_______________________________________

Rudolf Carnap's logischer Empirismus:

Für jede Wissenschaft ist ein eigenes Sprach- und Logiksystem möglich. Die Bedingung ist bloss, dass sie funktionieren.

[Thomas Mormann: Rudolf Carnap. becksche reihe denker. München 2000]

Rudolf Carnap (1881-1970), geboren in Bonsdorf, Wuppertal, studierte in Freiburg und Jena Philosophie, Mathematik und Physik, hörte Logik-Vorlesungen bei Frege, hielt nichts vom verlogenen und hohlen Wilhelminischen Staatswesen - vertrat aber eine unpolitisch-pazifistische Einstellung, wenn auch eher internationalistisch, pazifistisch, sozialistisch orientiert. Diese Einstellung war so einfach das naturgegebene Widerstandsmodell gegen <nationalistisch-imperialistisch-autoritär>.

1921 legte er seine Dissertation vor mit dem Titel Der Raum. Ein Beitrag zur Wissenschaftslehre. Mit Moritz Schlick, Herbert Feigel, Gödel, Otto Bauer, Neurath und weitern gehörte er zum Kern des Wiener Kreises der den logischen Empirismus entwickelte und vertrat. Dieser wurde abgelöst durch Poppers kritischen Rationalismus, in dem die Möglichkeit der Widerlegung zum eigentlichen Kriterium von Wissenschaftlichkeit (gegenüber Metapyhsik) wird. Kritik wird hier, anders als beim Kritizismus, der alles aus irgendwelchen Perspektiven kritisiert, systematisch auf die der Theorie zugrundeliegenden Beobachtungen angewandt, dient der Überprüfung auf Selbstwidersprüche, auf Widersprüche zu empirisch-wissenschaftlichen Theorien sowie als Erfolgskontrolle hinsichtlich des zu lösenden Problems. Gerade der letzte Gesichtspunkt stammt recht eigentlich aus Carnaps logischem Empirismus, dessen Kernfrage war: funktioniert es? (Ein Konzept das mir als Ingenieur doch recht nahe steht).

Der logische Aufbau der Welt: In diesem Werk macht Carnap deutlich, dass für ihn wissenschaftliche Philosophie ein kollektives Unternehmen ist, bei dem es darum geht, in enger Zusammenarbeit mit den Einzelwissenschaften und anderen am Fortschritt der Gesellschaft interessierten Kräften, wozu insbesondere auch Kunst und Architektur gehören, am Aufbau einer modernen sozialistischen Gesellschaft mitzuarbeiten.

Der logische Empirismus steht an der Schnittstelle zwischen analytischer (amerikanischer) und kontinentaler Tradition:

Man könnte den logischen Empirismus also bezeichnen als einen auf Phänomenologie aufbauenden Konstruktivismus. (Meine Definition. Nicht in philosophischen Prüfungen als Antwort verwenden ....). Dieser Konstruktivismus basierte aber auf einer recht straffen

Kants Konstitutionstheorie - und Konventionalismus (Poincaré)

Carnaps Idealisierungen sind, wie alle Idealisierungen, in den Wissenschaften, nicht "falsch" oder "richtig", sie sind vielmehr Konventionen, die nach ihrer Zweckmässigkeit und Fruchtbarkeit zu beurteilen sind. Dies Anschauung setzte sich durch, als immer mehr, bisher fraglos anerkannte Grundsätze, ins Wanken gerieten, ja das ganze Weltbild aus den Fugen geriet mit:

Für jedes Konstitutionssystem sind zunächst seine "Grundgegenstände" zu bestimmen. Ihre Wahl ist konventionell, aber nicht beliebig. Es bestehen klare Regeln betreffend der Bauelemente wie der Architektur:

  1. Der Positivismus hat hervorgehoben, dass das einzige Material der Erkenntnis im unverarbeiteten, erlebnismässig Gegebenen liegt; dort sind alle Grundelemente des Konstitutionsystems zu suchen.
  2. Der transzendentale Idealismus, insbesondere neukantischer Richtung (Rickert, Cassirer, Bauch) hat aber mit Recht betont, dass diese Elemente nicht genügen; es müssen Ordnungsgesetze hinzukommen, unsre "Grundrelationen".

