Grundlagen der Aufklärung bei Kant: Kants <Kritik der reinen Vernunft> als kausale, die der <praktischen Vernunft> (Ethik) als final orientierte Wissenschaft_____________________________________________________
Vernunft entstand etymologisch aus "vernehmen", in seiner veralteten Bedeutung "erfassen, ergreifen". Es bedeutet zuerst Wahrnehmung, dann, auf Geistiges übertragen, Erkenntniskraft.
Fähigkeit des menschlichen Geistes bezeichnet, von einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen auf universelle Zusammenhänge in der Welt zu schließen, deren Bedeutung zu erkennen und danach zu handeln – insbesondere auch im Hinblick auf die eigene Lebenssituation (vgl. Nous)
Man kann das also pointiert auch so ausdrücken: Vernünftiges Denken ist ganzheitliches Denken. Nur ganzheitliches Denken ist vernünftiges Denken. Vernünftiges Denken ist abhängig von der Fähigkeit, Dinge in ihren Zusammenhängen erkennen zu können, also von Intelligenz. |
Definition Vernunft nach Meyers grossem Taschenlexikon:
Das Denkvermögen, die Einsicht; in der Philosophie nach Kant das Vermögen der Ideenbildung, die geistige Fähigkeit des Menschen, alle Einzelerfahrungen auf regulative Ideale wie Welt, Seele, usw. hin zu orientieren und sie dadurch zu einer Gesamterfahrung zusammenzuschliessen. Die Vernunft ist als oberstes Erkenntnisvermögen dem Verstand übergeordnet.
Anhand der Definition zeigt sich auch, dass Vernunft Dinge zu einem Ganzen zusammenfasst. Vernunft ist also nur insoweit möglich, als solche zusammenzufassende Dinge eben überhaupt vorhanden sind. Von einem Hohlkopf ist keine Vernunft zu erwarten, weil da nix drin ist, dass man zusammenfassen könnte, aus dem sich Ideen bilden können. Vernunft basiert also immer darauf, dass neben dem Begriff, dem Text, auch der Kontext, die Einbettung des Begriffes, Vorganges, Gedankens vorhanden und stimmig sind.
Ohne das Umfassende, nenne man es Logos, Gott oder Weltgeist, kann es keine Vernunft geben, denn Vernunft ist ja eben ein Umfassendes. s. Jaspers: http://www.topologie.ch/wahrheit.html#vernunft
Vernunft ist ein die Welt durchwaltendes und ordnendes Prinzip (metaphysische oder kosmologische Vernunft – Weltvernunft, Weltgeist, logos, Gott).
So betrachtet ist die Vernunft ja gerade die Fähigkeit, Ordnung zu schaffen, ein Ordnungssystem zu begründen. Hier gibt es allerdings mehrere Probleme:Zum einen wird sie als die Grundlage für Erkenntnis und Erkenntnisgewinn betrachtet. Sie schafft die Voraussetzung für Erkenntnis, indem sie eine Systematik und einen Bezugsrahmen für Wissen vorgibt.
Bei Platon findet sich die Unterscheidung zwischen noesis und dianoia. Noesis als das „intuitive Schauen der Ideen“ bezeichnet hier das Vermögen, das Seiende in seinem Wesen zu erkennen, während dianoia die begriffliche, methodisch-diskursive Weise der Erkenntnis meint.
Die theoretische Vernunft ist nach Kant die Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen, sich selbst zu prüfen und unabhängig von der Erfahrung zu den apriorischen Vernunftsideen (Seele, Gott, Welt) zu gelangen.Wir können also die methodische Seite, die dianoia, quasi als Wissenschaft der Erkenntnis bezeichnen, die sich vor allem über das Methodische definiert.
Komplizierter ist die Sache mit der noesis, denn Die lateinische Terminologie übersetzte noesis mit intellectus und dianoia mit ratio. Das heisst, wir müssen den Intellekt (Intelligenz) von der Ratio (Vernunft) trennen ....
oder doch nicht, denn als Grundlage gehört er eben doch dazu, obwohl er sie nicht ersetzen kann. Bei Eisler z.B.- werden all diese Begriffe quasi synonym für <Vernunft> verwendet, was auch nicht so ganz aufgeht: nous, logos, dianoia, intellectus, ratio, raison, reason
Kant wie Platon setzen offenbar darauf, dass einigen Menschen die Gabe gegeben ist, Wahrheit (die Ideen, das Wesen) direkt zu erschauen über Intuition/Erleuchtung/noesis - während dem andere sich mit kritischen Wissenschaften, Beweisen, Kritik und Widerlegungen abmühen. DAS Problem der nicht-intersubjektiv überprüfbaren Gültigkeit der Intuition zeigt sich vor allem in der Anwendung, denn diese ist meist getränkt von persönlichem Streben, von der Suche nach persönlichen Vorteilen, Herrschaft, Dominanz etc.
Die praktische Vernunft hingegen bezieht sich auf das Setzen von ethischen Prinzipien, denen der Wille unterworfen wird und die so das Handeln individuell und sozial begründen und leiten.
Definition Vernunft (Zusammenfassung von M. Herzog):Vernunft verbindet einen gegebenen Text (Problem, Aufgabe, whatsoever) mit dem dazu gehörigen Kontext - das ist die in den lokalen common sense eingebundene Vernunft - und gibt der Lösung, als vernünftige, eine spezifische Ausrichtung, einen Sinn, Zweck oder Orientierung (das ist die an Werten orientierte - aber prinzipiell freie, Ideen formende Vernunft.) Vernunft ist das, was die einzelnen Gedanken zusammen hält, zu einem Ganzen fügt zu einem System, zu einer Ordnung, zur Orientierung tauglich macht. Sie gehört also zur Seinslehre, Ontologie, wobei allerdings die moderne Ontologie der Programmierer im Vergleich dazu lächerliches Pfupfzeugs ist. Grundlage der Vernunft ist also Denken, Gedanken, Wissen - durch Gedanken transportiert. Wer sich diesem Wissen verweigert, kann nicht ernsthaft von vernünftigem Denken oder Handeln reden, denn:
Meine eigenen Definitionen: http://www.brainworker.ch/zynismus/zynismus.htm#vernunft Vernünftig denken heisst begründet Denken. Da einige Gründe natürlich recht unsinnig sein können (Machttrieb, Geldtrieb, Herrschaftstrieb) verlangt Vernunft, ein In-Beziehung-Setzen der Gründe mit dem Kontext wie mit anderen Gründen, also ein Werten. Da gemeinsame Werte aber nur durch Dialog und Konsens allgemein verbindlich gemacht werden können, ist Konsens hier entscheidend, denn ohne Konsens gibt es keine allgemein gültigen Werte, also auch keine gesellschaftliche Vernunft, sondern nur noch die Vernunft des individuellen Ueberlebens. Diese heere Aufgabe der Vernunft ist nur über Dialog einzulösen .... ausser man betrachte Diktatur als vernünftig, aus irgend welchen Gründen ... Aber auch dann muss man die Gründe kennen, also was wissen, sonst bleibt nur Gelaber. Hier wird auch klar, dass, obwohl die Vernunft sich Urteile zu Werten anmasst, der Wertebereich ein anderer ist, der über der Vernunft steht (ähnlich wie Gott, oder die Wahrheit, oder der Sinn) - aber mittels Vernunft analysiert und in die Bewertung von Sinn mit einbezogen wird. Die Bewertung von Werten allerdings erfordert nicht bloss Vernunft, sondern Weisheit, die damit über der Vernunft steht. Vernunft ist diejenige geistige Fähigkeit und Tätigkeit des Menschen, die auf die universellen Zusammenhänge der Dinge und allen Geschehens - und auf zweckvolle Betätigung innerhalb dieses Zusammenhanges gerichtet ist. ... Das Bestreben, die Welt durch Vernunft zu begreifen, nennt man Rationalismus. Um eben diese universellen Zusammenhänge begreifen zu können, zu verstehen, muss man erstens mal die Dinge kennen und begreifen und verstehen, die da irgendwie zusammenhängen sollen. Also keine Vernunft ohne Kenntnis der Bestandteile, also Wissen. |
VERNUNFT BEI BRAINWORKER: Ursachen und Hintergründe des Untergangs der Vernunft in der Postmoderne s. http://www.brainworker.ch/zynismus/zynismus.htm#postmoderneVernunft Wissen = Intuition + Analyse
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Definitionen der Vernunft bei Santayana:
s. sokratische Methode: Jede Schätzung zu akzeptieren die irgend jemand ernsthaft macht. Wir geraten mit dieser Relativität der Vernunft natürlich wieder dorthin wo wir eh sind, nämlich in die Postmoderne, sehen aber auch deren Grenze, wenn auch nur im kleinen adverb <ernsthaft>. Bei aller Toleranz, bei aller Vielheit der Meinungen, muss sich jede(r) seine Werte und Ziele sorgfältig und ernsthaft, also begründbar auswählen, denn ohne dies kann keine Vernunft entstehen. Die oberste Orientierung der Vernunft an ethischen Grundsätzen, wäre ethisch wünschbar, muss aber nicht sein. Gerade unsere herrschende Vernunft, die wirtschaftliche Vernunft, entbehrt doch ganz beträchtlich sozial-ethischer Grundlagen, und geht doch mehrheitlich als "vernünftig" durch. Dieser Glaube hat zwar im letzten Jahr einen Knacks erhalten duch die weltweite Finanzkrise, aber man setzt offenbar alles daran, diese herrschende Vernunft weiter am Leben zu halten. |
Vernünftig denken heist sinnvoll denken, folgerichtig denken, und folgerichtig denken heisst nun halt eben logisch denken, oder wissenschaftlich (Wissen schaffend) und/oder per kommunikativer Wahrheit:
„Sinnvoll“ und „nicht unsinnig“ ist das Denken nach einer gängigen Definition, wenn es sich beim Aussagen (bes. Argumentieren) nach Regeln richtet,
Das Denken (der Verstandesgebrauch) wird zumeist also dann „vernünftig“ genannt, wenn es sich beim Aussagen (bes. Argumentieren) nach diesen Regeln richtet. Vernunft ist demnach das Vermögen, sich nach logisch notwendigen, wissenschaftsmethodologisch notwendigen oder kommunikativ notwendigen Regeln begrifflich äußern zu können.
Individuelle Vernunft: Der Habitus - die Form des Ich, bestimmt auch das, was für mich vernünftig ist.
Gruppenvernunft: Die dominante Lebensform, die Tradition, die Ordnung der Gruppe, bestimmt, was innerhalb der Gruppe als vernünftig gelten kann.
Nationale Vernunft: Die Interessen der Nation bestimmen darüber, was als vernünftig betrachtet werden kann.
Kulturelle Vernunft (das kollektive Unbewusste, Kultur, Weltbild, Weltanschauung): do Tradition + Religion + Wissenschaft + Kunst - also widerstrebende, isolierte Teilgebiete, die nur schwer unter einen Hut zu bringen sind.
Meta-Vernunft? Beurteilung der "Vernünfigkeit" auf Grund der Herkunft der Massstäbe und Urteile, also dem Eigennutz, dem Gruppenvorteil, den nationalen Interessen, der kulturellen integration samt historischer Pfadabhängigkeit.
Auf englisch heisst Vernunft reason. Die neuste Suchmaschine, die sich als Antwortmaschine, nicht als Suchmaschine bezeichnet, http://www.wolframalpha.com/ liefert dazu:
http://www10.wolframalpha.com/input/?i=reason&a=*C.reason-_*Word-
Vernunft ist also die Fähigkeit (faculty), rational zu denken
Vernunft ist eine Tatsache (fact), die eine Annahme oder einen Schluss bestätigt
Vernunft ist die Erklärung (account) einer Ursache
Vernunft ist der Grund (justification), warum etwas existiert oder passiert
Vernunft ist ein rationaler Grund (rational motive) für einen Glauben oder eine Handlung
Vernunft bezeichnet den gesunden Menschenverstand (sanity/common sense) und eine gute Urteilskraft
Vernunft, als Verb (gibt's in Deutsch nicht: vernünfteln) heisst logisch denken
v heisst Schlüsse ziehen
v heisst, Argumente und Gründe vorlegen
Vernunft ist eine Fähigkeit, die Fähigkeit zu verstehen und zu begreifen, der sog. Intellekt
Vernunft liefert Gründe, Ursachen
Vernünftigkeit ist ein Mass für Verlässlichkeit, Rationalität, d.h. aber auch Logik der Schlussfolgerungen.
Vernünfteln heisst schliessen
Vernünfteln heisst argumentieren.
0. Meinung (Glaube, Aberglaube)
Meinungen sind keine Art der Erkenntnis, sondern eine Art der Manifestation des Willens. Meinungen sind immer an persönliche Werturteile gebunden, können also nur zu einer "persönlichen" Vernunft führen, die deshalb keinen Anspruch erheben darf, allgemein gültig zu sein. Das demokratische Recht auf freie Meinungsbildung und -Meinungsäusserung ist daher eher ein Recht auf Vertretung seiner eigenen Interessen, keinesfalls aber ein Recht darauf, einfach recht zu haben.
So oder so, empirisch oder rein rational, es geht um Erkenntnis, und - Das Ergebnis des Prozesses der Erkenntnis, wenn es zur Gewohnheit geworden und intersubjektiv nachprüfbar ist, bezeichnet man auch als Wissen. Wissenschaft schaft Wissen. Erkenntnistheorie befasst sich mit dem Prozess der Entstehung von Wissen.
Eine empirische Voreingenommenheit besteht in der Bevorzugung von Kontinuität Das europäische Zeitalter der Aufklärung ist von dem Gedanken getragen, dass die Vernunft imstande ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die Vernunftreligion soll die dogmatische Unterdrückung und den Autoritätsglauben der christlichen Religion überwinden und Freiheit und Wohlstand für alle bringen. So sah der Rationalismus in der Vernunft das „reine“, d. h. das von den empirischen Erfahrungen unabhängige Erkennen, das bei Descartes, Spinoza und Leibniz die Basis der philosophischen Systeme bildete. Der Begriff der menschlichen Vernunft wurde oft mit dem Bewusstsein, Selbstbewusstsein oder Geist gleichgesetzt. Im Rationalismus stellt die Vernunft das zentrale Element des Erkenntnisprozesses dar. Mit ihr sind demnach deduktive Erkenntnisse möglich, die auch ohne sinnliche Wahrnehmungen erreicht werden können. Dem gegenüber steht der Empirismus (z. B. David Hume), der eine Erkenntnismöglichkeit a priori, d. h. ohne Erfahrungen bestreitet.
Angesichts der Schrecken des 20. Jahrhunderts (Holocaust, Imperialismus), bei denen sie auch einen Zusammenhang mit der Industrialisierung sahen, wurde von den Mitgliedern der Frankfurter Schule eine moderne Vernunftkritik ausgearbeitet. Sie kritisiert den modernen Wissenschaftsbetrieb und seine Faktengläubigkeit, der durch den Positivismus bestimmt wird. Die Vernunft und der Verstand seien zu einem Instrument der Repression des Einzelnen geworden und hätten die „Selbstbefreiungskräfte“ der Vernunft fast erstickt. Jürgen Habermas stellt der „instrumentellen Vernunft“ (Theodor W. Adorno, Horkheimer) die „kommunikative Vernunft“ gegenüber, die auf Gewaltfreiheit und gegenseitiger Anerkennung basiert. Nötig sei eine neue Stufe der Aufklärung, die – nach Habermas – noch nicht vollendet ist.
Kritik an den Versuchen, „alleingültige“ Definitionen von „Vernunft“ zu entwerfen, findet man unter anderem bei Nietzsche und verschiedenen Vertretern des „Poststrukturalismus“ und der „Dekonstruktion“. Sie werfen den herkömmlichen „wissenschaftlichen“ Unterscheidungen zwischen „vernünftig“ und „unvernünftig“ vor, bestimmte Machtpraktiken und Herrschaftsstrukturen zu verschleiern. So kann die Beschränkung der Definition von „Vernünftigem“ auf „logozentrisch“, europäisch oder maskulin geprägte Zuordnungstableaus dazu beitragen, andere Sichtweisen zu marginalisieren und so gesellschaftliche Minderheiten, aber auch ganze Kulturen oder Geschlechtergruppen zu unterdrücken.
Diese Kritik wird den meisten kulturständigen fremd und eigenartig vorkommen. Jeder aber, der längere Zeit in einer fremden Kultur verbracht hatte, diese nicht nur erkennen sondern zumindest teilweise auch an-erkenen konnte, wird das Problem des cultural bias oder Kulturimperialismus, existenzielles Problem für jeden Ethnologen und manchen Entwicklungshelfer, sofort verstehen.
Für Santayana liegt Vernunft zwischen dem Prärationalen, das noch unkritisch ist, und dem Postrationalen, das sich frustriert von der Welt abwendet. Wir befinden uns zur Zeit also eindeutig in einer postrationalen Phase mit der Postmoderne, deren Weltflucht sich nicht bloss durch New Age und ähnlichen Kokolores ausdrückt, sondern auch durch die Reduktion der Vernunft auf das Formelhafte, insbesondere in der Oekonomie, aber auch in der analytischen Philosophie. Teilrationalitäten überwuchern nun die ehemalige geistige Vielfalt mit ihrer Monokultur, besonders ihrem Zielmonopol: Geld, Wert, Wertzuwachst, mehr, mehr Geld, mehr Vermögen, mehr Wachstum, mehr Wohlstand, mehr Verkehr, mehr Abfall, mehr Ungleichheit, mehr Arbeit etc.
Da Sanatayana als Naturalist bezeichnet wird, hier erst noch die Definition des Naturalismus:
Na·tu·ra·lịs·mus der (kein Plur.) lit. kunst.: eine Richtung in Literatur und Kunst zu Ende des 19. Jahrhunderts, bei der auch das Hässliche und Schlechte möglichst genau und natürlich dargestellt wird. Zola war er berühmteste Schriftsteller des französischen Naturalismus.
Als Naturalismus kann seit dem frühen 17. Jh. jede Lehre bezeichnet werden, die allein die Natur um Grund und zur Norm aller Erscheinungen erklärt: Kritik religiöser Ideen, Realismus, Physikalismus, Eduktionismus, Naturwissenschaften.
Vernunft ist eine menschliche Funktion
Vernunft ist eine a priori rationale Ethik, vollständig, also a) nicht prä-rational unkritisch, b) dem Dasein zugewandt, also nicht postrational frustriert, realitätsfremd, abgehoben.
Harmonie ist die formale und innere Anforderung der Vernunft.
Vernunft als solche repräsentiert oder vielmehr errichtet ein einziges formales Interesse, das Interesse an Harmonie.
Die Richtungsgebung im Menschen: Obwohl die Kräfte, die den Menschen bewegen, dies einmal in eine, dann in eine andere Richtung tun, lässt sich bei den meisten Menschen, wie Völkern, in der Geschichte dann irgendwann eine Richtung erkennen, also eine Ordnung:
Jedes Experiment wird zur Lektion, jede Begebenheit wird erinnert als günstig oder ungünstig in Bezug auf die herrschende Passion. Auf den ersten Blick scheint diese Beobachtung animistisch und die entdeckten Gesetze sind vor allem Gewohnheiten, menschlich oder göttlich, spezielle Begünstigungen oder neidische Strafen und Warnungen. Aber die selbe Zielkonstanz welche die dramatischen Konflikte in der Zusammensetzung der Gesellschaft erkennt, und versucht, die Natur in Kategorien der Passion zu lesen, wird, wenn lange genug durchgehalten, hinter dem gloriosen Chaos eine tiefere mechanische Ordnung entdecken.
Die Einheitlichkeit der Natur und ihrer Ordnung allerdings umfasst auch Vielfalt, eine Verbindung die menschlicher Einfalt oft extreme Probleme macht, denn der will eine, einzige, klar Aussage, mit der er dann die andern, die dieser Aussage nicht getreu folgen, den Schädel einschlagen kann:
Weil, so die menschliche Natur nicht eine wäre, es kein Recht gäbe, alle Menschen zu einem Glauben oder Verhalten aufzufordern. Die Menschliche Natur war die Einheit mit der sich englische Psychologen beschrieben; und Kant war so besessen von der Idee einer gegebenen und universellen Natur, dass deren Beständigkeit, in seiner Meinung, der Ursprung aller natürlichen und moralischen Gesetze war.
