlern und Täuschungen, um dies zu tun und darin zu erzwingen, was als Wahrheit nur aus den zugrundelegenden Gehalten des Empirisch-tatsächlichen oder der Überzeugung hervorgehen kann.

Die in den Wissenschaften erkannte Wirklichkeit ist niemals die Wirklichkeit selbst. Auf dem Umweg über Vorstellungen - Modelle, Hypothesen, Typen usw. - wird jeweils eine Seite der Wirklichkeit ergriffen. aber diese Wirklichkeit wird auf diesem Umwege getroffen und bestätigt durch die Verlässlichkeit des Wissens in der Wirksamkeit dieses Wissens. Weil das Treffen der Wirklichkeit auf dem Wege über ein entschieden Unwirkliches geschieht, kann man sagen: für uns ist keine Wirklichkeit ohne Unwirklichkeit, die als wirklich genommen wird. [S. 479]

Wir finden hier eine relativ einfache und sehr aktuelle Form der Definition von Wissenschaft: Die Wirksamkeit, anders formuliert: Die Fähigkeit zu Voraussagen, Extrapolationen, Berechnungen oder zumindest Schätzungen von Verhalten und Entwicklungen bei Prozessen. Dieser Fähigkeit, und der Möglichkeit ihrer Nutzung in Technik und Wirtschaft, verdankt die Wissenschaft ihren relativ hohen Status, der mit dem Zwang zur Innovation einerseits zwar noch anstieg - andererseits aber alle Wissenschaft nun dem Diktat der Verwertbarkeit und der finanziellen Produktivität unterwarf. Die alte Fortschrittsgläubigkeit wurde zum Innovationszwang:

Das moderne Bürgertum erwuchs mit der Vorstellung einer richtigen Welteinrichtung mit grenzenlosem Fortschritt.

Überzeugung hat die Form des Bekennens.

Wahrheit, absolut betrachtet, ist nicht zu erreichen, da sie immer in ein Gewebe von Kontext eingebettet ist, da jeder Teil, jedes Teilwissen, also jede Teilwahrheit, eben Teil eines grösseren ist, und von da her zwischendurch einmal auch ganz anders ausssehen kann. Jeder Raum erlaubt unterschiedliche Perspektiven - jede Verengung auf eine Perspektive beraubt uns um Wahrheiten: Alles existentiell Wesentliche wird im Argumentieren mit seinem philosophischen Ausdruck verkehrt. So ist es z.B. unmöglich, über das Ganze des eigenen Seins oder über die konkrete Kommunikation im Ganzen sinnvoll zu reflektieren. Reflektion dieser Art pflegt der Ausdruck eines Zerstörtseins zu sein und selbst die Zerstörung zu fördern.

Die Wahrheit, die Wittgenstein mit seiner Wahrheitsfunktion, einem Kalkül der Wahrheit ansprechen kann, ist also eine äusserst begrenzte Idee der Wahrheit. [p, ξ, N(ξ)]

3.1 Lüge

Definition Lüge: Sprechen, das Täuschung beabsichtigt, Verschweigen, Aktzentverschiebung, indirektes Nahelegen - ohne etwas gesagt zu haben.

Franklin meinte bei der Verfassung der Vereinigten Staaten: Das Tun der Menschen miteinander verlangt ein "arbeitendes Kompromiss", da eine absolute Einigkeit nicht möglich ist.

3.2 Einheit, Autorität - und Perspektivität

Die Einheit der Wahrheit: Die eine und einzige Wahrheit zu besitzen konnte eigentlich nur die Kirche behaupten. Sie musste dabei allerdings ziemlich gewalttätig werden um diesen Anspruch durchzusetzen. In ähnlicher Position finden sich heute islamische Fundamentalisten, die ihren Glauben dem westlichen Glauben- und Kulturpluralismus entgegensetzen, und vor allem aber dessen allein seelig machendem Glauben von den eben so wundersamen wie wunderbaren und Wunder wirkenden Kräften des Marktes.

Wir hier argumentieren da gerne mit der Aufklärung, obwohl diese heute noch grosse Teile der USA nicht erreicht hat, und auch in Europa für grosse Teilen der Bevölkerung - die lieber auf "den starken Mann" (whoever it may be ... ) setzt. Erklärt wird dieser Fanatismus, der oft den Einsatz des eigenen Lebens erfordert, im Westen, natürlich marktwirtschaftlich, durch das Versprechen eines Lebens in Fülle und Überfluss, vor allem an Frauen. Jaspers hat hier die Dinge richtig gestellt, indem er zwischen den Dingen unterschied, in denen Wahrheit sachlich und zwingend ist (Logik, Kausalität), und denen, wo Wahrheit eher geistiger (Finalität) oder sozialer Natur ist (Quine: truth by convention), und so nur durch persönliche Haltung beweisen werden kann (Sokrates, Jesus, Ghandi etc.)

Galilei stellte nicht die Richtigkeit seiner astronomischen Einsicht in Frage, wenn er unter Zwang sie verleugnete, wie er umgekehrt durch ein Bekenntnis sie nicht wahrer gemacht hätte. Sokrates und Bruno starben für ihre philosophische Wahrheit, weil sie mit ihnen identisch war: durch ihren Tod ist eine Wahrheit vollendet worden.

In Argumentationen einer Philosophie, die sich für Wissenschaft hielt, wurde eine stillschweigende Voraussetzung gemacht, dass die Wahrheit die eine sein müsse, welche allgemeingültig und zwingend beweisbar sei. Und diese Wahrheit wurde als so wesentlich vorausgesetzt, dass der Mensch für sie leben und sterben könne. Wenn aber die Einsicht in die Mehrdimensionalität des Wahrheitssinnes klar geworden ist und damit die Einsicht in das Wesen der Philosophie, die mit den Mitteln der Wissenschaft mehr als Wissenschaft ist, so wird offenbar, dass das, was zwingend beweisbar ist, jedenfalls keine Wahrheit ist, für die ein Tod sinnvoll wäre. Denn diese Wahrheit gilt unabhängig von dem, was ich bin und tue. [S. 652]

Es ist aber nicht nur die Religion, die aus ihrem inneren Drang, die einzige, wirkliche, wahrhaftige, unumstössliche Wahrheit zu vertreten dem Wissen gegenüber misstrauisch ist. Sogar die Wissenschaft selbst, wo sie diszipliniert und streng arbeitet, produziert eigentlich nur noch beschränkt gültiges, da nur im Abstrakten gültiges Wissen, Kalküle, die nicht bloss vom Ganzen isoliert sind, sondern dieses leicht stören, ja zerstören können, wie heute inbesondere das wirtschaftliche Kalkül:

Theologie begrenzt das Wissen, weil es sie stört. Positivismus endet in dem Bewusstsein der Sinnlosigkeit des Wissens. Existenzphilosophie geht ihren Weg, ohne ihr Ziel zu kennen, grenzenlos bereit zu jeder Wahrheit, - jede bestimmte Wahrheit, dem Verhängnis des Zeitdaseins unterworfen, auch wieder durchbrechend, - ständig auf dem Weg zum Einen.

Auch Existenz ist auf Anderes angewiesen: auf die Transzendenz, durch die sie, die sich selbst geschaffen hat, erst der unabhängige Ursprung der Welt ist; ohne Transzendenz ist Existenz unfruchtbarer und liebloser dämonischer Trotz.

Existenzlose Vernunft gerät in das bei allem Reichtum zuletzt doch beliebige Denken einer intellektuellen Bewegung des Bewusstseins überhaupt. Indem sie abgleitet in das intellektuelle Allgemeine ohne bindende Wurzel ihrer Geschichtlichkeit, hört sie auf, Vernunft zu sein.

Vernunftlose Existenz, die sich auf Gefühl, Erlebnis, fraglosen Antrieb, Instinkt und Willkür stützt, gerät in blinde Gewaltsamkeit, aber damit in das empirisch Allgemeine dieser Daseinsmächte. Ohne Geschichtlichkeit, in der blossen Besonderheit zufälligen Daseins mit seiner transzendenzlosen Selbstbehauptung, hört sie auf, Existenz zu sein.

In diese Falle sind wir mit der Postmoderne geraten. Die Aufgabe, die wir heute zu lösen haben, heisst also: Das Umgreifende wieder zu finden, das Verbindende, die Ganzheit, das, was alle Dinge zusammen hält. (Was der Wettbewerb nun halt eben gerade nicht tut).

Ohne Transzendenz ist Existenz unfruchtbarer und liebloser dämonischer Trotz. Werde ich gleich versuchen, Transzendenz "gottlos" zu erkären über die Notwendigkeit eines jeweils Uebergeordneten (meta: Meta-Physik, Meta-Dialog, ...), so hätte Transzendenz hier weniger die Funktion, die Dinge zusammen zu halten zu einem wahren, Ganzen, sondern fungierte vielmehr als Leuchtturm, als Orientierung der Schiffer auf dem Meer der Existenz, die günstige Winde - oder einen ruhigen Hafen suchen.

Wahre absolute Einheit ist nur der Eine Gott.

Gott ist ein Name. Weil ein Name kein Gedachtes, keine Kategorie ist, scheint er am ehesten angemessen. Aber Gott kann mit taused Namen, mit unendlichen Namen genannt werden.