Ein solches Konstitutionssystem ist eine rationale REKONSTRUKTION & Ein solches Konstitutionssystem ist eine RATIONALE Rekonstruktion. Erkenntnis ist somit immer strukturelle oder formale Erkenntnis.

Den Unterschied zum kantschen synthetischen Apriori erblickt Carnap darin, dass sein Apriori nicht eindeutig bestimmt, sondern in mancher Hinsicht frei wählbar ist. Carnap schlägt für diese Art von konventionalistisch unbestimmten Apriori den Ausdruck "hypothetisch-deduktives System" vor.

Hypotetisch-deduktive Systeme sind auch in der Eristik beliebt, sie entstehen überall dort wo jemand seine Argumentation damit anfängt: Nehmen wir doch mal an dass .... Hier ist es zulässig, ja nötig, das System selbst auf strukturelle Konsistenz und funktionale Ergiebigkeit zu prüfen. Systeme die nur dazu dienen, dass man was behaupten kann, sind reiner Sophismus.

Die wissenschaftliche Auffassung des Wiener Kreises verstand sich als Teil eines umfassenden modernistischen Programms, das gesellschaftliche und politische Aufklärung mit einem wissenschafts- und technikgläubigen sozialwissenschaftlichen Konstruktivismus zu verbinden trachtete. ... Es gab nichts "Endgültiges", "Absolutes" oder "Tiefes" aufzudecken, es galt etwas Funktionierendes zu konstruieren. [S. 24/25]

Carnaps Verhalten war bestimmt von einer radikalen Rationalität, die manchmal auch als Kälte und Rücksichtslosigkeit gedeutet werden konnte.Er trennte scharf zwischen Tatsachenurteil und Werturteil. Die pragmatische Idee eines stetigen Uebergangs zwischen Tatsachen und Werten hätte er abgelehnt.

Ein Student von Schlick beschreibt Carnaps ersten Vortrag wie folgt: Er sprach über seine Raum-Zeit-Topologie wie vielleicht ein Ingenieur die Struktur einer Maschine erklärt, die er gerade erfunden hat. Für die Nichtlogiker machte Carnap den Eindruck überhaupt kein Philosoph zu sein.

Metaphysikkritik des logischen Empirismus/Neopositivismus

1931-35 lehrt er in Prag, einer Insel der Freiheit und Vernunft, 1936 zieht er in die USA nach Chicago.

Die Logik muss insofern zu einer Metaphysik der wirklichen Wissenschaften werden, als sie die realen Prinzipien begreifen muss, um die That des Denkens innerhalb ihres Gebietes zu verstehen und dadurch erst zur wahren Logik zu werden. ... Logik im vollen Sinne, d.h. Logik als philosophische Theorie der Wissenschaften ist immer angewandte oder, wie man vielleicht auch sagen könnte, "empirische" Logik. [S. 39]

Hauptanliegen des logischen Empirismus war es, genaue Kriterien angeben zu können, nach denen man philosophische Methoden als gültig bzw. ungültig beurteilen kann.Wichtigste Vertreter: Russell, Wittgenstein, Mach.

Metaphysikkritik war Teil des Kampfes gegen Aberglauben, Theologie, traditionelle Moral, kapitalistische Ausbeutung der Arbeiter etc.

Ein Resultat dieser Anstrengungen war <die physikalische Einheitswissenschaft> (Physik erklärt alles. Ein extrem reduktionistisches Konzept das gescheitert ist.) - und später eine Konzeption von der Philosophie als Syntax der Wissenschaftssprache - womit Carnap eigentlich einen grossen Teil von Wittgenstein bereits vorwegnimmt.

Carnap orientierte sich an der System-Konzeption, die von Neurath vehement abgelehnt wurde: Alle Naturgesetze, einschliesslich derer, die für Organismen, Menschen und menschliche Gesellschaften gelten, sind logische Folgerungen physikalischer Gesetze, d.h. derjenigen Gesetze, die f'ür die Erklärung anorganischer Prozesse gebraucht werden. Die logische Struktur der Beziehungen zwischen Theorien verschiedener ontologischer Schichten erwies sich als viel komplexer, als es der Reduktionismus Carnaps vermutet hatte. (Einfacher ausgedrückt: Diese Theorie war und ist Bullshit).