Santayana hat seine Vernunftbeschreibung in 5 Bücher gegliedert:
Er bewegt sich damit durch mehrere Räume in denen höchst unterschiedliche Formen von Vernunft herrschen. Beim Individuum ist der sog. "gesunde Menschenverstand" nicht bloss davon abhängig, wie "gesunde" dieser eben ist, sondern oft unvereinbar, so etwa zwischen Geschlechtern oder zwischen Kulturen. In der Religion ein ähnliches Problem, kaum zwei Religionen die sich gegenseitig Vernunft zugestehen könnten, da jede auf Grund ihrer Botschaft die andere als verirrt, d.h. der Verdammnis empfohlen, ansehen muss. Die Vernunft ist weder ein freies Produkt der Kunst - noch eine Rechenformel der Wahrheit, ein Wahrheitskalkül, sondern ein oft unverständlicher Instinkt:
Ideen sind mentales Gefühl, verstandene Dinge mentales Wachstum Der Gedanke ist kein mechanischer Kalkulus, wo die Elemente und die Methode die Fakten erschöpfen. Denken ist eine Form von Leben und sollte als Analogie zur Ernährung, Fortpflanzung, und Kunst betrachtet werden. Vernunft, wie Hume mit tiefer Wahrheit sagte, ist ein unverständlicher Instinkt.
Allerdings rettet uns weder der Instinkt noch der Metainststinkt aus einer gewissen Schwammigkeit der Definition, denn Vernunft war ja eben eigentlich die. (Na ja, vielleicht ist das eine brauchbare Definition).
Vernunft als Metainstinkt:
Sprache, Wissenschaft, Kunst, Religion und alle ambitiösen Träume sind Verdichtungen von Ideen. Das Leben ist ein Mosaik von Gedanken, wie das Firmament von Sternen; und diese idealen und zwischenpersönlichen Objekte, die Zeit überbrückend, Standards festlegend, Werte etablierend, formen die natürliche Belohnung allen Lebens, sind die wirklichen Einrichtung der Ewigkeit und so spontan wie alle andern. Oder vielmehr, möglicherweise, ist die Vernunft ein zusätzlicher Instinkt der alle anderen Instinkte interpretiert, wie der gesunde Menschenverstand oder die transzendentale Einheit der Psychologie eine Gabe ist, die alle Wahrnehmungen einander gegenüberstellt und vergleicht.
Vernunft wäre so gesehen die Anwendung des sog. kollektiven (unbewussten) Wissens nach Freud, die Orientierung am geteilten Weltbild oder der kollektiven Weltanschauung. Dass auch diese nach sozialen Gruppen, Ländern, Kulturen sich stark unterscheiden, ist offensichtlich. s. Weltbildforschung.
Vernunft ist im Prinzip eigentlich ein Denken, allerdings ein Denken mit spezifischen Voraussetzungen und besonders aber Zielen. Das Resultat einer vernünftigen Überlegung müsste eigentlich auf breiten Konsens stossen, da unvernünftige Argumente in den wenigsten Gesellschaften wirklich akzeptabel sind.
Vernunft setzt erstens ein Bewusstsein voraus, denn Unbewusstes kann ja nicht erwogen und reflektiert werden. Dieses Bewusste darf nicht als absolut gegeben genommen werden, sondern muss kritisch durchdacht werden, mit möglichen Folgen, Widersprüchen, ähnlichen Fällen etc. in Verbindung gesetzt und bewertet werden. Das heisst Denken. Denken bedarf dazu noch a) der Sprache, b), soll es in Lernen resultieren, müssen starke Strukturähnlichkeiten zwischen dem Denkenden und dem Bedachten bestehen, die eine Adaptation erlauben. Ist dies nicht gegeben, sind Strukturänderungen nötig im Gehirn, dessen Strukturen also flexibel sein müssen, dessen Träger also ebenfalls flexibel, tolerant, umgänglich und verständnisvoll sein muss. s. Denken
Wir sahen zu Beginn, dass die Existenz körperlichen Lebens dem Bewusstsein seine erste Artikulation gab. Als körperliche Eigenschaft, wie Ernährung oder Reproduktion, wird dieses celebriert durch ein Festival im Geist, und Bewusstsein ist eine Art rituellen Festens durch Beten, Jubel, oder Trauer, die wichtigsten Episoden im Glück des Körpers.
Bewusstsein ist als Einsiedler geboren. Obwohl, durch göttlichen Erlass, dem Zauber von Inbrunst und Apathie unterworfen, ist es, wie ein singender Vogel, zuerst völlig unbeeindruckt von seiner eigenen Bedingtheit oder Erhaltung.
Der Traum hinter dem Bewussten:
Wir bezeichnen Leute als ihrer Sinne verlustig, wenn sie in der Tat darauf zurück gefallen sind; oder diejenigen, die ihren Geist verloren haben, wenn sie bloss diese übliche Kontrolle über das Bewusstsein verloren haben, die sie daran hindert, in allen Arten von Besessenheiten und Agonien zu entflammen. Ihr Körper ist gestört, ihr Geist, weit entfernt davon, diese Störung zu korrigieren, teilen und betrügen ihn sofort. Ein Traum ist immer am köcherln unter der konventionellen Oberfläche von Sprache und Reflektion.
Hier einer der typischen und herrlichen Schilderungen Santayanas, wie sehr sich die Topologien unterschiedlicher Vernünfte unterscheiden können, wie wenig also eine einheitliche Weltvernunft zu erwarten ist.
Die persönliche Temperatur ist manchmal tropisch. Es gibt Hirne wie den Südamerikanischen Dschungel, andere wie die Arabische Wüste, in der nichts herumliegt ausser Knochen.
Er warnt im folgenden auch davor, das höchste Bewusstsein, die Vernunft, zur alleinigen Herrscherin zu machen, denn auch sie kann nicht alles. Philosophie, Religion und Kunst bedürfen noch anderer Grundlagen:
Und doch ist ein nicht reflexives und unkorrigierbares Bewusstsein zu schnell mit sich zufrieden, und sich nicht bewusst genug, dass es durch Dialektik kultiviert werden muss. Es vernachlässigt es, das Prinzip der Synthese und Gerechtigkeit auf alle menschlichen Interessen auszudehnen, durch die das Bewusstsein entstand. Und so bald das Bewusstsein sein eigenes Diktat dem Licht der Erfahrung zur Revision übergibt, heisst es nicht mehr Bewusstsein, sondern Vernunft. So, ebenfalls, wenn der Geist seine traditionellen Glauben zusammenfasst, um sie zu prüfen, so wird diese Prüfung nicht Religion genannt, sondern Philosophie. Es ist in einem gewissen Sinne wahr, dass Philosophie die reinste Religion ist und Vernunft das höchste Bewusstsein; aber sie so zu nennen würde in die Irre führen. Die im allgemeinen so genannten Dinge waren nur selten dafür zu haben, mit ernsthafter Reflexion in Friede zu koexistieren. Es wurde vage geahnt, dass die Vernunft sie nicht geschaffen haben könne, und dass sie traurige Aenderungen erleiden könnten, wenn ihr unterworfen; als ob Vernunft der Grund von allem sein könne, oder dass alles nicht seine Vollendung finden könnte dadurch, dass es vernünftig wird.
Während dem es keine Wahrheit, also keine Wissenschaft und keine Philosophie ohne Kritik gibt, kann Kritik, wo zum Höchsten erhoben wie im Skeptizismus, jegliche Wahrheit unmöglich machen. Auch hier wieder die Situation der Postmoderne, die also eigentlich nicht viel neues ist als eine weitere, etwas konsum-optimistischere Auflage des Skeptizismus:
Aller Kritizismus ist dogmatisch.
Skeptizismus ist immer möglich, aber partiell. Er wird das Privileg und die Ressource eines freien Geistes bleiben, der ausreichend Energie hat, seine eigenen Konstrukte zu desintegrieren (> Dekonstruktion) und seine Erfahrungen aus einer Variante von Positionen sowie mit mehr als einer Methode anzugehen. Aber die gewählte Methode muss in sich selbst kohärent sein und der Gesichtspunkt muss beibehalten werden während der Überprüfung; so dass welche neue Konstruktion diese neue Perspektive in der Wissenschaft aufbaut, immer noch Wissenschaft ist, und die zugrundeliegenden Annahmen und Dogmen müssen die Herausforderung annehmen, mit den Dogmen und Annahmen der angefochtenen Konstruktion verglichen zu werden.
Der rot markierte Teil erklärt den Unterschied zwischen Skeptizismus und Nörgelei/Querulantentum oder Polemik, bei der es nur darum geht, etwas anderes zu behaupten, aus welchem Grund auch immer.
Eine vorgeordnete Konstitution oder Tendenz muss allerdings immer bleiben, mit Struktur und Leben; denn, wo wir völlig leere und unbestimmte Ausgangspunkte erreichen, stehen wir an einem impotenten und gleichgültigen Nichts das mit nichts von dem schwanger ist, das wir erklären wollten oder das unsere gegenwärtige Erfahrung uns präsentiert.
Mystizismus und Askese kommen in diese Gefahr, wenn sie versuchen einem zu sehr symbolischen höheren Guten treu zu sein, was einen abergläubischen Widerwillen gegen alles hervorruft, das als natürlich geschätzt wird. So kann ein künstlicher Skeptizismus alle Erfahrung als täuschend ansehen, wo er ihn mit einer Chimäre absoluter Realität vergleicht.
Mechanische Effizienz ist dem Wesen des Denkens fremd
Dass Denken ein der Natur zugehörige Begleiterscheinung oder Entelechie (das Ziel, Erfüllungspotential in sich haben) ist, nie eines ihrer Instrumente, wurde vor langem erraten durch vernünftigere Denker wie Aristoteles und Spinoza.
Andauernde unterwürfige Beschäftigung und Abhängigkeit von einer irrationalen Gesellschaft macht Menschen sogar unfähig, sich ein liberales Leben vorzustellen. Sie können denken, dass ihr Glück nicht länger von ihrer Armut zu trennen sei und fürchten die grosse Langeweile, wie sie es betrachten, einer glücklichen Welt.
Diese Aussage des zweiten Abschnitts macht verständlich, warum einigen Forschen und Lernen, auch wenn sie nicht oder schlecht dafür bezahlt sind. Da der Erkenntnisdrang ein dem Menschen angeborener ist, wird er auch vom körpereigenen Belohnungssystem mit Hormon- und Drogenschüben belohnt, was als sog. AHA-Effekt bekannt ist.
Der dritte Abschnitt verweist auf ein Problem im Zusammenhang mit der Arbeit, vielmehr Arbeitslosigkeit, das kaum diskutiert wird: Die Langeweile. Sie wird in diesem Zustand durch dauernde Hetze, Bewerbungen, Vorstellungen, Umschulungen etc. verhindert, was dann eben auch verhindert, dass diese Menschen ihre Zeit endlich mal dazu nutzen, zur Besinnung und zur Vernunft zu kommen, erkennen, dass Arbeit eigentlich ein Mittel ist um zu Überleben, nicht aber das Leben selbst.
Mit Idiot wird hier ein Mensch bezeichnet mit geringer Lernfähigkeit, also vermutlich auch tiefem IQ - was der klassischen Definition von Idiot entspricht. Der Verrückte hingegen hat eine gestörte Psyche, seine Geisteswelt zerfällt, es gelingt ihm nicht (mehr), Dinge zusammen zu sehen die zusammen gehören, Dinge zu trennen, die zu trennen sind. In beiden Fällen ist der Zugang zur Vernunft behindert, da Vernunft ja eben auf Betrachtung des Ganzen beruht.Idioten und Verrückte
Der Idiot vermag überhaupt nicht aus Erfahrung zu lernen , weil ein neuer Prozess in seinem unformbaren Gehirn keine Strukturen verändern kann ; während dem der Verrückte das was er gelernt hat nur unangepasst und frivol in kleinen Fragmenten verwendet, weil seine Verbindungen zu Erfahrungen nur kurz und unsicher sind.
Sprache ist ein künstliches Mittel, Einigkeit zu stiften und Gedanken zu vermitteln zwischen einem Geist und dem andern.
Künstliche Trennung von Logik und Praxis
So fechten die Vielen mit Vorurteilen bewaffneten und die Wenigen mit Logik bewaffneten einen undendlichen Kampf, der Logiker beschuldigt die physische Welt der Unverständlichkeit und der Vertreter des gesunden Menschenverstandes beschuldigt die Welt der Logik der Abstraktheit und Unwirklichkeit.
Plato sah in den Konkretisierungen des Diskurses die wahren Elemente des Seins. Definierbare Bedeutungen, die Bedingung des Denkens, müssten auch, so dachte er, Elemente der Realität sein. Und mit der Direktheit und Dreistigkeit die den Alten möglich war, und wovon Pythagoras und die Eleaten ein brillantes Beispiel gegeben haben, etablierte er diese Bedingungen des Diskurses, wie die Pythagoräischen Zahlen, für absolute und unendliche Einheiten, die vor allen Dingen existiert haben, sich in allen Dingen enthüllen, dem kosmischen Schöpfer sein Modell und der Schöpfung ihr Ziel.
Logik hängt, für ihre Bedeutung, von Tatsachen ab
Um genährt und beschäftigt zu sein, muss die Intelligenz Strukturen und Gewohnheiten entwickelt haben die ihr ermöglichen, hereinkommende Nahrung zu assimilieren, so dass die Ausdauer einer intellektuellen Gewohnheit Beweis dafür ist, dass sie anwendbar ist, wenn auch partiell, auf die Fakten der Wissenschaft.
Geistige Prozesse sind natürlich weitgehend hypothetisch
> da sind wir ein ganz klein bisschen weiter
Denker unterschiedlicher Erfahrung und organisation haben unterschiediche Logiken und unterschiedliche moralische Normen. Es gibt Grenzen der Verständigung sogar zwischen Mitglieder der selben Rasse, und die Möglichkeiten und Ideale der einen Intelligenz lassen sich nicht ohne Änderung auf andere übertragen. Wenn diese historische Differenzierung der Geister vollständig wäre, so dass jeder in seiner eigenen moralischen Welt lebte, so wäre eine Wissenschaft von jeder dieser moralischen Welten immer noch möglich, vorausgesetzt es gebe eine innere Struktur oder Konstanz in deren Sinngehalten.
Die innere Autorität der Vernunft, wird mehr zerstört weil sie Beschränkt ist in ihrem physikalischen Ausdruck oder weil es irrationale Dinge gibt, als dass eine gegebene Grammatik entwertet wird weil sie für andere Sprachen nicht gilt, oder weil einige Leute die Regeln brechen und andere ganz einfach dumm sind.
Dieser einigermassen schwer verständliche Satz (auch auf englisch), zeigt die Grenze der Rationalität, nämlich genau dort, wo nicht rationales entscheidend wird, also auch hier etwa Gefühle, Sehnsüchte, Wünsche, Intentionen und dergleichen. Die Rationalität kann also, bei aller Lobpreisung, doch nicht als höchste und einzige aller Wissensformen durchgehen (was natürlich auch für alle anderen Formen des Wissens gleichermassen gilt, da sie immer perspektivisch und begrenzt sind). Und dennoch ist die Ordnung, die gute Ordnung, und sei sie, was sie sein muss, auch eine rein persönliche gute Ordnung, in der Natur und der Entwicklung des Lebens zu finden oder daraus zu entwickeln:
Dass die Natur ihr Ideal in sich trägt und dass progressive Organisation irrationaler Impulse ein rationales Leben ausmachen.
Ob ausgehungert oder genährt durch die Unfälle des Glücks muss er sein wirkliches Leben in seinen eigenen Idealen finden.
Allerdings die Gefahr dabei:
Wenn einmal die Evolution einen Schritt gemacht hat, sagen wir in Richtung Wirbeltiere, so kann dieser Schritt nicht zurückgenommen werden ohne die Auslöschung der Arten.
Derr Trost, sich in der Evolution realisierende Utopien sind eh selten: Es ist bemerkenswert wie fad und uninspiriert Utopien meist waren.
Die Grenzen gegenseitiger Verständigung stimmen überein mit den Grenzen gleicher Strukturen und Beschäftigungen, so dass die Störung der Einsicht nahe beim Zuhause auftritt. Es ist schwierig, Kinder zu verstehen, wenn wir uns nicht eine unübliche Geschmeidigkeit und Fähigkeit zum Spiel erhalten haben; Männer und Frauen verstehen sich nicht wirklich, was zwischen ihnen herrscht ist nicht mal so sehr Sympathie als Vertrauen durch Gewohnheit, Idealisierung, oder Satire; die Gedanken von Fremden sind reine Rätsel, und die den Tieren zugeschriebenen ein grotesker Bestandteil von Aesop und Physiologie.
Hier macht Santayana in einem Abschnitt gleich 3 Verwerfungen auf, die eine umgreifende Vernunft behindern, weil bereits kein gemeinsames Verständnis vorhanden ist:
Aus diesem Grund gehören Freunde normalerweise dem selben Geschlecht an, denn wenn Männer und Frauen übereinstimmen, so sind das bloss die Schlüsse; die Überlegungen dahinter sind immer unterschiedlich. Während dem intellektuelle Harmonie zwischen Männern und Frauen leicht möglich ist, liegen ihre ergötzlichen und magischen Qualitäten präzise in der Tatsache, dass sie nicht gegenseitigem Verständnis entwachsen, sondern eine Konspiration fremder Essenzen, und ein Kuss, als es geschah, im Dunkeln.
Es ist eine Galanterie des Geistes die alle Konversation mit einer Dame pervertiert, so wie es eine natürliche Höflichkeit gegenüber Kindern und Mystikern gibt; aber eine solche Gewohnheit respektvoller Konzession, markiert eine intellektuelle Entfremdung die so tief ist als die die uns von den dummen Tieren entfernt, radikal, unvereinbar mit Freundschaft.
... ein bösartiger Schluss, aber vielleicht hat der doch irgendwie recht ...
Rasse, wenn unterschiedlich, der grösste Unterschied.
Einige Rassen sind andern überlegen.
Auch hier mag uns Santayana durch einige isolierte Aussagen befremden, ja schockieren, man darf es allerdings nicht dabei belassen, denn er hat dazu mehr zu sagen:
Die Zukunft sieht vielleicht im Westen die Trennung zwischen administrativen und idealen Gruppen die im Orient familiär ist, so dass, egal unter welcher Regierung und mit totalem Kosmopolitentum in Industrie und Wissenschaft, jede Rasse ihre eigene Poesie, Religion und Gebräuche bewahren kann. Solche Traditionen allerdings sind immer eher Überleben oder Wiederbelebungen als der echte Ausdruck des Lebens, denn der Geist muss entweder die Natur repräsentieren und die Bedingungen des Handelns oder sonst zufrieden sein sich prekär durchzubringen, ohne Funktion, wie eine Art Geist.
Ja ei der Dauss, da lobt doch der Kerle vor 100 Jahren den Orient, den wir heute von oben herab "bedauern" und des Fundamentalismus bezeichnen, natürlich bloss, weil wir den eigenen Markt-Fundamentalismus als vernünftig betrachten. Es ist aber im Nahen und Mittleren Osten bis heute so, dass die Menschen eigentlich im persönlichen Umgang um vieles Toleranter sind als die meisten Schweizer (von andern will ich nicht reden, da ich das nicht beurteilen kann). Aber man wird nirgendwo in diesen Länder so oft belehrt, berichtigt, angefeindet für ein x beliebiges überflüssiges Detail wie hier. Obwohl als Landespolitik meist Diktatur herrscht, ist die lokale Demokratie in Nachbarschaft und Dorf meist um einiges offener, sozialer, umgänglicher und kooperativer als hier, ohne Zwang.
Santayana macht auch darauf aufmerksam, dass Patriotismus nicht blind und dumm sein muss, sondern eine überlegene Kultur anerkennen kann:
Ein kompetitiver Patriotismus beinhaltet eine Abneigung gegen alle anderen Staaten und ein Geheimnis und den dauernden Wunsch, sie zerschlagen und unterworfen zu sehen.
Feindlichkeiten gegen ein gut regiertes Land ist darum Dummheit. Ein rationaler Patriotismus würde eher die Form einer Imitation und Unterstützung diesen sog. fremden Landes annehmen, und sogar, wenn machbar, sich mit ihm vereinigen.
In diesem Kapitel beginnt Santayana damit, Vernunft als basierend auf der gegebenen natürlichen Ordnung der Welt zu erklären:
Die Existenz hat immer eine Ordnung, Chaos genannt, wenn sie unvereinbar ist mit dem gewählten Guten.
Dialektiker bestehen darauf, dass jeder Anordnung von Dingen eine andere Anordnung vorausging, die selbst nicht weniger definiert und präzise war. Zudem wird vorausgesetzt, dass gewisse Prinzipien des Wandels oder der Kontinuität vorhanden sein müssen, da sonst die aufeinander folgenden Zustände in keinerlei Relation zueinander stünden, besonders was Ursache-Wirkung betrifft, die durch Naturgesetze ausgedrückt wird. Potentiale sind Anlagen, und Anlagen schliessen eine Ordnung ein, genau so wie der Übergang von einem Potential zu einer Handlung. So muss die Welt, wie erzählt wird, immer eine Struktur besessen haben.
Die Vernunft wurde, wie sie seither entdeckt, in eine Welt geboren, die bereits wunderbar organisiert war, in der sie ihren Vorgänger fand in dem, was Leben genannt wird, ihren Sitz in einem Tierkörper von ungewöhnlicher Wandelbarkeit, und ihre Funktion in der Harmonisierung der flüchtigen Instinkte und Gefühle miteinander und mit der äusseren Welt von der jene abhängen.
