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[Michel Foucault: Die Hauptwerke. Suhrkamp. Frankfurt a.M. 2008]
Foucaults Ausgangspunkt ist das 17. JH, das Jahrhundert der Aufklärung, in dem Ordnung erst wird tastend erschaffen wird. Die bestimmenden Kategorien in Foucaults Werks sind Ordnung, Zeit/Geschichte, Macht, Geschlechtlichkeit, der Wille zu Wissen, sprachliche Strukturen. Da er diese Kategorien literarisch zu einem Werk verwebt, diese bei Brainworker aber in unterschiedlichen Beiträgen aufgeteilt sind, muss hier zum Teil eben auf diese verwiesen werden, obwohl sie zum Verständnis unabdingbar sind. (insbesondere Zeit und Geschichte). Da Foucault sich auf das 17. Jahrhundert beschränkt, wird hier gerade die Geschichte der Botanik im ganzen Umfang gezeigt, was doch noch zu ein paar umfassenderern Resultaten führt.
Zeichen kommt aus indogermanisch dei „hell glänzen“, „schimmern“, „scheinen“, und wird im Althochdeutsch zu zeihhan „Wunder“, „Wunderzeichen“. Dem deutschen Wort liegt ursprünglich die irdische Erscheinung einer höheren Macht zugrunde.
Definition Zeichen:
In ihrer ursprünglichen Form, als sie den Menschen von Gott gegeben wurde, war die Sprache ein absolut sicheres und wahres Zeichen der Dinge, weil sie ihnen ähnelte. [S. 71] Dies war auch Ausgangspunkt der ägyptischen Hieroglyphen, der sumerischen Keilschrift und damit Ausgangspunkt des Aramäischen, und damit Ausgangspunkt fast aller Schriften der Welt. Die Chinesische Schrift allerdings hat diesen Ursprung des Abbildes immer noch erhalten. Wörter sind hier immer noch zu entziffernde Dinge.
Aristoteles nennt vier Elementen des Geschriebenen (ta grapomena), Gesprochenen (ta en th ponh), der Gedanken oder Vorstellungen in der Seele (ta en th pyxh pathmata) sowie der äußeren Gegenstände zu bestimmen. Dabei charakterisiert er
Seit der Stoa war das System der Zeichen ternär, dreifach, denn man sah darin das Bezeichnete, das Bezeichnende und die Konjunktur, die Verbindung. Letztere hat sich dann gelöst und es blieb noch das signifiant und signifié, das aktive und passive. De Saussure brachte diese Unterscheidung als zentrales Merkmal einerseits in die Linguistik und speziell in die Semantik ein, erweiterte die Nutzung dieses Begriffsdualismus' aber auch für die Psychiatrie, in der ja ebenfalls meist Zeichen (Verhaltensbesonderheiten, Träume etc.) zu deuten sind. Das Zeichen reicht offenbar aus, um etwas als bedeutsam wie wirksam zu erklären. s. psychologische Diagnostik & psychische Störungen
Die Klassik analysierte die Repräsentation - nach dem 17. JH, wird der Sinn analysiert, die Bedeutung des Zeichens, womit sich die Zusammengehörigkeit von Sprache und Welt auflöst.
Die Klassik definiert das Zeichen nach drei Variablen: dem Ursprung der Verbindung: ein Zeichen kann natürlich sein (wie der Reflex in einem Spiegel das bezeichnen, was er reflektiert) oder auf Uebereinkunft beruhen (wie ein Wort für eine Gruppe Menschen eine Idee bedeuten kann); dem Typ der Verbindung: ein Zeichen kann der Gesamtheit zugehören, die es bezeichnet (wie das gesunde Aussehen, das zu von ihm manifestierten Gesundheit gehört) oder davon getrennt sein (wie die Gestalten des Alten Testaments die fernen Zeichen der Inkarnation oder der Erlösung sind); der Gewissheit der Verbindung: ein Zeichen kann so konstant sein, dass ma seiner Zuverlässigkeit sicher ist (so bezeichnet das Atmen das Leben); aber es kann auch nur ganz einfach wahrscheinlich sein (wie die Blässe für die Schwangerschaft).
Don Quichotte z.B. steht als Verlorener in dieser Welt, in der die Bücher, die Zeichen, nicht mehr die reale Welt be-zeichnen sondern Fiktion sind. Wie die später zu Irren erklärten, glaubt er Zeichen zu erkennen, verwechselt diese mit den Dingen an und für sich.