Der Gegensatz zwischen einer systematischen und einer enzyklopädischen Konzeption physikalischer Einheitswissenschaft ist zwischen Carnap und Neurath nie ausgetragen worden. doch: s.Protokollsatzdebatte

Die zwei Begriffe systemisch / enzyklopädisch die hier fast nebensächlich erscheinen mögen, verlangen etwas mehr Aufmerksamkeit. Die meisten Wissenschaftler und Philosophen sehen sich im Umgang mit normal Denkenden häufig dem Vorwurf ausgesetzt: Viel zu kompliziert, das muss doch einfacher zu sagen sein. Zu sagen schon, in rethorischer Reduktion, aber nicht zu begreifen. Soll etwas wirklich verstanden werden, müssen Inhalt wie Umfeld des Begriffs klar sein (enzyklopädisches Vorgehen), muss die Sache aber auch in ihrer Einbettung in andere Dinge oder Funktionen gesehen werden, als systemisch. Da Systeme aus eben diesen + seiner Umwelt bestehen, gehen bei Systemen eher als bei enzyklopädischer Aufarbeitung wichtige Einfllüsse verloren, da sie als " Umwelt" klassiert - und abgeschrieben werden. Dazu Lotzes Beschreibung des Denkvorganges:

Durch diese Beispiele, welche sich auf die allbekannten Formen des Denkens, auf Begriff, Urtheil und Schluss erstrecken, glaube ich hinlänglich den Ueberschuss der Leistung deutlich gemacht zu haben, welchen das Denken vor dem blossen Vorstellungsverlaufe voraus hat: er besteht überall in den Nebengedanken, welche zu de Wiederherstellung oder Trennung einer Vorstellungsverknüpfung den Rechtsgrund der Zusammengehörigkeit oder Nichtzusammengehörigkeit hinzufügen. ... Hierin also, in der Erzeugung jener rechtfertigenden Nebengedanken, welche die Form unseres Auflassens bedingen, nicht in der blossen Sachgemässheit der Auffassungen, liegt die Eigenthümlichkeit des Denkens, der unsere ganze spätere Darstellung gilt.

In der That, ohne die Gesammtheit des Wahrnehmbaren durch den Gegensatz von Dingen und ihren Eigenschaften zu gliedern, ohne die Annahme einer Abfolge von Wirkungen aus Ursachen, ohne die bestimmende Macht endlich des Allgmeinen über das Besondere, ist uns jede Auffassung der umgebenden Wirklichkeit völlig unmöglich. [Lotze: Logik. Erstes Buch. Vom Denken. Phil. Bibl. Bd. 421. Felix Meiner Verlag. Hamburg 1989. S. 8-9]

Eigentlich liegt die Sache noch schlimmer, denn nicht nur Systeme schliessen ihre Umwelt aus, sondern auch Begriffe, worauf vor allem Spencer-Brown mit seinem Gesetz der Form hingewiesen hat.

Nach der Ueberwindung der Metaphysik ging es um die Ueberwindung von Intuition und Spekulation, zur Wandlung der Philosophie in eine rationale Form der Erkenntnistheorie. Allerdings vermischen sich hier unterschiedliche Sphären, nämlich die Sphäre der Fakten, die durch die Wissenschaftssprache dargestellt werden, mit der Sphäre der Wissenschaftslogik, der Rückführbarkeit, so dass ein Pseudo-Objektsatz ensteht. Ein solcher Hybrid erweckt den Eindruck, als könnte die Wissenschaftslogik über ein wissenschaftliches Faktum noch mehr sagen als die Wissenschaft selbst. [S. 127] Das führe direkt zur Metaphysik ...

Phänomenologie wird als Gegenposition zur analytischen Philosophie betrachtet

Carnaps berüchtigte, 1934 in Syntax formulierte These, die Philosophie sei nichts anderes als die formale Strukturtheorie der Wissenschaftssprache, ist nur der radikalste aus einer Vielfalt von Vorschlägen, das Trendelenburgsche Logikproblem zu lösen.