> Santayana geht hier noch einiges über den Strukturalismus hinaus, der Ordnungssysteme vor allem in der Sprache erkennbar machen will. Hier wird der Ansatz über die Sprache hinaus generalisiert, und jede Anlage zur potentiellen Strukturgestalterin. Dieses Wissen wird heute etwas vernebelt, denn auch die heute herrschende Denkweise,. d.h. vor allem der Oekonomismus, basiert auf Strukturen die das imanente Potential wohl verwirklichen - aber auch die imanenten Probleme: strukturelle Arbeitslosigkeit, Wirtschaftszyklen, Zwang zur Innovation, zu Grösse, zu Wachstum etcetc.
Natürlich bilden die aufeinander folgenden Zustände der Welt, wenn wir sie rückblickend beobachten, eine andere und jetzt statische Ordnung, die wir historische Wahrheit nennen. Für diese absolute und impotente Ordnung ist jedes Detail von Belang.
> Impotent nennt Santayana diese Ordnung, weil sie weder transponierbar ist noch ihr Potential aus sich selbst heraus verwirklichen kann. Sie wirkt allerdings beschränkend, da sie einige Wege die in der Nähe liegen sichtbar macht, andere, entferntere, vernebelt.
Santayana, obwohl naturalist, ist allerdings nicht so naiv, Natur auf physikalisches mit seinen Gesetzmmässigkeiten zu reduzieren, sondern setzt, gerade wo es um den Menschen geht, richtigerweise dessen Interesse an die oberste Stelle:
Erfahrungsgemäss steht Ordnung in Beziehung zum Interesse, das den moralischen Status aller Macht bestimmt.
Leben ist die Festlegung von Interessen.
Wenn bestimmte Interessen erkannt und die Werte der Dinge nach diesem Standard geschätzt wurden, Handlung im Einklang mit dieser Schätzung abläuft, dann wurde die Vernunft geboren und die moralische Welt ist entstanden.
Vernunft wäre also a) die bewussteOrdnung der Interessen der Welt, b) aber auch die Orientierung derselben am Guten:
Hier, in kleinem Masstab und auf schwankendem Fundament (der Passion), können wir, illustriert und angedeutet das Leben der Vernunft sehen, das ganz einfach die Einheit ist die aller Existenz durch einen Geist gegeben wird, der das Gute liebt.
Vernunft, die Einheit die aller Existenz durch einen Geist gegeben wird, der das Gute liebt.
Das taugt als Definition, macht aber zugleich Vernunft zu einem Agenten eher der Ethik als dessen, was wir unter Rationalität verstehen, also dem interesslosen, wissenschaftlichen Betrachten und Beurteilen von Fakten, also reinem, abstraktem Denkvermögen. Diesen Zwiespalt wird der Begriff aber vermutlich nie los, denn für Aristoteles z.B. waren Männer rational, Frauen per se irrational. Also dort, wo zwischenmenschliches Beziehungsdenken und Gefühle dominieren, kann offenbar keine Rationalität herrschen - obwohl genau diese Domäne für das Gute äusserst entscheidend ist. Dieses Problem ist ungelöst und wäre noch anzugehen.
Rationale Ethik unterscheidet sich so von der prärationalen dadurch, dass sie vollständig ist. Es gibt einen Impuls, den die intuitiven Moralisten ignorieren: den Impuls zur Reflexion. Menschliche Instinkte sind ignorant, vielfältig und widersprüchlich. Sie zu befriedigen ist oft unmöglich, oft zerstörerisch, weil eine solche Befriedigung die Befriedigung anderer Instinkte verhindert, die nicht weniger fruchtbar und legitim sind. Wenn wir Vernunft auf das Leben anwenden verlangen wir sofort, dass das Leben konsistent, komplett und befriedigend sei wenn betrachtet und als Ganzes gesehen.
Wäre der Mensch nicht ein Herdentier, wäre er nicht Kind, Freund, Ehemann, und Vater im Wechsel, wäre seine Moral nicht sozial, sondern wie die einer Seidenraupe oder eines Engels, völlig produktiv oder völlig kontemplativ. Elterliche und soziale Instinkte, soziales Leben und die Gabe zu kooperieren, tragen Sympathie implizit in sich, so wie sie die Fähigkeit in sich tragen, einen Mitmenschen anzuerkennen.
Alles Leben, daher das echte Leben, ist beschränkt und partikular.
Die Familie ist ein Meisterwerk der Natur. Es wäre schwierig, ein besser eingerichtetes System von Instinkten zu schaffen, in dem sich die Elemente besser repräsentieren oder einander unterstützen. Der Ehemann hat ein Interesse am Schutz seiner Frau, sie dient ihm.
Dies war präzise der Inhalt des patriarchalischen Gedankens, der durch die Emanzipation der Frau verwerflich wurde. Die Frau will nicht mehr dienen, nicht unterwürfig sein, sondern gleich...berechtigt, was richtig ist - aber immer noch schutzwürdig, geschützt, versorgt und bevorzugt, was dann eben irgendwann doch problematisch wird. Ganz so einfach ist offenbar auch hier ein Systemwechsel nicht, insbesondere wenn die sich emanzipieren wollenden von denen, die sie noch an der Hand führen (von der sie sich befreien sollten), verlangen, sie in die Emanzipation zu führen. s. Emanzipation
Elterlicher Instinkt betrifft nur die Kindheit. Aber ihre Einsicht und Eifer schwinden nach und nach, wenn die Kinder grösser werden. Selten ist das private und ideale Leben eines jungen Sohnes oder einer Tochter eine Angelegenheit in der die Mutter speziellenTakt zeigt oder wofür sie instinktiven Respekt zollt. Noch seltener herrscht eine wirkliche Gemeinschaft im Leben und Denken zwischen Eltern und erwachsenen Kindern. Oft wird der Einfluss der Eltern als tödliche Einschränkung empfunden, die um so grausamer ist, als man sich ihrer nicht erwehren kann ohne Unfreundlichkeit; und was die Klage der Eltern sofort ungerecht und pathetisch macht ist, dass sie auf der passionierten Liebe für ein erinnertes Wesen basiert, dem Kind das einst völlig ihres war, das nicht länger existiert im Mann.
Hier wein weiteres Emanzipationsproblem, das aber vor allem Männer betrifft: Die Emanzipation von der Mutter. Geboren, gesäugt, gepflegt, gefüttert, verwöhnt, angezogen, erzogen, verzogen ... und entweder als dauernd latente Oedipusse verdächtigt wenn sie sich nicht irgend wann radikal von der Mutter absetzen - oder als undankbar beschimpft, wenn sie's tun. Diese Geschichte ist sehr gut illustriert in Marianne Fehrs Biographie Niklaus Meienbergers, die auch sonst ziemlich nervt: Wer sich nach den Ansprüchen anderer richtet ist ein Arsch, wer selbst Ansprüche stellt ist auch ein Arsch.
Das Leben ist experimentell, und was immer eine wichtige Funktion ausübt und nicht verworfen werden kann, ist ein sicherer Kern für manchen Parasiten, ein Anfang für ein neues Experiment. So wird die Familie, im Dienste der Erhaltung der Art, der Ausgangspunkt für viele Institutionen. Sie übernimmt Aufgaben die auch anderen hätte zukommen können, hätte nicht die Familie sie in Beschlag genommen, von der etablierten Autorität profitierend, sie an ihre Domäne bindend. In keiner zivilisierten Gemeinschaft z.B. wurde die Verbindung von Mann und Frau auf die notwendige Zeit limitiert. Sie setzte sich fort nach der Familie, wurde gepflegt und hatte ein Leben lang Bestand; sie bedingte im Allgemeinen eine gemeinsame Behausung und Religion und oft gemeinsame Freunde und Besitz. Und wieder, die Emanzipation der Kinder wurde unendlich aufgeschoben. [s. Erbschaften unter > 5 Vermögensverteilung]
Heute bis nach der Pensionierung: Erbschaft, und auch dann oft noch verhindert.
In einfachen ländlichen Gemeinschaften waren Familien oft auch die wichtigsten Produktions-einheiten, alles was nötig war wurde in der Hauswirtschaft hergestellt.
Die höchsten Gebäude benötigen das tiefste Fundament. Liebe würde nie so hoch fliegen, würde sie nicht aus etwas Tiefem und Elementarem entspringen. Es handelt sich also meist um wirkliche Liebe, wenn es unwiderstehlich und fatal ist (das Gefühl).
Liebende sind lebhaft der Tatsache bewusst: Ihr Ideal, scheinbar so unartikuliert, scheint ihnen alles zu beinhalten. Es teilt die mystische Qualität allen primitiven Lebens.
Allerdings:
Liebe verlangt in der Tat weitaus weniger, als sie selbst denkt. In neun von zehn Fällen ist des der Liebende, in einem von zehn Fällen das Objekt. Wäre letzteres zufälligerweise nicht vorhanden, würde eine ähnliche Passion für jemand anders empfunden; wo auch mit Bekannheit sich die Qualität der Bindung natürlich an die geliebte Person anpasst, diese Person zu ihrem Standard und Ideal macht, wäre die erste Attacke und der mysteriöse Aufglühen der Passion so ziemlich die selbe für jedes Objekt. Was die Art der Liebe wirklich beeinflusst ist das Temperament, Alter und Erfahrung des Liebenden.
Wenn, im Gegensatz dazu, eine Gesellschaft dauernd und leicht die Begegnung der Geschlechter erlaubt, wird der erste Eindruck, falls nicht verstärkt, bald verborgen und verwischt durch andere.
Santayana sieht als Liebe als Tragödie nur dort, wo Begegnungen beschränkt sind. Aus der Sicht der Natur ist das verständlich, denn der Mensch soll sich ja fortpflanzen, nicht rumjammern.
Liebe ist übereinstimmend nur die Hälfte der Illusion; der Liebende, aber nicht seine Liebe, wird enttäuscht.
Häufig taugt etwas weniger Liebe, idealisierte Liebe, weitaus mehr, da sie keine Schäden verursacht, aber doch Freundschaft ermöglicht:
Wo immer das Ideal fehlt und der Liebende in seiner Herrin nichts sieht als was jederman sieht, sie ernsthaft und ehrlich liebt in ihrer unverschönten und zufälligen Person, besteht eine freundliche und humorvolle Zuneigung, bewundernswert als solche, aber keine Passion, keine Verzauberung durch Liebe; sie wird ein Mitglied seiner Gruppe, kein Geist in seinem Pantheon. So eine Zuneigung kann sein was sie sein soll; sie kann ein stabiles Glück bringen weil das Herz ganz blieb, und kein Göttlicher Pfeil es durchbohrte.
Was nun die Menschen betrifft, ist allerdings die Angelegenheit doch etwas schwieriger als bei den Hühnern, da die notwendige Aufzuchtzeit a) sehr lange dauert, fast 20 Jahre, als Zahleltern bis zum Abschluss der Ausbildung, also bis zu 25 Jahre, b) auch finanziell einen beträchtlichen Aufwand darstellt (ca. 3-500'000 Fr., in der Schweiz). Wichtig ist auch die Prägung die sie durch beide Elternteile erfahren, also den gleichgeschlechtlichen wie eben den andern, der bei alleinerhziehenden dann eben oft fehlt.
Desinteressierte Treue wird dann ihrerseits ihr Recht und ihre Pflicht. Aber ein Weibliches, einmal befruchtet, braucht, wie die Henne, keine weitere Kooperation des männlichen Parts und entfernt sich von ihm mit absoluter Indifferenz um ihre Eier selbst auszubrüten, ungestört durch das geringste Gefühl von Einsamkeit oder Eifersucht. Und die Küken die ihr erst folgen und sich unter ihren Flügeln bergen werden bald vergessen und ebenfalls in die mechanischen Landschaft verbannt. Da ist kein Schmerz im rechtzeitigen kappen der teuersten Bindungen, wo die Gesellschaft noch kein permanenter Organismus geworden ist und permanente Freundschaft keine ihrer möglichen Zustände ist.
Dazu kommt, dass Sexualität, insbesondere bei Männern, ein treibender Faktor ist, fast lebenslänglich, also nicht einfach zerredet werden kann, obwohl oft problematisch, und durch die Werbung geradezu zur Dauergeilheit geworden:
Es ist Degradation, wenn Instinkte sich vermehren und in Wettbewerb treten.
Der Mensch wird komplexer, weniger stabil organisiert. Sein sexueller Instinkt, statt zeitweilig und heftig und kühn erklärt, wird praktisch dauerhaft, aber verwickelt in sich überschneidende Ströme von Wünschen, in viele andere gleichfalls wenig perfekte Anpassungen von Strukturen mit unterschiedlichen Zielen. Das Schwelgen in Impulsen kann dann leicht exzessiv werden und den Rest zerstören, da es leicht künstlich erregt und von aussen aufrecht erhalten werden kann, so dass es die Nachbarn stört.
Das immer noch beliebte Mittel der Zensur ist hier allerdings auch heute noch meist genau so daneben wie damals:
Eine solche Unterdrückung ist vorteilhaft: Die Phantasie, ersetzt durch eine Art idiotischer Genialität, wird Ort der Erfahrung; und Natur wird bösartig und übertüncht mit Lüsternheit., Künstlichkeit, und der Liebe zu Neuigkeiten. Darauf verschärfen die Autoritäten die diese Dinge regeln ihre Aufmerksamkeit und übertreiben ihre vernünftige Zensur: Keuschheit erhält einen gleichsam heiligen Schein und dauernde Jungfernschaft wird zum absoluten Ideal. So führen Störungen und Neigungen im Leben des Menschen, wenn sie intolerabel werden, dazu, dass er die Elemente aus denen Ordnung entstanden wäre selbst verdammt, und seine Verwirrung mit totaler Verderbtheit verwechselt.
Verbiegung innerhalb der Familie:
Transzendentale Gedankespielereien aufzubrechen ist eine Funktion, die normalerweise die Familie wahr nimmt, obwohl auch sie dafür nicht gut geeignet ist. Für Mütter und Pflegerinnen sind ihre Lieblinge immer Ausnahmen, sogar Väter und Brüder bestätigen das Kind darin, dass es sich von andern sehr unterscheide und viel bedeutsamer sei, weil er ihrem Herzen näher steht und alle Art an Begünstigungen erwarten darf. Der ganze Haushalt, im Verhältnis dazu wie er über das Kind eine hütende und nachgiebige Atmosphäre breitet, nährt Willkür und Illusion. Darum sind die nobelsten und glücklichsten Kinder diejenigen, die, wie in Griechenland oder England, unter einfachen Regeln von dafür geschulten Personen erzogen werden. Das beste Training des Charakters findet sich in sehr grossen Familien oder Schulen, wo die Kinder einander erziehen. Unbezahlbar in dieser Hinsicht ist das Körpertraining; weil dort die Prüfung der Fähigkeiten sichtbar wird, der Vergleich nicht verhasst, die Notwendigkeit der Kooperation klar, und das Bewusstsein von Kraft ursprünglich und daher förderlich. Die Sokratische Dialektik ist auf keinen Fall ein besseres Mittel sich selbst kennen zu lernen. Dieses Selbst-Wissen ist objektiv und frei von Selbstbewusstsein; es sieht das Selbst in einem generellen Umfeld und misst es bei allgemein gültigen Regeln. Sogar die zarten Bindungen des Hauses, können, unter anderen Umständen, an andere Objekte binden. Der Konsens der Meinungen hat, manchmal, eine störende Wirkung auf ideale Werte.
Sie werden meist Personen in Obhut gegeben, die nicht zur Familie gehören, aber besonders geeignet sind zur Erziehung. Das Ganze, in einem Wort, existiert mehr und mehr für das Wohl seiner Teile, und die Geschlossenheit, Dauer und Ziel der Familienbande variiert beträchtlich zwischen unterschiedlichen Haushalten. Barbarische Gebräuche, die allen Fällen, ohne Ansehen der Person auferlegt werden, haben Schwierigkeiten gerecht zu sein und werden durch ein flexibleres Regime ersetzt.
So gibt es in bestimmten Abteilungen eine sehr starke Loyalität gegenüber Schulen, Colleges, Clubs, Militär, Kirche und Land.
Santayana formuliert hier einige Erziehungsprinzipien, wie sie von extremen kommunistischen Regimes umgesetzt wurden: Die Kinder sollen nicht in Abhängigkeit von ihren Eltern geraten, sondern quasi zu Gemeinschaftskindern erzogen werden, im Austausch der Eltern. Wir haben heute in der Schweiz ähnliche Tendenzen mit der Frühbetreuung von Kleinstkindern in Horten, Ganztagesschulen etc. Hier geht es zwar eher um die Entlastung der Mütter, die ihre produktive Zeit der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen widmen sollen, aber der Effekt dürfte ähnlich sein. Entsteht hier eine bessere Generation als die vorhergehenden, bürgerlich-kleinkarrierten? Auch wenn dem theoretisch so sein müsste, sind Zweifel angebracht, gerade weil diese Kinder nicht mehr frei aufgebraucht werden, nicht mehr spielerisch, sondern quasi in Zuchtanstalten in denen sie möglichst rasch möglichst viel lernen sollen, das sie zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft (?) oder einer privaten Firma (?) macht. (Die beiden Fragezeichen sind gedacht als Denk-Mal). s. auch Frühverschulung - Frühverblödung
Andere, objektiver Grundlagen der Gemeinschaft:
Junge Männer entwischen so früh sie können, zumindest in Gedanken, in die grosse weite Welt; alle Propheten sind heimatlos und alle inspirierten Künstler; Philosophen erdenken sich eine Art Kommunismus, Mönche setzen ihn um. Es gibt in der Tat kaum weniger rationale Gründe für das Zusammenleben als die Herkunft aus den selben Lenden. Sie sagen, Blut ist dicker als Wasser; aber ähnliche Kräfte treten leicht in Wettbewerb, während dem ungleiche Kräfte vielleicht kooperieren. Es ist das Ziel, das geheiligt ist, nicht der Anfang. Eine gemeinsame Herkunft vereint vernünftige Kreaturen nur, wenn sie gemeinsame Gedanken und Zwecke haben; und diese können auch Individuen aus höchst unterschiedlichen Rassen und Altern binden, wenn sie sich mal gefunden haben.
Hier findet sich eine Erkenntnis, die die Grundlagen des Sozialismus eigentlich ins Gegenteil verkehrt: Alle sind gleich - heisst am Markt nichts anderes, als dass dann eben alle miteinander in atomistischer Konkurrenz stehen, ohne Spezialsierung, sozusagen Wettbewerb ohne Grenzen. s. Reiter Freiheit und Wirtschaft, Graphik Wirtschaft und Politik zwischen Planung und Chaos.
Individualismus ist in gewissem Sinne rational.
Was immer in einer gewissen sozialen Ordnung das Wertvollste ist, kann nur wertvoll sein wegen seiner Wirkung auf bewusste Individuen. Der Mensch ist natürlich ein soziales Tier und braucht zuerst die Gesellschaft um sicher ins Sein einzutreten.
Individualismus ist so das einzige mögliche Ideal.
Schlecht regierte Gemeinschaften können intelligenter sein als gut regierte, wenn die Menschen die Motive und partiellen Vorteile der Missbräuche die sie tolerieren auch fühlen.
Die Aussage ist vermutlich etwas schwer verdaulich - aber logisch. Sie besagt nur, dass bewusste Erfahrung, auch wenn sie übel ist, besser ist als gute Erfahrung, die unbewusst bleibt.
Politische Freiheit ist ein Zeichen von moralischer und ökonomischer Unabhängigkeit.
Bis zu welchem grad Männer und Frauen der Zukunft es nötig finden, auf Blutsverwandtschaft oder Heirat zu vertrauen um nicht einsam zu werden, zwecklos und verdorben, können nur Propheten vorhersagen. Wenn die Dinge sich weiter in die selbe Richtung entwickeln, wird manches das heute als übler Geruch gilt bald als normal akzeptiert werden. Es könnte auch passieren, als Folge der Emanzipation der Frau, dass Mütter ihre Kinder im Hause alleine als Hüter und Herrinnen grossziehen; der Mann, sofern überhaupt anerkannt, hätte allenfalls finanzielle Verantwortung für seinen Nachwuchs. Ein solches Arrangement ergäbe ein stabiles Heim für die Kinder, während dem die Heirat auflösbar wäre nach dem Willen jeder Partei.