Na ja, bei den Muslimen sind's halt bloss 99 - und der 100ertste quasi der eine Ring, der sie alle ... etc. (s. Herr der Ringe)

Ohne Bezug auf Gott ist jede Moralität unmenschlich. [S. 718]

Den Gegensatz zu zwingender Gewissheit und philosophischer Wahrheit charakterisieren wir weiter durch die Weisen des Relativierens wissenschaftlichen Forschens und im Philosophieren:

Die Neigung, die Philosophien zu überblicken und im Ganzen kennen zu wollen, statt in ihren Ursprung einzudringen, verführt dazu, ihre objektive Formulierungen zu Standpunkten zu vereinfachen. [S. 707]

Keine echte Philosophie ist als Standpunkt zu fassen und zu begreifen, weil sie über alle Standpunkte hinaus standpunktslos im Umgreifenden sich bewegt.

Alles hat zu allen Beziehungen, und die Welt, in der ich gegenständlich erkenne, ist eine unabgeschlossene Endlosigkeit solcher Beziehungen. Das Forschen in der gegenständlich werdenden Welt hat dementsprechend zwei Imperative: du sollst nichts Gegenständliches für das Letzte und Absolute nehmen, und: du sollst nichts Gegenständliches isolieren, sondern grenzenlos aufeinander beziehen. [S. 735]

> Auch hier geht Jaspers eigentlich weit über Wittgenstein hinaus. Während dem Wittgenstein bei Dingen, die nicht ganz klar und eindeutig zu definieren sind, einfach meint, darüber müsse man dann halt schweigen, zwingt uns die Komplexität und Verbundenheit innerhalb der Gäa wie auch der Gäa mit Sonne und Mond dazu, uns immer wieder mit Einzelteilen auseinander zu setzen, obwohl wir deren Umfeld nicht recht kennen. Unsere geistige Beschränktheit darf uns aber nie dazu verleiten, unser Teilwissen absolut zu nehmen, denn das führt zu Fundamentalismus, Herrschaft der Banalität und Totalitarismus.

3.2.1 Die Individualität und Vielheit der Wahrheit: Bedürfnisse, Wünsche, Triebe ...

Der Mensch will nichts als da sein, seine Macht und die Befriedigung seiner Triebe. Diese elementaren, still oder stürmisch, in jedem Fall unwiderstehlich sich durchsetzenden Bedürfnisse des Menschen sind:

Der Daseinsdrang: Wenn das Dasein bedroht ist, so ist der Mensch zu allem bereit, nur um sein Dasein zu erhalten. ... Wer das Dasein garantiert, dem wird gehorcht. Sofern die Sicherung des Daseins nur durch gemeinsame Aktion unter unbeschränkter Führung gelingt, gibt der Mensch für das Dasein seine Freiheit hin und alles, was dieser Freiheit erwachsen konnte.

Der Unternehmensdrang: Aber die Freiheit selber ist, so scheint es, der Mehrzahl der Menschen unerträglich. Es ist ein Drang in ihnen, selbst wenn sie in Freiheit geboren und aufgewachsen sind und Freiheit als Menschenwürde gilt, die Autorität zu finden, die ihnen die Freiheit abnimmt, damit sie in gedankenloser Ruhe leben können, aber unter der Bedingung, gerade dieses ihr Tun frei zu nennen. Das aber ist nur möglich, wenn dem Menschen im Hergeben seiner Freiheit zugleich gesagt wird, wofür er lebt. Er will einen Sinn des Lebens und will ein befriedigtes Gewissen, diesem Sinn genug zu tun. [S. 772]

Nicht eine ewige Seligkeit wird verwirklicht, sondern eine stumpfe oder rauschhafte, schlechthin vergängliche Befriedigung des Daseins, - nicht das Volk, sondern die Masse, - nicht Glück, sondern Täuschung in stets glücklosem Lebensdrang.

Der Anbetungsdrang: Ehrfurcht ist eine Haltung der Freiheit. Anbetung ist eine Haltung der gedankenlosen Unterwerfung unter das Unbegreifliche einer Realität in der Welt (statt des echten Gebetes zur unsichtbaren, verborgenen, unfassbaren Gottheit).

Der Zweifel an der Anbetungswürdigkeit wird dadurch ausgeschlossen, dass alle Menschen gemeinsam anbeten. Dass angebetet wird, dieses Bedürfnis der gemeinsamen Anbetung ist so elementar, dass jede Gewalt angewendet wird, sie zu erzwingen; wer nicht mitmacht, wird vernichtet.

Der Einheitsdrang: Das Bedürfnis nach der Vereinigung aller Menschen im Interesse der Sicherung ihres Daseins, dann die Garantie der Wahrheit durch die gemeinsame Anbetung des Gleichen drängen zu dem Ziel der Unterwerfung aller unter eine einzige Autorität. Zu fühlen in der Gemeinschaft aller, der nichts widerstehen kann, steigert die Kraft. Erst in der Weltherrschaft wird die Daseinssicherung in ewigem Frieden gewonnen, wird diese Daseinssicherung geheiligt durch das, was als das Gleiche für alle allein anbetungswürdig ist.

> Diese Weltherrschaft heisst heute eigentlich nicht Islam, sondern Herrschaft des Geldes, des Kapitals, des Marktes - die als dominante Regelinstanzen gelten. Der derzeitige Aktivismus der Politiker gegen die Finanzmärkte verspricht da leider keine Besserung, sondern im Gegenteil, eine Vereinnahmung der Macht des Geldes durch die selben Politiker, die als Politiker bisher unfähig waren, diese Macht sinnvoll zu lenken.
Wer nicht sich selbst Gesetze gibt und sich gehorcht, der wird, sagt Plato, als Tyrann herrschen oder von Tyrannen beherrscht werden.

> vergl. moralische Entwicklungsstufen nach Kohlberg

Unverlässlichkeit: Bei der Mehrzahl der Menschen ist nicht zu rechnen auf Initiative, nicht auf Befolgung von Recht und Gesetz aus freiem Einverständnis, nicht auf Vernunft. Sie sind nicht geneigt, zu teilen und einander zuzugestehen ohne Zwang. Sie sind kraftlos gegen ihre Triebe, niedrig im Eigennutz, Empörer gegen schwach werdende Führung. Sie halten keinen Vertrag, wenn sie nicht müssen.

Faulheit und Anspruchssteigerung: Entweder greift er zur offenen Gewalt, um durch Drohung, Erpressung oder direkten Zugriff zu erlangen, was sein Leben erfordert. Oder in der Hilflosigkeit streckt er gleichsam alle Glieder von sich, um mit Bitten und Flehen zu erreichen, was er mit Gewalt nicht mehr gewinnen kann.

3.2.2 Autorität und Freiheit

Autorität ist durch direkte Offenbarung Gottes im Wort. Dies die mittelalterliche Auffassung die in Europa bis weit ins 19. JH. überlebt hat, und im Islam (wie für christliche und andere Fundamentalisten) heute noch gilt. Der Absolutheitsanspruch z.B. des Christentums verlangt, dass alle Menschen Christen werden sollen [s. 835] All diese Ansprüche, egal von welcher Religion, vertragen sich nicht mit demokratischer Aushandlung einer guten Ordnung, also schon gar nicht mit einer pluralistischen Gesellschaft, die quasi das automatische Resultat der Globalisierung sein muss.

Es stehen aber nicht bloss die Autoritäten unterschiedlicher Religionen einander unversöhnlich gegenüber, sondern auch die Autoritäten des Wissens, also Wissenschaft, Philosophie und Theologie:

Glaube liegt in der Einheit mit dem Umgreifenden. Der Glaube der Menge aber will den Gegenstand als solchen. Er will haben, tasten, sehen, wissen, was er glaubt. Er braucht ein sinnliches Objekt oder ein rational gewusstes in der Welt. Daher drängt er zum Aberglauben, am verwunderlichsten im Wissenschaftsaberglauben, der das absolut Eine in dem zu besitzen meint, was die Wissenschaft erkennt. [S. 806]

Autorität ist der Mensch nur dadurch, dass durch ihn wirkt, was nicht er selbst ist. Er beruft sich auf Gott. ... Ein Mensch aber als solcher kann nie für den anderen Menschen Autorität sein.

Zu seiner Zeit, und das ist wohl gemerkt erst 50 Jahre her, da Jaspers noch kaum Probleme mit dem Streben des Islam nach Weltherrschaft, wohl aber einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen katholischem Glauben und Vernunft. Wir mögen das heute als Wahrheitsfundamentalismus kritisieren, allerdings vermag auch heute noch der Papst jederzeit Dinge zu sagen, bei denen der Rest der Welt schlichtweg auf den Kopf steht. Sein Problem, und damit das Problem der katholischen Kirche liegt in der Bedeutung von <katholisch>: das Ganze betreffend, allgemein gültig. Die katholische Kirche beansprucht also das, was wir heute den Muslimen vorwerfen, nicht nur über ein paar spinnerte Terroristen, sondern bereits in ihrem ureigenen Namen:

Dieser Gegensatz ist nicht der von Autorität und Freiheit, nicht der von Religion und Philosophie, nicht der von Glauben und Wissen. Denn diese Gegensätze sind sämtlich Polaritäten, die noch im Kampf aneinander gebunden sind. Aber der Gegensatz von Katholizität und Vernunft, der quer zu jenem liegt, scheint unüberbrückbar, nicht polar, sondern ausschliessend. .... Nicht einmal im Wissen um diesen Gegensatz ist Einmütigkeit möglich. [S. 833]

> Abgesehen davon, dass gerade zur Zeit wieder des öftern an der Vernunft der katholischen Führung gezweifelt wird, macht uns dieser Satz, der ebenfalls erst ein halbes Jahrhundert alt ist, auch bewusst, dass wir selbst die Forderungen an Aufgeklärtheit, die wir heute en Masse und ohne die geringsten Selbstzweifel an den Islam stellen, selbst, wenn überhaupt, erst seit kurzem erfüllen würden, wäre da eben nicht ... na ja.