Bis im 16. Jahrhundert waren die Zeichen noch von Gott gegeben, als Hilfe für den Menschen, das damit bezeichnete besser zu verstehen: Das Zeichen muss seinen Raum innerhalb der Erkenntnis finden, weil es stets entweder sicher oder wahrscheinlich ist. Im sechzehnten Jahrhundert war man der Auffassung, dass die Zeichen auf den Dingen niedergelegt seien, damit die Menschen ihre Gemeinnisse, ihre Natur oder ihre Kräfte an den Tag bringen könnten. Diese Entdeckung war jedoch nichts anderes als der letzte Zweck der Zeichen, die Rechtfertigung ihrer Präsenz.
Zeichen waren also präzise nicht das, was die moderne Logik von ihnen fordert, nämlich präzise. Sie borgen stets ein Geheimnis, hatten eine Aura - wie in der Literatur eigentlich auch heute noch fast jedes Wort. Durch die präzise Sprache der Wissenschaft geht das Geheimnis verloren - was noch lange nicht heisst, dass es als Wissen wieder auftaucht.
Zeichen haben die Fähigkeit zum 'Zeigen der Dinge. Zweifel? Die Mathematik besteht nur aus Zeichen, und kann allerlei zeigen, ja sogar beweisen. Zeichen haben also ein ausgesprochen wichtige epistemische Funktionen, die sich nicht auf das Erkennen beschränken, sondern, ähnlich wie in der skeptischen Tradition, auch Ermahnung («admonere») und Erinnerung («commemorare») beinhalten: «Ein Z. ist ein Ding, das neben dem sinnlichen Eindruck, den es den Sinnen mitteilt, aus sich heraus etwas anderes in das Denken kommen läßt»
ROGER BACON erklärte den Bezug zum Zeichen-Rezipienten zur wesentlichen Relation des Zeichens, denn, «könnte niemand etwas durch das Zeichen erfassen, wäre es unnütz und nichtig, ja es wäre gar kein Zeichen.» Das Zeichen ist also ein dem Sinn
oder dem Intellekt Vorliegendes, das dem Intellekt etwas bezeichnet, womit dieser "arbeiten" kann, Verbindungen erstellen, Schlüsse ziehen.
TH. HOBBES hebt die Funktion der Zeichen (bzw. der zur erinnernden Vergegenwärtigung der Gedanken dienenden «notae» und der als Mittel zur Kommunikation derselben fungierenden «signa») für die rationale Erkenntnis hervor. Hier treten also nicht nur Buchstaben oder Formeln als Zeichen auf, sondern auch Texte, also Sätze, Gedanken etc.
HERDER: Wörter sind nicht bloß Zeichen, sondern gleichsam die Hüllen ..., in welchen wir die Gedanken sehen.
Das macht klar, warum sich mit Worten nicht eben so leicht rechnen lässt, wie mit Zahlen. Wörter sind nicht bloss Raum-Inhalt, Bestandteile von Gruppen, oder gar Punkte, sondern sie sind wiederum Raum, Gestalt, mit mehr Inhalt als bloss einem Pfeil, der mehr oder minder präzise auf etwas anderes deutet. Dennoch sind sie bereits deutlich klarer als Symbole: Das Zeichen ist das sinnlich Wahrnehmbare am Symbol».
Auf das absolute Minimum, den eindeutigen klaren Gehalt, werden Zeichen allerdingens reduziert in der Logik: Das Zeichen, meint Wittgenstein nun, lebt im Gebrauch. Im Umgang mit den Zeichen müsse man es mit dem Zeichengeben genug sein lassen und nicht versuchen, noch «hinter die Worte dringen» zu wollen. «Über sich selbst führt uns kein Zeichen hinaus».
Die Unterscheidung zwischen Zeichen und Symbol ist allerdings höchst unklar:
Der griechische Ausdruck symbolon ('zusammenwerfen, 'zusammenfügen) hat seinen Ursprung in einem alten Code oder Schlüssel der als als Erkennungszeichen diente. Damit sich zwei Partner (egal ob in Krieg oder Handel) sicher erkennen konnten, wurde eine Tonscheibe oder ein Knochen zerbrochen. Passten die zwei Stücke, verwies das auf den richtigen Partner. Von daher ist die ursprüngliche Bedeutung von Symbol: 'sammeln und 'verbinden, aber auch 'vergleichen, 'im Geiste zusammenbringen, 'vermuten (lat. conicere) und 'erschließen sowie 'mit etwas – oder jemandem – zusammentreffen oder 'übereinkommen im Sinne von 'sich vereinbaren.