> Ein Zustand der heute so weitgehend erreicht ist. Den Vätern wird jegliches Verständnis für Erziehung abgesprochen. Mütter erhalten Pflegerechte bei Scheidung fast austomatisch. Väter werden finanziell ruiniert. So wie die Gottesanbeterin ihren Begatter aufspeist um seine Proteine gleich vollständig an die Nachkommen weiter zu geben, so werden heute manche Männer einfach finanziell ausgenommen bis auf die Knochen, ein beliebter Sport mancher Frauengruppen:
Allerdings könnte als Resulat der Emanzipation der Frauen auch das Gegenteil dessen herausschauen, was beabsichtigt war. Wirkliche freier und gleicher Wettbewerb zwischen Mann und Frau könnte das schwächere Geschlecht zu so einer unbarmherzigen Unterlegenheit verdammen, verlustig der Achtung und Gunst die es heute geniesst, dass es sich völlig ohne Einfluss finden könnte. In diesem Falle müsste es wieder von vorne beginnen und Beschwerde einlegen.
Auch dieser Zustand wurde längst erreicht, und die sich emanzipieren wollenden Frauen verlangen nun halt von den Männern, sie dabei zu unterstützen ... (Tschuldigung, aber ich hab grad eine extrem misogyne Woche. Objektivere Ansicht zum ganzen Thema unter Emanzipation)
Freundschaft:
Das Leben in einem Lager oder College begünstigt Freundschaft, weil dort grossartige Aktivitäten in Gemeinschaft durchgeführt werden und immer Zeit lassen für spielerische Ausbreitung und Möglichkeiten Freunde zu wählen. Die Alten, als sie noch frei waren, verbrachten ihr ganzes Leben im Forum und Palaestra, Lager, Theater und Tempel, und konnten so in Freundschaft leben auch noch in ihren reiferen Jahren; aber das moderne Leben begünstigt dieses Fortdauern nicht. Was mit geschäftlichen Pflichten, politischen entfernten und unsichtbaren Banden, mit früheren Ansprüchen der Familie, und mit der Individualität von Geist und Angewohnheiten täglich zufälliger wird, frühe Freunde finden sich bald selbst getrennt durch unüberbrückbare Abgründe. Für florierende Freundschaft müsste das persönliche Leben öffentlicher werden und das soziale Leben einfacher und humaner.
Ideale
Wie relativ und untergeordnet auch immer, physikalisch betrachtet, menschliche Ideale sein mögen, diese Ideale bleiben die einzigen moralischen Standarde für den Menschen, der einzige Test, den er auf Wert oder Autorität in andern Gebieten anlegen kann.
Das Leben der Vernunft ist keine passende Reproduktion des Universums, sondern nur der Ausdruck des Menschen alleine.
Wir haben gesehen dass die Gesellschaft sich in drei Stadien entwickelt - das natürliche, das freie, das ideale.
Die ideale Gesellschaft ist ein Drama das sich ausschliesslich im der Vorstellung abspielt.
Selbstliebe als Integrationsmechanismus - oder: Auch soziales Verhalten resultiert aus Eigennutz:
Der Ambition (dem Streben), der Liebe von Reichtum und Ehre, der Liebe von Freiheit die die Gelegenheit zum Experiment und Abenteuer meint, verdanken wird alle Begünstigungen die von Griechenland und Rom, von Italien und England abgeleitet sind. Es ist zweifelhaft ob eine Gesellschaft die keine persönliche Belohnung kennt Anstrengung inspirieren kann; und es ist noch zweifelhafter ob diese Anstrengung, wenn in der Tat angeregt durch Ausbildung, ertragreich wäre. Indoktrinierte kollektive Werte (Tugenden) werden leicht zu Fanatismus, sie fordern ein irrationales Opfer eingegeben durch abstrakte Prinzipen oder Gewohnheiten, einmal vielleicht nützlich; aber dass Konvention bald zu Aberglauben wird und aufhört die generelle menschliche Qualität zu repräsentieren.
La Rochefoucault konnte die Selbstliebe als Ursprung aller menschlichen Gefühle beschreiben. Selbstliebe beinhaltet die Voreingenommenheit nicht bloss mit der Idee vom Selbst, sondern mit dieser Idee wie sie sich in anderer Menschen Hirn präsentiert (heute Rolle genannt); das Selbstgespräch wurde zum Dialog, oder eher zum Solo mit dem Echo eines Chores. Das Interesse an jemandes sozialer Gestalt ist bis zu einem gewissen Grad materielles Interesse, weil die Liebe oder Aversion anderer Menschen Prinzipien sind, die sich in ihren Handlungen realisieren; und ein soziales Tier wie der Mensch hängt für sein Glück ab von den Handlungen anderer Menschen. Das individuelle Interesse an der Haltung die die Gesellschaft ihm gegenüber annnimmt ist so in erster Linie Rücksicht auf das eigene praktische Wohlergehen. Aber die Vorstellung verfeinerst hier das weltliche Interesse. Was andere über uns denken würde wenig bewegen, würde es nicht das, was wir über uns selbst denken, tief einfärben. Nichts kann den mystischen Charakter des Selbstbewusstseins besser belegen als diese extreme Empfindlichkeit für fremde Meinungen; denn der Mensch der sich wirklich kennt, würde die ignoranten Ansichten anderer über diese Sache, zu der er einen unvergleichlichen Zugang zur Beobachtung hat, einfach ignorieren.
> wo derartige Überlegungen in die Psychologie gehören, sind sie eben für die Philosophie verloren
Der feste Besitz von Land macht den Stamm zum Staat. Plato hat uns eine Beschreibung überliefert eines solchen Übergangs der Idylle zur politischen Bedingung. Bevölkerungsdruck und seiner Erfordernisse zwingen eine Arkadische Gemeinde zur Invasion ihrer Nachbarn (s. Die Geburtenrate als treibender Faktor des Heroismus); diese Invasion heisst Krieg, und, wo es Felder und Kornspeicher zu schützen gilt, Sklaven und Handwerker bei der Arbeit zu halten sind, heisst Krieg eben Festungen, eine Armee, und ein General. Und um diese Armee im Feld zu ergänzen muss eine andere zuhause erhalten werden, zusammengestellt aus Richtern, Priestern, Bauleuten, Köchen, Barbieren, und Ärzten. Das ist der Beginn dessen, was im wörtlichen Sinne, als Zivilisation bezeichnet wird.
Die selbe Theorie dürfte auch heute noch die Probleme in Afrika und im Islamischen Raum weitaus besser erklären, als irgendwelches kulturelle Gelaber. Der Überschuss an Menschen, bei Unterschuss an Strukturen die eine Existenz erlauben, führt zu Wanderungen, der Suche nach andern Ueberlebensmöglichkeiten. So einfach ist das.
Santayanas Theorie der <Zivilisation als Backoffice der Armee> deckt sich so ziemlich mit der des militärisch-industriellen Komplexes, der den USA für über hundert Jahre grosse Vorteile verschafft hat.
Die Existenz eines Tieres wird nicht verbessert, wenn man es einsperrt und domestiziert; es wird nur degradiert, passiv und melancholisch.
Für das Leben der Vernunft dagegen ist Zivilisation eine notwendige Bedingung.
Santayana zieht adlige Herrschaften vor, vermutlich eine spanische Leidenschaft, sieht aber einfache Gesellschaften dennoch nicht als unterentwickelt oder negativ an, denn der Zusammenhalt ist dort besser:
Besitztümer, ideller und materieller Art, wären in einer einfachen Gemeinschaft weniger vorhanden, aber sie würden leichter geteilt und die Menschen mehr moralisch und geistig binden statt sie zu trennen, wie das heute durch die hoch entwickelten Arten des Lebens oder Denkens geschieht. [wohlgemerkt, bereits vor 100 Jahren geschrieben]
In der Ausgestaltung der Wirtschaft, präziser der Verteilung des Mehrwerts (s. Reiter 5: Pareto), setzt der gerade nicht auf das, worauf heute alle SPs setzen, nämlich Wirtschaftswachstum, sondern auf bessere Verteilung, Genuss der Erfolge der Rationalisierung und der Steigerung der Produktivität:
Würde die Sozialdemokratie allerdings die Reduktion der Arbeit und Reichtum verhindern und vielmehr vorschlagen, den materiellen Prozess zu beschleunigen und jeden Hochofen in Glut zu halten, sie stiesse auf ein ernsthaftes Problem. Wer würde die Produkte geniessen? Diejenigen die sie erschaffen? Für welche Art von Vergnügen, Kunst und Wissenschaft hätten diese verrussten Arbeiter noch Zeit und Energie nach einem Tag heisser und nicht nachlassender Anstrengung? Welche Religion würde ihren Sabat füllen und ihre Träume? Wir sehen, wie sie ihre Freizeit heute verbringen, wo eine starke aristokratische Tradition und die Präsenz einer reichen Klasse die Ideale des Volkes noch stark beeinflusst. Stellen Sie sich vor, dass diese Einflüsse verschwinden - würde noch ein Kopf erhoben über das tote Niveau unendlicher Stumpfheit und Vulgarität? Wäre die Menschheit mehr als eine triviale, gefühlsduselige, abergläubische, von Traditionen beherrschte Herde? Es gibt keine Tyrannei die so hassenswert ist als die vulgäre und anonyme Tyrannei. Alles durchdringend, alles vereitelnd, zerbläst sie jede knospende Neuigkeit und Zweig von Genie mit ihrer omnipräsenten und stolzen Dummheit. Solche kopflose Leute haben das Gehirn eines Wurms und die Klauen eines Drachen. Jeder wäre ein Held, des dieses Monster bezwingt. Ein fremder Eroberer oder einheimischer Despot hätte zumindest Stufen zu seinem Thron, mögliche Standplätze für Kunst und Intelligenz; seine hochnäsige Gleichgültigkeit würde die populären Götter verwirren, und einer mutigen Hand erlauben, sie zu zerschlagen. Sozialdemokratie unter Hochdruck würde der Freiheit keinen Raum lassen. Der einzige Freie wäre der, dessen Ideal es ist, ein durchschnittlicher Mensch zu sein.
Die Leute sind eifersüchtig auf Hervorragende.
Hier, im zweiten Teil, dem Lob der "Kultivierheit" der besseren Klassen, stösst Santayana dem modernen Empfinden auf, übel auf, noch mehr, wenn er aristokratische Herrschaft, zumindest in der Form der Timokratie, als Ideal vorschlägt. Seine Kritik der Demokratie zeigt allerdings, so ungern wir das zugeben mögen, einiges, das heute eben so ist:
Die Ressourcen des Landes würden steigen, aus dem simplen Grund, weil jemand spürbar davon profitieren könnte; und jedermann hätte zumindest ein ideales Interesse im Streben nach diesem vollständigen Leben das er oder seine Kinder, oder wer immer am fähigsten wäre es zu schätzen, wirklich geniessen sollte.
Im Allgemeinen bringt Santayana hier also den selben Sermon, den uns Freunde des Privatkapitals andauernd vorbeten: Nur wo privater Besitz, kann sich persönliches Interesse produktiv entfalten. (Was die Wirtschaft eigentlich längst selbst widerlegt hat durch das Fisher-Separationstheorem, das eben gerade belegt, dass Kapital sehr wohl und sehr zum Vorteil von Verwaltung zu trennen ist, weil nämlich ein professioneller, geschulter Verwalter (Manager) diese Geschäfte besser beherrscht als ein Eigentümer.
Im Detail ist nun allerdings Santayana der heutigen "Demokratie" sogar demokratisch voraus, denn heute herrscht beim Erben sogar Steuerfreiheit, die grossen Kapitaldynastien, die sehr oft aus alten Herrschaftsgeschechtern stammen, vererben ihre Herrschaft nach wie vor, heute eben eher als Geld denn als Titel:
Eine solche Timokratie (für die die Römische Kirche ein gutes Beispiel ist) würde sich von der sozialen Aristokratie wie sie heute besteht nur durch die Entfernung der erblichen Herrschaft unterscheiden. Die Menschen wären gleich geboren, aber sie würden sich zu Ungleichheit entwickeln, und die einzige Gleichheit die bestehen bleibt wäre die Gleichheit der Chancen.
Wie die Aristokratie würde sie (die Timokratie) eine Vielzahl an Institutionen und gehobenen Klassen aufweisen, eine stimulierende Vielfalt der Lebensstile, vorteilhaft für Kunst und Wissenschaft und noble Exzentrizität.
Das Problem liesse sich etwas genereller Fassen, als Problem der Aussenseiter und Spinner.
Ein Verrückter, sagt ein spanisches Sprichwort, weis zuhause mehr als ein weiser Mann im Haus seines Nachbarn. So nimmt der demokratische Instinkt an, dass, wo nicht alle ein wachsames Auge auf den Verlauf der öffentlichen Geschäfte haben und die Vorgänge dort kommentieren, sie sehr schnell aufwachen werden um zu merken, dass sie ignoriert und versklavt wurden. Die Auswirkung davon ist, dass jeder Mensch der beste Richter seiner eigenen Interessen ist, wie der Mittel, diese zu fördern; oder zumindest indem er sich selbst anleitet erhält er schlussendlich die nötige Einsicht und erreicht nicht bloss sein praktisches Ziel, sondern auch einige politische und intellektuelle Würde.
Welche Zucht wie erreicht wird in der modernen Timokratie (Herrschaft der Besitzenden), also auch unserer, wenig noblen, beschreibt er vor 100 Jahren - heute haben wir das Resultat davon (man braucht zum bessern Verständnis bloss Zünfte durch Arbeitgeberverbände zu ersetzen):
Er muss sein Glück darin finden, dass er die tägliche Aufgabe unter seinen Händen wachsen sieht; und wenn, in spekulativen Momenten, sich sein Auge erhebt von der Arbeit, muss er eine ideale Befriedigung finden im Patriotismus, in der Liebe für diese komplexe Gesellschaft zu der er mit seinem unendlich kleinen Dienst beiträgt. Er muss lernen glücklich zu sein ohne Reichtum, Ruhm oder Macht, und ohne Belohnung sein bescheidenes Leben retten und die ideale Teilhabe an der Grösse seines Landes. Dies ist ein Geist der nur schwer zu erhalten ist ohne eine geschlossene Organisation und viel Training, wie militärische und religiöse Timokratien von Disziplin und kleinlicher Regelung des Lebens abhängen, müsste die industrielle Timokratie von Zünften und Gewerkschaften abhängen, die persönliche Freiheiten stark beschränken würden.
Organisationen mit idealen Zielen erzeugen Fanatismus
Und, in der Tat, was aristokratische Philosophen immer aufrecht erhalten haben ist, dass Menschen sich wirklich derart in ihren Fähigkeiten unterscheiden, dass der eine glücklicher ist als Sklave, der andere als Ladenbesitzer, der dritte als König. Alle Berufe, sagen sie, sogar der niedrigste, sind oder könnten zumindest Berufungen sein.
Es wäre selten zum Wohle eines Musikers, würde er zum Admiral befördert oder die Hausfrau zur Primadonna.
Im Gegensatz zu dieser Vielfalt steht die Masse, zu der sich Individuen oft hinreissen lassen, wenn ihre Identität oder die eigene Klasse zerbricht:
Aristokratie bedarf logischerweise der Kasten und die grosse Menge bleibt, wie Schopenhauer sagte, Fabrikwaaren der Natur.
Descartes: Gemeine (im Sinne von "einfache") Menschen sind nichts als Maschinen-Tiere.
Die Masse verstümmelt also den freien Menschen, der sich also vor zu viel Konsens und Anpassung hüten muss. In keinem Staat und unter keiner äusseren Bedrohung war und ist die Ausrichtung auf eine Gesinnung notwendig. Diese erleichtert bloss die Verwaltung und die wirtschaftliche Versorgung.
Wo schlechte Anpassung herrscht gibt es keine physikalische Stabilität. Desshalb kann ein Gesellschaftsideal niemals und um keinen Grund die Verletzung von irgendjemand beinhalten. Ein solches Ideal würde als Ziel etwas vorschlagen, das ausserhalb des Gleichgewichts ist, eine Gesellschaft, die, sogar wenn sie gegründet würde, sich nicht erhalten könnte; aber ein ideales Leben sollte nicht versuchen seine Ideale zu zerstören durch die Zerstörung seiner eigenen Existenz. An zweiter Stelle ist es moralisch unmöglich, dass Ungerechtigkeit in den Idealen überlebt. Das Ideal meint das Perfekte, und ein angenommenes Ideal in dem das Falsch verbleibt wäre eine Verneinung aller Perfektion. Der ideale Staat und das ideale Universum sollten eine Familie sein wo zwar nicht alle gleich, aber alle glücklich sind. Also muss ein aristokratisches oder theistisches System, will es Respekt verdienen, seine finsteren Entschuldigungen für das Böse verwerfen und klar eine solche Existenzordnung vorschlagen, eine der andern übergeordnet, die keinerlei Leiden verursacht auf keiner Ebene. Die von jedem verlangten Dienste dürfen keine Verletzungen von irgend jemandem beinhalten; sie auszuführen sollte des Dienenden spontanes und spezifisches Ideal sein. Die Privilegien die das System einigen gewährt dürfen nicht den Zorn der anderen erregen, und es darf dafür weder mit der Verstümmelung anderer Leben bezahlt werden noch mit der Elimination ihrer natürlichen Begabungen. Die Bescheidenen würden so in Wirklichkeit belohnt, und nicht bloss durch Zurechnung, während für die Grossen diese Vergünstigungen ebenfalls ein Segen wären, hier nicht nur in Wirklichkeit sondern vor allem durch die Gerechtigkeit.
Hier stossen zur Zeit einer Mehrheit die Löhne einer kleinen Minderheit auf, auch dies Privilegien, die durch die Arbeit aller bezahlt werden, und sehr stark durch die Vernichtung von Chancen vieler. Diffus wird das Problem durch die anonyme Gesellschaft, in der die wahren Profiteure verschwinden - hinter dem heeren und unbefleckten Interesse der Firma sich verbergend.
Reichtum selbst ist ein Ausdruck von Vernunft, weil er entsteht, wenn Männer, statt nichts zu tun und in der Welt rumzuhängen, sich dran machen Früchte zu sammeln die sie in der Zukunft brauchen können, oder ihr Wachstum begünstigen oder zu ihrem Erscheinen beitragen. Das ist des Menschen erstes industrielles Unternehmen, wie es sich in Beweidung, Landwirtschaft und der Förderung von Bodenschätzen zeigt.
Santayana kommt allerdings zu einem ganz anderen Schluss als dem heute allgemein gültigen, der lautet: nachhaltiges Wachtum ist unumgänglich notwendig. Ihm ist klar, dass die grosse Maschine, einmal in Betrieb, darauf eingestellt ist zu produzieren, und nicht mehr nach Sinn und Zweck fragt, also ohne Vernunft und ohne Förderung von Glück einfach mechanisch weiterläuft. Hier muss und kann die Kritik ansetzen, ev. auch die Lösungen:
Die Maschinerie, die Reichtum produziert und von der die Menschliche Energie Teil geworden ist, kann weiterarbeiten ohne Glück.
Reichtum muss seine Berechtigung im Glück finden.
Präzise dieser Zustand wurde inzwischen erreicht. Wie es scheint war die Situation für Santayana allerdings bereits vor 100 Jahren ähnlich. Luxus auf der einen, Ueberlebenssicherung ohne all zu viel Lebensfreude auf der anderen Seite.
Westliche Gesellschaften hat diese Richtung offensichtlich recht missbräuchlich verfolgt, das Leben gewaltig kompliziert ohne den Geist zu veredeln. Sie hat den Reichen Möglichkeiten und Luxus in die Hände gegeben, die sie verschwenden ohne Würde oder Magnifizenz zu erreichen, während dem die Armen, wenn auch physisch in besserem Zustand als zuvor, in der Zwischenzeit auch nicht weiser oder fröhlicher geworden sind. Die ideale Distinktion wurde bei den besten Menschen geopfert, um materiellen Komfort bei den schlechtesten zu fördern. Die Dinge, so sagt Emerson, sitzen im Sattel und reiten die Menschheit.
Jeder Mensch mit einen zarten Herzen und traditionellen Vorurteilen würde zögern, die verantwortungslosen Reichen zum Aussterben zu verurteilen, zusammen mit allen Armen, Mystikern und alten Jungfern, die von Renten leben.
Für Santayana war offensichtlich das Verschwinden der alten Herrschaftsschicht, der klassischen Rentner, die von den Erträgen ihres Landes und Besitzes leben, ein echtes Problem. Im Prinzip sind sie zwar ja eigentlich gar nicht verschwunden, bloss ihre Kultur ging bachab. Sie selbst nennen sich heute Aktionäre, aber ihre Kultur beschränkt sich auf den Ruf nach höherer Rendite, das einzige, worum sie noch im Duell der Computer ihre Ehre verteidigen.
Den andern schlagen, oder sagen wir, den Rekord schlagen. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Welt alte Geheimnisse von ihrem Busen stösst, der menschlichen Schmeichelei Folge leistet, und bisher ungehörte Form annimmt. Das höchste Gebäude, der grösste Dampfer, der schnellste Zug, das Buch mit dem grössten Umlauf, das sind Titel die in Amerika respektiert werden.