Bereits die Kirche zeigt, dass Autorität heute nicht primär Personen, sondern Institutionen zugesprochen wird:

Autorität besitzen nicht nur Personen, sondern auch Institutionen, nicht nur das durch Macht gewährleistete Recht, sondern auch der durch Vertrauen getragene Einfluss eines Ansehens.

Da Autorität meist an Ansehen gebunden ist, wirkt sie nur dort, wo das Ansehen vorhanden ist, und natürlich nur so lange, als das Ansehen vorhanden ist. Deswegen ist Autorität meist auch an Wahrheit gebunden, da ein Lügner höchst selten Ansehen geniesst, es sei denn, er heisse Odysseus.

All diese Bedeutungen der Autorität sind solche eines partikulären Machthabens in der Welt.

Macht als blosse Gewalt (sei diese physisch, soziologisch, psychologisch, intellektuell) ist ungenügend, um Autorität zu begründen: die Autorität in der Macht wird nur dann erfahren und innerlich anerkannt, wenn diese Macht Träger der Wahrheit ist.

Gerade in der Gestalt des Odysseus, also des listigen Führers, liegt aber auch die Begrenzung der Autorität.

Autorität kann als wahre keine Dauer haben: Denn die Ruhe herrschender Autorität würde ihre Vollzieher in wenigen Generationen zum blossen Nutzniesser von Vorrechten und zur Willkür der Befriedigung eigener Daseinsantriebe führen. Daher ist ständig der Kampf gegen Autorität notwendig, damit sie im Zustand der Bedrohtheit hell und wirksam aus ihrem eigentlichen Ursprung bleibt.

> Daher sind Monopole und andere marktbeherrschende Strukturen nicht von Dauer. Daher sind erbliche Regimes meist von Korruption durchseucht und dienen vorwiegend dem Herrscher und dessen Machterhalt, nicht aber den Beherrschten.

Autorität wird oft und gerne auch über "besseres Wissen" begründet. Hier allerdings wird dann eine klar Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft dringend nötig, da der Verstand alleine sich im Chaos der Vielfalt des Wissens verliert:

Der Verstand hat die Tendenz, sich absolut zu setzen. Er bedarf der Führung durch die Idee und Vernunft.

Der Verstand hat als solcher keine Autorität - denn der Verstand für sich ist ohne Grund in der Geschichte. Wie "denn offenbar aller Verstandesunterricht zur Anarchie führt" (Goethe).

Leider ist Jaspers nicht die Bohne antiautoritär, aber er begründet die Notwendigkeit der Autorität auf akzeptable Weise:

Jeder Einzelne versagt irgenwann, wird nie der ganze Mensch. Daher kann der redliche Einzelne, welche Stufe der reifgewordenen Freiheit er auch erklimmen mag, die Spannung seiner Freiheit zur Autorität nicht entbehren, ohne auch den eigenen Weg ungewiss und schwankend zu fühlen.

Ev. leichter zu verstehen ist dieser Satz, wenn man sich bewusst macht, wie viel jeder Mensch lernen muss, biss er schon bloss "Erwachsen" wird, was ja noch lange nicht heisst, dass er damit auch vernünftig ist. s. Entwicklungspsychologie

Wichtig ist Jaspers Aussage zur Bedingtheit der Freiheit - durch die Freiheit deranderen. Was Rosa Luxemburg aphoristisch gefasst hat als: Freiheit ist immer auch die Freiheit der anderen.

Die Freiheit des Einzelnen ist abhängig von der Freiheit aller. Der Freie will um sich Freiheit. Solange nicht alle frei sind, ist er selbst nicht frei und kann es unmöglich werden.

Freiheit ist nur dort, wo sie erobert werden muss. Autorität ist die Polarität zur Freiheit.

Wir sehen also auch bei diesem, einem der höchsten Werte, dass er wenig taugt als Leuchtturm, sondern dass er vielmehr taugt als Energiefeld, das sich zwischen Polen aufspannt. Auch hier kann das Streben nicht dem Erreichen des Absoluten, der absoluten Freiheit gelten, sondern einer optimalen Konstellation irgendwo in einer "Mitte". Ganz analog dem Wertekompass geht es auch hier um das rechte Mass, also das weise Mass, also um eine Kernaufgabe der Philosophie.

3.2.3 Die Autorität von Gemeinschaft & Masse <> Die Freiheit der Ausnahme, der Aussenseiter (2)

Der Mensch ist ein soziales Tier, er lebt (meist) in Gesellschaft. Seine grossen Werke entstanden meist aus (zwar nicht immer ganz freiwilliger) Zusammenarbeit. Ohne die hochgradige Arbeitsteilung und Koordination von Spezialisten gäbe der Arbeitsmarkt heute nur einen Bruchteil der Stellen her, die vorhanden, wenn auch zunehmend zu knapp sind. Diese Koordinationsarbeit, diese zusammenfassende Kraft wurde zu Zeiten Jaspers noch gewährleistet durch den Staatsorganismus, transzendent gegründete Lebensordnung (Religion), Konventionen und Regeln. Heute wirkt praktisch nur noch der wirtschaftliche Zwang: Wir müssen wachsen, wir müssen herrschen, wir müssen besser sein, billiger sein, wettbewerbsfähig sein, weltbeherrschend sein. Also eigentlich Kokolores.

Klares eindeutiges Wissen gibt es nur in der Katholizität. - Heute ebenfalls Kokolores.

Der Wettbewerb war vielleicht ein geschickter Trick, um gewisse Schwächen der Masse auszumerzen - die Nivellierung - sie aber dennoch gemeinsamen Zielen zu unterwerfen

Der Mensch muss, um Mensch zu werden, in Gemeinschaft treten. In der Gemeinschaft aber liegt die Tendenz zur Herrschaft des Durchschnitts oder der Masse. Die Grundantriebe der Masse, wie selbstverständlich fordernd, sind: jeder soll sein wie der andere; alle sollen sich den Regeln und Sitten unterwerfen; ein Eigensein des Einzelnen hat keine Geltung. Man ist intolerant gegen das Besondere, duldet keine Ausnahme, nivelliert alles Menschein auf die Ebene des allen Gemeinsamen. [S. 762]

Das Aufgehen in der Masse war dem Philosophen eh verwehrt, da er, von Berufes wegen, aus Neigung, aus Trieb, aus Leidenschaft (whartsoever) immer ein fragender bleibt, und kaum je zum Gläubigen wird:

Fraglos in der Autorität zu leben, ist verwehrt; denn Philosophieren ist das wesentliche Fragen, das sich keine Grenze setzen lässt. [S. 833]

Aber eigentlich nicht bloss der Philosoph, denn jeder Mensch macht nicht alles mit (hoffentlich), was ihm seine Gruppe oder die amorphe, anonyme, mit einigen Berühmtheiten gleich Kerzen auf der Torte dekorierte Masse nahe legt. Dies geschieht nur in totalitären Staaten. Praktisch jeder Mensch muss ab und zu nein sagen, wo im ein ja nahe gelegt wird, oder ja, wo ihm ein nein nahe gelegt wird:

Der Mensch kann nicht zeitlos allgemein existieren, er existiert in der Polarität von Autorität und Ausnahme.

Die Ausnahme, oder wie ich den Zustand bisher genannt habe, der Aussenseiter, gehört also zum Ganzen genau so wie die "Einvernommenen" oder Insider. Sie haben insbesondere dort eine hohe Bedeutung, wo sich das Umfeld der traditionellen, d.h. konservativen Gesellschaft verändert, also nach Veränderungen innerhalb der Gesellschaft ruft: Die Ausnahme erwächst der notwendigen Gemeinschaft Ausnahme bringt Bewegung in die Gemeinschaft. Verkehrt wäre es jedoch immer, die Ausnahme zur Nahme zu erklären, also zur Gefolgschaft aufzurufen:

Der Ausnahme zu folgen, ist sinnwidrig; denn Ausnahme kann nur erwecken und orientieren.

Es bleibt die Paradoxie: Die eine Wahrheit haben wir nicht und werden nicht haben - und die Wahrheit kann nur eine sein.

3.3 Gesellschaftliche oder zwischenpersönlich gültige Wahrheit ist immer von Dialog abhängig

Zum Beispiel in den Beziehungen zum Arzt, zum Rechtsanwalt, zum Architekten usw. entwickeln sich die Weisen des Sprechens, in denen Verständnis verlangt und gegeben wird.