Es findet eine Abwendung von der Korrespondenztheorie (Aussagen sind genau dann wahr, wenn sie mit den Tatsachen in der Welt übereinstimmen (korrespondieren)) zur Kohärenztheorie der Wahrheit ( eine Aussage wahr, wenn sie Teil eines kohärenten Systems von Aussagen ist) statt.

> Hier schlagen Konfettidialog und Collage quer, da die Kohärenz entweder völlig fehlt, oder durch Intentionalität (persönliche Absichten) verbogen ist. Hier zeigt sich auch der wichtigste Unterschied zwischen philosophischem oder wissenschaftlichem und eristischem Sprachgebrauch:

Fazit:

Metaphysikkritik ist unabschliessbar. Wir können in der Philosophie nicht erwarten, jemals "absolute Gewissheit", "Letztbegründung" oder auch nur vollständige begriffliche Klarheit zu erreichen. [S. 77] Das selbe gilt ja für die Wissenschaft genau so.

Kritisch ist zum logischen Empirismus vor allem zu sagen (nebst der Tatsache, dass er leicht zu extremem und damit unbrauchbarem Reduktionismus führt), dass:

Was vom logischen Empirismus bleibt - aber offfensichtlich übersehen wurde: Sprachspiele sind Spiele nach Regeln, nach Regeln der Logik.

Denker wie Wittgenstein und Frege betrachteten die Sprache wie die Logik als universales Medium des Denkens und der Erkenntnis. Die EINE Sprache und die EINE Logik waren transzendentale Bedingungen des Denkens und Sprechens, die nicht selbser wieder zum Gegenstand der Sprache und Logik gemacht werden können. Das Reden über die (semantischen) Beziehungen zwischen Sprache und Welt war eine metaphysische Anmassung. Das Reden über die "Bedeutung" von Ausdrücken galt als gefährlich und irreführend. Diese Beziehungen konnten nicht ausgesprochen, sondern nur "gezeigt" werden.

Carnap distanziert sich von Wittgensteins und Freges universalistischer Sprachkonzeption: Es gibt nur EINE Sprache und EINE Logik. Merke: Zufall und Wille, dominante Elemente des alltäglichen Menschenlebens fallen hier raus.

Im Gegensatz dazu steht die Auffassung, die Sprache und Logik als einen interpretierten Kalkül begreift. Bei der Formelhaftigkeit der Logik wird uns die Bezeichnung als Kalkül wenig wundern, bei der Sprache müssen wir und nur an die Aussage erinnern: Rhetorik ist eine Theorie des Meinungswissens. Gerade die Rhetorik ist die Kunst, die Wirkung der Sprache geziehlt, berechnend, als Kalkül einzusetzen.

Dies bedeutet jedoch zugleich, dass sich unterschiedliche Sprachen und Logiken entwerfen lassen, dass es bereits hier eine Pluralität gibt. Diese Theorie wurde von Gödel und Tarski vertreten. Während dem Heidegger noch ein Vertreter der universalen Theorie war: Die Sprache spricht, ist Husserl bereits eher der modernen Fraktion zuzurechnen. Von nun an gilt: In der Logik gibt es keine Moral. Jeder mag seine Logik, d.h. seine Sprachform, aufbauen wie er will. Nur muss er, wenn er mit uns diskutieren will, deutlich angeben, wie er es machen will, syntaktische Bestimmungen geben anstatt philosophischer Erörterungen. [Carnap in Syntax]

Syntax (als Wissenschaft) bezieht sich auf die Art und Reihenfolge der Zeichen - nicht auf deren Bedeutung. Carnap bezeichnete sie als "Geometrie der Sprache." Allerdings ist es bis heute nicht gelungen, eine auch nur annähernd vollständige Beschreibung des Syntax einer natürlichen Sprache zu liefern, sei es, weil die logische Struktur der Sprachen mangelhaft ist, sei es, dass diese zu reich und komplex ist, um sie formalisieren zu können.