Reichtum ist exzessiv, wenn er den Menschen zum Mittel macht, zum Jobber, wenn es ihn in daran hindert, durch vollständige Inanspruchnahme durch materielle Dingen, seinen Geist zum Mass zu machen. Es gibt Nibelungen, die im Untergrund arbeiten um das Gold, das sie nie nutzen werden, und in ihrer Besessenheit mit der Produktion sich um Ferien, ihre Neigungen, ihre Freuden, Fantasien.
Beides, die Unlauterkeit und den Luxus, den die Industrialisierung mit sich bringt, könnte geheilt werden durch eine bessere Verteilung der Produkte. Die Reichtümer, heute durch Arbeit geschaffen, würden die Menschheit nicht ernsthaft korrumpieren, hätte jeder seinen Anteil; und diese anteilmässige Rückerstattung würde ihm ermöglichen zu erkennen, wie weit materielle Interessen sein Engagement in deren Produktion erforderlich machen, und wie weit er sich Musse leisten könnte für Spontanes - Religion, Spiel, Kunst, Studien, Konversation. In einer Welt aus Philosophen würden ein bis zwei Stunden Handarbeit - eine willkommenes Ausmass - ausreichen für die materiellen Begehrlichkeiten; der Rest könnte um so mehr vollständig dem freien Leben gewidmet werden; denn eine gesunde Seele braucht Interessen genau so nötig.
Santayana formuliert hier wieder mal, aber eben schon vor 100 Jahren, ein altes Ziel der Vermehrung des Wohlstandes, das eigentliche Ziel von Wohlstand: Musse haben für Kunst, Studien, Konversation, für das freie Leben, nicht eine immer umfassendere Einspannung in den Produktionsprozess, für den 1/5 der Arbeitskräfte, oder, anders gesagt, 1/5 der Arbeitszeit, offensichtlich genügen würden.
Gefahren für die gegenwärtige Zivilisation
Niemand wäre Sklave, jeder hätte eine Grundausbildung und eine Chance, sein Potential zu demonstrieren; aber er wäre vermutlich verdammt zu einer dieser Beschäftigungen, die in den alten Republiken den Sklaven zugeordnet wurden. Zumindest zu Beginn seiner Karriere fände er sich an der untersten Ebene menschlicher Existenz, wo er womöglich sein ganzes Leben lang bleibt. In andern Worten, die Bürger einer sozialen Demokratie wären alle Arbeiter; sogar diejenigen, die zu Führern aufsteigen, würden in einer echten Demokratie im Rang aufsteigen und, was Erziehung und Gewohnheiten betrifft, zur selben Klasse gehören wie die anderen.
> Dies ist der Status in dem wir uns befinden. Wie wir uns daraus erlösen:
Vor Arbeit ihre eigene Belohnung wird muss sie weniger dauerhaft, abwechslungsreicher, an individuelle Charaktere und Fähigkeiten angepasster werden. Sonst hört sie nicht auf, menschliche Fähigkeiten zu unterdrücken und zu verbiegen. Ein Staat der nur aus solchen Arbeitern und Bauern bestünde, wie sie die Mehrheit moderner Nationen bildet, wäre ein völlig barbarischer Staat.
Wir haben in unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung die Realisation einer unvernünftigen Vernunft, den Oekonomismus, eine idealisierte Produktion, also Produktivismus.
Aus dieser Ideologie heraus produziert das gegenwärtige System zunehmend Nonsense: Die Betriebe arbeiten effizienter und effizienter, d.h. machen immer mehr Geld mit immer weniger Personal. Arbeitskräfte werden überflüssig, Arbeitskräfte kriegen Zustände (psychische). Arbeitskräfte kriegen den Rappel. Arbeitskräfte landen beim Arbeitsamt und dann beim Sozialamt und dann bei der IV (Invalidenversicherung). Der IV geht das Geld aus, sie schicht Invalide auf einen Markt, der nicht mal die Gesunden will. Und alle die sich hier versammeln werden der Arbeitsunwilligkeit verdächtigt, sollen durch sog. Beschäftigungsprogramme, Einsatzprogramme, Motivationswochen etc. dazu motiviert werden, sich besser, schneller ... billiger zu bewerben als die andern.
Arbeitszwang als "Motivation" gegen das Liegestuhl-Syndrom (Leserbrief, nicht abgedruckt, zu den "neuen Workfare Methoden im Kanton Zürich, die bereits in andere Kantone ausstrahlen): Wie geraten Sozialhilfeempfänger in diesen "Liegestuhl"? Ihnen wurde vom Markt die wirtschaftliche Nützlichkeit abgesprochen durch Restrukturierung, betriebswirtschaftliche Einsparung von Arbeitskräften, persönliche Willkür, Gruppenterror und Anpasserfaschismus, sowie masslos übertriebene Anforderungen vieler Stellenausschreibungen. Warum werden die Betroffenen verdächtigt, müssen ihre Arbeitswilligkeit und -Fähigkeit beweisen - nicht aber die eigentlichen Verursacher ihre Fähigkeit, Wirtschaft nicht nur betriebswirtschaftlich profitabel, sondern auch volkswirtschaftlich verantwortungsvoll zu betreiben? Warum werden die Sozialhilfeempfänger in corpore der Faulheit verdächtigt, obwohl sie hunderte wenn nicht tausende erfolgloser Bewerbungen hinter sich haben müssen und ihre privaten Ersparnisse völlig Verbraucht sind, bevor sie sich überhaupt beim Sozialamt melden können? Sie haben nichts - Wer aber nichts hat, hat offenbar auch keine Rechte, verdient keinen Respekt, darf verachtet und verleumdet - und unter Applaus des Volkes zu Frondiensten verpflichtet werden. Der Markt, in den sie sich integrieren sollten, steht aber nur selten auf gehorsame Sklaven, sondern auf aufgestellte, zufriedene, strebsame, leistungswillige, also gesunde, selbstbewusste und starke Persönlichkeiten. Das Konzept: <Wer Sozialhilfe bezieht, soll sich nicht wohl fühlen>, ist kontraproduktiv, also dämlich. Warum also werden diejenigen, auf deren Kosten gespart wird, mit Zwangsarbeit bestraft, die eigentlichen Verursacher jedoch mit noch höheren Löhnen und Steuererlassen belohnt? Auch diejenigen, die (noch) nicht betroffen sind, sollten sich vielleicht mal überlegen, warum es Arbeitslosigkeit und Sozialfälle in einer Gesellschaft des Überflusses eigentlich gibt? Könnte es nicht sein, dass erstere vor allem der Lohndrückerei und Inflationsverhinderung dienen, zweitere der Disziplinierung auf Arbeit um jeden Preis, auch wo sinnvolle Arbeit entweder schwer zu finden ist - oder sich finanziell nicht auszahlt? |
Auf der andern Seite zeigen aber genau diese sog. Beschäftigungsprogramme recht gut wo der Hase im Pfeffer liegt. Die Tätigkeiten die sie anbieten sind nämlich entweder stocklangweilig und überflüssig, virtuell, - oder konkurrieren noch bezahlte um noch bezahlte Stellen, womit zunehmend im Bereich Gesundheit, öffentliche Sauberkeit und Ordnung etc. gerechnet werden muss. Der Zivilschutz ist ein Katastrophenladen, nicht weil der Katastrophen so toll verhindert und aufräumt, sondern weil er keine Ahnung hat, was er mit den Dienstpflichtigen anfangen soll. Ähnlich der Zivildienst. Ähnlich die sog. Freiwilligenprogramme. Einer der lächerlichsten Vorwürfe der hier in Basel vor ca. 1 Jahr durch die Presse ging: Reiche Damen, die was gutes tun wollten, nähmen den andern die teuren Plätze in diesen Programmen weg. Ja mei ... da wär doch die Frage eher: a) Warum sind die Plätze knapp? Gibt es keine notwendige Freiwilligenarbeit mehr? Wer hat das erhoben? Wenn nicht, warum nicht? b) Warum sind die Plätze teuer? Offenbar nicht wirtschaftlich organisiert.
Hier sind all die im Kanton Zürich so beliebten Programme, in denen von Sozialhilfe abhängige ihre Arbeitswilligkeit beweisen müssen, nun sogar bevor sie sich anmelden können, reiner Hohn und eine bodenlose Frechheit. Warum muss nicht "der Markt" beweisen, dass er Arbeitskräfte überhaupt will, Arbeitskräfte wie es sie gibt, nicht wie sie mit Topanforderungen, für jeden Scheissjob ein Diplom, publiziert werden. s. Leserbrief in Kasten oben.
Kunst, von Spontaneität über das Zeremoniell zur Struktur
Die spontanen Künste sind älter als die nützlichen, weil der Mensch leben und handeln muss vor er Instrumente für das Leben und bessere Handeln einrichten kann. Beide, die Macht, Maschinen zu bauen und das Ziel dem sie dienen sollen um nützlich zu sein, müssen als Startimpuls gegeben sein. Es gibt übereinstimmend eine grosse Anzahl freier Experimente in der Kunst, wie im Bewusstsein, vor diese Tasten eine feste Form und Funktion annimmt und die Realität beginnt. Je mehr wir in die Barbarei zurückgehen, um so mehr finden wir den Geist beschäftigt mit Luxus, und durch diese Nachgiebigkeiten kann ein kultivierter Geschmack abgestossen werden; grausam und monoton erscheinend, ist ihr Status eher der von Religion und spontaner Kunst als der nützlichen Kunst oder Wissenschaft. Zeremonie z.B. ist zwanghaft in der Gesellschaft und manchmal unterdrückend, doch liegen ihre Wurzeln im Audruck des Selbst und in einem gewissen Aufstieg des Spiels das alles Leben nachzieht in konventionelle Kanäle, ursprünglich gegraben durch verantwortungslose Ausbrüche der Handlung.
Nicht alle Struktur ist schön. Nicht alles Schöne Struktur.
Die Struktur, wo sie zum Ornament wird, hört auf etwas anderes zu sein und kann durch jeden verworfen werden, der ein anderes Bild vorzieht.
Vom Nutzen der Kunst:
Welcher Anteil menschlicher Energie auf Kunst und ihrer Schätzung verwendet werden sollte ist eine Frage die durch unterschiedliche Personen und Nationen unterschiedlich beantwortet wurde. Es gibt kein Ideal a priori, ein Ideal kann nur, wenn ursprünglich, den Ausgleich von Impulsen und Möglichkeiten in einer gegebenen Seele ausdrücken. Ein empfindlicher und beweglicher Geist wird seine passende Perfektion im Studieren und Gestalten von Objekten des Sinnes finden. Seine Rationalität wird vor allem erscheinen auf der Ebene der Wahrnehmung, um den Kreis seiner Perspektiven so genussvoll wie möglich zu gestalten. Für einen solchen Menschen wird Kunst die befriedigendste, bedeutendste Aktivität, ihn mit materiellen Reichtümern oder spekulativen Wahrheiten oder tiefen sozialen Loyalitäten zu füllen wird ihn beschweren und deprimieren.
Je mehr Freude ein Universum verschafft, desto generöser und vorteilhafter ist seine generelle Natur, je mehr Schmerz seine Verfassung bedingt, um so dunkler und bösartiger ist sein Temperament.
Das Leben ist eine Art von Musik, die von allen Sinnen zusammen gespielt wird.
"Kunst ist Verstand der sich selbst Fortpflanzt. (vermutlich in der Bedeutung von "verbreitet")
Vernunft ist nur wichtig bei der Handlung, weil sie sozusagen die "Seite" des Körpers übernommen hat; diese sympathische Voreingenommenheit befähigt sie zwischen Ereignissen zu unterscheiden, die zu den gewählten Interessen passen, Impulse mit Befriedigung zu vergleichen, und, durch die Vertretung eines neuen und umfassenden Stroms im System, die Ausbildung von besseren Angewohnheiten anzuleiten, Angewohnheiten, die zugleich mehrere Instinkte ausdrücken und auf mehrere Möglichkeiten antworten können.
Wir finden hier, eher beiläufig im Text, eine weitere, ausgezeichnete Beschreibung der Funktion der Vernunft. Sie soll unsere Handlung an unsern Interessen messen, den für uns erreichbaren Grad der Befriedigung, des Glücks bestimmen, bevor wir die Handlung durchführen müssen, und unseren Reaktionsautomatismus dadurch verbessern. Vernunft ist also auch vorbedachtes Handeln. Diese Definition hier kommt allerdings schon ziemlich in die Nähe der Klugheit (Fähigkeit der praktischen Anwendung von Erkenntnis und Wissen unter reellen Bedingungen), ja sogar Gerissenheit, bei denen der persönliche Nutzen über dem ganzheitlichen und doch eher abstrakten Zusammenhang steht.
Die Zerstreuung:
Der Geschmack, der Geruch, der alarmierende Ton der Dinge stören fortwährend die Aufmerksamkeit. Alle alten Eindrücke erzeugen unendlichen Widerhall im Gedächtnis, zusammen mit den frischen, im Gehirn produzierten Phantasien, unterwerfen sich die Dinge zuerst in keiner Weise äusseren Objekten. All diese zusammenhangslosen Elemente sind vermischt wie ein Hexengebräu.
Musik ist eine andere Welt.
Musikalische Verfeinerung findet keine Grenze als ihren eigenen Instinkt, so dass tausende Schatten davon, was wir mit unserer fehlerhaften Worten Trauer oder Frohsinn bezeichnen, in der Musik seinen passenden Ausdruck findet. Jeder Satz, jede Komposition, fügt aufs perfekteste, was keine menschliche Situation umfassen könnte.
Musik verleiht intellektuellen Gefühlen eine kommunizierbare Form.
Musik übt ihr sympathisches Hochamt nur für emotionale Momente aus; dort vereinigt sie sich mit der gemeinen Existenz, und wird zum willkommenen Ersatz für enttäuschende Ideen, weil es mit uns kooperiert und uns hilft von dummer Unterwerfung unter Einflüsse, denen wir anderseitig nicht begegnen können.
Alle Essenz ist gut in sich. Sogar die Passionen.
Sprache und Bedeutung:
Sprache hat eine Struktur, die unabhängig von den Dingen ist.
Worte, die gleich bleiben, dienen dazu, Dinge zu identifizieren, die sich ändern.
Sprache ist die dialektische Bekleidung der Tatsachen.
Worte sind die Auslage (Tresen) weiser Männer.
Wie das Geld einen gewissen inneren Wert haben muss, so dass sein Wert im Verhältnis zu andern Werten stabil bleibt, so ein Wort, durch das alle Dinge die es im Diskurs präsentiert, ein Teil des Kontextes dieser Dinge sein muss, ein Bestandteil der totalen Erscheinung die es hervorrufen soll.
Wir haben hier eine Behauptung, die grammatisch für die meisten Sprachen, insbesondere für die Arabische, sehr leicht belegt werden kann. Worte gruppieren sich meist um gewisse Wortstämme, aus denen sich, wie besonders im Arabischen, unterschiedlichste Verwendungsarten recht systematisch ableiten lassen.
Im folgenden liefert uns Santayana hier in Auszügen alles, um Wittgenstein I und II zu vereinigen und zu ergänzen. Im Tractatus (Wittgenstein I) versuchte er, Sprache auf ihren absolut klaren und eindeutigen Gehalt zu verweisen. Sprache ist aber nicht so, nur die Sprache der Mathematik. In den Philosophischen Betrachtungen wird er dann, wie die meisten Philosophen, wieder aphoristisch, d.h. ohne klares und straffes System, sondern relativ bunt und künstlerisch die Welt illustrierend.
Musik rationalisiert Ton, aber eine stärker momentane Rationalisierung von Ton ist die Sprache. Sprache ist das Nützlichste aller Dinge, und dennoch verbleibt der grösste Teil (wie zu Beginn vermutlich alles) nutzlos und ohne äussere Bedeutung. Die musikalische Seite der Sprache ist ihre primäre und elementare Seite. Der Mensch ist versehen mit Stimmorganen die so plastisch sind, dass sie eine grosse Varianz an Tönen produzieren kann, die aufs Feinste verändert werden; und zum guten Glück hat sein Ohr die selbe Empfindlichkeit, so dass diese vocalen Ausdrücke aufgenommen und durch die Gefühle der Zuhörer ausgedrückt werden können. Es wurde gesagt, dass der Mensch seine herausragende Stellung in der Natur seinen Händen verdankt; seine hervorragende Bedeutung in der ideellen Welt wäre möglicherweise zurückzuführen auf den Besitz von Zunge und Ohr. Denn wenn er Schreien und Stöhnen nach einer Weile ermüdend findet, kann erneues Vergnügen ziehen aus labialen, dentalen und gutturalen Tönen. Ihr Rhythmus und Kontrapunkt kann ihn unterhalten, und er kann anfangen, die Skala seiner Sprache zu nutzen für die ganze Reihe seiner Wahrnehmungen und Leidenschaften.
In der Sprachforschung wurde inzwischen herausgefunden, dass die Sprache der Geste folgte, dem Deuten mit der rechten Hand, weshalb auch das Sprachzentrum auf der linken Seite angelegt ist. Hier wird auch sofort klar, warum be-deuten, be-zeichnen, be-greifen alle mit der Hand zu tun haben.
Zwischen Musik und reinem Symbolismus blüht die Sprache. Bis Musik untergeordnet ist, hat die Sprache wenig Sinn; sie kann kaum eine Geschichte erzählen oder ein Objekt bezeichnen ohne Zweideutigkeit. Aber, würde die Musik völlig hintan gelassen, würde die Sprache zu einer Art von Algebra oder Stenographie, ohne literarische Qualität, sie würde rein indikativ und nur noch Fakten aufzeichnen ohne diese ideal zu färben.
Sprache als Formelsprache mit mathematisch präziser Bedeutung die so scharf ist, dass man mit Worten quasi rechnen kann, ist aber nur ein Teilaspekt der Sprache, durch ihren Antipoden, Sprache als Musik, völlig ins Gegenteil, in Unklarheit, Verwirrung, Sehnen, Fühlen verwandelt werden kann.
Literatur:
Literatur bewegt sich zwischen den Extremen von Musik und Notenschrift
Die Kategorien des Diskurses sind zum Teil vorwiegend repräsentativ, zum Teil vorwiegend grammatisch, und zum Teil beiden Sphären zugehörig. Euphonie und Phonetik regeln die Sprache, ohne Referenz zu ihren Inhalten, hier ist Sprache immer noch eine Art von Musik. Am andern Ende steht die ultimative Form von Prosa die wir in mathematischen Schlüssen finden oder im Telegrammstil, wo absolut nichts mehr rhetorisch ist und die Sprache jeglichenEingenschaft entblösst ist, die nicht unentbehrlich ist für ihre symbolische Funktion. Zwischen diesen beiden Extremen liegt das breite Feld der Dichtung, oder eher des einfallsreichen oder spielerischen Ausdrucks, wo das verbale Medium mit seiner gewissen Transparenz eine gewisse Referenz zu unabhängigen Fakten hat, aber zur selben Zeit diese Fakten gestaltet durch den Ausdruck, und sie mit Affinitäten versieht, die ihrer eigentlichen Natur fremd sind.
In welchem Mass repräsentieren Beugung und Syntax irgend etwas auf der Subjektebene des Diskurses? In welchem Mass sind sie ein unabhängiges Spiel des Ausdrucks, ein quasi-musikalischer, quasi-mathematischer Schleier der sich zwischen Reflektion und Existenz schiebt?
Lügen ist ein Privileg der Poeten, denn sie haben noch nicht die Ebene erreicht, auf der Wahrheit und Irrtum unterscheidbar sind. Wahrhaftigkeit und Bedeutung sind nicht die Ideale primitiver Geister; wir lernen sie schätzen wo wir leben lernen, wenn wir entdecken, dass der Geist nicht völlig frei und solipsistisch sein kann.
Die Bedeutung der Literatur
Es ist nicht länger eine Mode unter Philosophen, die Kunst zu verachten. Entweder erscheint ihnen ihr Einfluss zu gering um Alarm auszulösen, oder ihre Systeme sind zu schwach um irgend etwas der Zensur zu unterwerfen, das vom geringsten Schein von Glanz oder Ideal umgeben ist.
Wo Kunst ganz ausgeschlossen wird oder eine triviale Rolle erhält, vielleicht eine notwendige Entspannung, fühlen wir sofort, dass eine Philosophie die menschliche Künste so einschätzt, asketisch oder post-rational ist. Sie behauptet das Leben von oben her anzuleiten und von aussen, sie hat die menschliche Natur und sterbliche Interessen beschrieben, und sich damit selbst untergraben, weil sie so nur noch ein partieller Ausdruck dieser Menschheit ist, die sie durchdringen will.
Weil einige Menschen den Charakter in Novellen studieren, und reisen durch die Lektüre von Erzählungen oder Abenteuern, weil das wirkliche Leben für sie bei weitem nicht so interessant ist wie Fiktionen, oder weil sie es günstiger finden, ihre Erfahrungen in ihren Träumen zu machen, ist Kunst im Allgemeinen eine Neuauflage des rationalen Lebens, die in Ideen eine Welt widergibt für die wir gegenwärtig keine anderen Mittel haben, sie in der Realität zu präsentieren.