Einverständnis zwischen den Beteiligten kann nur durch Verständigung erreicht werden. Diese Verständigung steht unter der Idee, dass einer überlegenen Vernunft und Kunst des Fachmanns die verstehende Haltung des besonnenen und geduldigen Betroffenen entgegenkommt. Wo solche Verständigung erfolgt, das ist ein unendliches Thema des Alltagsgeschehens, zu dem wir nur wenige Bemerkungen aus der gegenwärtigen realen Situation versuchen.

Jaspers betont aber gerade hier, um Umgang mit "Fachleuten", die Notwendigkeit einer wenig autoritätsgläubigen Einstellung der Nichtfachleute. Er sieht einen <Grundtatbestand der Unverlässlichkeit des Durchschnitts der fachlichen Berufsvertreter>: In jedem Beruf wird die Wahrung der Autorität zur Quelle der Verschleierung von Nichtkönnen. In der Erledigung des Einzelfalles tritt die Gedankenlosigkeit im Gehen nach Schemata an die Stelle von methodisch forschender Auffassung. ... Daher ist für jeden denkenden Menschen ein einfacher Gehorsam gegenüber dem Fachmann in lebenswichtigen Fragen nicht zu verantworten. [S. 585]

Dieses, gerade für Demokratien eminent wichtige Beispiel zeigt die Bedeutung echter Kommunikation (die nicht auf einseitige Mitteilung verengt ist) auch dort, wo Fachleute mehr verstehen (sollten) als die Laien: Die Rede der Fachleute gehorcht meist eigenen, persönlichen, und daher sachlich nicht unbedingt zur Wahrheit führenden Intentionen. Diese werden erst aufgeklärt durch Mitteilung an andere:

Mitteilbarkeit und Mitteilung gehören zum Wahrsein selber. Ich gelange zur Wahrheit nur unter der Bedingung grenzenloser Kommunikation. Wahrheit zeigt sich nur in Erscheinungen, die unlösbar von Kommunikation sind. Der Sinn von Wahrsein ist wesentlich in Kommunikation und nie ohne sie. [S. 587]

> Ein weiteres Problem bei Wittgenstein: Jaspers macht darauf aufmerksam, dass Worte und Gedanken ihre Bedeutung primär im Dialog erhalten. In diesem müssen also unterschiedliche Definitionen und Interpretationen ausgehandelt werden. Es reicht nicht, Spielregeln einseitig aufzustellen. Sprachspiele, deren Regeln sich widersprechen, führen zu widersprüchlichen Aussagen, also Wahrheiten. Auch das ist eine Formulierung für das Problem der Postmoderne.

Nur die Freiheit wechselseitiger Mitteilung kann den Menschen zum eigentlichen Menschen werden lassen, weil nur so das Maximum von Wahrheit offenbar wird. (1947 gesagt) Auf keinen Menschen ist Verlass; niemand kann sich auf sich selbst allein verlassen; jeder drängt zur Prüfung und Kontrolle; Selbstdenken mit der Maxime: "an der Stelle jedes anderen denken". (Kant).

3.3.1 Die Ganzheit des Geistes ist die Idee

Hier entpuppt sich der als Existentialist klassierte Philosoph Jaspers nun doch auch als Platoniker und Idealist. Allerdings scheint mir die Idee, nicht wie bei Wittgenstein den Satz oder Gedanken als Kern des Denkens aufzufassen, sondern die Idee, weitaus versprechender. Allerdings kann eine Idee dann auch nicht mehr als Atom des Denkens aufgefasst werden, da sie, zusätzlich zur Darstellung ihrer selbst einige Erklärungen braucht wie Herkunft, Zukunft, Umfeld, Entwicklungsmöglichkeiten etc. Auch ist die Definition unter Wiki nicht so ganz eindeutig:

Definition Idee:

Die Idee (gr. εἶδος (eidos) / ἰδέα (idea) = Vorstellung, Urbild) bezeichnet eine geistige Vorstellung. Deren Gehalt kann z. B. als ein in einem Satz formulierbarer Gedanke aufgefasst werden, der durch mehrere Begriffe konstituiert wird. Auch einzelne Begriffe (z. B. ...) s. de.wikipedia.org/wiki/Idee

Die Idee ist fruchtbar. Von ihr geführt gewinnt der Forscher gehaltvolle Erkenntnise in systematischen Zusammenhängen.

Beispiel Beruf, Staat, Universität - als Idee, als Kern des Wissens: Im Handeln des Berufs sind wir uns eines Gehalts bewusst durch die Zugehörigkeit unseres besonderen Tuns zu einem Ganzen, an dem wir teilhaben und dass uns Mass ist, zum Beispiel als Idee des Staates, des Arztes, der Universität. Wissenschaft, Staat, Beruf sind eigentlich wirklich nur, sofern sie zugleich Ideen sind; wie sind nicht Dinge als tote Objekte der Natur oder als Maschinen und Apparate. [S. 613]

Würden wir uns den Staat als Idee vorstellen, und nicht bloss als Begriff für etwas, das je nach politischer Position entweder ein Herrschaftsinstrument oder ein Störfaktor ist, die Diskussionen würden an Klarheit gewinnen. Würden wir uns den Arzt als Idee, nicht bloss als Person, Titel oder gar Kostenfaktor vorstellen, könnten wir vielleicht mit mehr Klarheit darüber reden, welche Idee des Arztes wir wirklich wollen und brauchen ... und welche sich dank Nutzung der Markt- (und Kassen-Subventions-)gesetze einfach durchgesetzt hat. Würden wir Universität als Idee betrachten, Idee der Verbindung von Forschung und Lehre, könnten wir erkennen, dass es höchst unterschiedliche Bereiche und Auffassungen von Forschung und Lehre gibt, also eigentlich auch recht unterschiedliche Universitäten geben müsste.

Im folgenden Auszug gibt Jaspers ein Beispiel von einer durch einen Kern zusammengehaltenen Diskussion, und einer ohne einen solchen Kern, die sich in Beliebigkeiten ergiesst (von mir als Collage oder gar Konfettidialog beschrieben):

Nehmen wir an einer Diskussion teil, so machen wir wohl die Erfahrung, dass Richtigkeit auf Richtigkeit gesagt wird, und dass doch keine Wahrheit zur Erscheinung kommt; oder dass der eine Partner sich offensichtlich abmüht, das zu seiner Intention gehörige Richtige zu finden, während der Andere beliebig und zufällig Entwürfe und Feststellungen macht, die, ohne beizutragen zur Erscheinung jener noch dunklen Wahrheit, endlos fortschreiten können. So machen wir die Erfahrung, dass wir mit manchen Menschen immer nur in Diskussionen kommen, in welchen jene endlose Beliebigkeit sich entwickelt, in der doch lauter Richtigkeiten gesagt werden können, und dass es mit anderen Menschen uns gelingt, in eine Kommunikation der Idee zu treten. Man versteht sich dann mit einer im Gegenstand zu jeder anderen Erfahrung überraschenden Schnelligkeit. Trotz fortdauernden Suchens und Nichthabens ist es ein stetiger Kontakt von Mensch zu Mensch durch die Idee. Dabei bemerken wir die wählende Macht einer noch dunklen Ganzheit in uns. [S. 611]

Auch hier wieder ein Problem des rechten Masses, ein Optimum zwischen zwei Polen. Wir haben einerseits die Multiperspektivität, Multikulturalität, die Vielfalt der Meinungen - auf der andern Seite DIE EINE WAHRHEIT. Die Vielfalt kann in buntem aber leerem Geschwätz enden - die Einheit der Sache in Einfalt. Wollen wir also die Vielheit der Perspektiven und Meinungen, brauchen wir einen "Kern der Wahrheit", um den sich die Kommentare sammeln. Dieser Kern wäre eben die Idee. Sinn und Zweck der Idee wäre dann eben die Absicherung des Metabereiches des behandelten Gebietes - handle es sich um ein Spezialgebiet dessen Einfluss seinen eigentlichen, und doch immer beschränkten Verständnisbereich überschreitet - oder eine eher generalistische Sphäre, wo wir grosse Schwierigkeiten haben, eben das gemeinsame Umfassende überhaupt zu fassen. .

Teilt jeder einfach unbedarft mit, was er grad so vor sich hin denkt, ist die Folge davon, dass keiner dem andern vertraut: dass er gründlich nachgedacht und geforscht habe; dass er die Absicht habe, Wahres zu sagen; dass er wisse, was er sage. ... Jaspers zieht daraus leider den Schluss: Die Menschen sind nicht befähigt zur Freiheit öffentlichen Denkens. Mitteilung geschieht nicht in Wechselwirkung, sondern einseitig.

> Noch leiderer (falls das steigerungsfähig ist) steht zu befürchten, dass Jaspers vermutlich recht hat, denn seine Aussage gilt heute ja unbestreitbar für die Mehrzahl der Presseartikel wie für das Internet. Das Fernsehen versucht ab und zu, Denken sichtbar zu machen, bleibt aber meist auch bei einer Darstellung multipler und unkorrellierter Sichtweisen und oft ohne schon nur den Versuch einer Synthese.