Nach dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz: Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig, können gewisse Begriffe der logischen Grammatik einer Sprache eventuell NICHT in dieser Sprache selbst formulierbar sein. Insbesondere ist der Begriff der Wahrheit nicht in der Sprache selbst formulierbar. Der Begriff der Wahrheit ist kein syntaktischer Begriff.

Für Gödel als Platoniker waren jedoch die mathematischen Objekte durchaus „real“. Sie waren zwar nicht durch Sinneswahrnehmungen zu bestätigen (wie es die Positivisten einforderten), doch waren sie der Erkenntnis zugänglich. Der Unvollständigkeitssatz zeigte für Gödel, dass man dieser Realität nicht mit rein formalen Mitteln beikommen konnte.

Hilpert änderte den Satz wie folgt:

Ein System kann nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit verwendet werden.

Systeme dürfen sich also nicht darauf berufen, dass Aussenstehende ihre Struktur und ihr Funktionieren nicht verstehen, dass Kritik nur aus dem innern Kreis der Verständigen kommen darf. Im Gegenteil. Gerade geschlossene (autopoietische) Systeme bedürfen des korrigierenden Anstosses, der Systemkritik, von Aussen.

Pluralismus der Sprachen:

Carnap erklärte den Pluralismus der Sprachen anhand zweier recht unterschiedlicher Klassen der mathematischen Sprache:

Sprache I umfasst die elementare Aritmetik der natürliche Zahlen, aber auch dies nur in dem Umfang, der als konstruktivistisch, finitistisch oder intuitionistisch bezeichnet werden kann. Sprache I ist eine Koordinatensprache ohne Eigennahmen, die Sprache der primitiven rekursiven Aritmetik.

Sprache II enthält auch indefinite Begriffe die Eigenschaften und Relationen von Gegenständen beschreiben, die nicht in endlich vielen Schritten entscheidbar sind. Sprache II umfasst die Aritmetik der reellen Zahlen und die Analysis im Umfang der klassischen Mathematik, ferner die Mengenlehre. In dieser Sprache kann die klassische wie die relativistische Physik formuliert werden - die Sprache kann aber den indefiniten Teil ihrer Syntax nicht selbst formulieren.

Für Carnap erwuchs nun daraus als Aufgabe der Philosophie, eine Theorie aller Sprachformen zu sein, für alle möglichen Zwecke, insbesondere für die empirischen Wissenschaften, geeignete Sprachsysteme zu entwerfen und die vorhandenen Sprachformen logisch zu explizieren und eventuell zu verbessern.

Während dem sich die Philosophie, oder vielmehr die ausführenden Philosophen, bei Punkt 1 so ziemlich übernehmen würden, wäre gerade Punkt 2 ein Schwerpunkt, bei dem die heutige Philosophie schwer zu wünschen lässt. Um ein wissenschaftliches (sprich disziplinäres) Sprachsystem entwickeln zu können, müsste man Inhalt, Struktur, Form, Funktionen, Absichten dieser Wissenschaft kennen, also selbst in dieser Wissenschaft zuhause sein. Für Punkt 2 reichen vergleichende Methoden. In der Mathematik z.B. der Vergleich logizistischer, inutuitionistischer und formalistischer Ansätze.

Es wird hier klar, dass Carnap vor allem diejenigen Sprachen meint, mit denen sich Philosophen im 20. JH. am meisten auseinander gesetzt haben, und äusserst produktiv waren, die Sprachen von Mathematik und Logik. Hier nur ein paar Beispiele:

Bereits hier zeigt sich, dass es keine "richtige" Sprachform gab, dass ein Toleranzprinzip nötig ist - und dies sogar in Dingen die für die meisten von uns absolut klar, hart, unzweifelhaft fest stehen. Wie viel mehr Bedeutung hat Toleranz also dort, wo es um Willen, freies Wollen, freie Wahl geht?

Der logische Grundbegriff jeder Sprache ist die Folge, welche von Carnap unterschieden wird vom Begriff der Ableitung: Ableitungen sind endlich, Folgen nicht unbedingt.