Wenn wir des weitern die nutzlosen Rivalitäten betrachten, die Eitelkeiteiten, die Niedertracht die in er "praktischen" Welt herrscht, wie doppelt gesegnet wäre es, eine Sphäre zu finden in der Beschränkung etwas Hervorragendes, Vielfalt etwas schönes wären, und wo jedes Menschen Ambitionen mit denen eines jeden anderen Menschen konsistenz, ja sogar ihnen förderlich wären!
Der Traum von der Gleichheit der Menschen, wohlwissend im Konjunktiv formuliert.
Aesthetische Harmonien sind Parodien realer Harmonien - aber immer noch Prototypen wahrer Perfektion.
Den grössten Feind den Harmonie haben kann, ist eine voreiliges Arrangement in dem wichtige Kräfte völlig misachtet werden.
Ein lieblicher Traum ist als solcher ein hervorragendes Ding, aber er hinterlässt die Welt mit nicht weniger Chaos und macht sie, im Kontrast, noch finsterer als sie ist. Beim Verharren in ihrem Scheinhimmel kann die Kunst dem Menschen die selben Schäden beifügen wie eine verantwortungslose Leidenschaft ein Luxuslaster.
So sind die feinen Künste selten ursprüngliche Kräfte im menschlichen Prozess. Wenn sie Moral und politische Grösse ausdrücken, und dazu dienen, diese zu erhöhen, verdienen sie eine gewissen Würde; aber so bald diese Funktion verlassen wird werden sie kitschig. Der Künstler wird zum abstrakten Müssiggänger, und das Publikum teilt sich in zwei Lager: Die Dilettanten, die vom Künstler schwärmen, und der Pöbel, der ihn bezahlt um unanständig zu werden.
Diese Schönheit die ein unvermeidliches Lächeln im Gesicht der Gesellschaft hätte sein sollen, ein Ueberflliessen echten Glücks und Kraft, muss importiert werden, künstlich stimuliert, und von aussen angewendet, so dass Kunst zum kränklichen Ornament einer hässlichen Existenz wird.
Wissenschaft ist selbst ihr bester Kritiker
Eine erster und untadelige Art Wissenschaft zu kritisieren ist es, darauf hinzuweisen, dass sie unvollständig ist.
Das sind eigentlich die einzigen zwei Aussagen, die auch bei dem noch gelten würden, was wir heute als Wissenschaft bezeichnen. Santayana benutzt Wissenschaften aber als sehr breiten Ausdruck, der noch manches beinhaltet, was heute dort nichts mehr zu suchen hat:
In Religion und Wissenschaft ist der offenkundige Zweck eines Symbols äussere Wahrheit zu repräsentieren.
Öffentliche Meinung in einer lebendigen Gemeinschaft mit klaren Köpfen kann als zufälliges und verantwortungsloses Ding empfunden werden - was es in Wahrheit ist.
Parteien sind die Organisation partieller öffentlicher Meinungen.
Hier ein weiteres Problem der Demokratien (abgesehen davon, dass sie meist eh eher Oligarchien sind, in denen diejenigen das Sagen haben, die ihre Meinung in den Medien verbreiten können, weil sie Geld und Einfluss haben). Parteien sind nicht Organisationen, die optimale Lösungen suchen, sondern die ihre (aus der Gesamtsicht immer) kleinlichen, beschränkten Interessen durchsetzen wollen und dabei auf Begriffe wie Vernunft, Wahrheit, etc. schlichtweg pfeifen..
Wie Hobbes sagte, in einem Satz der in goldenen Lettern über dem Kopf eines jeden redenden Philosophen eingraviert sein sollte: Kein Diskurs führt zu absolutem Wissen von Tatsachen.
Einerseits ja, klar. Anderseits: wen beissts? Bei praktisch allem wo die truth by convention oder Wissen durch Übereinkunft zum Tragen kommt, geht es um Finalitäten, also Ziele, Werte, bei denen der Mensch zwar weitgehend frei ist in der Auswahl, aber die Grenzen seiner Freiheit bei der Wahl seines Nachbarn, seiner Mitbürger, der demokratischen Mehrheit etc. findet.
Ihr Transzendentalismus war als Konsequenz keine Neuauflage des Lebens der Vernunft, ein Rückblick der Phasen menschlichen Fortschritts kritisiert und rechtfertigt. Es war eher ein postrationales System der Theologie, die gefährliche Kur für eine harmlose Erkrankung, die eine Panik anregt um eine Fabel einzuführen.
Insbesondere die moralischen Wissenschaften sind ein Menge von Konfusionen
Beide, die Bedingung und der Standard der Handlung liegen auf dem Gebiet das Wissenschaft, nach einer Mode, bereits dominiert. Aber es verbleiben unerforschte Urwälder und monster-gebährende Lager innerhalb unserer nominalen Jurisdiktion, welche die Wissenschaft noch zu klären hat. Die dunkelsten Gebiete liegen im Menschen selbst, in seiner launischen irrationalen Disposition. Könnte ein besseres System in unserem Leben den Vorzug geniessen, würde sich eine bessere Ordnung des Denkens von selbst verbreiten. Es war nicht aus Mangel an mutigen Sinnen, oder Genies, oder einer dauerhaften Ordnung in der äusseren Welt, dass die Menschheit wiederholt zurückfiel in Barbarismus und Aberglaube. Es war aus Mangel an gutem Charakter, guten Beispielen, und guter Regierung.
Als wissenschaftliches Hauptproblem erscheint hier die Psychologie. Nicht in der heutigen Form, ob sie eher qualitativ oder quantitativ zu betreiben sei, ob sie überhaupt eine Wissenschaft sei, sondern wie sie angegangen werden könnte. Sie war ja erst 1879 durch Wundt in ersten einfachen Ansätzen erprobt worden und hatte so weit noch keine Rätsel zu lösen vermocht.
Die Schwierigkeit ist nicht bloss dass kein Mechanismus entdeckt wurde oder angegeben werden kann, aber dass die Phänomene selbst zweideutig sind, so niemand weiss wenn er von Geist spricht ober er etwas Formelles oder Ideelles meint, wie platonische Essenz und mathematische Wahrheit, oder Reflektion und Intelligenz, oder die Wahrnehmung, die äusserliche Einwirkungen verarbeitet und Objekte, oder endlich diese letzte Unmittelbarkeit oder brutale Gegenwärtigkeit die die Charakteristik jeder Existenz ist. Andere, noch diffusere Begriffe werden zweifellos oft durch das Wort psychisch bezeichnet; aber diese mögen uns genügen um das ursprüngliche Dilemma im Subjekt und der Flüchtigkeit des Versuchs eine Wissenschaft des Geistes aufzubauen, oder die Beziehung von Geist zu Materie zu definieren, wenn wir noch nicht mal geklärt haben ob Geist eine Form der Materie ist, wie bei den Platonisten, oder eine Auswirkung davon, wie bei den Materialisten, oder der Sitz und das falsche Wissen davon, wie mit den Transzendentalisten, oder vielleicht bedeutet, wie bei den Pan-Psychisten, Geist genau die Materie selbst.
Psychologie wäre dann ein Wissen der Realität, denn sogar wenn das Bewusstsein entwickelte Gedankengänge enthält die voller Illusionen sind, würde die Psychologie diese nur als Gefühle nehmen, und in der Kapazität wären sie real genug. Zur selben Zeit, da unsere Wissenschaft in blossen Gefühlen endet, kann sie nie diese Gefühle entdecken oder beschreiben, ausser mit etwas total verschiedenem, und der einzige Teil der Psychologie der zu reinerWissenschaft werden kann ist vermutlich der, der nicht wissenschaftlich ist. Das Wissen das Wissenschaft über absolute Geisteszustände erreicht, ist relatives Wissen; diese Geisteszustände sind von aussen erhoben und durch Umgebungsbedingungen erklärt und durch ideale Objekte. Sie werden gewusst indem sie eingewickelt werden in Prozesse, von denen sie selbst nichts wissen.
Mathematik hat in etwa den selben Platz in der Physik den das Bewusstsein in der Handlung hat; es scheint ein richtungsgebendes Prinzip in natürlichen Operationen zu sein wo es nur eine formelle Harmonie ist.
Rationale Ethik, zum Vergleich, scheint eine Art von Politik oder Weisheit, während postrationale Systeme im Kern religiös sind. Wenn wir also Moralität mit prärationalen Standards vergleichen, können wir übereinkommen, dass Moralität selbst keine Wissenschaft ist, obwohl sie, mit andern Dingen, ein Subjekt für Wissenschaft und Anthropologie werden kann; und Hume, der nie in die Nähe eines rationalen oder postrationalen Ideal kam, konnte mit perfekter Wahrheit sagen, dass Moralität nicht auf Vernunft gründet. Der Instinkt gründet natürlich nicht auf Vernunft, sondern umgekehrt; und die von Tradition und Bewusstsein durchgesetzten Maximen basieren unmissverständlich auf Instinkt. Sie könnten, das ist wahr, Angelegenheit der Vernunft werden, wenn sie auf intelligente Weise angenommen, verglichen und kontrolliert würden, aber eine solche Möglichkeit verkehrt die parteiische und krampfhafte Methodedie Hume und die meisten andern professionellen Moralisten mit Ethik verbinden.
Diese Kritik der Ethik ist natürlich gleichermassen eine Kritik der Vernunft, denn auch diese gründet erst mal auf Instinkt, familiärem, tribalem, nationalem, kulturellem Instinkt oder Intuition wie er sich in Weltanschauung und Weltbild manifestiert.
Der tiefste Ausdruck rationaler Ethik der einem Menschen in Hume's Welt hätte vorkommen können, findet sich in den platonischen und aristotelischen Schriften; aber die wurden damals nicht speziell studiert und nicht grundlegend verstanden. Das leitende Abbild postrationaler Moralität das unter seine Augen hätte fallen können, die katholische Religion, wäre von ihm nie als Lebensphilosophie verstanden worden, sondern eher als Kombination von Aberglaube und Politik, gut angepasst an die lügenhaften und lasziven Gewohnheiten der mediterranten Völker.
Was die Ethik will ist nicht, warum etwas gut genannt wird, aber ob es gut ist oder nicht, ob es richtig ist oder nicht es zu schätzen.
Moralische Diskrimination ist natürlich und unvermeidlich.
Obwohl er hier vermutlich recht hat, liefert das, ebenso natürlich, eine prächtige Grundlage für Rassismus und keinen Hinweis auf eine mögliche Lösung des Problems interkultureller Verständigung.
So lange wir Begriffe verwenden wird es kein bestimmtes Interesse geben, keine Konkretisierung im Diskurs mit unterscheidbaren Prädikaten, die Kontroverse wird herrschen wo Konzepte wanken und werden keine gültigen Resultate erzeugen. Aber wenn die Kraft des Intellekts, wenn sie einmal eine Idee im Fluss der Wahrnehmungen angehalten hat, hilft, diese Idee mit Ausdauer zu untersuchen, durchschiesst nicht nur ein Lichtblitz das Hirn, sondern tiefere und tiefere Einsichten öffnen sich dort zur idealen Wahrheit. Das Prinzip der Dialektik ist Intelligenz selbst, und weil kein Teil der menschlichen Oekonomie vitaler ist als Intelligenz (weil Intelligenz das ist, was das Leben auf sein Schicksal aufmerksam macht), so hat kein Teil ein genussvolleres oder aufheiternderes Momentum.
Santayana benutzt hier den Begriff Intelligenz als Erkenntnisfähigkeit. Da Erkennen, Erforschen, Begreifen, Verstehen, Urtriebe des Menschen sind, handelt es sich meist um eine Tätigkeit, die eben ihre Belohnung grad in sich selbst trägt. In der modernen und postmodernen Gesellschaft wurde dieses Vergnügen der Erkenntnis allerdings weitgehend durch Unterhaltung ersetzt.
Religion ist sicher wichtig, aber nicht wortwörtlich wahr.
Wenn ihre poetische Methode abgelehnt wird, wird ihr Wert in Mitleidenschaft gezogen.
Der poetische Wert der Religion wäre zu Beginn grösser als der der Dichtung selbst, weil die Religion sich mit höheren und praktischeren Themen befasst, welche Aspekte des Lebens grösseren Bedarf an einem Hauch Inspiration und idealer Interpretation haben als diese gefälligen, pompösen Dinge auf denen die Dichtung normalerweise ruht.
Religion wurde von einigen Abteilungen philosophisch verstanden; ihre Beziehung zumLeben wurde langsam verstanden als poetischer Ausdruck von Bedürfnissen, Hoffnung, und Unwissen.
Gefühlte Gründe, nicht notwendige Gründe
Diese kleinen Zwischentitel, umrahmt von einem Rechteck mit dünnem Rand, gegen starke, schon fast aphoristische Hinweise darauf, wo Santayana wieder einen wichtigen Kerngedanken entwickelt. Man könnte diesen Satz als Hinweis dafür nehmen, was auch Wittgenstein in seinem Traktatus verpasst hat, nämlich dass es nicht primäre Ursachen sind, sondern meist Ziele, Wünsche, Gefühle, die den Menschen lenken, ihn tätig werden lassen. Man kann Sanatayanas "gefühlte Gründe" also teleologisch auslegen als causa finalis: Ziele, dem Gefühl entsprechend aktiv werden, also vermeiden beim schmerzaften, begünstigen bei glücksbringenden Gefühlen - unter Beachtung von Wert und Sinn dieser Ziele, zumindest für die, die nach Weisheit streben.
Aberglaube entsteht aus der Hast, verstehen zu wollen
Abergläubische Geister sind durchdringend und eng, tief und ignorant. Sie wenden die höheren Kategorien an vor den niedrigeren - eine Inversion die in allen Sphären die schlimmste und bemittleidenswerteste Desorganisation erzeugt, weil so die tieferen Funktionen gestört und die höheren verunreinigt sind.
Aberglaube basiert auf dem selben Wunsch wie Wissenschaft: Dinge vorhersehbar, berechenbar machen:
Sie vermuten dass, bevor wir einen Zusammenhang von zwei Dingen im Experiment spüren, wir die unzerrüttbare Überzeugung haben, dass diese Verbindung nötig und universell ist. Aber Ursachen in diesem absoluten Sinn sind keine Kategorie praktischen Denkens.
In diesem Sinne beginnt auch jede Wissenschaft mit einem Aberglauben, entfernt sich aber um so weiter davon, je kritischer sie ihre Grundlagen überprüft. Wissenschaften die ihre Grundlagen nicht überprüfen sondern propagandistisch Verteidigen (s. Oekonomie), dürften daher dem Aberglauben näher stehen als der Wissenschaft:
Wier reden manchmal von Aberglauben oder Glauben an Wunder als Unglauben am Gesetz der angeregt war durch einen Wunsch, Erfahrung zu desorganisieren und Intelligenz zu besiegen. Kein Aberglaube könnte sich mehr irren. Jeder Aberglaube ist eine kleine Wissenschaft, inspiriert durch den Wunsch, zu verstehen, vorherzusehen, die reale Welt zu kontrollieren. Ohne Zweifel sind seine Hypothesen Chimären, zufällig, eine Verwechslung von wirksamen Gründen mit idealen Resultaten. Aber das selbe gilt für manch anerkannte Philosophie. Das Übernatürliche anzurufen heisst wirklich zu verbleiben im vorstellungsmässig Offensichtlichen, indem was wir natürlich zu pflegen nennen, wenn natürlich bedeutet dass es leicht zu verstehen und ursprünglich glaubhaft ist.
Man darf aber auch nicht Verstand mit Wissenschaft verwechseln, denn Wissenschaftlich kann nur ein äusserst kleiner Teil der Welt des Menschen behandelt werden, für den Rest braucht es auch Märchen, Phantasien, Gefühle, Versuche, Irrtümer, Illusionen, Träume etc. Die wissenschaftlich-rationale Struktur und Mechanik ist nur ein Gerüst:
Denn der Grund des Wunders ist sofort verständlich; wir sehen das Erbarmen oder den Wunsch, Autoritäten zu schützen, oder die Absicht anderer Art die es inspirierte. Ein mechanisches Gesetz dagegen, ist nur eine Aufzeichnung der üblichen Ordnung der Dinge - ohne Vernunft.
Mythologie ist eine Sprache und muss verstanden werden als Vermittlung durch Symbole
Das Kennzeichen des Mythos ist, dass er Phänomene nicht unter Bedingungen interpretiert, die zur selben Kategorie gehören wie das Phänomen selbst, sondern es mit Bildern füllt die nie Seite an Seite mit ihm erscheinen könnten oder es auf seiner eigenen Existenzebene vervollständigen.
Die primitive Form des Gedankens überlebt in der Mythologie, wo eine Beobachtung von Dingen sich mit allem was sie anregen können verbindet zu einer dramatischen Phantasie.
Heidentum oder Naturreligionen war erst, wie so viele rohe religiöse Meinungen, optimistisch und materiell; der Gläubige erwartete, dass seine Frömmigkeit seinen Topf zum kochen bringe, seine Krankheit heile, seine Kriege erfolgreich mache, und seine Ignoranz der Welt in der er lebt als harmlos durchgehen lasse.
Eine gute Mythologie kann nicht entstehen ohne Kultur und Intelligenz. Dummheit ist nicht poetisch.
Postrationale Mythologie der Verzweiflung:
Ihre späten und üblen Erfahrungen schufen einen heidnischen Glauben, der erfahren war mit Sorgen, eine Religion die ebenso durch Zivilisation wie Verzweiflung hindurch gegangen war, und reduziert worden war zu einer Übersetzung der verfinsterten Werte des Lebens zu übernatürlichen Symbolen. Er wurde zu einer post-rationalen Religion. Natürlich ist es nötig die Fähigkeiten die es ausübt und die Erfahrung die es repräsentiert, um ein solches System zu verstehen. Wo das Leben noch nicht die Ebene der Reflexion erreicht hat, müssen Religion wie Philosophie prä-rational sein; sie müssen roh experimentell bleiben, unbewusst der Grenzen des Hervorragens und des Lebens. Unter solchen Umständen ist es verständlicherweise unmöglich, dass Religion wieder hergestellt wird auf einer übernatürlichen Ebene, oder dass sie eher Erfahrung als Impulse ausdrückt. Nun war das Christentum der Apostel selbst post-rational; es hatte der Welt den Rücken zugekehrt. In dieser Hinsicht änderte die Vermischung mit dem Heidentum nichts; sie verstärkte eher die spiritualisierte und lyrische Verzweiflung der Hebräer mit der persönlichen und metaphysischen Verzweiflung der Römer und Griechen. Für alle diese fundierte die klassische Philosophie - Stoiker, Skeptiker, oder Epikuräer - auf Verzweiflung und war post-rational
Die toten Götter liessen Geister zurück, weil die moralischen Kräfte welche die Götter einst ausdrückten, und die natürlich verbleiben, bleiben unartikuliert; und darum, in ihrer Sprachlosigkeit, lassen uns diese moralischen Kräfte oft denken, sie seien bloss bekannte aber nun diskreditierte Symbole. Um die moralische Freiheit wieder zu erlangen - ohne die das Wissen nicht rational in der Lebensbewältigung eingesetzt werden kann - müssen wir das Original dieser Götter wieder entdecken, sie analytisch auf ihre natürlichen und moralischen Bestandteile reduzieren, und diese Materialien dann neu arrangieren, ohne quantitative Verluste, in einer Form die einer reiferen Reflektion angemessener ist.
Griechische wie christliche Mythologie endeten beide im Pantheismus.
In der Stoa wurden die überlebenden mythologischen Elemente verkehrter Natur, wo ihre Einheit und Ordnung wahrgenommen wurde, zum Idol; so dass die Verehrung derselben alle menschlichen und plastischen Ideale sprengte und den Menschen in eine leere und fanatische Selbstverneinung entliess. Beide Philosophien sind post-rational, wie angemessen einem dekadenten Zeitalter und wie es ihr Rivale und Erbe, das Christentum, ebenfalls war.
Wenn Plato, als er die edlen und tiefen Passagen im sechsten Buch der Republik schrieb, wo er sagt dass Gott der Grund aller Vernunft im Geist ist und von aller Verständlichkeit der Objekte, und in der Tat das Prinzip alles Daseins und Seins - wenn Plato vorher gesehen hätte, was seine orakelnde Übertreibung in der Welt hervorbringen würde, können wir gerne glauben, dass er es aus seinen Seiten radiert hätte mit der selben Strenge mit der er Gedichte aus seinem Staat verbannte.
Aber das sokratische Original und der Sinn solcher Passagen und anderer (Timaeus z.B.) die mit ihm verbunden sind, ging rasch verloren in der unbesonnenen Idolatrie die Besitz nahm von der neoplatonischen Schule; und durch dieses Medium erhielt St. Augustin seine platonische Inspiration.