Traditionelle Ideen die als Mass aller Dinge dienten und dienen:

Neuere Versionen s. Philosophie und Macht:

Positiver - und nicht nur gültig in der Biologie, woher die Aussage stammt:

+ Vorgängig, immer noch zum grossen Teil gültig:

Sortiert nach Unumgänglichkeit und Freiheit/Gestaltungsmöglichkeit:

  1. Aller Dinge Mass ist der Zufall - die Vielfalt
  2. Aller Dinge Mass ist die Natur
  3. Aller Dinge Mass ist die Erfahrung (empirische Realität)
  4. Aller Dinge Mass ist der Mensch
  5. Aller Dinge Mass ist das Geld
  6. Aller Dinge Mass ist die Macht
  7. Aller Dinge Mass ist Gott - die Einheit

3.4 Wie sich Warheit fördern lässt, ohne jemanden damit zu erschlagen: Sokratischer Dialog

Das erfordert zunächst eine bestimmte Weise der Diskussion. (Benjamin) Franklin war eingenommen für die sokratische Methode scheinbar bescheidenen, unsicheren Fragens. Diese wollte er ausgestalten zu einer sozialen Methode der Mitteilung und der Entgegennahme von Wahrheiten und damit der Ermöglichung wirklichen persönlichen Einflusses. Dazu ist notwendig, die eigene Initiative zu verschleiern und die Initiative der Anderen hervorzulocken. Der Sprecher hat den sokratischen Schein der Ungewissheit einzuhalten: er darf keine Meinung als feste, kategorische bekunden. Das Ziel ist, dass so die Menschen willig werden, einander zuzuhören und alle nur möglichen Gesichtspunkte auftreten zu lassen. Alles direkte Behaupten von Wahrheit würde die wirksame Mitteilung von Wahrheit zerstören. Den erstens widerstrebt der Andere der Gewalt des Behauptens und hört schlecht zu. Zweitens bleibt der Behauptende ohne Antwort: "Wenn mein Tonfall so ist, dass ich meiner sicher bin, kann kein Mann von Erfahrung und Takt antworten, d.h. etwas tun, wozu er entschieden nicht ersucht wurde. Der manifestierte Wahrheitsbesitz schliesst ein gemeinsames Erfassen der Wahrheit aus. So wird das Prinzip der Mitteilung von Wahrheit wichtiger als die Wahrheit selbst. Und der Mensch, der die Natur seiner Zusammengehörigkeit mit dem Anderen einsieht, gibt alle Wahrheit, die nur aus sich selber räsoniert, allmählich auf.

4. Transzendieren/Meta-Dialog/Diskurs - Betrachtung der Dinge aus übergeordneter Position

Die Transzendenz ist der Bereich, über den wir laut Wittgenstein nicht reden können, wo wir also die Klappe halten sollten. 5000 Jahre Priestergeschwätz zeigen a) dass er recht hat, b) dass sich aber niemand dran hält. 5000 Jahre oft tiefen religiösen Glaubens zeigen uns aber auch, dass der Mensch nicht nur die Sprache der Worte versteht, sondern auch andere Zeichen zu lesen vermag. In dem Bereich arbeitet insbesondere die Kunst, die literarische wie die malende, bildende und musikalische. Die Wissenschaft hat diese längst aus dem Olymp der Erkenntniswissenschaften hinauskomplimentiert, dürfte aber damit falsch liegen. Bevor ich allerdings was werde, das ich eigentlich hasse, nämlich esoterisch, können wir die Transzendenz auch relativ handlich und verständlich fassen, so wie es Jaspers mit seinem <Umgreifenden> getan hat.

Das Umgreifende

Dasein, Bewusstsein, Geist werden als empirische Gegenstände in der Welt Sache von Biologie, Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Geisteswissenschaften. Aber jedesmal wenn wir etwas als Forschungsgegenstand vor uns haben, ist dieser nicht mehr das Umgreifende, sondern eine Erscheinung des Umgreifenden, ein Etwas in der Welt, eine Weise des Seins in seiner Anschaubarkeit, in seinem Gedachtsein und Erkanntsein, ein gleichsam Erstarrtes. [S. 155]

  Das Umgreifende, das wir sind: Das Umgreifende, das das Sein selbst ist:

das Immanente Dasein
Bewusstsein überhaupt
Geist
Welt
das Transzendente Existenz
Transzendenz
 

Vernunft

Das Band aller Weisen des Umgreifenden in uns:

Arten des umgreifenden Daseins:

Mit dem Umgreifenden zeigt Japsers hier etwas, das der Postmoderne abhanden gekommen ist. In der Postmoderne errichtet jeder sein eigenes Umgreifendes - unter Verlust der umgreifenden Wirklichkeit, die aber immer noch da ist, auch wenn es die Bücher darüber nicht mehr gibt, die sog. grosse Beschreibung (ausser natürlich bei den Fundamentalisten unterschiedichster, auch ökonomischer Provenienz).

Die Aufgabe wahren Erkennens ist, ständig zurückzukehren zu dem, wovon es ausging, das Steigern der ursprünglichen Anschauung durch Erkennen, die Führung durch Ideen, die die Synthesis des sonst im Endlosen Zerstreuten bewirken. Das heisst in der Forschung: Ich bin verloren, wenn ich zum gehorsamen Knecht der Wissenschaft zwecks Ausführung im Grunde unverstandener Befehle werede, ich muss, um wirklich zu erkennen, Ursprung bleiben, aus dem ich das Ganze erblicke und die Befehle gebe, oder muss, wenn ich sie empfange, sie als eigene verstehen., weil ich ihren Ursprung miterfahre. [S. 105-106]

Das Umgreifende der Welt ist nur im Transzendieren zu berühren, nicht im Wissen zu fassen. .... Bei solcher Verwandlung ist das Umgreifende verloren zugunsten bestimmter Wissensinhalte, sei es treffender, sei es illusionären Charakters. Aus solcher Verwandlung ist ebenso fruchtbare Natureinsicht (aber ohne bleibenden gehaltvollen Bezug zu dem Ausgangspunkt, etwa Keplers Astronomie) wie gegenstandsloser Aberglaube (etwa die moderne Astrologie) hervorgegangen. In beiden Fällen ist das Transzendieren verloren zugunsten eines Besitzes von gegenständlichem (realem oder irrealem) Wissen. Nur wenn die Denkform des Transzendierens bewahrt wird, bleibt der Raum des Umgreifenden gegenwärtig und bleiben fühlbar die Ursprünge einer möglichen Sprache durch die Dinge der Welt. Die Naturwissenschaft kann dieses Transzendieren vielleicht mit neuen Mitteln ermöglichen. Es würde sich ein gesteigertes und vertieftes Wissem um das Umgreifende vollziehen. [S. 93]

Vermutlich halbwegs unverständlich. Vermutlich kennen Sie aber die griechische Vorsilbe <meta> . Man könnte nämlich, mit geringer Vergewaltigung des Begriffs Transzendenz, diese als <Metasphäre> bezeichnen. Und präzise dies ist der Inhalt obiger Tabelle. Jede Sphäre enthält Subsphären und ist enthalten in Metasphären. Zu jeder Theorie, also Abstraktion, gehört eine Methatheorie, die erklärt, wie diese Abstraktion zu stande kam und warum sie gelten soll. Nach Wittgenstein wäre sie also die Konstruktionsanleitung der Sprachspiele. Da jede Konstruktionsanleitung falsch sein kann (muss ich ihnen als Ingenieur sagen ...), muss man eben im Problemfall oft selbst die Grundlagen der Konstruktionsanleitung untersuchen und prüfen. Derridas Dekonstruktion liefert hiezu nur die Bauteile. Von einem Werk mit dem Titel <Sphären> wäre zu hoffen gewesen, es enthielte auch Baupläne. Dem ist aber nicht so. Wieder mal viele Seiten Ballaballa.

Verstand - Vernunft - Geist

Deutung der Figur rechts:

In der Mitte der Figur liegt die Welt als die Gesamtheit des Immanenten - oben der ungeschlossene Raum der Transzendenz - unten die Existenz, verbunden mit der umfassend aufgeschlossenen Vernunft. Die Welt schwebt wie eine Kugel zwischen Transzendenz und Existenz.

Die Felder bedeuten Weisen des Umgreifenden. Man beachte die beschränkte Reichweite des Menschseins, das, weit entfernt von Zugang zu Transzendent, auch nur einen kleinen Teil von Welt, Dasein und Geist, ja sogar Bewusstsein, erfassen kann. Der nur vernünftige Mensch ist also ein eben so beschränkter wie derjenige, der mit dem Wissen aus seinem persönlichen Lebensbann, eben den Banalitäten, auskommt. Dieser wäre übrigens etymologisch eigentlich identisch mit dem Idioten, denn der Begriff bezeichente ursprünglich eigentlich nichts anderes als die Privatperson - ohne politische, öffentliche Tätigkeit, also ohne Wirkungsbereich ausserhalb der eigenen vier Wände. Ebenso denjenigen, der privates nicht von öffentlichem zu trennen vermochte, da sich alles innerhalb seiner 4 Wände abspielte, wie bei Händlern und Handwerkern.

In der Welt geschieht ein Sichtreffen von Existenz und Transzendenz in immer vieldeutiger Sprache bei nie überbrücktem Abstand. Im formalen Transzendieren geschieht ein Innewerden, aber allgemein und ohne bestimmten Gehalt, in der unio mystica geschieht ein Einswerden, aber ohne Mittelbarkeit und Wirklichkeit in der Welt. [S. 144]

Das umgreifende Weltsein ist mehr als uns im naturwissenschaftlichen und kosmologischen Wissen (im Bewusstsein überhaupt) zugänglich wird.

