Geschichtswissenschaften
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Sloterdijk versucht wieder mal, in wieder mal einem exrem voluminösen Werk, die Welt zu erklären, diesmal anhand eines Sphärenmodells. Bereits die Definition Sphäre: Kugeloberfläche zeigt die Schwäche des Modells, denn Spähren lassen sich zwar leicht zu idealen topologischen Grundelementen hochstilisieren, insbesondere wenn man den Begriff auf Kugel und Feld erweitert, bleiben aber auf 3 Dimensionen beschränkt, ermangeln der Gradienten, der Energien, der Strukturen - insbesondere der Macht - oder werden, wenn man sie auch darauf ausweitet (Sphären der Macht) wieder zu einem extrem diffusen Begriff. Topologisch und geometrisch repräsentiert eine Sphäre jedoch nichts anderes als eine einzige Perspektive, die Zentralperspektive einer Projektion entweder von Kugelinhalt oder von Undenlichkeit auf die Kugelhülle.
Im ersten Band werden dann auch prompt Kreis und Kugel als dominierende Element des Denkens und der Ordnung präsentiert. Allerdings ist diese Symbolik irreführend, denn was die Gesellschaft dominiert ist die Hierarchie, früher als Machthierarchie (Ständische Ordnung, soziale Hierarchie der Geburt), heute als Geldmacht, Plutokratie, also die Pyramide.
Da diese auffällt in der Landschaft in der die meisten durch Herrschaft geplättet wurden, hat sie sich selbst flachgelegt und tritt heute vor allem als Netzwerk in Erscheinung.
Ursprung der Sphäre I ist eigentlich eine Blase: der Uterus, in dem das Kind heranwächst in totaler Abhängigkeit von der Umgebung, der Mutter, die oft lebenslänglich mit Kränkung reagiert, wenn sich das Kind (besonders das männliche) ihrem Einfluss entzieht. (Hier wäre mal eine gewisse Korrektur des Oedipus notwendig, in dem Sinne, dass oft der Sohn nicht aus der Ferne heimkehrt, den Vater tötet und die Mutter heiratet, sondern gar nie in die Ferne kommt, sondern von der Mutter dauernd in Ketten gehalten wird. Sie finden mit Leichtigkeit ausreichend Beispiele dazu, wie etwa Meienberger, wo dieses Verhältnis sehr detailliert beschrieben ist. Der Mensch entsteht also aus einer Nicht-Differenziertheit von Ich und Du, aus Zweiheit (manchmal auch Drei, oder Vierheit).
Die Befreiung des Menschen zur Selbstwerdung ist ein Akt der Entwicklung und Emanzipation (sich von der führenden Hand befreien). "Seltsamerweise" jedoch eilt die Mehrheit der Menschen bloss von einer Hand (Führung) zur andern. Bis zum Ende des Mittelalters lag diese Führung, die Menschen in Unmündigkeit beliess, vor allem bei der Kirche, die heute allerdings kaum mehr gross Eindruck macht:
Ort Gottes - untheologisch gesprochen, Orte der Ko-Subjektivität oder der Ko-Existenz oder der Solidarität - sind etwas, was es nicht einfachhin im äusseren Raum gibt. Sie entstehen erst als Wirkstätten von Personen, die a priori oder in starker Beziehung zusammenleben. ... Inzwischen haben die Apparatkirchen selbst, die reformatorische wie die römische, eher subkulturellen Charakter angenommen; sie sind vorwiegend zu Filteranlagen für Eigennachwuchs geworden und haben ihre Kompetenz, die Liebesprozessionen in den natürlichen Gesellschaften zu moderieren, eingebüsst; ihre Willkommensverheissungen wirken auf die meisten Zeitgenossen wie Ausladungen; zudem hat die allgemeine Krise der Vaterschaft den Patres den grössten Teil ihrer Amtsautorität genommen; an Mitteln und Medien sind die modernen politischen Bemutterungsagenturen den Kirchen längst um ein Vielfaches überlegen; der Rest ist Selbstbezüglichkeit. Auf einer subventionierten Bühne hält sich eine Pantomime der Kinderlosigkeit und der Töchterverachtung mühsam auf dem Spielplan.
Die Aufklärung setzte also auf den frei und selbständig denkenden Menschen, der auch bei Sloterdijk zwischendurch mal positiv erwähnt wird:
Er (LaMettrie: Der Mensch als Maschine) setzte emanzipatorische Hoffnungen darauf, dass Maschinen, die sich selber angemessen verstehen, aus dem Nebel imaginärer, religiös verbrämter Sklaverei ins Freie treten un dies bedeutet aus sensualistischer Sicht: ins genussreiche, von keiner konventionellen Religionsmoral unterdrückte Leben. Während durch die theologiegeborene Innerlichkeit nur hervorgekehrt wird, wie wir uns in Hemmungen, Aengste und Entbehrungen verfangen sollen, geht die Exteriorität vor uns auf als ein Feld, auf dem wir das warhaft Lebendige, das Intensive, das ereignishaft Andere, das uns verwandelt und freisetzt, erwarten dürfen.
Gerade diese "moderne" Initiation des Menschen in das absolute Aussen wird aber wenig später zur Ursache einer allgegenwärtigen Psychose, dem latenten Urthema der Moderne, die den Mensch ent-sphärisiert, linearisiert, ev. gar verpunktet oder in Netzwerken verflicht.
Die Psychose ist seine (Lacans) Wahrheit und Wirklichkeit, von Anfang an und unausweichlich. Er stürzt in die Welt, ohnmächtig und verraten, als der immer schon zerstückelte Körper, der seine Fragmente kaum zusammenhzuhalten vermag. [S. 543]
Denn - der Mensch gedeiht nur in seiner eigenen, höchst privaten Sphäre (is ein Widerspruch zum Rest, stammt aber nicht von mir, zeigt aber beispielhaft, warum Sloterdijk bei mir höchstens unter "postmoderner Sophist", nicht aber als Philosoph fungiert):
Somit sind die Menschen von Grund auf und ausschliesslich die Geschöpfe ihres Interieurs und die Produkte ihrer Arbeit an der Immanenzform, die ihnen unabtrennbar zugehört. Sie gedeihen nur im Treibhaus ihrer eigenen Atmosphäre. [S. 47 I.]
Sloterdijk scheint auch wenig Vertrauen darauf zu haben, dass auch andere Menschen als er selbst, selbständig, produktiv und "richtig" denken können.
Auch für personale Maschinen wäre die Vermutung sinnvoll, dass sie nur in bipolarer, multipolarer Ko-Existenz und inter-intelligenter Parallelschaltung erfolgreich in Gang zu halten sind.
Der zerebrale Individualismus würde verkennen, dass ein Gehirn nur im Zusammenspiel mit einem zweiten, und darüber hinaus mit einem grösseren Gehirn-Ensemble, zu einer gewissen Funktionsfähigkeit erwacht - von einer vollen wagt niemand zu reden. Gehirne sind Medien für das, was andere Gehirne tun und getan haben. Nur von anderen Intelligenzen emfängt Intelligenz die Schlüsselreize zu ihrer Eigentätigkeit. Wie Sprache und Emotion ist Intelligenz nicht Subjekt, sondern Milieu oder Resonanzkreis. Nun ist die prä-alphabetische Intelligenz, anders als die distanzierungsfähig alphabetische, auf ein dichtes Partizipationsklima hin angelegt, weil sie, ganz in Nah-Kommunikation eingebettet, zu ihrer Entfaltung die Erfahrung eines präsentischen Gehirne- und Nerven-Kommunismus braucht. [S 271]
Dies ist nur tendentiell richtig. Es stimmt, dass ein abgeschlossenes, isoliertes Gehirn nicht mehr fertig bringt, als perfekte Mathematik, was die Sonderbegabung einiger Autisten zeigt. Es ist aber doch so, dass das Gehirn vor allem dazu da ist, Sinneseindrücke zu empfangen und zu verarbeiten, also all das was der Mensch sieht, hört, fühlt (mit Hand oder Herz), richt, schmeckt. Diese Eindrücke werden verarbeitet, logisch kombiniert, in Zeitreihen gestellt, memorisiert - wenn auch zum grossen Teil unbewusst. Ein Mensch ist damit in der Lage, sich in der Welt zu orientieren, und zu überleben, selbst wenn er von Wölfen aufgezogen wird.
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Die Eskalation: Besonders im Vorderen Orient, wo die Reiche und ihre Götter aneinander stossen, ist jedes Reden von Gott immer ein Gott-Reden um die Wette. [S. 290] Cornelis Anthonisz 1547: Babil - wo dieSprachen in wirre Vielfalt zerfielen und Verständigung unmöglich machten. |
Einen grossen Sprung macht das Bewusstsein, das Denken, die Intelligenz, durch die Sprache, die erlaubt, Erfahrungen, Gedanken, Meinungen, Wünsche etc. auszutauschen. Zur Sprache an und für sich ist bei Sloterdijk seltsamerweise nichts zu finden. Er beklagt sich bloss irgendwo, ach ja, Band III, S. 899900, dass heute die Redner ausgestorben sind. Die Begegnung zwischen Menschen im Dialog, die wichtigste Interaktion zur Herausbildung des Denkens (nicht bloss der Intelligenz, die als solche eigentlich mehrheitlich vererbt ist), kommt nicht gross vor. Der Abschnitt über die Portraitkunst deutet zwar etwas wichtiges an, bleibt aber diffus. Gerade das Gesicht ist ein Mittel der nonverbalen Kommunikation, einer Kommunikation die bereits Kleinstkinder lernen und beherrschen. Sprachlose Kommunikation. Deshalb wohl die grosse Bedeutung die Protraitmalerei in der Frühzeit und im Mittelalter bis in die Neuzeit hatten. Der Künstler machte über das Porträit den Anspruch und Ausdruck von Macht, sozialer Position, Heiligkeit publik.