So waren Symbole (Geheimzeichen) natürlich immer von höchster Bedeutung für Geheimbünde und weit verbreitet in Mysterienkulten (genau wie im 20. JH. das Swastika). Die pythagoreischen Symbola etwa bestanden aus kurzen Sätze, meist Verboten, die in ihrer wörtlichen Aussage zwar verständlich sind, deren eigentlicher Sinn aber nur den Eingeweihten bekannt ist, dienten – außer als ethisch-praktische Verhaltensregeln – den Mitgliedern als Erkennungs- und Freundschaftszeichen. Präzise in diesem Sinne ist auch die Zahlenmystik der Sufis und die sich im Westen daraus entwickelte Symbolik der Freimauerer zu deuten.
Weitere Bedeutungen: 'Vertrag, 'Paßwort, 'Losung, 'Sinn- oder Lehrspruch, 'Glaubensbekenntnis, 'Zeichen im allgemeinen sowie speziell (natürliches) 'Anzeichen, 'Vorzeichen, 'Erkennungsmerkmal, aber auch (willkürliches) 'Sprachzeichen sowie, im Gegensatz dazu, (auf Analogie beruhendes) 'Sinnbild oder 'Gleichnis
[Historisches Wörterbuch der Philosophie]
Apropos Symbole und Macht: Mythologie ist das ursprüngliche Tummelfeld der Symbole. In der Hexerei wie in der Mystik, basierend auf einer schlechten Unterscheidung zwischen Repräsentation und Identität, wirkten sich Manipulationen an den Symbolen auf das Symbolisierte direkt aus. Am deutlichsten ist diese "Verwechslung" bei den magischen Ritualen des Voodoo. Unerkannt blieb bis anhin, dass die Zahlenmystik der Oekonomie auch nicht viel mehr darstellt. (Ich bin hier nur leicht zynisch, denn obwohl die Oekonomie all ihre Aussagen mit Graphiken und Formeln garniert, haben die wenigsten Oekonomen wirklich Ahnung von Mathematik und speziell von Statistik.
Kant bildete die Reihe: Charakteristisch – schematisch – symbolisch - allegorisch.
Symbol und Allegorie waren vor allem in der Kunst von Bedeutung. Neben die allenthalben beschworene Sprache der Natur werden andere 'höhere Sprachen gestellt, vor allem die Sprache der Kunst oder auch die Sprache der Musik.. Schlegel: Alle Kunst ist symbolisch. «In so fern eine Figur sprechend ist, in so fern sie bedeutend ist, nur in so fern ist sie schön. Das wahre Schöne ... besteht darin, daß eine Sache blos sich selbst bedeute, sich selbst bezeichne, sich selbst umfasse, ein in sich vollendetes Ganze sey». [K. Ph. Moritz 1785]
Bereits im 18. JH bekam man allerdings eine gewisse Allergie gegen Allegorien: Die Allegorie gilt jetzt als zufällig, willkürlich, konventionell, insgesamt als einseitig rationalistisch geprägt und infolgedessen ästhetisch minderwertig. [Winckelmann, 18. JH.]
Während dem das reine Zeichen, die Ziffer, das Wort, der Text, das Bild, Diagramm, die Karte, das Modell, die Hieroglyphe, Chiffre, Chiffernschrift Klarheit suchte, umfasste bereits das Symbol das, was mit der logischen Schrift und Sprache nicht bewältig werden kann, das Hintergründige, vor allem in der Romantik: «Jedenfalls liebten die Romantiker und hätschelten den Symbolbegriff in einer Bedeutungsfülle, die dem bedeutungsschwangeren 'Bild und Gleichnis ganz nahe steht, während die Logiker (berufsmäßig möchte man sagen) für Abmagerung und Formalisierung des Begriffs-Inhaltes eintraten. Derart, daß am Ende nichts übrig blieb als die beliebige verabredete Zuordnung von irgend etwas als Zeichen zu irgend etwas als dem Bezeichneten» [Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 41694]
Der Hauptpunkt der Krise läßt sich in der Form eines Dilemmas formulieren: Entweder der Begriff wird im Sinne von 'konventionelles Zeichen verwendet, dann gewinnt er eine klare Bedeutung, ist aber – da durch eindeutigere Begriffe ersetzbar – entbehrlich; oder er wird für eine spezifische Form von motivierter Bedeutungsbildung oder Semiose reserviert, dann ist zu konstatieren, daß es – trotz vielversprechender Ansätze – bisher nicht gelungen ist, diese Form in klarer und konsensfähiger Weise zu explizieren. [Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 41695]
Stark vereinfachend könnte man eine Reihe bilden: Zeichen (klar) - Symbol (mit Aura) - Allegorie (Aura dominiert)
Sprachwissen(schaft), insbesondere Rhetorik, war für die Griechen (insbesondere Platoniker und Stoiker), wie für das ganze Mittelalter, von höchster Bedeutung, da nur diese Kenntnisse eine Verführungen durch Vorurteil und Redekunst verhindern konnten. In Anbetracht der Vorgänge bei Volksabstimmungen wäre dem heute wieder deutlich mehr Gewicht beizumessen. Bereits EPIKTET beobachtete, daß nicht die Dinge die Menschen beunruhigten, sondern die Vorstellungen von den Dingen. Und diese Vorstellungen werden in Worte gefasst - oder gelangen häufig durch Worte erst überhaupt zur Vorstellung. Deshalb ist Sprache das tragende Element von Wissen und Lernen, ebenso wie von Irrtum und Verführung.