Die Weite ihres Abstands von der Weltmitte deutet den Sprung an, der zwischen Transzendenz und Immanenz besteht.

Die Immanenz unseres und des Weltseins, in der Mitte der Figur, drückt durch ihre Geschlossenheit in naher Verbindung ihrer Kreise bei weitem Abstand von Transzendenz und Existenz das aus, was uns Menschen ständig verführt, in der Welt und Immanenz schon das gesamte Sein zu sehen, die Welt sich selbst genügen zu lassen und sie als im Nichts schwebende Kugel für die Gottheit selbst zu halten. [S. 145¨]

Die Strukturen dieses Wissens vom Geiste sind in einer Kategorienlehre zu klären:

  1. Kategorie der Geltung, Einteilung der Wertgebiete (Axiologie)
    1. In Reihen von Wertpaaren:
      1. angenehm - unangenehm (hedonistische Werte)
      2. edel - gemein (vitale Werte)
      3. richtig - falsch, schön - hässlich, gut - böse (geistige Werte)
      4. heilig - profan (metaphysische Werte)
    2. in Ordnung nach der Weise der Vollendung und Unvollendung: Endlos ist das Voranschreiten in Wissen und Handeln - Vollendung ist in der Gegenwart des Kunstwerks und der erotischen Liebe, Undendlichkeit im Glauben der Religion und der unio mystica.
  2. Kategorien der Selbsterhellung
  3. Kategorien der Subjekt-Objektspaltung des Bewusstseins.
    1. Sphären der Gegenstände. Der denkbare Gegenstand steht in logischen Kategorien, er ist Begriff, in Beziehung zu anderen Begriffen, in einer Welt unbegrenzter Zusammenhänge / der ästhetische Gegenstand ist in sich abgeschlossen, vollendet, jeweils ein Ganzes; eine Welt für sich; / der mystische Gegenstand ist Wirklichkeit im Symbol, gegenwärtig und erfüllend, aber zugleich als blosser Gegenstand unvollendet und verschwindend.
    2. Sphären der geistigen Aktivität. Aktivität ist Handeln mit Zwecken in der Welt der menschlichen Gesellschaft - sie ist Machen und Bilden und Gestalten in der Schöpfung von Werken . sie ist Kontemplation als Anschauen, Sichvergewissern, Denken, Aneignen, inneres Handeln.
    3. Sphären der Gestaltungen: Der Geist ist in der Personensphäre oder in der Sachsphäre.
  4. Kategorien der Geschichte: Religion, Staat, Kultur
    1. Die Umwendung aus allem Wissen vom Geist in die Tiefe des Seins, woraus und worin der Geist lebt und hervorbringt, geschieht durch die Philosophie des Umgreifenden.

Transzendentale Zeichen

Symbole

Yin und Yang, Kreuz, Hakenkreuz - solche Symbole sind reale Mächte, sie wirken, gehören also zur Wirklichkeit, eine Erkenntnis die durch die Werbung längst weidlich ausgenützt wird und zudem durch Hirnforschung in eben diesem Auftrag bestätigt und erweitert wird.

Bild, Gleichnis

Das zweite Gebot: "Du sollst dir kein Bildnis und irgendeine Gestalt machen ..." ist zugleich das wahrste und das unmöglichste Gebot. Es durchschaut die Unwahrheit in allem Gegenständlichwerden, aber damit, dass wir es unterlassen sollen, verlangt es zugleich das aufhören unseres Lebens in der Zeit. Es verlangt zu leben unter Preisgabe der Lebensbedingung. Was immer für uns Sein ist, muss Gestalt werden. Was ohne Gestalt, Bild, Gleichnis - ohne Gegenständlichkeit - bleibt, ist für uns nichts. [S. 177]

... weshalb wir dort gerne faseln, wo wir schweigen müssten ... wollten wir die Aussage akzeptieren. Allerdings dünkt mich, dass auch Jaspers hier den Geist etwas zu klein dargestellt hat. Immerhin ist es dem Geist möglich, sich Bilder zu schaffen von Dingen, die noch gar nicht da sind, von Zuständen, die noch gar nicht bestehen, von einer Zukunft, von der wir noch nichts wissen - uns aber eben doch Vorstellungen machen können - und vermutlich sollten, denn tun wir das nicht, so wird die Zukunft genau so aussehen, wie sie die Herren des Marktes einrichten: Käuflich, verkäuflich, Eigentum: Zutritt nur gegen Bezahlung. Die Zukunft ist die Transzendenz, die uns am nächsten steht, um die wir uns kümmern wollen und sollen. Bisher verstand man unter Transzendenz meist bloss die Zukunft, die das ewige Leben, das Leben nach dem Tod bringt.

Der Tod geht uns nichts an.

Solange wir leben, ist der Tod nicht da.

Wenn der Tod aber da ist, sind wir nicht mehr vorhanden.

Diese Grundhaltung der Stoa legt uns nahe, uns um das Leben, und das zukünftige Leben unser selbst oder unserer Kinder mehr zu kümmern als um das Leben nach dem Tode.

Wir können aber gut und gerne noch einen Schritt weiter gehen. Nicht in Richtung ewiges Leben - aber gutes Leben. Gerade die ethische Begründung moralischer Werte fusst meist auf Botschaften aus der Transzendenz. Moralisches Verhalten wird durch das Gewissen reguliert. Ist nun das Gewissen ein direkter Eingriff Gottes, seiner Engel - oder ein Urwissen, das quasi von Geburt in jedem Menschen vorhanden ist - oder bloss durch Lohn und Strafe antrainiertes Verhalten? Man hat Jahrhunderte darüber gestritten, ich kann Ihnen die Antwort auch nicht geben. Aber im Prinzip ist es wurscht. Jeder der nicht durch Erziehung in Familie und Schule verkrümmt und verkrüppelt wurde sondern sich einigermassen "normal" entwickelt hat, hat ein Gespür (Gewissen genannt) für das was recht, gut und gerecht wäre. Dass sich das, was richtig, gut und gerecht ist nicht durchsetzt, liegt dann eher am Egoismus, dem es vor allem darum geht, selbst gut zu leben, und der deshalb auf den Rest, vor allem das Wohlergehen der anderen pfeift und sich stark genug fühlt, im Wettbewerb mehr heraus zu holen als den Durchschnitt. Die Gerechtigkeit bleibt hier meist auf der Strecke.

5. Kultur: Die Hervorbringung (= Bildung) des Menschen

Kultur als Gesamtheit des vom Menschengeiste Hervorgebrachten. Die wichtigsten Kulturgebiete sind:

> Die Ordnung dieser Wissensbereiche unterschiedlicher Art ist etwas heuristisch. Wir kommen hier wieder mal zur Überlegung, ob es eine Rang-Ordnung des Wissens gäbe, also Wissen das bedeutsamer ist als anderes, wie auch Wissen das ohne Belang ist.

Es gibt keine Hierarchie des Wissens, die eine Struktur des Wissens per se definieren könnte. (s. Systeme der Wissenschaft II). Wahrheit findet sich also nur in Abstraktion, und auch dort gilt sie nur so lange, bis die Annahmen, auf denen die Abstraktion basiert (das Sprachspiel) widerlegt sind, meist weil sich Form (der Inhalt der "Grundmenge" und deren Abgrenzung) oder Ziel ändern, manchmal auch, weil neue Erkenntnis alte Annahmen widerlegt.

Es gibt keine Ordnung des Wissens im Sinne von Hierarchie - wohl aber Ordnung im Sinne von Zusammenhängen, also Logik und Topographie des Wissens (örtliche, räumliche, sachliche, psychische, rechtliche Gültigkeit. Alle diese "Warheiten" sind nur beschränkt gültig. Sogar das Recht. Was in einem Land unumstösslich gilt, ist im andern obsolet, oder gar das Gegenteil.

Sprache als Instrument der Herrschaft

Die Sprache als Träger und mitgestalter des Wissens, als Kulturträger 1. Art, wird verhunzt, wo sie nur noch technokratisch der Übermittlung von Wissen dient, global gemacht, der eigenen Prägungen (der inhärenten Banalität der primären Selbstbezogenheit, der Bezogenheit auf die lokale Kultur aus der sie entstammt) entledigt, zur Weltsprache wird.

Hervorbringungen des Menschen (= Kultur)

  1. Alles innere erhält seine objektive Erscheinung im "Ausdruck".
  2. Während Ausdruck nicht nur dem Menschen zugehört, ist schon spezifisch menschlich das Hervorbringen von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen, ob im technischen, magischen oder kultischen Handeln
  3. Zur Formung der Gemeinschaft werden Sitten, gesellschaftliche Ordnungen, Staaten, Rechtssatzungen hervorgebracht.
  4. Werke werden als Selbstzweck geschaffen in Kunst, Dichtung, Wissenschaft, Philosophie. [S. 410]

Es ist möglich, statt in Begriffen durch Worte, vielmehr in Bildern, Gestalten, Mythen, Göttern, in Landschaften, Farben, Naturerscheinungen, in Handlungen und Vollzügen zu "denken". Alle primitiven Weltbilder bauen sich auf diesem Wege auf, die Wortsprache bezieht sich darauf. [S. 415

Mythische Interpretation ist ein Denken in Bildern, aber in Bildern als Wirklichkeiten.