Das Gesicht, Antlitz, vermittelt Zugang zum Du, d.h. zu andern Individuen. Diese Erkenntnis stamm von Levinas. Sloterdijk faselt im ganzen 2. Kapitel: Zwischen Gesichtern: Zum Auftauchen der interfazialen Intimsphäre nur rum und äussert sich hier aber erst zur Schrift:
... Erst die Schrift hat den Zauberkreis der Mündlichkeit aufgesprengt und die Leser vom Totalitarismus des gegenwärtigen, im Nahbereich gesprochenen Worts emanzipiert; Schrift und Lektüre, zumal in ihrer griechischen, demokratischen, autodidaktischen Verwendung führten zur Einübung in die Nicht-Ergriffenheit. [S. 272]
Dazu wäre korrigierend anzumerken, dass die Schrift in Europa von der Kirche eingeführt wurde , allerdings mit einer unverständlichen Sprache, und dass sie präzise dazu verwendet wurde, Ergriffenheit und Unterwerfung zu erzeugen.
Zusammenfassung Teil I:
Der Mensch ist psychotisch, weder Kirche noch Mütter und schon gar nicht der Staat helfen ihm da raus.
Spähren haben ein Zentrum und eine Hülle, ein Innen und ein Aussen, sind aber immer zentrisch. Gerade hier übertreibt Sloterdijk im ersten Band, der Abhängigkeit des Menschen von der Geburtshülle. Denn sobald der Mensch daraus befreit (oder geworfen), ist er andern Einflüssen ausgesetzt, vor denen ihn allenfalls die Familiensphäre oder die Sphäre anderer sozialer Gruppen beschützt, während dem in nichts als er selbst schützen kann vor eben diesen sphärischen Störungen und Beeinflussungen, die sich allerdings meist ehr punktuell oder als Spannungsfelder äussern.
Slsoterdijk erscheint bereits hier als Master des Ballaballismus, womit er sich dann noch mehr im zweiten Band auszeichnet, wo alles mögliche in sphärischen Modellen dargestellt wird, also "moderne" Philosophie wieder auf mittelalterlich-mystische Grundlagen gestellt werden soll. Die ellenlangen Erörterungen über Dante z.B. bringen ja gar nix, da es sich dort eher um trichter- (also hierarchische) als um sphärenförmige (aequidistantielle) Strukturen handelt, insbesondere was Hölle und Purgatorium betrifft.
Fazit:
abrakaschwurbelschwurbel

Im zweiten Teil beginnt die Sache eigentlich recht positiv, aus meiner Sicht, mit einem Lob der Vielfalt, der Buntheit. Man fragt sich allerdings bereits hier, warum denn die Schäume des dritten Bandes so schlecht sein sollen, denn die sind doch nichts anderes sind, als ein dichtes Netz von Blasen, also Vielfalt?
Das Eine Sein ist der Reichtum schlechthin. Reichtum aber ist immer Reichtum an Differenzen; die Intelligenz, die sich dem Einen angehörig weiss, kommt zu sich als Ueberfülle an Nötigungen, zu denken, das heisst, sich in der verwirrenden Vielzahl der Unterschiede, Gegensätze, Widersprüche zu orientieren. [S. 28 II]
Nicht das Zuwenig erklärt das Seiende im ganzen, sondern das Zuviel. Sein und Fülle sind nur zwei Worte für dasselebe: das Wirkliche ist im Horizont der klassischen Ontologie immer das Unberaubte, Vollständige, Umgreifende, Ueberfliessende. Es ist das Unzerrissene, Unkastrierte.
Wie könnten Entfremdete der Fülle standhalten, zumal es im falschen Leben kein richtiges gibt? Wie dürften Ausgebeutete, Enterbte, Zerstückelte direkt Gespräch mit dem Ganzen aufnehmen? Wie sollten Menschen, die sich der Nützlichkeit verschrieben haben, dem widersinnigen Luxus des Existierenden fröhnen?Warum sollten sie sich über das Sein Gedanken machen, nachdem der Vorrang der Demokratie vor der Ontologie statuiert wurde? [S. 42 II]
Es werden wahrhaft philosophische Fragen gestellt - allerdings mit Randnotizen die recht seltsam anmuten, wie etwa die Kritik des Vorranges der Demokratie vor der Ontologie.
Eben so ist die "Lösung", aus meiner Sicht natürlich, äusserst fragwürdig, denn hier wird offenbar die Abkehr vom säkularen Staat und eine neue, strenge Verknüpfung von Gemeinschaft, Individuum und Religion gefordert:
Wer das Gemeinwesen gründlicher retten wollte, als die demokratischen Agitatoren und die Marktliberalen es sich träumen liessen, musste die Stadt, die Bürgerseelen und die Götter auf eine neue Weise unauflöslich ineinander verschränken.
Ihrer Tendenz nach geht die platonische politische Theorie auf einen kosmisch gestützten Kommunitarismus aus: Nach ihr können die Stadtgemeinden nur in dem Mass wohlgeraten, wie sie sich als beseelte Körpfer von einem real anwesenden Vernunftprinzip bewegen lassen. Sie wären, wenn sie sich recht verstünden, gewissermassen logische Kirchen oder theonom verfasste Einheiten, als deren Vorsteher am besten die wahren und wirklichen Philosophen fungierten. Für das gewöhnliche Volk dürfte diese heilkräftige Nookratie bis auf weiteres auch durch den traditionellen Götterkult repräsentiert werden, sofern dieser noch guten Glaubens ausgeübt und ohne zu weit Konzessionen an die alten Blutopferscheussslichkeiten vollzogen werden kann. [S. 373 II]
Führung der Philosophie, Nookratie, Führung durch Plodderheinis wie Sloterdijk? Nein danke! Keine Nookratie - aber eine gemeinsam geschaffene Noosphäre, genau so wie sie Teilhard de Jardin sah, der seltsamerweise bei Sloterdijk nicht vorkommt, obwohl ein echter, aber toleranter Jesuit.
Der Begriff der Noosphäre [nooˈsfɛːrə] (altgr. νοῦς nous, „Geist“, Pneuma (s. Stoiker): Der allumfassende Geist, „Verstand“) stammt ursprünglich aus dem Kontext der Theologie und der Philosophie; er wurde erstmals 1922 von Pierre Teilhard de Chardin in seiner Kosmogenese geprägt. Noosphäre bezeichnet dort eine Phase der geistigen Entwicklung, in der die Menschheit zu einem Geist zusammenwächst. In dieser teleologischen Weltsicht ist dieses Ziel die Einheit in oder mit Jesus Christus; Teilhard de Chardin bezeichnet diesen Punkt als Omegapunkt oder auch als Ziel der Geschichte.
Sloterdijk kommt hier nur langsam, unklar, verdeckt mit seinen Vorschlägen hervor. Es ist klar warum, denn sie sind, gelinde gesagt, doch eher seltsam, irgendwo zwischen Symbolmysthik und Dichterherrschaft:
Bei Platon ist die Theologie ganz Morphologie geworden. Indem sie den Gott als höchste Form-Sache erwies, machte sie sich selbst als Kunst vernünftiger Gottesrede allererst möglich. Mit dem Beweis, dass Gott die beste im realisierenden Ganzen mögliche Gestalt besitze und gewähre, ist sie in ihre rationalistische oder konstruktivistische Periode eingetreten; von Gott und Göttern soll von nun an schweigen, wer von der Kugel nicht reden will.
Natürlich hatte die Polis von alters her aus der Ueberzeugung gelebt, dass aufmerksame, ortstreue, in Bürgerseelen präsente Götter ihren Bestand garantieren. [S. 379 II]
Zugleich wird das Fundament aber wieder untergraben, sogar der Argumentation ihr Potential zur Manipulation vorgeschoben:
... Folglich hat der Beschluss, zu argumentieren, seine ideenpolitischen Tücken. Wenn nämlich die Götter beweisabhängig werden, verschieben sich, hypothetisch zumindest, die Grundlagen zugunsten derer, die die besten Argumente für dessen theologische Fundierung beibringen. Platons Einführung des Gottesbeweises liefert das Muster einer konservativen Revolution zugunsten der begründenden Klasse.