Definition Semantik (Bedeutungslehre), semantisch (von griech. shma Zeichen bzw. shmainein bezeichnen, shmantikos bezeichnend; engl. semantics; frz. sémantique; ital. semantica)
Semantik ist die allgemeine Disziplinbezeichnung für Untersuchungen der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke. Dabei stehen besonders die Wahrheitsbedingungen von Sätzen und Aussagen im Mittelpunkt, während die allgemeinere Semiotik (Zeichenlehre) sich mit allen Arten von Zeichen und allen Formen ihres Gebrauchs befaßt. [Historisches Wörterbuch der Philosophie: Semantik]
Die traditionelle oder klassische Semantik in der Sprachwissenschaft ist wesentlich Semasiologie, Klassifikation der Wort-Bedeutungen. Besonders beachtete Grundkategorien sind Polysemie, Homonymie, Synonymie.
Definition Semiotik:
Die Semiotik ist nach heutigem Verständnis die allgemeine Wissenschaft von den Zeichen, Zeichensystemen und Zeichenprozessen in Natur und Kultur. [Historisches Wörterbuch der Philosophie: Semiotik]
Semiotik ist Teilgebiet der mathematischen Logik, die philosophische Semantik Teil der Sprachphilosophie und die linguistische Semantik Teil der Sprachwissenschaft. Die moderne logische Semantik geht auf B. BOLZANOzurück und wurde von G. FREGE, R. CARNAP, L. WITTGENSTEIN, A. TARSKI und K. GÖDEL weiter entwickelt. s. Topologie: Bausteine
WITTGENSTEIN'S These im Tractatus logico-philosophicus ist, daß die Sätze der Logik nicht von psychologischen Denkakten oder allgemeinsten Strukturen der Wirklichkeit handeln, sondern nur rein analytisch sind. Er bezeichnet sie konsequent als Tautologien. Wittgenstein hatte schon begriffen, daß und warum die eindeutigen Erläuterungen von Wahrheitsbedingungen (in der Normalsprache) als Reden im Modus des Zeigens zu verstehen sind: Der richtige Umgang sowohl mit den erläuterten als auch den erläuternden Reden läßt sich nur vorführen. Was da gezeigt wird, muß richtig begriffen werden, etwa als Anleitung zum richtigen Handeln (Deduzieren, Beweisen) und Urteilen (beim informalen oder metastufigen Begründen).
Foucault gliedert das Wissen des 17. JH in ein:
Im Ganzen blieb die Wissenschaft des 17. und 18. Jahrhunderts aber fixiert auf das Tableau, also eine einfache topologische Präsentationsform - die allerdings eine Zeitachse oft mit einbezieht. Foucaults Studie beginnt mit den Hoffräulein von Velasquez, also der Beschreibung des Bildes als Raum, in dem sich der Beobachter selbst beobachtet und malt. Es zeigt (repräsentiert) die Repräsentation, reflektiert sie also, perspektivisch, und dazu noch von einem Metamahler präsentiert.