Obwohl Sprache, das Medium mit dem wir uns mit anderen verständigen, verhandeln über Wahrheit, Ziele, Zwecke, Sinn und Unsinn, obwohl diese enorme Bedeutung der Sprache für die Kulturbildung bereits Karl V bewusst war, der sagte: So viele Sprachen ich kenne, so oft bin ich Mensch, scheint es weniger die Sprache, als eben "Umgang", "Werk", Bild, Taten zu sein, die Transzendenz in die Immanenz herein holen. Wir können Wittgensteins Satz: Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen, also ruhig so stehen lassen - und dennoch, auf transzendental begründete Werte schauend und achtend, zukunftsorientiert handeln, bilden, formen und gestalten.

Die ursprünglichen geistigen Anschauungen, Handlungen, Gebilde, die vorphilosophisch im Mythos, in der Dichtung, in der Kunst, in der religiösen Überlieferung (in Kultus, Gebet, Riten, heiligen Schriften) die Wahrheit zur Gegenwart bringen, dies alles wird vom Philosophieren gleichermassen als Organon (Lehrbuch, der Autor) ergriffen, durch das es versteht, was ihm ohne solche Hilfe unzugänglich bliebe. [S. 871]

Diese Erzählungen sind Gebilde der Phantasie, in denen Wahrheit durch Gleichnis spricht. Sie unterliegen dem Wahrheitskriterium, ob sie durch ihre Chiffre etwas fühlbar machen, oder ob sie verschleiern und vergessen lassen. Sie haben die Wahrheit von Mythen. Als vermeintliches Wissen heissen sie gnostisch.

5.1 Jaspers Umgang mit dem Unsagbaren am Beispiel der Tragödie

Jaspers Chiffreschrift

Ein Vorbild dieser literarischen Technik war die hebräische Bibel. Sie berichtet verständlich von der Geschichte Israels, aber den Gott, um den sich alles dreht, bezeichnet sie mit den Buchstaben JHWH, um ihn von allen abbildbaren, begreiflichen und nennbaren Dingen grundsätzlich zu unterscheiden.

So ist JHWH kein Wort und auch nicht die Stellvertretung eines Namens, sondern eine Chiffre für etwas, was menschlicher Vorstellung entrückt ist.

Dichtung ist das Organ, durch das wir den Weltraum und alle Gehalte unseres Wesens auf die natürlichste und selbstverständlichste Weise ergreifen. Hineingerissen durch die Sprache verwandeln wir in uns die Welt der Vorstellungen, vermöge der wir erst fähig werden, unsere Wirklichkeit prägant zu erfassen. [S. 917]

Ein literarisches Beispiel für Chiffreschrift ist etwa Paul Celans Todesfuge

Die Tragödie eignet sich besonders um das Problem der Wahrheit in aller Unklarheit, Zwiespältigkeit, Unzugänglichkeit für die Logik etc. auszurücken, denn: Tragik ist dort, wo die Mächte, die kollidieren, jede für sich wahr sind. Die Gespaltenheit des Wahrseins oder die Nichteinheit der Wahrheit ist ein Grundbefund des tragischen Wissens.

Im Prinzip liesse sich genau das Selbe erreichen mit der Komödie. Dieser wird allerdings meist weniger "Tiefe" zugeschrieben, was allerdings nicht an ihrem potentiellen Gehalt liegt, sondern daran, dass "tiefes Sinnen" eben nach schwarzem Loch tönt und nicht nach lustig: Wer im Sumpf steckt, will raus - wer auf Wolken schwebt, versucht oben zu bleiben. Oder wie Jaspers es ausdrückte: Das Tragische. Das Tiefere ist zu suchen, aber es ist nicht zu finden ohne Durchschreiten dieses Grauens. (Beispiele: Breughel, Bosch, Dante)

Urtragisch ist auch die (christliche) Urschuld, die allerdings nicht nur bei den Christen vorkommt, sondern etwa auch bei den Buddhisten. Das Dasein ist Schuld. Calderon sagte: Des Menschen grösste Schuld ist, dass er geboren ward.

Das zeigt sich auch darin, dass ich durch mein Dasein als solches Unheil anrichte. Das Bild dafür ist der indische Gedanke: mit jedem Schritte, mit jedem Atemzug, vernichte ich kleinste Lebewesen. Ob ich etwas tue oder nicht tue, durch mein Dasein bewirke ich Einschränkung anderen Daseins. Im Erleiden wie im Tun verfalle ich der Schuld des Daseins. [S. 932]

Handlung ist Schuld. Anders wird die Schuld der Handlung, die dem tragischen Wissen offenbar wird. Scheitern folgt einer Handlung, die als sittlich notwendig und wahr aus dem Ursprung der Freiheit hell hervorgeht.

Daraus auch die Theodizee: Die Welt ist zwar voll von schuldlosem Untergang. Wo ist die Macht, die unschuldig elend macht? - Oder: Gott, warum hast du mich verlassen? Wie kann Gott all das Unheil und die Ungerechtigkeit zulassen? Ist der denn nicht allmächtig?

Systemtheoretisch-psychologisch ist die Sache einfach zu beantworten: Jedes System, wirklich jedes, und jeder noch so perfekte Kalkül, hat seine Schwächen - die ausgenutzt werden können. Wo etwas wächst, wird etwas verbraucht und etwas verdrängt. Wo gefressen wird, wird etwas gefressen, also vernichtet. Wo gerichtet wird, wird jemand ins Unrecht versetzt. Wo verdient wird, muss jemand bezahlen. etc.

Gerade die Tragödie bietet aber nicht bloss depressive Nabelschau, sondern Erlösung aus dem Sumpf:

Im tragischen Helden schaut der Mensch seine eigene Möglichkeit: standzuhalten, was auch immer geschieht.

Im Untergang des Endlichen schaut der Mensch die Wirklichkeit und Wahrheit des Unendlichen.

Im Unheil erblickt der Zuschauer den Jubel des Seins, das in aller Zerstörung ewig sich erhält, sich im Verschwenden und Zerstören, im Wagen und Untergehen seiner höchsten Macht inne wird.

Das ursprünglich tragische Anschauen ist zu bewahren. Es ist die eigentliche Geschichtlichkeit freizuhalten, in der das tragische Anschauen entspringt und sich erfüllt. Wir müssen nicht erklären wollen, was war, sein wird und immer ist, sondern vernehmen, was zu uns sprechen will. Die Aufgabe des Philosophierens ist nicht, in Analogien zu endlichem Weltwissen eine Anwendung von tragischen Kategorien auf ein Totalwissen vom Sein zu machen, sondern eine Sprache zu finden aus dem Hören der Chiffren. Daher können die Mythen, Bilder, Geschichten tragischer Anschauung Wahrheit enthalten, ohne ihren schwebenden Charakter aufzugeben.

5.2 Die Chiffreschrift: Zeichen an der Wand / Symbole - die zu deuten sind

Der ursprüngliche philosophische Gedanke ist Chiffre. Das ist grossartig sichtbar in der vorsokratischen Philosophie, aber war dort methodisch unbewusst. Es bleibt der Grundzug jeder grossen Philosophie. Jederzeit vollzieht sich aber im philosophischen Denken auch der Abfall von der Chiffre zum reinen Begriff. Das Ergreifen der Wirklichkeit des Seins im Denken wird zu einem blossen Denken. Philosophie zu vermeintlicher Wissenschaft. Aus der Vieldeutigkeit der Chiffren wird die Eindeutigkeit des Begriffs. Aus der Unendlichkeit der Chiffren, sich entfaltend in unvollendbaren Bezügen des Denkens, wird die Endlichkeit des bestimmt gedachten.

Abgleitung zum Gedachten (dogmatische Metaphysik): Die Gedankeninhalte der Philosophie wollen begreiflich machen, was im Symbol Wirklichkeit ist. Sie verlieren ihren Ursprung, wo sie diese Wirklichkeit preisgegeben haben, zugunsten eines rational zugänglichen Wissens. Dieses hat wiederum viele Gestalten. Insbesondere wird das Sein gedacht als ein erkennbares Reales, als ob es ein Gegenstand der Forschung wäre, wie Dinge in der Welt; dann wird eine Gedankenkonstruktion für Entwurf dieses Seins gehalten, begründet, bewiesen, ohne dass doch auf diesem Wege etwas anderes als Chiffren erreichbar wären; diese dogmatische Metaphysik ist der Abfall vom Chiffernlesen zur Verstandeserkenntnis eines dem Verstand unzugänglichen Seins. Ferner wird das, was in Chiffren spricht, gedacht im Sollen: geltende Werte, Forderungen bleiben übrig, ein Reich nicht nur irrealer sondern unwirklicher Geltung. [S. 1043]

Unsere Sprache ist eine Welt von Metaphern. [S. 1042-43]

Forschung: In den Wissenschaften werden die Methoden der Erfahrung des Realen entwickelt und bestimmtes Wissen von Gegenständen gefunden. Die Wissenschaften helfen mir zur Schulung des Sehens und Beobachtens. Mit wissenschaftlichen Organen gehe ich durch die Welt. Ich suche dabei zu sein in allen Tätigkeiten, in den soziologischen Funktionen, im Umgang mit Menschen, in technischen Fertigkeiten; und suche, was immer ich erfahre, ins Bewusstsein zu erheben, in Wissen zu verwandeln, es neu und besser zu erfahren.