Für Carnap wurde die semiotische Analyse zur zentralen Aufgabe der Philosophie - etwas das dummerweise heute primär von der Werbung betrieben wird. Semiotik als allgemeine Zeichentheorie besteht aus 3 Teilen:

  1. Syntax: Die Ordnung der Zeichen im Satz
  2. Semantik: Die Bedeutung der Zeichen. Die Sätze der Objektsprache werden durch die Regeln des semantischen Systems interpretiert und verständlich gemacht. Verständlich, d.h. sinnvoll, ist ein Satz für Carnap genau dann, wenn man weiss, unter welchen Bedingungen er wahr ist. [S. 155] Die eigentliche Aufgabe des semantischen Systems ist die Formulierung der Wahrheitsregeln.
  3. Pragmatik: Die Interpretation der Zeichen auf der Empfängerseite - und die Absicht des Senders: Wie kann ich mit Worten etwas tun? Was eigentlich schon die Grundfrage der Rhetorik ist

Semantik ist allerdings eine recht technische Disziplin, die einen formalen Apparat nutzt, der dem Laien nicht leicht zugänglich ist. Tarski unterschied beim semantischen System (auch als interpretiertes System bezeichnet) zwischen Objektsprache und Metasprache.

Quine seinerseits war beeindruckt vom stetigen Uebergang von wissenschaftlicher Sprache und Alltagssprache und sah deshalb keinen Nutzen in der Konstruktion einer Wissenschaftssprache, weder was Klarheit noch was Fruchtbarkeit angeht. Carnap leugnete diese Uebergänge nicht, versprach sich jedoch sehr viel von der Einführung einer formal konstruierten Sprache.

Intension und Extension - Inhalt und Umfang eines Begriffes

Im Kern des Problemes steckt hier die Tatsache, dass Sprache von unterschiedichen Menschen für unterschiedliche Gebiete genutzt wird - und dafür taugt, also ein Multifunktionswerkzeug ist, was genau wie beim Geld eben problematisch werden kann.

Extension hiess früher Begriffsumfang (Gegenstand, Bezug) und umfasst alles, was der Begriff bezeichnet, beim Begriff Mensch also alle Menschen - egal welcher Hautfarbe oder Geschlecht und unabhängig von der Zeit.

Intension hiess früher Begriffsinhalt (Sinn, Bedeutung) und umfasst die Gesamtheit aller Merkmale oder Eigenschaften die diesem Begriff zugeschrieben werden können. Begriffsmerkmale treten hauptsächlich bei der Definition eines Begriffs in Erscheinung:

Oder:

Worte sind dazu oft zweideutig. Oft hat das selbe Wort zwei oder mehrere völlig unterschiedliche Bedeutungen, und es erschliesst sich erst aus dem Satz, ev. gar aus dem Kontext, welche Bedeutung gemeint ist (z.B. Bank: zum Sitzen oder zum Geldvermehren/Verlieren).

Anwendung und Auslegung der beiden Begriffe sind heute aber weniger klar als je und äusserst widersprüchlich.

Klar ist dabei bloss, dass, wo Klarheit herrschen soll, der Umfang ebenso wie der Inhalt eines Begriffes klar definiert werden müssen, denn bereits hier eröffnen sich schwurbeliger Sprache oder gar fieser Eristik Tür und Tor.

Ein Problem das Carnap nach Meinung der Kritiker nicht gelöst hat (und mit dem sich Wittgenstein nicht mal am Rande befasst hat), ist das Problem der Intersubjektivität. Für alles was den sozialen Bereich betrifft, geschweige denn, den geistigen, scheint Positivismus, egal ob klassisch oder neo, nicht viel zu taugen - obwohl gerade hier die konstruktivistische Gestaltung und Ueberprüfung der Funktionalität wichtig wären. Es stellt sich also die Frage, wie aus Sprachspielen kollektive Entscheide erwachsen können.

Der etwas zugespitzte Titel macht auf ein weiteres Problem aufmerksam:

Obwohl der logische Empirismus als Wissenschaftstheorie längst totgesagt ist, scheinen doch gerade den Wissenschaften, die unser Leben am stärksten beeinflussen - und dabei am wenigsten danach fragen, was wir eigentlich von diesem Einfluss halten, sich mit dem Prinzip zu begnügen: Funktioniert es - für uns?

Martin Herzog, Basel, 14.6.2010