Die Manichäer liessen zwei Absolute zu, die Essenz des einen war die Güte die des andern Bosheit.
Damit waren die Manichäer nicht nur ihrer, sondern auch unserer Zeit voraus, die meist der Meinung ist, es gäbe nur eine Richtung, einen Pol: Wachstum, Fortschritt, Mehr. Eine bipolare Welt ist immerhin schon eine, wenn auch banale, Version der doch etwas komplexeren asiatischen Weltsicht des Yin und Yang. Heute, mit Globalisierung und der Notwendigkeit nicht nur der Interaktion, sondern des friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen, brauchten wir sogar multipolare Denkweisen, wovon wir allerdings noch Jahrhunderte entfernt sein dürften:
Die Zeit erledigt unsere initialen Präferenzen indem sie uns die Komplexität moralischer Beziehungen in der Welt zeigt, und indem sie unser imaginäre Sympathie auch auf Formen der Existenz und Leidenschaften ausweitet, die uns erst widerwärtig erscheinen, die aber aus neuer und ausser-persönlicher Sicht ihre natürliche Süsse und Wert haben.
Wenn die Zeit, oder wir selbst, uns unserer meist banalen Präferenzen entledigt haben, die wir dereinst zu Maximen erklärten, ohne die unsere Kultur nicht zu haben wäre, dann erst werden wir offen für eine Vernunft, die nicht diktiert, sondern allenfalls nach Regeln der Harmonie dirigiert. Es dürfte allerdings so bleiben, dass sie ihn unterschiedlichen Orchestern unterschiedliche Tonarten benutzt, der gegenseitige Genuss also nicht so ganz einfach wird.
Vernunft kann nicht einfach sein, sondern muss vielfach, pluralistisch, offen sein, soll sie nicht als Zwangsjacke dienen, für die andern natürliich, die eine andere Vernunft für sich beanspruchen, z.B. eine, die religiöser Ordnung mehr Beachtung schenkt.
Vernunft muss Uebersicht schaffen, muss Orientierung schaffen,
darf aber nicht zwingend sein.
Diese Behauptung erscheint manchen absurd, denn es kann ja nicht sein, das etwas vernünftig ist, und man was anderes tut, und das dann auch vernünftig sein kann. Da Vernunft aber eine der obersten Kategorien des Denkens ist, muss sie immer Wertung mit einbeziehen, und was Wertungen angeht, sind diese a) eindeutig keine Sache der Wissenschaft, sondenr b) eine Angelegenheit freier Wahl, bewusster und verantwortungsvoller Entscheidung.
Kein zivilisiertes Volk hatte je zuvor solche Ansprüche. Sie anerkannten gegenseitig ihre Religionen, wenn auch nicht als gegebene Wahrheit (weil einige Familiarität nötig ist für eine solche Illusion), sicher als mehr oder weniger heilig und bedeutend. Hätten sich die Juden durch diese Arroganz nicht verhasst gemacht bei den Völkern und den Christen und Muslimen den selben Fanatismus beigebracht, so wäre die Natur der Religion bei uns nicht so verfälscht und wir hätten nicht so viel, das wir widerrufen oder wofür wir uns entschuldigen müssten.
Santayana hat hier übrigens eine interessante Theorie betr. des Drangs zur Herrschaft und Uberlegenheit von Religionen. So ähnlich wie im 20. JH. Wirtschaft besonders dort stark wuchs, wo sie sich um einen staatlich geförderten und finanzierten militärisch-industriellen Kern gruppierte, so musste ein gläubiges Volk dafür sehen, dass seine Götter prangten, dass sie deren Existenz und die Wahrheit ihrer Regeln durch Erfolg belegten. Der Protestantismus hat dies mit Calvin zum Modell gemacht, aus dem der Kapitalismus entsprang, aber offensichtlich war ihm hier das Judentum weit voraus:
Aber, übereinstimmend mit der Bedeutung, welche die Religion in Israel hatte, hätte der Ruin des Staates Jehovas Ehre und Macht beeinträchtigt.
Islam zum Bespiel, der sich rühmt, im Kern nichts anderes zu sein als als die primitive und natürliche Religion der Menschheit, besteht darin, seinen Willen Gott unterzuordnen, in andern Worten, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Der Wille Gottes wird meist durch Beobachtung des Laufes der Natur, Geschichte, und des Schicksals das gewöhnlich unterschiedlichen Menschen zuteil wird. Wäre das alles, so wäre der Islam reiner Stoizismus, und die Hebräische Religion, in ihrer letzten Phase, wäre nur eine beredte Physik.
Die Tendenz zur Aufklärung, die im Islam präsent ist, findet ihre Grenzen in den Vorschriften über unreine Tiere.
Die Kenntnisse Santayanas betr. Islam sind offenbar äusserst schwach. Seine Randnotizen also wirklich nicht mehr als Randnotizen und Islam definitiv verwandt, aber nicht identisch mit Stoizismus.
So bedeckt das Christentum die Welt mit Spitälern und Weisenhäusern; aber seine einzige positive Arbeit findet statt in Kirchen und Konventen, noch wird dies Schulen gründen, wenn sich selbst überlassen, die etwas anderes unterrichten als Religion.
> Diese erinnert an die heutige Front gegen fundamentalistischen Islam, der heute noch, oder eher erst, in dieser Phase ist, diese also verabeiten muss, aus innerer, nicht aus äusserer Kritik von fremden Kulture
Sünde war verantwortlich für diese Krankheit von Geist und Körper, für alles Leiden, für Tod, für Ignoranz, Perversität, und Dumpfheit. Sünde war verantwortlich - so wahrlich originell war es - für alles was Schmerzen bereitete und falsch war, sogar im Tierreich, und Sünde - das war der paradoxe Aspekt dieser verkehrten Serie von Ursachen - Sünde war verantwortlich für Sünde selbst. Das unlösbare Problem für den Ursprung des Bösen und der Freiheit, in einer Welt in der jede Faser von einem allmächtigen Gott geschaffen ist, kann nie verstanden werden bis wir uns an ihren Ursprung erinnern.
Die wahren Objekte der Frömmigkeit sind natürlich diejenigen von denen das Leben und seine Interessen wirklich abhängen: Die Eltern zuerst, dann die Familie, Vorfahren, das Land; endlich die Menschheit als Ganzes und der gesamte natürliche Kosmos.
Das Leben verbreitet sich fruchtbar in jede falsche und unpraktikable Richtung wie auch auf profitablen Wegen, und der langsame und tastende Kampf mit seiner eigenen Ignoranz, Bequemlichkeit, und Verrücktheit, bedeckt es in jedem historischen Zeitalter mit Dreck und Blut.
Gewisse Moralisten, ohne dass sie satyrisch sein wollen, sagen oft, dass die überlegene Kur für Unglück Arbeit sei.
Der Mensch ist nicht verehrungswürdig, aber wer verehrt, und das Objekt seiner Verehrung kann in ihm entdeckt, aus seiner eigenen Seele hervorgelockt werden. In diesem Sinne ist die Religion von der Menschheit die einzige Religion, und alle andern sind Funken und Abstraktionen der selben.
Protestantismus, in seiner perfekt instinktiven Wahrhaftigkeit und Selbstversicherung, geht dem Christentum nicht bloss voraus, sondern ist auch primitiver als Vernunft und sogar als der Mensch.
Der Eifer für Rechtschaffenheit, die praktische Erwartung, dass alles gut wird, kann keine erkannten Uebel tolerieren.
Weg mit allen Vermittlern zwischen der Seele und Gott, mit der mittelnden Priesterschaft und aller mechanischen Errettung.
Es ist bloss die natürliche Religion der Teutonen die ihr Haupt über die Flut römischer und jüdischer Einflüsse erhoben.
Protestantismus ist das exakte Gegenteil von all dem. Er ist überzeugt von der Bedeutung des Erfolges und von Wohlstand; er verachtet was unwürdig ist; Kontemplation betrachet er als Müssiggang, Einsamkeit als Selbstsucht, und Armut als eine Art entwürdigender Strafe. Er ist beschränkt und peinlich genau auf Rechtschaffenheit bedacht; er betrachtet das verheiratete und tätige Leben als typisch gottgewollt, und mit Heiligkeit bedacht, wie vom freien Sabat, in den unbeschäftigten höheren Räumen die eine solche Existenz der Seele belässt. Er ist sentimental, sein Ritual mager und salbungsvoll, er erwartet keine Wunder, hält Optimismus für Frömmigkeit und hält profitable Unternehmungen und praktische Ambitionen für eine Art moralischer Widmung. Seinem Evangelismus fehlt die Note, die in den Evangelien so herausragt, von Desillusionierung, Bescheidenheit, und spekulativer Objektivität. Seine Wohltätigkeit ist optimistisch und zielt darauf, die Menschen zu einem konventionellen Wohlstand zu erheben; er verpasst so den inneren Appell der christlichen Charta, der, in physikalischen Dingen eher heilsam, mit Verzicht und spiritueller Freiheit und Frieden anfängt.
Diese strebende Seite der Religion kann man Spiritualität nennen. Spiritualität ist edler als Frömmigkeit, Denn was würde unser Leben erfüllen oder lebenswert machen ist nur das, das der Quelle diesen Lebens Wert verleiht. Nichts kann tiefer oder instrumenteller sein als die Substanz und der Grund aller Dinge. Die Gabe der Existenz wäre wertlos, wäre die Existenz nicht Gott und würde zumindest ein mögliches Glück unterstützen. Der Mensch ist spirituell wenn er in der Gegenwart von Idealen lebt, und, ob er isst oder trinkt, dies tut für einen wahren und letzten Gott. Er ist spirituell, wenn er sein Ziel so offen anstrebt, dass sein ganzes materielles Leben zum transparenten und vergänglichen Vehikel wird, einem Instrument das kaum Aufmerksamkeit erregt aber dem Geist erlaubt es ökonomisch und mit perfekter Loslösung und Freiheit zu nutzen. Es ist nicht nötig, dieses Ideal pompös oder mystisch zu beschreiben. Ein einfaches Leben ist seine eigene Belohnung, und verwirklicht seine Funktion fortlaufend.
Unsterblichkeit - der Glaube ans ewige LebenViele Menschen sterben zu früh und einige sind im falschen Zeitalter geboren oder am falschen Ort. Könnten diese Menschen zumindest noch ein mal aus der Quelle der Jugend trinken, so könnten sie sich selbst gerechter werden und zumindest im Universum eine bessere Figur machen. Die meisten Menschen denken, dass sie Dinge in sich tragen die ihnen grösseres ermöglichen würden, als das, was die Zeit sie zwingt zu tun.
Wenn es allerdings deutlich wird, dass ein anderes Leben dieses hier ersetzen soll, und es es diesem deutlich gleichen muss, schwindet dann die Magie der Unsterblichkeit nicht völlig?
Heilung, plötzliches Glück, eine späte Liebe, Sonnenschein sogar im April, bringen eine gewisse Verjüngung des Menschen, prophetisch in dem, was als Ideal nicht möglich ist - Dauer und konstante Verstärkung dieser Lebenskräfte. Hätte die Natur das Elixier des Lebens bereit gestellt, oder hätte Kunst es entdecken können, so hätte sich das Antlitz der gesamten Menschheit geändert. Die Erde plötzlich voll, keine Kinder würden mehr geboren und der elterliche Instinkt würde verkümmern, da ihm die Funktion fehlt.
Christliche Fantasien, wegen ihrer asketischen Magerkeit und der Angst vor dem Leben, wusste nicht wie das Bild des Himmels zu füllen und liess es mystisch und vage; aber welchen Himmel es immer sich vorstellte, er war modelliert aus den selben ursprünglichen Idealen. Er repräsentierte eine Gesellschaft von ewigen Wesen unter denen es weder Heirat noch Heiratsvermittlung, und wo jeder sein angeborenes Herrenhaus und die perfekte Aktivität fand die inneren Frieden bringt.
> Singen und Lobpreisen des Herrn, in Dantes Purgatorium wie Himmel, eine absolute Schnarchveranstaltung:
Da das Pathos und der Heroismus des Lebens darin besteht, das Schicksal zu akzeptieren, das unsern Tod andern partiell oder total zu einem Dienst macht, so besteht die Herrlichkeit des Lebens darin, das Wissen vom natürlichen Tod als Chance eines Lebens im Geiste zu akzeptieren.
Glück ist die einzige Billigung des Lebens; wo Glück fehlt, bleibt die Existenz ein verrücktes und bedauernswertes Experiment.
z.B: Der Sinn der Arbeit
So weit als Arbeit spontan und in sich selbst ergötzend wurde ist das ein positiver Gewinn, und zu dessen innerem Wert müssen alle die Besitze oder nützlichen Dispositionen gezählt werden, die sie sichern kann. So fällt ein Ideal - die Verminderung von Arbeit - zurück in das andere - Gelegenheiten schaffen für Vergnügen. Das Ziel ist nicht die Beschäftigung zu kürzen aber eher die Beschäftigung liberaler zu gestalten indem sie mit passenderen Objekten versehen wird.
> kurz gefasst (die Übersetzung ist nun zwar verständlich, aber mühsam, Knochenarbeit): Arbeit kann spass machen. Der Mensch braucht Beschäftigung, eine sinnvolle Tätigkeit, und Freude an der Tätigkeit, sonst wird's ihm fad. Ziel der Wirtschaft sollte also nicht unbedingt sein, die Arbeitszeit zu verkürzen, insbesondere nicht in der Form, dass einzelne gar keine mehr haben und die andern um so mehr und um so heftiger, sondern die Arbeit selbst zu etwas Angenehmem zu gestalten:
Das Ziel aller Unternehmung (Industrie) ist es, gut zu Leben.
Nichtsdestoweniger, das Interesse auf ein Mittel zu lenken ist nicht liberal, nicht so sehr dadurch, was das Interesse beinhaltet, als dadurch, was es nicht berücksichtigt. Glück in einem Tretrad ist nicht unvorstellbar; aber für dieses Glück, um rational zu sein, sollte das Rad nicht weniger sein als der ganze Himmel von dem Einflüsse auf uns herunter sinken. Es wäre Gemeinheit der Seele, wäre sie zufrieden mit einer kleineren Sphäre, so dass nicht alles das für unser Glück in unseren Träumen und Zwecken angestrebt würde. Absorbiert zu sein durch das Zufällige ist der Anteil der Tiere; auf das Instrumentelle verpflichtet zu sein der des Sklaven.
Vorstellung und Realität - Ideales und Reelles - beide sind nötig:
Der Unterschied zwischen dem Idealen und dem Reellen ist einer der erhalten werden sollte, darauf insistiert das humanistische Ideal. Es ist ein essentieller Ausdruck des Lebens, und sein Verschwinden wäre gleichbedeutend mit Tod, würde freiwilligem Wand und idealer Repräsentation ein Ende setzen. Alle Objekte die entweder in vulgärer Aktion oder der luftigsten Erkenntnis angestrebt werden, müssen zuerst ideal und von den Fakten getrennt bestehen, sonst hätte die Handlung ihre Funktion im selben Moment verloren in dem der Gedanke seine Bedeutung verliert. Alles Leben würde zu zwecklosen Daten zusammenfallen.
Das Ideal verlangt, alsdann, dass Möglichkeiten gegeben sind es durch Handlung zu realisieren, und dass Wandel möglich sein müsse in seine Richtung von einem gegebenen Zustand der Dinge aus. Eine Art diesen Wandels ist Kunst, wo das Ideal eine mögliche und hervorragendere Form ist die einigen externen Substanzen oder Medien verliehen wird.
Automatismus - fundamental und verantwortungslos
> Und genau diese Automatismen steuern unsere heutige Wirtschaft, nicht mehr das Ziel, gut zu leben:
Glück ist etwas, das Menschen suchen sollten, obwohl sie es selten tun; sie lassen sich davon ablenken durch einen ersten dämlichen Impuls und danach durch perverse Gesetze. Um Glück zu sichern müsste das Benehmen spontaner sein, aber es lernt, nicht kriminell zu sein; aber die fanatische Neigung der Menschen zu einer stolzen Freiheit, jetzt zu einer falschen Regierung, belässt sie barbarisch und armseelig. Das rationale Verfolgen des Glücks - ein Ding mit Fortschritt oder mit dem Leben der Vernunft - würde diese natürliche Frömmigkeit beinhalten die den Vorgängen des Lebens ihren inneren Wert belässt, Totenklage, Liebesfeier, Heiligung ziviler Traditionen, geniessen und korrigieren der Wege der Natur.
In der Industrie ist der Mensch immer noch unterwürfig, bereitet die Materialien die er zur Handlung braucht. In der Handlung selbst, obwohl er frei ist, übt er seinen Einfluss aus auf lebendes und täuschendes Medium und sieht die Angelegenheit sich jeden Moment mehr und mehr von seinen Absichten entfernen. In der Wissenschaft ist er ein Beobachter, der sich auf Handlung auf andere Art vorbereitet, indem er ihre Wirkungen und Bedingungen studiert. Aber in der Kunst ist er zugleich kompetent und frei; er ist kreativ. Er wird nicht beunruhigt durch seine Materialien, weil er sie zusammengestellt hat und als sicher ansieht; noch betrifft ihn die Zunahme der Komplexität in der gegenwärtigen Welt, weil der die Welt neu macht, nicht wirklich betrachtend wie sie gewachsen ist oder wie sie zustimmt, in Zukunft zu wachsen.
Das Objekt menschlichen Begehrens, damals, bis die Vernunft verglich und Erfahrung prüfte,sind unterschiedliche Sortimente von Guten, instabil in sich selbst und unverträglich miteinander.
Die Hebräer, im Gegensatz dazu, die im Vergleich zu den Griechen barbarische Ideen von Glück hatten, zeigten eine viel stärkeren moralischen Zusammenhalt und dem Druck der Widrigkeiten.
In Bezug auf Voraussicht, z.B., wird uns erzählt, mach Heu, solange die Sonne scheint, Ein Stich zur Zeit spart neun, Ehrlichkeit ist die beste Politik, böse Taten können nicht auf ewig geheim bleiben, Wehe Euch, ihr Hypokriten, Seht und betet, Sucht Rettung mit Furcht und Zittern, und Bedenke das Ende. Die selben Autoritäten stehen aber auch für gerade entgegengesetzte Maximen, inspiriert durch ein Gefühl, dass die sterbliche Besonnenheit sich irren kann, dass das Leben kürzer ist als politische Richtlinien (policy), und dass nur die Gegenwart real ist; denn wir hören, Ein Vogel in der Hand ist zwei Wert im Busch (Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach), Nutze den Tag, Die Kunst ist lang, das Leben kurz. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest. Genug für den Tag ist des Teufels, Schütze die Lilien im Feld. Richte nicht, damit du nicht gerichtet werdest, Kümmere Dich um deine eigenen Sachen, und Wir sind alle Gottes Kinder. So, wenn etwas besonders schockierendes passiert sagt man, Cherchez la femme, ein anderer sagt, Gott ist gross.
Materielle Konflikte werden nicht durch Vernunft gelöst, weil die Vernunft erst stark ist, wenn diese entfernt wurden. Aber wo widersprüchliche Kräfte gegenseitig in der Lage sind sich zu verstehen und zu respektieren, siegt das gemeinsame Interesse, und auch wenn der materielle Konflikt sich nicht unterdrücken lässt, wird er überbaut durch ein intellektuelles Leben, teilweise gemeinschaftlich und nicht feindlich. Darin liegt die Ritterlichkeit des Krieges, dass wir das Recht anderer anerkennen, Zwecke zu verfolgen die unseren entgegen gesetzt sind.
Heilige können sich nicht erheben, wo es weder Krieger noch Philosophen gibt, wo kein Beute suchendes Biest sich in der Tiefe verbirgt
Diese Methode, die sokratische Methode, besteht darin, jede Schätzung zu akzeptieren die irgend jemand ernsthaft macht, und darauf Dialektik anzuwenden, um dem Menschen zu zeigen, was er wirklich schätzt.
Die sokratische Methode ist die Seele freier Konversation; sie ist verpackt in gleichen Massen von Ernsthaftigkeit und Höflichkeit. Jeder Mensch ist autonom und alle werden respektiert; und nichts wird vorgetragen als um es der Vernunft zu unterwerfen, angenommen oder verworfen zu werden durch das sich selbst befragende Herz.
Socrates hingegen verstand, dass jeder Mensch, will er sein Ziel erreichen, erst lernen muss klar zu unterscheiden; er verlangte dass Rationalität, in der Form von Prüfung und Klärung von Zwecken, jeder Selektion äusserer Instrumente vorhergehen sollte. (Erst denken, dann Wissenschaft, könnte man sagen). Denn wie sollte ein Mensch etwas Nützliches erkennen, wo er nicht erst das zu erreichende Ziel und damit das darin liegende Gute erkennt? Wahre Wissenschaft war dann diese, die dem Menschen half, sein wahres Gutes zu entwirren und sein natürliches Gutes zu erreichen; und eine solche Wissenschaft ist auch die Kunst des Lebens und der ganze Inhalt der Tugend. Der autonome Moralist unterscheidet sich vom Sophisten oder ethischen Skeptiker dadurch, dass er integer bleibt.