Wohl vermag Forschung zunächst die Chifferschrift der Mythen zu zerstören, sofern ihre Leibhaftigkeit ein Moment von Unwahrheit und Aberglauben enthielt. Aber der Sinn der Forschung ist, auf den Weg zur wahren Chifferschrift zu führen. Chifferschrift ohne Forschung täuscht. Universale Forschung muss an die Grenzen führen, wo das höchste Staunen und die eindringlichste Chifferschrift möglich werden. Die Chifferschrift des Seins ist zu lesen mit Hilfe der von Menschen hervorgebrachten Chifferschrift. Was Mythos und Offenbarung gesprochen haben, will ich verstehen und darum wissen - wenn auch in philosophischer Verwandlung. Was davon in Dichtung, Kunst, Religion objektiv wurde, wird Organon des Philosophierens. Der Wille zur Objektivität drängt im Philosophieren selbst aus der Unbestimmtheit des Ahnens in die Klarheit objektiv gewonnener Chifferschrift des Gedankens. [S. 1049]

Ueber alle Vermittlung auf dem Wege hinausstreben möchten wir Gott selbst erdenken. Was wir so erreichen, sind doch immer nur wieder andere Chiffern der Gottheit. Aber Gott ist nicht Chiffer, sondern die Wirklichkeit selbst. Das Erdenken Gottes heisst Theologie.

Voltaire: Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man ihn erfinden

Der eine Gott ist nicht auf bestimmte Weise auf einem ausschliesslichen Wege zu gewinnen. Nur im Ganzen, aus der geschichtlichen Tiefe, im Umgreifen alles Denkbaren und alles Erfahrbaren, geht der Aufschwung zu dem Einen, der nicht weniger, nicht leerer, nicht abstrakter als die Welt ist, sondern die Welt umgreift, in der alles dadurch, dass es zu ihm in Bezug tritt, sich steigern lässt zu seinen höchsten Möglichkeiten. [S. 1053]

Die Chiffer ist das unendliche Bedeuten, dem keine bestimmte Deutung gemäss ist, die vielmehr in der Deutung selber eine unendliche Bewegung des Deutens fordert. Das Deuten ist nicht die Form eines Erkennens des Sinns der Chiffer, sondern selber ein gleichnishaftes Tun, ein Spiel. Deuten ist unmöglich: Das Sein selbst ist gegenwärtig, die Transzendenz. Sie ist namenlos. Reden wir davon, so brauchen wir unendliche Namen und heben sie alle wieder auf. Das, was bedeutet, ist selber Sein.

Fazit:

Was eigentlich Philosophie ist:

Philosophie erweckt, macht aufmerksam, zeigt Wege, führt eine Strecke weit, macht bereit, lässt reif werden, das Aeusserste zu erfahren. [S. 1054]

Das Denken als solches eignet dem Bewusstsein überhaupt, nicht der Vernunft. Die Vernunft treibt nur auch das Denken an, seine äussersten Möglichkeiten zu entwickeln.

Denken, das befangen bleibt, also nicht all seine Möglichkeiten auschöpft:

Darin ist Wahrheit, solange die Chiffer in der ästhetischen Objektivierung des Bildes vor Augen steht und gelesen wird. Es wird Unwahrheit, wenn die Chiffer verloren wird zugunsten unverbindlicher Anschauung von Gestalten. Dann wird das Leben zum Betrachten, das Tun zum Genuss von Gefühlen.

In der ursprünglichen Anschauung, wenn sie rein bewahrt wird, liegt schon, was eigentlich Philosophie ist: Bewegung, Frage, Offenheit - Ergriffenheit, Staunen, - Wahrhaftigkeit, Illusionslosigkeit.

Der Aufbau der vernünftigen Bewegung

Die Vernunft bringt selber nichts hervor. Sie bewirkt, dass, was ist und sein kann, sich zeigen und entfalten muss. Sie ist das schlechthin Umfassende, das Allaufschliessende.

Die Vernunft scheint aus der Einen Wahrheit des Umgreifenden schlechthin zu kommen, um jede Zerstreuung, jeden Zufall, jede Beziehungslosigkeit wiederum zu ergreifen und in die Bewegung des Sichangehens zurückzunehmen. Vernunft ist nicht das Eine, sondern will das Eine. Der Grund zu der Vernunft ist der Wille zur Einheit.

In der überlieferten Sprache klingt mit dem Worte Vernunft der Sinn mehrerer Momente ihres Wesens an.

  1. Erstens das kluge und methodische Denken, die Reinheit der Einsicht auf Grund unbeschränkter Kritik (Vernunft steht im Gegensatz zur Gedankenlosigkeit);
  2. zweitens Selbstbeherrschung und Zucht, damit Vorsicht und Enthaltsamkeit (Vernunft steht im Gegensatz zu Willkür und Unordnung);
  3. drittens Selbsterkenntnis, damit Mass, die Anerkennung der gesetzten Grenzen und Selbstbescheidung. (Vernunft steht im Gegensatz zum Uebermut);
  4. viertens Ruhe, damit Wartenkönnen und Hörenkönnen (Vernunft steht im Gegensatz zum verengenden Affekt, zu Rausch und Traum).

Die Bewegung der Vernunft zeigt ihr entscheidendes Merkmal in dem Willen, die Kommunikation niemals abzubrechen.

> Die Wahrheit ist einfach, das Falsche vielfach.

Schwächung der Vernunft durch Verkehrung in blosse Betrachtung:

Statt verbindlich zu vollziehen, lässt sie unverbindlich sich erbauen an dem, was sein könnte. Sie wird für den, der das vernünftige Denken versucht, ohne selbst vernünftig zu werden, die Rechtfertigung für die Bequemlichkeit des Gehenlassens aller Dinge. Denn alles scheint je eine Weise der Geltung und Anspruch auf Daseinsraum zu haben. An die Stelle inneren Handelns tritt dann der Genuss des Erlebens, an die Stelle der Konzentration die Vielseitigkeit der Zerstreuung. Der Reiz des Mannigfaltigen und die Sucht nach Neuem, Verblüffendem, Erbaulichkeit, Pathetik kommen zur Herrschaft. [S. 986]

Bildung - zur Vernunft

Ähnliches kann man sagen, wo Vernunft auf Unterhaltung (Events) und Genuss - oder auf rein wirtschaftliches, oder rein künstlerisches, oder rein sportliches .... reduziert wird. Gerade deshalb darf Bildung nicht verkommen zu reiner Wissensvermittlung, also dem Eintrichtern von Sprachen, Mathematik und lexikalischem Wissen, aber auch nicht Anwendungswissen, aber auch nicht Kunst - denn alles Wissen das isoliert wird, kann nicht Menschenbildung sein, kann die Vernunft nicht zu vollem Umfang aufbauen. Bildung muss "enzyklopädisch", im Sinn von rund, abgerundet, und universell bleiben, um jedem Individuum die Entwicklung der persönlichen Stärken, wie die Überwindung persönlicher Schwächen, zu ermöglichen. Bildung darf sich nicht auf die Vermittlung von Wissen beschränken, sondern muss insbesondere die Schaffung von neuem, gesellschaftlich gestaltendem Wissen durch Dialog fördern. Bildung darf sich (entgegen meiner früheren Meinung) auch nicht auf eine Befähigung zum Denken beschränken, sondern es braucht auch die Ausbildung der Vernunft, die das Denken erst antreibt und ausbildet, ihm Richtung und Sinn gibt.

Und genau das ist Philosophie: Grundlegende Begriffe des Seins immer wieder aufzunehmen und zu klären, denn, obwohl jeder denkt ihren Bedeutung zu kennen, obwohl jeder sie verwendet, im Glauben ihre Bedeutung klar zu wissen, passieren immer wieder, bewusst (oft mit der unverholenen Absicht der Manipulation des Denkens) oder unbewusst, Verkrümmungen und Verschiebungen. Gerade die Vernunft, als Anleitung und Orientierung des Denkens, bedarf immer wieder Klärung des Inhaltes und der Verkrümmungen ihres Raumes - was nun halt eben doch wieder eine topologische Aufgabe wäre. (Falls das zu abstrakt tönt: In den letzten 30 Jahren galt praktisch nur noch das als vernünftig, was mehr Einkommen, Geld, Vermögen, Wirtschaftlichkeit, Effizienz, Produktivität etc. schafft. Heute sehen das plötzlich fast alle als Irrtum an, bloss weil ein paar grössere Banken sich verspekuliert haben. Es steht zu befürchten, dass nun der autoritäre Staat wieder Oberwind kriegt, was ebenso eine Verkrümmung der Vernunft wäre, eine zudem, die wir historisch bereits mehrfach erfahren haben). Das rechte Mass wird auch diesmal nur aus einem Gleichgewicht an und für sich widersprüchlicher Werte und Intentionen erwachsen. Genau diese Vielfalt braucht die nötige Freiheit, sich ausbilden zu können. Diese Freiheit ist immer beschränkt, wenn einelne Ideen dominieren, zur Ideologie verklärt und angebetet werden.

Martin Herzog, Basel, 5.4.09