Ebenso wenig hält Sloterdijk offenbar von der Systemtheorie, obwohl er scheinbar, aber eben nur scheinbar, nach ganzheitlichen Lösungen sucht:
Vor dem Relief der alteuropäischen Metaphysik betrachtet, betreibt sie mit letzter Konsequenz die Freisprechung und Desinfernalisierung der endlichen Kleinteufel beziehungsweise der organisierten Vernunftsubjekte, die auch wenn sie wollten, unmöglich selbstlos auf den Gottespol bezogen denken und agieren könnten, weil sie vorrangig und ohne echte Alternative in eigenkörperbezogenen Selbstreflexionen, traditionell gesprochen in Selbstsüchten, festsitzen, gleichgültig ob diese als Individualegoismen, Körperschaftsegoismen, Staatsegoismen und warum nicht auch als Kirchen-, Sekten- und Helferegoismen in Erscheinung treten.
Die Moderne ist in logischer Hinsicht der Selbstvollzug des analytischen Mythos, den den kleinsten Teilen den Vorrang vor ihren Zusammensetzungen gibt. [S. 191 II]
Will er also zurück zur absoluten Herrschaft der Religion? Einer Religion der, oder besser des Philosophen, des Herrn des Blablaismus?
Demnach wäre die Hölle nichts anderes al ein Sammelbecken der Zustände, die aus freien Verweigerungen gegen die Kommunikation mit Gott folgen.
... oder ist Sloterdijk bloss ein gerissener Jesuit alter Schule? (Dagegen wehrt er sich) Oder doch bloss ein Zyniker, obwohl er sich auch dagegen mit gegen 1000 Seiten wehrt? Vermutlich ist er eben doch bloss ein Marktschrei(b)er ... Sein Spärenbuch erscheint mir hier, beim 2. Band, also nach rund 2000 Seiten, zwar mannigfaltig, breit, mit vielen interessanten Brocken ... die sich aber kaum zu einem Ganzen fügen, höchstens zu einem Trümmerkometen.
Während runde Vollkommenheiten ohne Rekurs auf Erfahrung entworfen werden können, sind Tatsachen und Unvollkommenheiten induktiv zu ermitteln. Darum war die uranische oder kosmische Globalisierung in der Hauptsache eine Philosophen- und Geometerangelegenheit gewesen; die terrestrische Globalsierung hingegen wird Kartographensache und Seemannsabenteuer werden, später auch Sorge der Klimatologen, der Wirtschaftspolitiker, der Oekologen und anderer Experten fürs Unebene und Verworrene. [S. 803 II]
Spricht hier ein Freund der Banalsierung? Der von Realität losgelösten Vollkommenheit der Symbole? Kritisiert das Resultat der Moderne, die Postmoderne, mit einem autochton postmodernen Ansatz. Gleicht also dem Maler der ein Selbstporträt malt - ohne Spiegel.
Seit Giambattista Vico, dem Gründer der Geisteswissenschaften, die, wie wir zunehmend sehen, besser Sphärenwissenschaften hiessen, ist das Argument ausgesprochen, dass die geschichtliche Wirklichkeit der Völker vor der Moderne eo ipso theopoietisch verfasst sei und dass die Wissenschaft von den Menschen darum die Wissenschaft von den selbstdichtenden Lebensformen sein müsse. Es kommt mit diesem Hinweis der Grund dafür in Sicht, warum in der Moderne die Poetologie - selbst und gerade in den Ersten Dingen - schliesslich der Ontologie und der Theologie den Rang abgelaufen hat: die Reflexivität moderner Kommunikationsverhältnisse liess den gemachten Charakter des metaphysischen Boten-, Beamten- und Zeichenwesens im ganzen in ein so scharfes Licht treten, dass eine Rückkehr zu den alteuropäischen Selbsttäuschungsstandards für immer unmöglich geworden scheint. [S. 772 II]
Wiki: Aristoteles gliedert die Wissenschaften in drei große Gruppen (theoretische, praktische und poietische); die Poetik behandelt einen Teil des poietischen, d.h. ‚hervorbringenden‘ menschlichen Wissens in deskriptiver und präskriptiver Weise. In den Bereich der aristotelischen Poetik fallen zunächst all diejenigen Künste (τέχναι, téchnai), die mimetischen, d. h. nachahmenden bzw. darstellenden Charakter besitzen: Epik, Tragödie, Komödie, Dithyrambendichtung, aber auch Tanz und Musik. Im Verlauf des Werkes zeigt sich aber, dass Aristoteles fast ausschließlich Dichtung im engeren Sinne behandelt, also nachahmende Kunstformen, die sich des Mediums der Sprache bedienen.
Hier treibt Sloterdijk nun wirklich Eulenspiegeleien mit Begriffen. Poietik bezeichnet generell das Machen, das Anfertigen, das Produzieren, also all das was den Homo faber ausmacht. Unter poietische Wissenschaften fallen vor allem die Medizin und das Ingenieurswesen, wie auch Architektur und die andern technischen Wissenschaften. (s. auch Phronesis, die dazu notwendige praktische Weisheit). Während dem in den nachhahmenden/darstellenden Künsten die Fantasie ruhig freien Lauf nehmen darf, ohne grossen Schaden anzurichten, verbietet sich dies aufs strengste bei Medizin, Ingenieurswesen ... und vermutlich auch bald beim kreativen Bankwesen, de neusten Kunstform dieser Gattung. Die Reduktion von Poiesis auf Poesie, Dichtung, Dichtkunst macht deutlich, dass und warum Sloterdijks Beschreibselungen nichts taugen für die Realität. Er betreibt nicht primär Wahrheitsfindung die als Fundament für verlässliches Wissen dienen kann, sondern Dichtung.
War nicht die gesamte Wirtschaftsgeschichte der klassischen Monotheismen ein Grossversuch, das Porto nicht vom Absender, sondern vom Empfänger bezahlen zu lassen? Der Monotheismus war über einer Oekonomie der Dankbarkeit errichtet - angewiesen auf die vorauseilende Dankbarkeit der Empfänger für Botschaften, die jedes Porto wert waren und jede Nachnahme rechtfertigten. Die Moderne hat an deren Stelle die Wirtschaft der Gierigen gesetzt, die investieren, sobald sie erwarten dürfen, mehr zurückzubekommen, als sie eingesetzt haben.
Damit ist Sloterdijk genau das, was er bekämpft, ein Kind der Postmoderne, die er dazu noch unter dem falschen Ausdruck "Moderne" beschimpft. Die "Moderne" begann mit der Aufklärung, der Entfaltung der Wissenshaften, die Verstehen wollten, Zusammenhänge suchten - und die Arbeit erleichtern wollten durch Mechanisierung. Die Postmoderne war die Folge des Missglückens diesen Vorhabens, die Erkenntnis, dass die Systeme zu komplex sind um sie zielgenau beeinflussen zu können. Der Neoliberalismus die Anerkennung dieser Tatsache - und ihre rücksichtslose Ausnutzung. Sloterdijk ist bloss ihr Spät-Kritiker und Totengräber - nicht jedoch der Gestalter neuer Entwürfe. Sloterdijk vermag nirgends ein besseres Verständnis für die Probleme zunehmender Komplexität zu schaffen, in denen die von ihm kritisierten Zustände begründet sind - und bietet damit logischerweise auch keine Lösungen. Schlotterteich ist damit nichts als ein Sophist.
Was man die europäische Expansion genannt hat, ist also - das kann man nie klar genug betonen - nicht ursächlich in der christlichen Missionsidee verwurzelt; vielmehr wird durch die Expansion und das systematisierte koloniale und merkantile Risikohandeln über grosse Entfernungen hinweg das Missionieren, Uebermitteln und Bringen als ein autonomer Tätigkeitstyp (allgemeiner Heiltransfer, Hochkulturexport, Konsultation, generalisierte Erfolgs- und Vorteilsübertragungstechnik) freigesetzt.
Entdeckungen werden ohne die vorherige Genehmigung des Entdeckten gemacht. Ihr Rechtstitel liegt daher in einer höhreren Legitimität. Entdecken kann nur, wer geistig und geschichtlich überlegen genug ist, um mit seinem Wissen und Bewusstsein das Entdeckte zu begreifen. Die Europäer begriffen die Erde als Fundsache und Ressource. Leopold II verwandelte seine Privatkolonie Kongo in das schlimmste Zwangsarbeiterlager der Neuzeit. [Peter Scholl-Latour, zit. S. 947 II].
Wenn die Europäaer in der ersten Runde dieser Weltenkollisionen wie die Sieger aussahen, so vor allem deswegen, weil sie als erste ihr makrosphärisches Immunsystem, ihre Bergung unter einem homogenen katholischen Himmel, zerstört oder verloren hatte und nolens volens zum Pluralismus der Konfessionen und der Imperialismen durchgebrochen waren.
Zwischendurch könnte er einem schon fast wieder sympathisch werden, wenn er mal was richtiges sagt, leider hält dies nicht lange an, denn gleich verfällt er wieder auf hohle Phrasen. Pluralisimus und Imperialismus sind nun wirklich zwei paar Stiefel. Zudem war Europa mit der Aufsplitterung in Katholiken und Protestanten, beide Christen, nicht mehr pluralistisch als die Muslime mit Schiiten und Sunniten oder die Budhisten mit ihren unterschiedlichsten grossen und kleinen Wagen oder gar der Hinduismus mit seiner Göttervielfalt. Die Europäer setzten sich durch, weil sie ihre Werte über diejenigen anderer setzten, und dies mit Gewalt, Gewalt und Rücksichtslosigkeit, über die sie ausreichend verfügten.