Mit der Beurteilung der Naturgeschichte macht es sich Foucault allerdings etwas einfach: Die Naturgeschichte ist nichts anderes als die Benennung des Sichtbaren. Daher rührt ihre scheinbare Einfachheit und jener Anstrich, der von weitem naiv erscheint, so einfach und durch die Evidenz der Dinge auferlegt ist sie. [S. 177]. Aber gerade im 17. und 18. Jahrhundert war die Natur eben noch unbeweglich, die Geschöpfe so, wie Gott sie geschaffen hatte. Die fortwährende Genese und Veränderung sowie Auslese konnte erst nach Darwin zum Objekt der Wissenschaft werden. Man muss sich auch bewusst werden, dass bis dahin die Erde und alle ihre Geschöpfe ein Werk Gottes waren. Die Evolutionstheorie war ein Sakrileg, eine Häresie, die zwar nicht mehr zu ewiger, aber, gerade im Victorianischen Zeitalter, doch irdischer Verdammung durch die Gesellschaft führen konnte. Darwin waren die Zusammenhänge bereits 1837 klar. Publiziert wurde das Werk aber erst 1859!. Die Benennung von Unsichtbarem, wie sie heute ausgeprägt in der Atomphysik der Fall ist, liegt noch in weiter Ferne.
System und Methode
Das System ist in seinem Ausgangspunkt arbiträr, weil es auf zwanghafte Weise jeden Unterschied und jede Identität ausser Acht lässt, die nicht die privilegierte Struktur betrifft.
Foucault hat <Die Ordnung der Dinge> 1966 geschrieben. Weder Wieners Kybernetik, noch Maturanas und Varelas Autopoiesis, noch Luhmanns Systemtheorie - die Handeln ins Zentrum stellt - waren vorhanden - ganz zu Schweigen von der Chaosforschung und Fraktalen. Die Einsicht in die Komplexität wissenschaftlicher Arbeit also auch bei Foucault nicht übermässig gross. Man sollte "Die Ordnung der Dinge" also als das nehmen, was es ist, eine historisch-sprachliche Analyse wissenschaftlicher Tätigkeit im 17. Jahrhundert - aus der Perspektive der Sprachforschung. Nicht mehr. Vor allem nicht als Vorlage, wie Wissenschaft heute zu tätigen sei. Vor allem aber auch nicht mehr als Ordnung der Dinge, also keine Ordnung von Menschen, oder Gedanken, oder gar Wissen per se.
Foucaults höchstes Gefühl der Wissenschaftlichkeit, das Tableau, des sich selbst beobachtenden Schöpfers desselben, geht zwar weit über die normalen Ansprüche an "Wissenschaftlichkeit" hinaus, mag aber heute der Risikogesellschaft, der Reflexiven Moderne, eben doch nicht genügen. Heute genügt es nicht, die Schaffung komplexer Tableaus auch reflexiv zu begutachten. Das Augenmerk muss sich auf Prozesse, Wirkungen, Ergebnisse der verwendeten "Tableaus" richten, da diese nicht zur Unterhaltung und Belehrung wie im Falle von Velasquez, sondern zur Veränderung, zu produktiven Zwecken, also zur eigentlichen Gestaltung der Welt eingesetzt werden, zur Entwicklung.
Was ein System vor allem ausmacht, ist
Man muss aber vielleicht auch nur auf den Titel sehen: Die Ordnung der Dinge. DINGE! Foucault hat sich hier auf Dinge, Sachen, Materie beschränkt, was eigentlich Sache der Naturwissenschaften ist, was sich methodisch und präzise fassen lässt. Die komplexeren "Dinge", eben die Organisation der Gesellschaft, den Dialog, den Widerstreit der Werte, hat er wohlwissend rausgelassen - und auch in der Arbeit über Macht und Disziplin nur sehr am Rand gestreift.
Aehnlichkeiten aber bedeuten nicht mehr Wissen, sondern eine Gelegenheit, sich zu irren: Descartes/Regulae: Sooft Menschen irgendeine Aehnlichkei zwischen zwei Dingen bemerken, pflegen sie von beiden, mögen diese selbst in gewisser Hinsicht voneinander verschieden sein, das auszusagen, was sie nur bei einem als wahr erfunden haben. [S. 87]
Es gibt zwei Formen des Vergleichs und nur zwei, den Vergleich des Masses und der Ordnung. Man kann Einheiten oder Multiplizitäten messen, das heisst kontinuierliche oder diskontinuierliche Einheiten. Aber in einem wie im anderen Falle setzt die Messoperation voraus, dass im Unterschied zur Rechnung, die von Elementen zur Totalität führt, man zunächst das Ganze betrachtet und es in Teile teilt. ... es also analysiert
Gesichertes Urteil geschieht durch Anschauung und Verkettung. Nur dies ist Wissenschaft. Von da her hört aber der Text auf, zu den Zeichen und Formen der Wahrheit zu gehören. Die Sprache ist nicht mehr eine der Gestalten der Welt oder die Signatur, die seit der Tiefe der Zeit den Dingen auferlegt ist. .... Die Sprache zieht sich aus der Mitte der Wesen zurück, um in ihr Zeitalter der Transparenz und der Neutralität einzutreten.