Santayanas ausführliche Auseinandersetzung mit prä- und postrationalen Strömungen hat für uns erst mal etwas Befremdliches, da Rationalismus zwar kritisiert wird (Es fehlen die Gefühle, man kann doch nicht alles rational ansehen!), aber dennoch kaum jemand gerne als irrational bezeichnet würde. Das selbe gilt für die Formen des unkritischen Prärationalismus, also Aberglaube und Mystik, wie für den überkritischen frustrierten Postrealismus der Kyniker, Kritizisten und Polemiker:
Der Geist des Lebens und der Kooperation war schon tot. Der private Bürger, korrumpiert durch die Freizügigkeit und die kleinen Streitereien seiner Stadt, wurde träg und gewöhnlich. Er hatte angefangen den Nutzen von Religion, Patriotismus, und Gerechtigkeit, in Frage zu stellen. Indem er dem Organ für das Ideal in seiner Seele erlaubt hatte, zu verkümmern, konnte er davon träumen, eine Art trotzigen Glücks in der Unvernunft zu finden. Er fühlte dass die sparsame Glorie seines Landes, wie sie ein spartanisches Land hätte erhalten können, diesen niederen Teil in ihm der noch verblieb nicht befriedigen konnte. Politische Tugend schien ihm eine wertlose Besteuerung seines materiellen Profits und seiner Freiheit. Die Langeweile und das Misstrauen die in einer zerfallenden Gesellschaft üblich sind trieben ihn zu künstlichen Erregungen und Aberglauben. Demokratie hatte gelernt die wenigen, in denen das öffentliche Interesse noch manifest war, als Feinde zu betrachten, die wenigen deren edleres Gemüt und Brauchtum immer noch mit dem allgemeinen Gut übereinstimmten. Diese letzten Patrioten wurden nach und nach verbannt oder ausradiert, und mit ihnen starb der Geist der rationale Ethik verkörpert hatte. Bei Philosophen wurde nicht länger toleriert, dass sie Illusionen über den Staat hätten. Menschliche Aktivitäten im öffentlichen Raum hatten alle Verbindung zu Kunst oder Vernunft abgeschüttelt.
> Es geht in diesem Abschnitt um die Zeit des Sokrates ... wer hätte das gedacht, denn die Übereinstimmungen mit der Gegenwart sind frappant.
Es ging vor allem darum, die Seele zu täuschen mit einem Ersatz für Glück.
Die philosophischen und andern geistigen Entwicklungen aus dieser Situation heraus können als Regression verstanden werden, also eine Rückkehr zu alten, vertrauten, aber eben auch weniger entwickelten, primitiveren Denk- und Handlungsweisen:
Pessimismus und alle auf Verzweiflung fundierende Moral sind nicht prä-rational sondern post-rational. Sie sind das Werk von Männern die mehr oder weniger direkt das Leben der Vernunft verfasst haben, es zumindest vorstellungsmässig versucht haben, und als mangelhaft befanden. Diese Systeme sind ein Schutzraum vor nicht tolerierbaren Situationen: Sie sind Experimente der Ablösung.
Auf diese Art können post-rationale Systeme, zuerst auf Verzweiflung fundiert, in einer späteren Zeit das seine Desillusionierung vergessen hat, zur einzigen möglichen Grundlage von Moral werden. Die Philosophen die irgend einer Sekte anhängen und unter deren Einfluss aufkommen, können Kritizismus und Sophisterei extensiv einsetzen um zu zeigen, dass aller Glaube und alle Anstrengung umsonst sei, würde man nicht präzise ihre Anleitungen befolgen. Und so entsteht eine seltsame Parteiphilosophie die Natur und Vernunft generell diskreditiert und ein mystisches Echo von Vernunft und Natur vorbringt als allein seelig machende Wahrheit. Die positive Substanz einer solchen Doktrin ist demgemäss prä-rational und vermutlich roh abergläubisch, wird aber eingeführt und gestützt durch eine hervorragende Anklage physikalischer wie moralischer Wissenschaft, so dass das uns zur Verehrung angebote verkrüppelte Idol ein falsche Halo erhält und eine behauptete Majestät in dem es auf den Pedestal unendlicher Verzweiflung gehoben wurde.
Sokrates lebte noch als die Schule der postrationalen Moral unter den Sophisten aufkam, sich nach dem schnellen Durchlaufen verschiedener Phasen im Epikuräismus niederliess und Quelle eines gewissen Trostes blieb für die ganze Menschheit, was, wenn auch etwas billig, nicht weniger als genial ist. Die Suche des Glücks kann als Selbstsucht erscheinen, mit einer Tendenz zur Schwelgerei; und in diesem Falle wäre der prärationale und instinktive Charakter der zurückbehaltenen Maximen sehr deutlich.
Das postrationale Prinzip kommt im System dann zum Tragen, und wir sehen deutlich, dass sich Setzen, über das menschliche Leben nachdenken, glückliche Momente herauspicken und den Rest verdammen, bedeutet, einen Weg moralischen Rückzugs einzuleiten. Es ist zu beurteilen was wert ist getan zu werden, nicht durch das angeborene Streben der Seele, sondern durch die Erfahrung zufälliger Gefühle, die einem Geist ohne kreative Ideen die einzigen Dinge erscheinen, denen es wert ist zu folgen
Zur selben Zeit erhielt es Freundschaft, Freiheit der Seele, und intellektuelles Licht. Es kultivierte Nichtweltlichkeit ohne Aberglauben und Glück ohne Illusion. Es war zärtlich mit einfachen und ehrlichen Dingen, verachtungsvoll und bitter gegen Anmassung und Übergriffe. Es markierte so einen ersten ersten Zwischenhalt beim Rückzug der Vernunft, einen Zustand in dem die Seele sich nur des höheren und stärker verwirrenden Teil ihrer Bürde entledigt hatte und gewillt war, unter etwas verminderten Umständen, mit dem Rest zu leben. Eine solche Philosophie zeigt gut die ursprünglichen Gefühle von Menschen, zugleich mild und emanzipiert, die sich auf der Ebbe einer Zivilisation wiegen, ihre Früchte geniessen, ohne weiterhin die Kräfte zu repräsentieren, die diese Zivilisation geschaffen hat. Die gleiche Emanzipation, ohne ihre Milde, erscheint bei den Zynikern, deren Geheimnis es war alle Verbindung und alle Abhängigkeit von Umständen abzulegen, und nur von der inneren Stärke des Geistes zu leben, von Stolz und unflexiblem Humor.
> dem Kerle ist wirklich nichts recht zu machen .... Stoa, Epikuräismus, Kyniker, alles falsch. Verständlich wird diese Haltung, wenn man den Kern herausschält: All diesen Philosophien fehlt, laut Santayana, eben das "angeborene Streben der Seele nach dem, was wert ist, getan zu werden.
Aber Kontemplation, sogar wenn sie etwas zur Idolatrie tendiert, hat einen reinigenden Effekt, und das traurige und einsame Leben des Kosmos in den der Stoiker täglich seine Seele einlädt ihr Schicksal zu konfrontieren, befreite ihn sicher vor manch unwerter Leidenschaft. Das eindrückliche Schauspiel der Dinge wurde benutzt um die Seele an ihre spezielle und angepasste Funktion zu erinnern, die eben ist, rational zu sein. Diese Rationalität bestand aus Einsicht, die notwendige Ordnung der Dinge zu sehen, zum Teil in Konformität, wahrzunehmen, dass diese Ordnung, wie immer sie sei, dazu dienen könnte, sich daran zu üben, mit Gleichmut zu begegnen.
Konformität, Unterwerfung unter den Willen Allahs, die ja als Kern des Islam geschildert wurden- und damit zugleich Befreiung zum Ausdruck des eigenen Willens:
Islam z.B., der sich rühmt, dass seine Essenz nichts sei als die primitive und natürliche Religion der Menschheit, besteht darin, sich selbst dem Willen Gottes zu überlassen, oder, in andern Worten, die Dinge als unvermeidlich zu sehen. Dieser Wille Gottes wird meist durch Beobachtung der Natur und Geschichte gelernt, wie der Erinnerung an Schicksale wie sie unterschiedlichen Menschen zuteil wurde. Wäre das alles, wäre der Islam reiner Stoizismus, und die hebräische Religion in ihrer letzten Phase, wäre einfach die Beredtheit der Physik.
Aufgeklärte Muslime waren so oft eher Epikuräer als Stoiker; und wo sie sich (nicht ohne jeden Grund) den Christen überlegen fühlten in Delikatesse, savoir vivre, Verwandtschaft mit all ihren Kräften, war dieses Gefühl von Überlegenheit ziemlich rational und rein human. Ihre Relgion trug nur dazu bei, weil sie einfacher war, freier von Aberglaube, näher einer klaren und gefälligen Ordnung des Lebens. Wo die Unterwerfung unter Gottes Willen garantiert ist, kann der Ausdruck des menschlichen Willens frei beginnen.
Die Tendenz zur Aufklärung die der Islam darstellt, und die Grenzen dieser Aufklärung, können illustriert werden durch die Vorschriften über unreine Tiere.
Aber in der Hitze dieses Militarismus, lässt er sich wo weit herab von Gottes Interessen zu sprechen, die den Gläubigen bestechen, und vom Kampf um Gottes Sache. Diese Begriffe, so roh prä-rational, erlauben uns die die pantheistischen Feinheiten mit denen wir beschenkt werden zu verwerfen; und, um die Moral, zu schwach um menschliche zu sein, nicht völlig verschwinden zu lassen, müssen wir das Absolute zu einer endlichen Kraft humanisieren, die unsere Unterstützung braucht gegen unabhängige Feinde. Der Bankrott der stoischen Moral, die davon lebt, das zu preisen was ist, ist so vollständig.
Die Lobpreisenden des Seins loben nun eine, dann die andere zweier entgegengesetzter Einstellungen, passend zum Zustand der Gesellschaft in der er lebt, ob der grad prärational oder postrational ist. Pantheismus wird als Prärational interpretiert, wie bei den frühen Muslimen, oder Hegelianern, wenn die Menschen noch nicht mit Weltlichkeit vertraut, noch von ihr angewidert sind; das Absolute scheint dann jede entstehende Existenz oder Tendenz mystisch zu sanktionieren.
Dieser untergegangene Optimimus existiert im Christentum, als Erbe der Juden; und die protestantischen Gemeinden welche heidnische und platonische Elemente zurückgewiesen haben die darüber lagen haben wenig Probleme es wieder prominent auferstehen zu lassen. Nicht jedoch, ohne den Geist der Evangelien zu verlassen; weil der Geist der Evangelien, ausgedrückt durch die Messianische Hoffnung, wirklich post-rational ist. Es hiess nicht zu heiraten und zur Vermählung vergeben zu werden, oder auf dem Thron zu sitzen, oder metaphysische Mysterien enthüllen, oder natürliche Freuden auf die in diesem Leben zu verzichten war, das Christus seine Jünger aufforderte alles aufzugeben was sie hatten und ihm zu folgen. Es lag sicher ein tieferer Friede in dieser Selbstaufgabe.
Eine andere Konsequenz der Verbindung von postrationalen mit prärationalen Motiven im Christentum, ein Gefühl von Exil und Verzicht mit Hoffnung auf das versprochene Land, war, dass esotherische Frömmigkeit wählen konnte zwischen den zwei Faktoren, sogar verbal dem Dogma zustimmend das beide enthielt. Mystiker verehrten postrationale Motive und verachteten die prärationalen; Positivisten klammerten sich an die zweiteren und hasten die ersteren. Den spirituell eingestellten, deren Religion auf wirkliche Einsicht und Desillusionierung basierte, konnten die Freuden des Himmels nie mehr sein als ein Symbol für den inneren Wert von Heiligkeit. Für die Weltlichen waren diese himmlischen Freuden nichts als eine Fortsetzung von Freuden und Erregungen.
Jedes postrationale System ist notwendigerweise selbstwidersprüchlich.
Lob des Buddhismus und Kritik der Ethik des irrationalen Erwerbs:
Wenn es etwas gibt in einem rein heilenden System der Moral das einseitig und extrem aussieht, dann müssen wir uns der weitaus weniger entschuldbaren Einseitigkeit dieser Moralitäten oder Vorurteile erinnern, an die wir im Westen gewohnt sind - die Ethik des irrationalen Erwerbs, irrationaler Glaube, und irrationale Ehre. Buddhistische Moralität, so vernünftig und schön überzeugend, so willig aufsteigend zum Ideal der Heiligkeit, verdient im Vergleich den tiefsten Respekt. Sie hat sich so weit über die Rohheiten des Intuitionismus erhoben wie das Flüstern eines Engels über eine Formel eines Schuljungen.
Moralischer Fortschritt ist aus diesem Grund oft am grössten wenn noblere Leidenschaften oder glücklichere Umstände die Führung übernehmen und die gemeineren Gesellen unterdrücken ohne auf das Bewusstsein setzen zu müssen, dass auch die letzten Vergünstigung dem ganzen Leben zugerechnet werden.
Die Maschinerie der Auswanderung hatte als Gerüst zu dienen um Mitleid, Reinheit, und Spiritualität zu erhöhen. Aber dieser fantastische Hintergrund des Lebens war nicht konsistent mit dem was das beste an der neuen Moral war; gerade wie im Christentum die postrationalen evangelischen Ideen der Vergebung und Wiederauferstehung, des menschlichen Willens mystisch verkehrt, radikal inkompatibel waren mit den prärationalen Mythen von Schöpfung und politischer Voraussicht.
Post-rationale System bringen so keinen wirklichen Fortschritt und bieten keine eigentliche Lösung für spirituelle Geheimnisse.
Der Wert postrationaler Moralität, hängt dann ab von der doppelten Konformität seiner Teile mit dem Leben der Vernunft. Zuerst muss ein natürlicher Impuls erhalten werden, die Propheten der Vergebung müssen einem partiellen Ideal immer noch trauen und folgen können. Zweitens muss die so gewonnene und exklusiv geförderte Intuition der Ausgangspunkt für eine neue natürliche Moral werden. Sonst würde der Glaube, an den appelliert wird, in seiner Operation wertlos, wie auch wunderlich in seiner Fundierung, und nie zu einer Form für Denken und Handeln in einer zivilisierten Gesellschaft.
Wem das ganze etwas absunderlich vorkommt, möge sich nicht grämen, denn es ist absunderlich. Eine ganz ausgeprägte Phase postrationalen Brimboriums war die Esoterikphase des sog. new age. Da ich gegen Esoterik eine natürlich Allergie habe, kann ich über die weitere Entwicklung auf dem Gebiet leider keine Auskunft geben, obwohl ich immer wieder in Kreise des Neopaganismus (Hexen, Barden, Druiden, vor allem aber erstere) geriet, aber dank meines inhärenten Zynismus (ebenfalls eine Variante des Postrationalismus), daraus auch immer wieder relativ rasch entfernt wurde.
Irrational sind praktisch alle Massenerscheinungen, da hier nicht mehr kritisch reflektiert, sondern "gefolgt" wird. Hierher gehören also auch die übelsten "Vernünfte" des 20. Jahrhunderts, Faschismus, Populismus, Autoritarismus. Sie entstanden aus dem Verlust von glaubhafter und glaubwürdiger guter Ordnung und damit lebenstauglicher Orientierung:
Die Kirche die einst den Staat überschattete, hat jetzt ihre zwingende Autorität verloren und der einzelne Mensch steht alleine vor dem unpersönlichen, geschriebenen Gesetz, der konstitionellen Regierung, und einer sehr diffusen und ansteckenden öffentlichen Meinung, die sich durch eine gewaltige Unbeweglichkeit, Inkohärenz und Blindheit auszeichnet.
Eben so irrational ist das, was das ach so unumgängliche Wachstum der Wirtschaft antreibt, also die zufälligen, chaotischen Moden, ja generell der irrationale Erwerb als Erwerb um des Erwerbes willen:
Mode ist manchmal barbarisch, weil sie Innovationen erzeugt ohne Vernunft und Imitationen ohne Gewinn. Sie bezeichnet deutlich die Grenze der verantwortungslosen Veränderung von Benehmen und Denken das unter künstlich zivilisierten Völkern so leicht grösser ist als der feste Kern (des Charakters). Sie ist charakteristisch für westliche Gesellschaften des Mittelalters und der Moderne (Postmoderne war damals noch nicht in, die basiert dann quasi nur noch auf Moden), weil diese Gesellschaften von Menschen geführt werden, die, in einer fremden Kultur erzogen, im Herzen Barbaren bleiben. Bis heute haben wir keine wirklich einheimische Zivilisation hervorgebracht. Unsere Kunst, Moral, und Religion, wenn auch tief gefärbt mit einheimischen Gefühlen, lassen sich immer noch bloss definieren, und sind nur verständlich, in Bezug zu klassischen und fremden Standards. Unter den nordischen Rassen ist Kultur sogar noch künstlicher und übertüncht als unter den südlichen; woher auch die Versnobtheit der Gesellschaft stammt, die Affektion mit Kunst, und der gewaltige Unterschied zwischen Gebildete und Ungebildeten, Reichen und Armen, Klassen, die auf unterschiedlichen intellektuellen Planeten leben und oft unterschiedliche Religionen haben.
NomologieNomologie nomos Gesetzeslehre, Lehre von den Gesetzen der Erscheinungen, der psychischen Vorgänge (W. HAMILTON). Nomologisch nennt J. V. KRIES »Urteilsinhalte, die den gesetzmäßigen Zusarmmenhang des Geschehens betreffen« (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 12. Bd., S. 181). Nomologische Wissenschaften sind die abstrakten, theoretischen Wissenschaften (l.c. 16. Bd., S. 265), im Unterschiede von den ontologischen (konkreten) Disziplinen. »Arithmetische Nomologie« nennt HUSSERL die allgemeine Mathematik (Log. Unt. I. 172).
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Die folgenden abschliessenden Gedankengänge wurden von mir ausgebrütet, ich kann Ihnen dazu also keine Referenz anbieten. Sie entsprangen dem gegenwärtigen Problem der offensichtlichen Opposition zwischen Umwelt (Oekologie, Soziologie) und Wirtschaft. Je besser es der Wirtschaft geht, desto mehr drängt sie die Natur an den Rand, und dies obwohl die griechischen Begriffe aus den selben Wurzeln stammen.
Man muss daraus, wortspielerisch, heuristisch, topisch, schliessen, dass uns etwas Verbindendes fehlt, also quasi die Nomo-Logie, das Wissen um die Ordnung, die gute Ordnung (Eu-Nomie). Das Wissen über die Ordnung, zwecks Verbesserung der Ordnung, fehlt. Die "offizielle" Nomologie hat präzise das selbe Problem wie die Vernunft, wie wird nur dort gesehen, wo sich Dinge auf Zeichen abstrahieren und berechnen lassen, was ihre Anwendung auf die reale Welt mit ihren realen Vorgängen und freiheitlichen Zielsetzungen unbrauchbar macht. S. Wittengestein I & II
Aufsteigende Ordnungsprinzipien:
Ordnung entsteht aus Orientierung an Zielen und Werten, aus Übereinkünften, Verhandlungen, Abstimmungen, Politik, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Handeln. Die Ordnung mit Ausrichtung auf das Gute ist meist finalistisch, also auf Ziele orientiert
Geld als dominantes Ziel besetzt das ganze Ordnungsdenken, verkrümmt es.
Konservative Ordnung ist der status quo, mit dem man zufrieden ist.
Pareto und andere wirtschaftliche Sachzwänge bilden die Ordnung, mit der Wirtschaft am besten betrieben werden kann.
Politische Übereinkünfte können nur zu Teilbereichen getroffen werden, nicht zu den privaten Bereichen. Die Demokratie ist kastriert.
Das Gesetz ist die Ethik des Staates, die Politik seine Vernunft
- aber eben partielle Ethik und kastrierte Vernunft.Die staatliche Rechtsordnung: Zivilrecht, Militärrecht, Verwaltungsrecht, Handelsrecht, Obligationenrecht, Arbeitsrecht (ohne Recht auf Arbeit an und für sich), Strafrecht (warum kein Belohnungsrecht?)
Die Rechtsordnung ist pervertiert. Eigentum/Besitz geht über alles.Und die höchste Ordnung, also Ethik, könnte in dieser Gesellschaft ja offenbar von Blocher: Wirtschaftsethik als Verarschung der Ethik gelehrt werden mit rein wirtschaftlicher Rationalät, also <Vernunft> - oh tempora, oh mores.
Martin Herzog, Basel, 20.6.09