Nationalismen, Goldgier und missionarischer Sendungsdrang waren die strukturierenden Elemente der Welteroberung. Beutegier und Sendungswille sind ja auch heute noch die treibenden Ingredienzen des "Erfolges". Gerade die Seefahrt sieht Sloterdijk quasi als Therapie gegen den Verdruss am Leben:
Die Seefahrt bewährte sich neben dem Kloster und dem Selbstmord als der dritte Weg, ein unlebbar gewordenes Leben wegzuwerfen. ... Was hier Ruhelosigkeit heisst, fasst Unternehmensgeist, Frustration und kriminelle Entwurzelung noch ohne Unterschiede zusammen. [S. 875 II]
Mit dem Ende der Abenteurer und Entdecker wurde Arbeit zur herrschenden Therapieform, Karriere zum Abenteuer:
Die Charakterisierung der aktuellen bürgerlichen Welt im Blick auf ihre Mentalitätsverhältnisse und ihre Immunverfassung seit dem 18. Jahrhundert als eine Therapie- und Versicherungsgesellschaft - eine Formation, die sich von der vorausgehenden Religionsgesellschaft deutlich unterscheidet ....
Mit dem Ende der Abenteuer begann auch die Beherrschung der Zeit, ihre immer intensivere Nutzung und Bewertung: Zeit ist Geld - eine Problematik die offenbar keiner Sphäre für würdig gefunden wurde, obwohl gerade das Geld heute eigentlich alle 4 bekannten Dimensionen prägt. Der Boden wird ausgebeutet, die Luft befahren, die See als Abfalleimer genutzt, ja, die Zeit selbst wurde zu Geld:
Es ist die Botschaft Jules Vernes', dass es in einer techisch gesättigten Zivilisation kein Abenteuer mehr gibt, sondern nur noch Verspätungen. Brockhaus 1855: Touristen nennt man einen Reisenden, der keinen bestimmten, z.B. wissenschaftlichen Zweck mit seiner Reise verbindet, sondern nur reist, um die Reise gemacht zu haben und sie dann beschreiben zu können.
Bei Jules Vernes hingegen hat der Weltreisende auch seinem dokumentarischen Beruf zu entsagen und ist zum reinen Passagier geworden, das heisst zu einem Kunden von Transportdiensten, der dafür bezahlt, dass seine Reise keine Erfahrung wird, von der danach noch die Rede sein müsste. [S. 839 II]
Jules Vernes ist der bessere Hegelianer, da er begriffen hatte, dass in der eingerichteten Welt keine substantiellen Helden mehr möglich sind, sondern nur noch Helden des Sekundären: Was Fogg verbleibt, ist ein Heroismus der Pünktlichkeit.
Sloterdijk nölt rum, sieht alles mögliche Schlechte, bietet aber keine Lösungen, keine Ziele. Sphären als analytisches Element taugen eh nicht all zu viel, denn bei diesen Sphären handelt es sich bloss um zentralperspektivische Projektion auf einen Kugelraum, also ein zwar sphärisches, dennoch aber extrem einseitiges Denken.
Der dritte Band ist etwas intelligenter, also auch etwas schwieriger kurzzufassen. Es geht darin vor allem um die Moderne und ihre Auswirkungen, also die Postmoderne und ihren Strukturzerfall:
Die Moderne ist ein vorgeblich vom Pragmatismus betreutes, de facto aber weitgehend unkontrolliertes Freiluftexperiment, mit der gleichzeitigen und sukzessiven Einführung einer undefinierten Anzahl von Innovationen in die Zivilisation. Die multi-innovative Verfassung der zeitgenössischen "Gesellschaft" beruht auf der Annahme, dass die Verdrängungskämpfe des Neuen mit dem Alten (Tarde hat sie unter dem Titel "logische Zweikämpfe" thematisiert) in der Regel zu sozialem Fortschritt führen und dass die Neuheiten friedlich nebeneinander bestehen können, sei es im Modus der reziproken Indifferenz, sei es im Sinn der positiven Kombinierbarkeit und Kumulierbarkeit (nach Tarde: "logische Verbindungen", accouplements logiques). Ueber die Kriterien der Verträglichkeit der Explikationen und Erfindungen untereinander herrscht Unklarheit. Als Erfolg erscheint, was nicht sofort oder mittelfristig zu physischen und kulturellen Katastrophen führt. Ein Teil der Neueinführungen wird durch Märkte bewertet, ein anderer durch staatliche Regelungen moderiert, ein dritter durch Expertengemeinschaften und Moralisten zensiert - das meiste sickert auf unklaren Wegen, jedoch stets durch imitative Wellen verstärkt, in die technischen Anlagen ein und greift mehr oder weniger verzögert auf die "Lebenswelten" über. Wo die Gesinnung der Modernisierung dominiert, stellen sich Populationen programmatisch auf Empfangsbereitschaft für infiltrierende Innovationen ein. [S. 211-12 III]
Der Mensch als Individuum ist, nach Sloterdijk, offenbar das Unmass aller Dinge: multilokal, multiperspektivisch, heterarchisch - statt zentralistisch, einfältig und hierarchisch, was ja wohl die Alternative wäre.
Obwohl er selbst die Vielfalt der Blasen im Schaum zeitweilig positver formuliert: Republik der Räume, jeder mit seiner eigenen Umwelt, mit allen andern Leben verschränkt auf verschachtelter simultaner Bühne in vernetzten Werkstätten produzierend [S. 24 III]
Schwerpunkte dieses Buches sind die Organisation der Zellen, Blasen, Sphären durch Politik, also Palaver in Parlamenten und andern Sitzredeinstitutionen - bei denen aber nur die disjunkten Tagungen halbwegs lobend erwähnt werden, aber kein Vorschlag zu finden ist, wie Komplexität zu meistern sei (logisch, denn Komplexität, also Systemtheorie, ist laut Sloterdijk halt eben bloss "Kleinteufelei".
Die Oekonomie schafft das, als <traurige Wissenschaft>, eben so wenig. Sie biete der Mehrheit nur Armut, was aber ein Irrtum sei, da wir noch nie so reich waren. Das stimmt zwar, aber nicht für alle. Denjenigen allerdings, die sich beklagen, wirft Sloterdijk Veweichlichung und Verwöhnung vor, die staatlich gepflegt werde. Leider fehlt hier jegliche Analyse wirtschaftlicher Strukturen, insbesondere was Entscheidungs- und damit Machtstrukturen wie Verteilungsmodi betrifft. In der Realität wird nämlich der wohl vorhandene Reichtum durch sehr wenige verwaltet, und dies nicht immer mal zum Wohle der Eigentümer, sondern einzige mit dem Ziel der Vermehrung, des Wachstums, der noch intensiveren Vermarktung von Zeit und Mensch. Doch davon nichts in der Analyse. Dazu werden Systemtheorie wie Philosophie bloss veräppelt, aber dies weder kritisch noch konstruktiv, weshalb ich notgedrungen zum Schluss komme, Sloterdijk sei vor allem ein Meister des Ballaballas.
In Nationalversammlung, Zirkus, Sport, Fussball und ähnlichen Unterhaltungsmedien werden MASSEN organisiert, in Canettis Form der Hetzmasse. Da Sloterdijk das Prinzip der Selbstorganisation nicht anerkennt, Politik vor allem als Uebermutter kritisiert, bleibt kaum eine Struktur, die die vielen frei schwebenden Blasen zu einem funktionalen Ganzen, einem Organismus binden könnten. Auch hier, im soziologisch-politischen Bereich bleiben seine Beschreibungen ... ballaballa:
Der organisierten Ueberschätzung der Universitäten steht eine spontane, durch Mangel an Wahrnehmung motivierte Unterschätzung des Tagungswesens gegenüber; kaum jemand macht sich einen Begriff davon, dass die effektiven Lernprozesse der Berufsgruppen, der Subkulturen und der Entscheider-Eliten längst in einem ausserakademischen Konferenz-Zirkus stattfinden. Dessen Unsichtbarkeit ist freilich nur eine Nebenwirkung des Desinteresses der "Gesellschaft" an ihrer wirklichen Verfassung. ... Allenfalls die neueren Multi-Milieu-Studien wahren punktuell den Kontakt zu den Selbstverräumlichungsrealitäten der in diskreten Tagungsrythmen oszillierenden multifokalen "Gesellschaft".
Die praktische Weisheit der aktuellen Tagungs- und Eventkultur besteht darin, dass sie die Tages- und Stundensymbiose von Kollegien und Interessengemeinschaften auf ihrem eigenen Niveau betreut, ohne den Versammelten mit schwülen Ueberinterpretationen ihres Zusammenhangs nahezutreten.Denn obgleich die "Gesellschaft" im ganzen, sei es, dass sie im Singular als Weltgesellschaft gedacht wird oder im Plural als Bevölkerung der Nationalstaaten, unter allen Umständen eine nicht versammlungsfähige Grösse darstellt (und daher nur medial und imaginär totalisierbar ist), bleiben zahlreiche nachgeordnete soziale Gliederungen wie Parteien, Bürgervereinigungen, Verbände, Vereine, Genossenschaften, Clubs und Berufsorganisationen aus institutionellen Gründen vom Motiv der periodischen Versammlung geprägt. Man kann feststellen, dass alles kongressfähig ist, ausser dem Ganzen. [S. 652]
Eine gewisse Bedeutung wird allenfalls noch den Metropolen zugestanden, also den Wohnorten der grossen Philosophen:
Die eigentliche Funktion von Metropolen besteht offensichtlich darin, die nachbarschaftliche Koexistenz von Zentren und Nicht-Zentren zu gewährliesten - nicht in Gestalt einer Superzentrale, sondern als Agglomeration oder Stapelung von diskreten Raumpotenzen der Typen Kollektor, Unternehmen, Wohnung und geformter Fläche unter offenem Himmel.