> Von hier an bildet die Analyse mit ihrem umfangreichen Set an Methoden der Algebra, Geometrie, insbesondere aber die Analysis mit Integral-, Differential- und Vektorrechnung etc. DIE Grundlage der Wissenschaften:
Auf der einen Seite wird man die zu analytischen Instrumenten gewordenen Zeichen als Markierung der Identität und des Unterschiedes, als Prinzipien des Ordnens, als Schlüssel für eine Taxinomie finden; und auf der anderen Seite die empirische und murmelnde Aehnlichkeit der Dinge. [S. 95]
Hier fehlt Foucault eindeutig die Erfahrung, dass stochastische Methoden (Statistik, vor allem multivariate Statistik) weitaus mehr erlauben, als empirisch gewonnene Daten bloss murmeln zu lassen. Das Potential an Erkenntnisgewinn ist hier eben so enorm wie das Potential, andere damit über den Tisch zu ziehen.
Rationalismus ist nun vor allem Vereinfachung, banaler Versuch, die Welt mechanisch und kalkulierbar zu machen. Ueber die Oekonomie mit ihrem mathematischen Abrakadabra hat dies nun auch das eigentlich freie Handeln des Menschen erreicht.
Geschichte ist immer eine Geschichte des Werdens, des menschlichen Lebens, der Oekonomie, der Sprache. Gesucht werden dabei - Gesetze des Werdens, Ziele - und Regeln der Entwicklung.
Immer wieder haben die Geschichtsforscher, oder Nutzer der Geschichtsforschung, die historische Entwicklung als Gesetzmässigkeit fehlinterpretiert. Wie der Psychologismus, der Soziologismus, oder gar der Szientismus (Heil dir, oh Scientology), die zwecks kybernetischer Lenkung des Schicksals, der Menschen, das Bestimmende, das treibende Element, das Entwicklungs- oder Handlungsgesetz gesucht haben, dabei die Rechenhaftigkeit des Lebens und Seins immer wieder mal übertriebe, hat auch der Historizismus die zufällige Koagulation von Seinsklumpen durch die Geschichte zum Gesetz gemacht. Dabei scheint es eher umgekehrt: In den Sozialwissenschaften entgeht kein Gesetz den Bewegungen der Geschichte. Nichts ist universal gültig. Es gibt keine engültigen und definitiven Strukturen in der Ethnologie. Eben so diffus sind sie in der Psychologie und Soziologie. Es ist ein quirrliges Kochen und Brodeln, dass, trotz allem, Strukturen erzeugt, die allerdings eben zufällig sind. Folglich werden die Erzählungen immer dünner, der positive Inhalt löst sich auf. Und präzise das wäre dann die Postmoderne.
Wie alle Wissenschaftler übertreiben auch Sprachwissenschaftler und meinen, sie können mit ihrer Struktur alle Strukturen und Funktionen und Sinn und Zweck der Welt erklären. Dem ist aber nicht so. Gott sei Dank gibt es viele Wissenschaften und nicht nur eine. Eine Wissenschaft wäre etwa so tolerant wie die Katholische Kirche im Mittelalter.
Begründungszusammenhänge sind meist komplex. Oft können sie auf die wichtigsten Punkte vereinfacht werden, aber jede Vereinfachung birgt die Gefahr, dass genau der Faktor ausgelassen wurde, der im nächsten Fall von Bedeutung sein wird.
Begründungszusammenhänge müssen sich im Gehirn strukturieren, um überhaupt gespeichert werden zu können. Da das Gehirn eine Einheit ist, erträgt es dabei keine all zu grossen Widersprüche, vor allem kein, die es auf Grund seines gespeicherten Wissens nicht erklären kann. Ein grosser Teil der Strukturierung des Gehirns geschieht unbewusst, taugt aber gerade dadurch dann nicht mehr zur Argumentation, also eben zur Begründung im Dialog.