Die Unordnung (Anomie) wird zwar breit erörtert in Form von Gaskrieg, Staatsterror - Terrorbekämpfung: Moskau als Weltbasis des Terrorismus - im kalten Krieg - der dann durch den <Krieg der Kulturen> abgelöst wurde, wofür nun die Muslime herhalten müssen, aber das hier ist alles was zum Problem der Macht und ihres Missbrauchs zu finden ist::
Deshalb wird die Kriegserklärung faktisch durch den Haftbefehl bzw. Vollstreckungsbefehl gegen den Feind ersetzt. Wer die Interpretationshoheit besitzt, die Kämpfer für eine fremde Sache zu Terroristen zu deklarieren, verschiebt die Terrorwahrnehmung systematisch von der Ebene der Methoden auf die Gesinnung der gegnerischen Gruppe und zieht sich dadurch selbst aus der Bildfläche zurück. Von da an werden Kriegsführungen und standrechtlicher Prozess ununterscheidbar. Die vorweggenommene Justiz des Siegers vollzieht sich nicht nur in der zur disziplinarischen Massnahme erklärten Kriegsführung; sie geschieht auch als Rüstungsforschung gegen den Feind von morgen und übermorgen. [S. 150 III]
Der "natürliche Preis der Arbeit", über den hinaus kein Zuschlag möglich schien, sei jener "notwendige Preis", der es den Arbeitern erlaubt, ihre Klasse sowohl zu erhalten als auch "ohne Zuwachs und ohne Abnahme" fortzupflanzen. Dieser Auffassung zufolge musste die auf liberal-kapitalistische Weise wirtschaftende "Gesellschaft" für immer gespalten bleiben in die wenigen Glücklichen, die als landlords, Geldverleiher oder Fabrikbesitzer von den reichtumsschaffenden Mechanismen des ungleichen Tausches auf scheinfreien Märkten profitieren, und die Ueberzahl der Unglücklichen, die ohne begründete Hoffnung auf Aenderung der Lage in der proletarischen oder agrarischen Kondition festsitzen. Als "traurige Wissenschaft" ist Nationalökonomie eine Schule der abgeklärten Grausamkeit, da sie ihre Adepten zur Resignation vor den angeblichen Gesetzmässigkeiten der Massenarmut erzieht. Die liberale Theorie des 19. Jahrhunderts definiert die Armen als jene, denen nicht zu helfen ist, selbst wenn man den besten Willen dazu hätte. [S. 674 III]
Das Leben selbst nimmt durch die Unterwerfung sämtlicher Dinge unter den Preisdruck Schaden [S. 675 III]
Das grosse Problem der "Gesellschaft im Ueberfluss" besteht darin, mit ihrer eigenen Neuheit, ihrer Emanzipation vom Primat des Mangels, begrifflich wie psychisch nicht zurecht zu kommen. Es lässt sich nicht mehr mit ausreichenden Gründen leugnen, dass die Irritationen der gegenwärtigen "Gesellschaft" fast ausnahmslos von ihrem Reichtum erzeugt werden.
Die Finanzkrise 08 bestätigt dies. Noch nie war so viel Geld im Umlauf - und dennoch müssen nun dem Kreislauf Steuergelder zugepumpt werden, weil er droht zusammen zu brechen.
Mit der Heraufkunft der durchgehend verrechtlichten, in Optimierungsroutinen schwingenden, geldbewegten "Gesellschaft" ist, um noch einmal Hegel zu bemühen, ein "Weltzustand" in Kraft getreten, dessen starkes Merkmal in einer spürbaren Veränderung der existentiellen Gewichtsverhältnisse und Ernstzusammenhänge besteht. Weil aber die levitierte "Gesellschaft" von ihrem eigenen Abenteuer, der in alle semantischen und materiellen Tatbestände eingreifenden Entlastung, den richtigen Begriff nocht nicht gefunden hat oder, wo gefunden, ihn nicht sinngerecht zu verwenden weiss, ist sie der Versuchung ausgesetzt, vor ihren hohen Errungenschaften wie von neuartigen Uebeln und von ihren innovativen Leistungen wie von Missständen ohne Beispiel zu reden. [S. 712]
- was gerade mit dem Crash 2008 wieder belegt wurde.
Die Beschreibung der Folgen der zunehmenden Komplexität unserer Arbeitswelt sind zwar richtig, aber einseitig, also nur halbrichtig. Durch dauernde Innovationen und Restrukturierungen mit dem Ziel der Arbeitseinsparung und -Erleichterung, wird Arbeit zwar leichter und weniger ... aber damit eben auch die Einkommensmöglichkeiten (s. Abbau der landwirtschaftlichen Tätigkeit - und inzwischen längst auch der industriellen. s. Restrukturierungen im 20. JH.). Heute ist die Ernährung der ganzen Bevölkerung durch einen kleinen Bruchteil Bauern in der Bevölkerung möglich, die man dazu noch beliebig beschimpfen darf als Subentionsgärtner wenn sie zu viel produzieren, als Marktbanausen wenn sie zu wenig anbauen ... auch wenn die Nachfrage änder wo die Pflanzen und Tiere schon längst stehen und produzieren. Dieser minimale Anteil an Primärproduzenten vermag sogar noch Exporte zu erzeugen, die, eben subventioniert, dann gleich noch andern Bauern in ärmern Ländern das Leben schwer machen. Folge hiervon war, dass der grösste Teil der Bevölkerung vom Lebenszusammenhang der Agrikultur freigesetzt und in Kontexte industrieller Lohnarbeit entlassen weden konnte, ein Vorgang, der gewöhnlich mit dem Ausdruck Verstädterung umschrieben wird. -Was nicht stimmt, denn in den Städten herrschen primär Dienstleistungen.
Der Wechsel von Subsistenz- zu Geld- und Marktwirtschaft erhöht zwar die Wahlmöglichkeiten, verringert aber die Grundabsicherung. Ein Arbeitnehmer hat heute kein Stück Land mehr, dass ihn ernährt, wenn er seinen Job verliert. Und genau hier begründet sich die Notwendigkeit der gemeinsamen, d.h. eben staatlichen Absicherung.
Für die aktuelle Entfaltung der Wunsch-Vielheiten markiert die Freisetzung von der ländlichen Bindung die entscheidende Zäsur, weil sie für die meisten mit dem Wechsel von der Subsistenzwirtschaft zur Geldwirtschaft einhergeht; sie bewirkt den Sprung von einer in frugalen Bedürfnissen stagnierenden Existenzform zu einem wunschgesteuerten, an höherwertigen Kommoditäten und Luxusobjekten orientierten modus vivendi.
Mit steigenden Einkommen bei den einen, wachsen bei den andern nicht bloss die Wünsche, sondern auch die Kosten (s. Balassa-Samuelson). Es besteht nicht nur eine Aufwärtsmobilität, sondern auch eine Abwärtsmobilität, vor allem aber ein Aufwärtszwang. Vor allem aber bedingen neue Tätigkeiten neue Kenntnisse, Erfahrungen, Wissen - und das kostet, wenn nicht gar Geld, dann zumindest Zeit. Je feiner die Spezialisierung, desto kleiner die Märkte für die Spezialisten, und, dummerweise kaum der "Seltenheitswert", dafür aber das Risiko, keine passende Stelle zu finden (s. Berufswahl). Dazu kommt, dass die Ansprüche von Seiten der Stelleninhaber immer höher geschraubt werden, da sie von Neulingen grad die Kenntnisse erwarten, die sie haben, Erfahrung inbegriffen, die sie erst mit den Jahren erwarben. Dazu kommt, dass Stelleninhaber ihre Stellen gerne mit möglichst hohen Anforderungen auszeichnen, damit die notwendigen Diplome a) den Zugang begrenzen, b) höhre Lohnforderungen begründen. Dies ist ein uraltes Spiel. Es läuft seit dem Mittelalter und dem Aufkommen universitärer Bildung. Diese Aspekte gehen bei Sloterdijk total unter:
Zum Bild des Neuen gehört eine starke soziale Aufwärtsmobilität, getragen von einer beträchtlichen Chancenvermehrung in den Erwerbsbiographien der Einzelnen. Die multifokale Gesellschaft bietet tausend Milieus, um sich anzulehnen, zehntausend Bühnen, um herauszukommen, hundersttausend Treppenhäuser, um aufzusteigen. Jedes Milieu, jede Bühne, jede Treppe bildet ein Mikrounversum des Auftriebs. Die Mobilität nach vorne und oben wird von de traditionellen Disposition der Unterschichten unterstützt, sich an den Lebensformen der Wohlhabenden zu orientieren. [S. 831/2 III]
Wer fleissig und willig ist kann ruhig die hunderttausend Treppenhäuser hochsteigen, wird dort aber oben bloss arme Inländer finden, die sich so doch noch etwas über die armen Ausländer der unteren Stockwerke erheben. Die Leute mit Geld aber, also die Jobs die er sucht, wären in Häusern mit Aufzug, allerdings meist behütet von Portiers oder Sicherheitssystemen. Und präzise hier liegt das Problem: Dort wo das Geld ist, kommen die Leute nicht mehr hin, die Geld brauchen, sondern bloss die, die versprechen, das Geld zu mehren.