Begründungszusammenhänge in Gruppen, Regionen, Staaten, Kulturen realisieren sich mit der Zeit. Man nennt das dann Weltbild oder Weltanschauung (s. Weltbildforschung). Die wichtigsten Elemente kondensieren gleichsam zu einem zusammenhängenden Ganzen, das gerne auch einige Widersprüche enthalten kann, aber nicht von diesen dominiert sein darf. Begründungszusammenhänge in Gruppen können ja kaum logisch und systematisch konstruiert werden. Sie entstehen als Meinungen aus Meinungen, gleich Flocken eines koagulierenden Käses, oder ausfrierende Schneeflocken, mit eigener Struktur, Vielfalt und Elementen. Soziale Meinungen ballen sich zusammen, schlagen zu, verluften wieder, verschwinden, und machen anderen Meinungsblasen platz (s. auch Börse, selbes Spiel):
Die Kohärenz zwischen Theorie der Repräsentation und der Sprache, der natürlichen Ordnungen, die Sprache als spontanes Bild und ursprüngliches Raster der Dinge, als unerlässliches Relais zwischen der Repräsentation und den Wesen erlischt ihrerseits. Eine tiefe Historizität dringt in das Herz der Dinge ein, isoliert sie und definiert sie in ihrer eigenen Kohärenz, erlegt ihnen Ordnungsformen auf, die durch die Kontinuität der Zeit impliziert sind. Die Analyse des Warentauschs und des Geldes macht der Produktionsanalyse Platz, die Analyse des Organismus überflügelt die Suche nach taxinomischen Merkmalen. Vor allem die Sprache verliert ihren privilegierten Platz, und wird ihrerseits eine Gestalt der Geschichte in ihrer Kohärenz mit der Mächtigkeit ihrer Vergangenheit. Aber in dem Masse, in dem die Dinge sich um sich selbst drehen, für ihr Werden nichts anderes verlangen als das Prinzip ihrer Intelligibilität und den Raum der Repräsentation aufgeben, tritt der Mensch seinerseits und zum ersten Mal in das Feld des Abendländischen Denkens (savoir) ein. [Foucault S. 30]
Um gewisse, beschränkte Vorhersagen treffen zu können, müsste man quasi eine Meteorologie der Gedanken betreiben können, die abschätzen kann, wann sich wo wieder mal was kondensiert und zu Regen, Sturm oder Gewitter führt, wann es heiss wird, wo kalt; wo unterschiedliche Fronten aufeinander treffen, wie die unterschiedlichen Wirklichkeitsbereiche einander beeinflussen.
Theoretisch könnte dies stattfinden in der Zukunftsforschung, die aber eher Utopien präsentiert, sich vor allem aber längst aufgelöst hat zur Trendforschung, die ihrerseits primär das Steckenpferd der Wirtschaft ist, und eigentlich nur noch den Traum "nachhaltiger", alias ewiger neuer Wirtschaftszyklen und Zuwachsbooms er-klären, berechenbar und nutzbar machen soll.
Unterscheidung, d.h. Identifizierung von Pflanzen ist auf Grund mancher Merkmale oder besser Merkmalskombinationen möglich. So kann man Bäume, was man meist macht, recht gut auf Grund ihrer Blätter unterscheiden, auch durch die Rinde ist es möglich, allerdings schon bedeutend schwieriger, besonders wenn diese alt und rissig ist. Das gesamte Pflanzensystem allerdings liesse sich so nicht beschreiben, denn es gibt halt auch Pflanzen ohne Blätter und solche ohne Rinde. Linné fand heraus, dass sich beim Fortpflanzungssystem ausreichend differenzierende Merkmale anbieten, die es erlauben, alle Pflanzen zu ordnen und zu identifizieren. Der entwicklungsgeschichtliche Zusammenhang war für ihn noch kein Problem, da er Pflanzen und Tiere, getreu biblischer Ueberlieferung, für erschaffen und in ihrer Form unveränderlich hielt. Ohne die Berücksichtigung der Zeitachse (und der inneren Organe) mussten so auch einige Tiere falsch klassifiziert werden wie die "Wal-Fische".
Foucault erklärt seine Ontologie anhand seiner Spezialität, der Sprache und Geschichte, ich mach's aus der Geschichte der Botanik (und Naturwissenschaften) heraus. Dieser Beitrag ist, auf englisch, Bestandteil einer umfangreichen Arbeit im Jemen:
2 Science-s. The Western, Causal Approach - Wissenschaft-en. Der westliche, kausale Ansatz.In diesem Kapitel betrachten wir das Hin und Her zwischen Gestalt- und reduktionistischem Ansatz, von Albert dem Grossen, der die Wissenschaften aus der Religion befreite, über die Zellkultur, wo Gestalt, trotz allem noch auf Zellniveau eine inhärente Eigenschaft wöre, zu ökologischen Modellen, mit den Schwerpunkten Botanik und Baumphysiologie.