Da dem Menschen zunehmend die körperliche Anstrengung fehlt (wodurch er dicker und dicker wird ...), verlegt er sich auf den Sport, Spengler 1914: In ihm ist die befehlende Not durch die gewählte Anstrengung ersetzt worden; auf die Leidenschaft folgt das Steckenpferd; das Spiel hat der Arbeit den Rang abgelaufen, und was als Arbeit auftritt, ist der Ueberfluss, der eine ernste Miene aufgesetzt hat; die Arbeitsämter könnten längst Arbeitsvortäuschungsämter heissen. [S. 725 III]
oder noch schlimmer, Krankheit, Dekor und wirklich überflüssiges:
Unzählige nutzen ihre Ueberschüsse an freier Wachzeit, um ihre Launen, ihre Talente, ihre Krankheiten, ihre Opfersubjektivitäten und privaten Metaphysiken zu elaborieren; enorme Quanten an Aufmerksamkeit, Urteilskraft, Wissen und savoir faire werden von Einzelnen wie Zusammenlebenden in die Ausgestaltung von Wohnungen und Zweitwohnungen investiert; die Umsetzung von Bewegungsdrang in Sport, Musik, Tourismus und zahllosen Arten von Spassaktivismus erreicht ein Niveau, für das es in der Geschichte der Zivilisation kein Modell gibt.
Daneben hat sich im Reich der wachen Nicht-Arbeit ein System des Morbiditätsluxus von beispiellosem Umfang ausdifferenziert. Nächst der puren selbstbezüglichen Bewegung ist das Kranksein die geläufigsten Interpretation der Freizeitchance geworden. [S. 838]
Ist das der selbe, der vor 20 Jahren ein Buch gegen den Zynismus schrieb? Eben so dick, eben so überflüssig.
Ich bin eigentlich nicht für das Leiden, aber auch nicht für die Glückseligkeit. Ich bin ... für meine Laune und dafür dass ich sie jederzeit haben kann. Fiodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. |
Die innere Zeit wird vom Karren objektiver Ziele abgespannt, so dass ein lose driftendes, zweckbefreites, im positiven Sinne arbeitsloses Bewusstsein entsteht, das von der Laune zur Gelegenheit und zurück zur Laune prozessiert - man könnte es die Entdeckung der grossen Ferien aus dem Geist der durchgestrichenen Endabsicht nennen. Es kommt nicht überraschend, dass ein Denker wie Hegel, der alles, was er wirklich gelten liess, allein vom begrifflichen explizit erfüllten Ende her intelligibel machen konnte, in solchen Ansätzen nichts anderes erkannte als Ausbreitung einer haltlosen Willkür auf die objektivierte Welt.
Hier fragt man sich so langsam, ob bei Sloterdijk vielleicht doch ein gewisser faschistoider Zug drin ist, denn, wenn nicht der Einzelne - im Dialog mit andern - wer soll denn solche Endzwecke festlegen? Dass nicht jeder seinen eigenen Lebensstil zur allgemeinen Maxime erheben kann und soll, ist ja einigermassen banal (s. Kant, der hier offenbar doch nicht ganz richtig lag). Die Wortklauberei wird hier wieder mal haarsträubend.
Das Empire - oder: Das Komforttreibhaus; die nach oben offene Skala der Verwöhnung [S. 801 f III]:
Die These, dass das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts im Ausbruch der affluent society aus den Realitätsdefinitionen der Armutsontologie bestanden habe, nimmt ... präzisere Konturen an. Trifft sie zu, muss es möglich sein zu zeigen, dass sich seit kurzem die allgemeinen Bedingungen der Maternisierung - das heisst die Summe aus mütterlichern und allomütterlichen Leistungen pro Kind zuzüglich der neu eröffneten Selbstmaternisierungschancen - im Vergleich mit den Fortpflanzungs- und Aufzuchtverhältnissen der agro-prekären und frühindustriellen Welt durchschlagend verändert haben, und zwar im Sinne einer Wiedergewinnung von hohen Verwöhnungsüberschüssen, die in die Individualisierung zahlloser Einzelner fliesst. ... Die neuen Zustände führen zur Explikation der frühen Kindheit durch die Entwicklungspsychologie und zur Explikation der reiferen Kindheit durch das elaborierte Erziehungswesen.
Ich nehme an für Sie, falls Sie nicht im Slang der Soziologen und Philosophen zuhause sind, tönt das eher chinesisch. Sloterdijk kritisiert hier, dass jeder Mensch immer mehr Zeit hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen - also sich selbst zu entwickeln. Zur Zeit der alten Griechischen Philosophen war das aber mal höchstes Ziel: Erkenne dich selbst, und wurde es auch wieder im Existentialismus: Entwickle dein Sein über das reine Dasein hinaus. Für Sloterdijk scheint der Mensch ausreichend beglückt, wenn er seine soziale Position wahrnimmt und den Weisen lauscht und gehorcht. (Na ja, wenn man bloss wüsste, wo sie sind, die Weisen ...). So lässt er auch am Staat kein gutes Haar, der den Menschen ihr Rüstzeug mitgegeben will auf den Lebensweg:
Der Staat -jetzt auf die "Bürogamie" oder die Politik der Verwöhnung verpflichtet -fungiert seit seinem Umbau zur Wohlfahrts- und Betreuungsagentur als Metaprothese, die den konkreten mutterprothetischen Konstrukten, den sozialen Hilfsdiensten, den Pädagogen, den Therapeuten und ihren zahllosen Organisationen die Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgaben an die Hand gibt. [S. 803 III]
Sozialer Ausgleich, Bildung etc. als Prothesen, als weiche, verweichlichende Müttergabe? Ja möchte der Herr Sloterdijk lieber wieder die Stammesverwöhnung, wo sich die männlichen Stammesmitglieder ihr Gaben mit dem Gewehr holen? (Jemen). Oder meint er, Bildung sei nur was für Aristokraten, die sich diese selbst leisten können? Offenbar hat er, obwohl meist Schulleiter oder gar Professor, eine recht seltsame Einstellung zur Bildung, zum Bildungsbedarf und den Kosten. Vermutlich gehört er genau zu der Sorte an Professoren, die sich "leistungsbewusste" und "leistungsfähige" Schüler selbst aussuchen wollen, kritische und andere Perspektiven also gleich fernhalten. (Ach wie ärgerlich dieses Sch...Internet, wo nun wirklich jeder publizieren kann ...)
Es entsteht auch Einsicht in die systemische Notwendigkeit des Steuerstaates, der unter allen Umständen seiner Berufung zum Reichsein-für-die-Kinder nachzukommen hat - er ist hierin eine sozial-plastische Explikationsgestalt von Allomutterschaft (obschon er über seinen Umverteilungsaufgaben sich selbst und die Seinen keineswegs vergisst); man begreift überdies seine Paradoxie, die in dem Effekt aufscheint, dass der reichste Staat in Ausübung seiner legitimen, oft sozialbürokratisch und klientelistisch überspannten, allomütterlichen Funktionen die grösste Zahl undankbarer Zöglinge hervorbringt; und man versteht schliesslich ebenfalls, warum dies einer strengen systemischen Logik gemäss geschieht. Durch seine komplexe Aufgabe: als Erziehungsstaat, Komfortstaat, Thermostaat, als therapeutischer Staat, als allzuständiger Bereitsteller von Instrastrukturen, Hintergrundsicherheiten und wärmenden distributiven Illusionen allen zu geben, was er hat und kann, weckt der politische Apparat der Ueberflussgesellschaft in unzähligen passiv-aggressiv gemachten Einzelnen die Empfindung, es falle inmitten allgemeiner Fülle und universalisierter Kleptokratie ausgerechnet für sie nicht genug ab. [S. 803-4 III]
Obwohl er auf Seite 625 des selben Buches noch schreibt: Man kann feststellen, dass alles kongressfähig ist, ausser dem Ganzen, untergräbt er hier die einzige systemübergreifende Koordinationsstelle - ohne Alternativen zu liefern, dafür mit den bekannten neoliberalen Plattitüden:
Dieser Eindruck (der Kampf um die Verteilung der Erleichterungsmittel sei das Ernsteste) ist nicht unberechtigt: In einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland geht mehr als die Hälfte eines Bruttosozialproduks vor über zwei Billionen Dollar (2000) durch die umverteilenden Hände der Grossen Allomutter.
Die integrale Verwöhnung ist bestimmbar als Amalgam aus kampfloser Freiheit, stressfreier Sicherheit und leistungsunabhängigem Einkommen. ... Im Innern des grossen Treibhauses ist seit der Wende zum Massenwohlstand die Gleichung von Menschenrechten und Komfortrechten in Kraft gesetzt worden.
Offenbar findet Sloterdijk sogar an den Menschenrechten nichts gutes. Sie könnten also vermutlich verstehen, warum ich ihn nicht ganz ernst nehme ...
Der in der Superinstallation notwendig dominierende Individualismus - man könnte auch sagen, die moderne Weigerung der Einzelnen, ihren sozialen Status zu verinnerlichen - zeigt eine psychohistorische Wandlung an, die sich mit der Neuprägung einer Seelenform durch eine grosse Religion vergleichen lässt: Seine Bedeutung liegt darin, dass er in breitem Ausmass die Freisetzung von unspezifischer Aufmerksamkeit bewirkt. Man versteht die individualistische Welle vermutlich am besten, wenn man sie als eine Luxusform des In-der-Welt-Seins ansieht. Individuum ist, wer den privilegierten Zugang zu sich selbst als Erlebnisbesitzer beansprucht. Hieraus ergibt sich die Mission zum Endverbrauch seiner selbst. Die Ethik des Individualismus erteilt ihren Klienten den Rat, ihre Existenz als einmaliges Angebot aufzufassen. Während es ringsum von Nicht-Ichen wimmelt, es-förmig und du-förmig, weiss das Ich unmittelbar, dass es selten ist. Was es nur einmal gibt, scheint unmittelbar kulturwürdig. [S. 833 III]
<Schwachsinn>, habe ich hier als Randnotiz zugefügt. Solche Ausschnitte zeigen deutlich, wie Sloterdijk wohltönend aber hohl vor sich hin plappert, sich offenbar gern selbst hört, dabei wohl auf den Zuhörer schaut, ob der angezogen bleibt vom Text, was durch Individualismuskritik erreicht wird. Dumm aber ist, dass es, wo kein Individuum, also kein ICH, auch kein Du, und damit kein wir gibt, also keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft, keine Anerkennung von Einzigartigkeit - und Andersartigkeit. Und genau dies scheint das Ideal des Grossmeisters des Blabla zu sein: Orientierung der Einzelnen anhand eines Status, der ihnen von genialen Philosoph-Professor-Leitfiguren zugeordnet wird. Nur wo ein Ich ist, kann es einem andern Ich als Du begegen. Ein Status ist reine Projektion gegen aussen, eben eine Sphäre des Scheins. Die Sloterdijksche Philosophie ist damit eine Philosophie des Scheins, leuchtend projizierter - hohler - Sphären.
Die Zustände legen den Schluss nahe, dass zivilisationsweit - über den grösseren Teil des Spektrums sozialer Schichtungen hinweg, Ungleichheiten zwischen Milieus und Nationen eingerechnet - ein geschichtlich nicht bekannter Maternisierungs- und Erziehungsluxus zum allgemeinen Standard geworden ist. [S. 834 III]
In Wirklichkeit verbirgt sich unter dem Freizeit-Klischee ein anthropologisch folgenschwerer, nicht leicht zu überblickender Tatbestand - man könnte ihn als Explosion von Selbstaufmerksamkeit umschreiben. Ihre unmittelbare Konsequenz ist die allgemeine Unterwerfung des Lebens unter die Alternative von Langeweile oder Unterhaltung. [S. 836]
- oder Zwangsarbeit ... Offenbar hat Sloterdijk ein Menschenbild, das keine "konstruktiven" Interessen und Möglichkeiten kennt, wenn es nicht in einen Produktionsprozess eingespannt ist. Offenbar teilt er dennoch Gehlens Meinung nicht, dass der Mensch ein Mängelwesen sei, also dauernd nach Vervollkommnung streben sollte. Oder meint er, der Mensch müsse sich mehr für den andern Menschen interessieren ... obwohl der ja auch bloss ein Ich ist, dem es primär um sich selbst geht? Er bleibt nicht bloss diffus, er sagt überhaupt nichts klar.
Aus einem verwandten Geist mutwilliger Selbstbelastung haben die Fundamentalontologen ein Recht auf Gebrauchtwerden durch die bedeutsamen Angelegenheiten des gezeitigten Seins für sich reklamiert. Listig sprach Heidegger vom "Unumgänglichen" - der Preis des Verzichts auf die Annehmlichkeiten zeitgemässer Zerstreuung erschien ihm für die Allianz mit dem Schwerepol nicht zu hoch. Der Geste nach ist Simone Weils christliche Qualsucht hiermit vergleichbar, die sich in der Doktrin niederschlägt: "Gleich nach der Einwilligung in den Tod ist die Einwilligung in das Gesetz, das die Arbeit zur Lebenserhaltung unentbehrlich macht, der vollkommenste Gehorsamsakt, den zu vollbringen dem Menschen gegeben ist." Soll heissen: Weil körperliche Arbeit ein täglicher Tod ist, müsse sie zur spirituellen Mitte des sozialen Lebens werden. Man braucht kein Psychoanalytiker zu sein, um zu sehen, wie in solchen Gebärden Abkömmlinge des Primärmasochismus zur Wirkung kommen, der sich als nach innen gekehrte Sparwut oder als Sucht, sich selber streng anzufassen, äussert. Nietzsche: "Der Mensch hat eine wahre Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen ... Kaum lässt sich leugnen, dass die Phänomene wie in einem adlerianischen Jargon verfasst erscheinen - wobei es nicht so sehr organische Minderwertigkeiten sind, die durch hohe Leistung kompensiert werden wollen, sondern existentielle Stimmungen von Bedeutungslosigkeit und Ueberfluessigkeit, die durch die Flucht in die Unentbehrlichkeit ihr Gegenteil postulieren. [S. 727 III]
Auch hier: verbuos, eloquent, geschwätzig, Heideggert ein bisschen- denn wie verträgt sich nun diese Kritik am Leistungsmodell mit der wenig vorher und nacher wieder augenommenen Kritik an der generellen Verweichlichung und Verwöhnung? Ueberflüssig zu sein - aber gedrängt zu werden, sich unentbehrlich zu machen, am Arbeitsmarkt, das ist ein weit verbreitetes und zunehmendes Schicksal, dem solch dämliche Sprüche nicht gerecht werden.
Max Frisch formuliert präzise: Es war nicht Leid, nicht Not, wie er früher befürchtet hatte; es war nur die Leere, und das war schlimmer, es war ein Dasein von Teppichklopfern. [Zit. S. 729 III]
Sloterdijk zeigt aber nur seine persönliche Lösung:
Die Wende soll vom Leerbleiben in der Entlastung zur Neubelastung durch etwas epochal Wichtiges, Notwendiges führen; sie setzt auf den therapeutischen Wert des Wichtigtuns. [S. 732 III]
aha, drum. Hier weiss er ja nun wirklich, wovon er redet ...
Alternativen? Lösung? Lösung für überflüssige Arbeitskräfte, Arbeitskräfte die nicht gebraucht werden im Produktionsprozess, der über die Berechtigung zum Konsum, ja zum Leben entscheidet? Konstruktive Ansätze, wie mit Armut umzugehen sei? Nix, nada, niente. Dafür veräpplung aller Einstellungen, egal ob links oder rechts: Der dominierende Diskurse nach 1918:
Entweder man unterwarf sich resignativ den ewigen Gesetzen von Massenarmut, die nur eine kleine Zahl von Gewinnern im bösen Spiel der Konkurrenz zuzulassen schienen, oder man träumt sich mit militanter Kühnheit vorwärts an ein reiches und egalitäres Ende der Geschichte, das nahe sei, sobald die Produktivkräfte der "Gesellschaft" in die richtigen Hände gelangten. [S. 693 III]
Na ja, das Ende der Geschichte wurde zwar von der andern Seite ausgerufen, der die Ungleichverteilung mit ihren entsprechenden Bereicherungsmöglichkeiten im Optimum schienen, bis auch sie bemerken mussten, dass Bürger ohne Geld schlechte Konsumenten sind ... die irgendwann einfach die Hypotheken nicht mehr bezahlen (können).
Armut gibt es für Sloterdijk nicht. Punkt. Da braucht man sich auch nicht drum zu kümmern. Einfache Lösung. Armut ist Betrug ist eine skandalöse Verschwendung der öffentlichen Hand, ein "Denkzwang:" Wer von ihr (der Mangel-Optik) andere Beschreibungen anzufertigen wagte als die üblichen, politisch und humanistisch korrekten Krisenbilanzen, würde sich als Zyniker verdächtig machen; wer nicht an zahllosen internen Fronten die Nöte erkennt, die zum Himmel schreien, wird schnell als Agent des Sozialabbaus identifiziert. Verwaltung des Schein-Mangels ... Die Not-Lüge redigiert den Text
Der Mangel an Mangel erscheint inzwischen um vieles blamabler als die offene Armut. [S. 688 III]
Das Fazit ist eindeutig: Der Typ steht schlicht neben den Schuhen und ist als Philosoph (Wahrheitssuchender) unbrauchbar.
Vergleichen wir mal das Blasen-Balla-Balla Sloterdijks mit dem, was Levinas über das Wohnen sagt, als Ort des Bei-Sich-Seins, wo kommt er auch hier flach raus:
Die Wohnung wird zur Ignoranzmaschine oder zum integralen Abwehrmechanismus ausgebaut. In ihr findet das Grundrecht auf Nichtbeachtung der Aussenwelt seine architektonische Stütze. Bei-sich-sein, Zeitverwaltung, Habitusgestaltung, Ignoranzmanagement, Selbstkomplettierung und Ko-Isolation.
Die einzelne Blase im Wohn-Schaum bildet einen Container für die Selbstverhältnisse des Bewohners, der sich in seiner Wohneinheit als Konsument eines primären Komforts einrichtet: Ihm dient die vitale Kapsel der Wohnung als Schauplatz seiner Selbstpaarung, als Operationsraum seiner Selbstsorge und als Immunssystem in einem kontaminationenträchtigen Feld aus connected isolations alias Nachbarschaften. [S. 576 III]
s. Hirschhorn: Hotel Democracy. Hirschhorn definiert zwar diese Schachteln als "kommunikativ" und "kooperativ", einfach mal weil sie immer noch Fenster und Türen haben.
Als Kommunikator und Ich-Ueberwinder darf sich aber gerade ein Typ wie Sloterdijk kaum sehen, der eigentlich bloss mit sich selbst redet, viele Worte auf viel Papier mit viel Geist verwechselt:
An dieser Stelle wird deutlich, wo die Interessen einer pluralistischen Sphärologie empirisch greifen: Es ist ihr darum zu tun, mit neuen Beschreibungsmitteln an die Rekonstruktion von konsubjektiven oder surrealen Animationsräumen heranzugehen. [S. 722 III]
jalla balla äh pff brrr etc. Blablaismus. Ich scheiss auf surreale Animationsräume, aber noch mehr auf Sphärologen, welche die intersubjektive Abstimmung - oder konsubjektive Gestaltung der Zukunft, lieber selbst durchführen. Das ist Sache der sich begegnenden Subjekte, nicht der Vielschreiber. Sloterdijk profitiert aufs äusserste genau von den Zuständen, die er kritisiert - nicht aber korrigiert:
Unnötig zu sagen, dass die gesamte literrische und musikalische Kultur an der Chance hängt, freie Wachzeit für Lesen, Hören, Ueben und Vergleichen aufzuwenden. Zu notieren ist: In der Geschichte sämtlicher Zivilisationen wurden, entgegen gängiger Kulturkritik und Verfallstheorie, noch nie so viele Zeiteinheiten in das Lesen von Büchern, Magazinen und Zeitungen, das Hören von Musik aller Gattungen, das Betrachten von Fernsehprogrammen, das Besuchen von Filmen, Talkshows, Bühenstücken, Kabaretts, Podiumsdiskussionen etcetera investiert, wie in der Gegenewart; die grösste Zahl von Sängern und Instrumentalisten höchsten Ranges praktizieren heute; die Menge der Romanciers, der Lyriker, der Schauspieler, der Regisseure und Künstler aller Ebenen und Kategorien befindet sih auf einem geschichtlichen Höchststand; (nur Redner von Profession sind nahezu ausgestorben); die absolute Mehrzahl der Orchester, der Opernhöuser, der Chöre, der Tanzgruppen, der Sprechtheater sind in der Gegenwart aktiv. Sie alle dürfen Publikumssegmente voraussetzen, die bereit sind, Unterhaltung, Kunst und Information gegen Aufmerksamkeit zu tauschen. [S. 899/900]
Mei, da hat der Herr Sloterdijk aber Schwein gehabt, denn sonst würde sich ja wirklich niemand die Zeit nehmen, fast 3000 Seiten überflüssiges Geschreibsel durchzulesen.
Ich hab den ganzen Kokolores gelesen, weil ich dachte, da müssten schon ein paar Ideen drin sein für eine Topologie des Wissens, denn immerhin projiziert der Herr Sloterdijk die ganze Geschichte und Welt auf Sphären. Dummerweise sind seine Ansichten über Philosphie aber eher literarischer (s. poietik) als wahrheits-suchender Art:
Doch wie immer die Definition der Philosophie lauten mag: Sie ist in erster Linie eine Agentur für hyperbolische Ordnungsunterstellungen hinsichtlich all dessen, was der Fall ist. Ordnung bedeutet Platzanweisung. Man begreift leicht, warum es sich hier nach Ton und Tendenz um eine erbauliche, das heisst zweifelabsorbierende Auskunft handeln muss, die den konfusen Sterblichen, den im Anfangsirrtum des spontanen Pluralismus verfangenen Einzelnen, mit einer autoritativen Aussage über letzte, nur von Experten ganz einsehbare, holistisch verfasste Struktur- und Tiefenwahrheiten konfrontiert. Gleichwohl bringen die Verhältnisse es mit sich, dass das Evangelium von der unsichtbaren Harmonie des Ganzen auch dem Laien gepredigt und in sein Führwahrhalten eingesenkt werden muss. Wer das verstanden hätte, würde den Willen zeigen, an dem ihm zugewiesenen Platz ruhigzuhalten. [S. 282
Tönt gut - übersieht aber, dass es in der Philosophie nicht nur um das geht, was der Fall ist, sondern ebenso um das, was der Fall war - und was (der Fall) sein sollte. Tiefenwahrheiten dienen dazu, Menschen per Sachzwang festzulegen. Aber darin ist die Oekonomie heute weitaus geschickter als die Philosophie ... Letzter hätte aber eben die Aufgabe zu zeigen, welcher Art diese Wahrheiten sind, nach denen zu richten von den Menschen gefordert wird.
Tönt beim zweiten Hinsehen eben präzise nach dem Philopfaschismus, der mir weiter oben schon mal aufstiess. Predigen, das Führwahrhalten prägen, Menschen an dem ihnen zugewiesenen Platz ruhig halten ... das ist Sache von Religion, Schule, Polizei und andern Predigern - nicht aber von Philosophen. Eben so seltsam also der Vorblick über die Stagnation/Entwicklung auf dem Gebiete:
Die europäische Denk- und Lebensform Philosophie ist unleugbar erschöpft, die Biosophie hat ihre Arbeit eben erst aufgenommen und die Theorie der Atmosphären hat sich erst vorläufig konsolidiert, die Allgemeine Theorie der Immunsysteme und Kommunsysteme steht in ihren Anfängen, eine Theorie des Ortes, der Situationen, der Immersionen kommt zögernd in Gang, die Ersetzung der Soziologie durch die Theorie der Netzwerke von Akteuren ist eine noch wenig rezipierte Hypothese. .... Nur eines ist deutlich: Wo man Verluste an Form beklagte, stellen Gewinne an Beweglichkeit sich ein. [S. 25-26 III]
Das Ersetzen der Soziologie (komplexe Systeme, Topologie) durch Netzwerke, zeigt wieder eine sehr beschränkte Auffassung, denn Netzwerksphären sind ziemlich löcherig, also kaum geeignet, irgend was vollständig zu repräsentieren.
Anthroposphäre als 9-dimensionaler Raum, also die sloterdijksche Topologie des Menschen:
ev. Uebernehmen für Topologie:
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Martin Herzog, Basel, 31.12.08
Nachtrag 15.2.2010 zu Sloterdijks: Du musst Dein Leben ändern:
Schon wieder ein Buch von Sloterdijk, schon wieder die übliche Manier: So weit verständlich, dass jede(r) einen Satz findet, der ja sooo toll ist - aber keiner ausreichend davon versteht, dass er sich trauen würde, den "grossen Philosophen" zu kritisieren - auch dann nicht, wenn der bloss so ein bisschen lässig bis fahrlässig vor sich hin palavert. Kernpunkt Training: Trainiert wird ein Können, mit einem bestimmten Ziel, einer Vorgabe. Sloterdijk bleibt die Antwort schuldig, woher Ziel und Vorgabe kommen. Der "Erwerb einer Ko-Immunität, statt der <zersplitterten idiotischen Kollektive>, die wir gerade im Schweizer Föderalismus eigentlich sehr schätzen und pflegen, ist doch ein Witz. Immunität gegen was? Gegen Marsviren? Gegen dummes Geschwafel wäre wichtiger ... aber das ginge natürlich den Sophisten ans Lebendige.
Was dahinter steht sieht man am besten anhand des Lobes des Athleten - der sich an der Olympiade bewährt. Olympiade ist aber kein Massensport, sondern eine handvoll semiprofessioneller Athleten - denen Milliarden untätig zusehen. Das aktuellste Beispiel dazu ist wohl Alingi und Oracle. Da haben Bertarelli und Ellison je 100 Millionen $ für ihre Boote ausgegeben, und zusammen glatte 400 Millionen für Gerichtsstreitigkeiten. So was noch als Sport zu bezeichnen ist lächerlich - auch wenn viel Training drin steckt. <Das Nötige tun, um zu den Besten zu gehören, zur Aristie> führt zur präzise der selben Aussage: Wettbewerb über alles - Herrschaft der Aristokratie. Wir brauchen aber weder planetarische Ko-Immunität, sondern (bloss) Verträglichkeit, im Sinne von Leibniz, und wir wollen keine planetarisch-effektive Lebensstruktur, sondern möglichst kleine Strukturen, gegenseitig verträgliche Strukturen, die jedem Weltenbürger erlauben, seine Freiheit und Individualität auf seine Weise zu leben.