Der früheste Ansatz zur Kultivation von Pflanzen geschah in Mesopotamien vor ca. 10'000 Jahren. Auch Aegypten hat eine lange Tradition in Anbau und Züchtung von Fruchtbäumen, Heilpflanzen und Weihrauch. In China wurde die Pharmacopöe des Tzu-I 500 BC geschrieben.
Wie jede Wissenschaft muss die Botanik ihre Wurzeln bei den Griechen suchen, nicht weil sie darin sehr fortschrittlich gewesen wären, aber weil sie das ganze Universum des Denkens geprägt haben. Ein grosser Teil philosophischer und wissenschaftlicher (epistemologischer, d.h. erkenntismässiger) Terminologie geht auf die Griechen zurück. Ihr Ansatz war umfassender, nicht auf reinen Rationalismus beschränkt. Sie nutzten auch andere Erkenntnisformen, so sie dies für angebracht hielten. (Ihr wichtigstes Anliegen war eh die Ontologie, also die Seinslehre).
Pythagoras entwickelte Mathematik, Geometrie und die Harmonienlehre. Sokraties versuchte den Platz des Menschen in der Welt über Dialog zu bestimmen (Ethik! Der Staat!). Platon untersuchte bereits die Beziehung zwischen Begriff und Objekt - die Idee. Die höchste Idee war für ihn die "schöne Gutheit" (Kalokagathie) und die vier höchsten Werte (zwischen denen das Rechte Mass zu finden ist, s. Wertekompass): Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Aristoteles entwickelte die empirisch-analytische (kausale) Erklärung der Natur, die er allerdings gleichzeitig zur schöpferischen Kraft erklärte. Diogenes versuchte die menschliche Freiheit in Bezug auf Bedürfnisse und künstlichen Luxus wieder herzustellen. Er und seine Schüler, die Kyniker, kritisierten den künstlichen Lebensstil und verlangten, natürlich zu belassen was natürlich sei und der Natur ihr Recht zuzugestehen! (Sie waren also die ersten Grünen ....). Pyrrho etablierte den Skeptizismus, Asclepios den ärztlichen Eid (4. JH v.Chr). Zenon und die Stoa entwickelten die Ethik weiter und, last not least, brachte der Neoplatonismus Gott zurück in eine bereits weitgehend rationalisierte Welt - durch Gnosis. Ein bemerkenswerter Weg vom formellen Ansatz des Pythagoras bis zum spirituellen des Philon!
Die Grundlage für diese Entwicklung war die griechische Stadt, die Polis - die auch der Politik den Namen gegeben hat, gleich wie als lateinischer Ausdruck (civis), auch noch der Zivilisation.
Engstirnigkeit in den Wissenschaften ist weder auf die religiöse Orthodoxie noch auf das Mittelalter beschränkt. Scholastik wird zum ersten Mal erwähnt von Plinius [Naturgeschichte XXVI,11 (ca. AD 70) S. 58:]: "Erfahrung, der wirksamste Lehrer aller Dinge, speziell in der Medizin, verkam nach und nach zu blossen Worten und Geplänkel. Es war angenehmer in Hörsälen fleissig zuzuhören als ins Feld hinauszugehen um zu verschiedenen Jahreszeiten verschiedene Pflanzen zu sammeln. "
In der Botanik hatte Theophrastus schon einen recht ganzheitlichen Ansatz, nach ihm wurden allerdings nur noch die Kräuter studiert. Die Tradition der nächsten 300 Jahre wurde von Cato dem Aelteren fortgesetzt, Varro, Virgil und Columnella. Dann überrannten die Stämme aus den Wäldern Germaniens die ganze griechisch-römische Kultur, die dekadent geworden war. Germanen, Ostgoten, getrieben von Alanen (tja, der Kaukasus war offenbar damals schon ein Problem), Hunnen, Bulgaren, Petschenegen, wiederum von Kumanen und Mongolen vertrieben, plätteten das Weströmische Reich und seine Kultur. Während des Aufbaus des nächsten grösseren Reiches, des karolingischen, hatte die arabisch-islamische Expansion im Süden und Osten schon begonnen - während die Christianisierung in den meisten Teilen Europas erst begann. Am Hof von Karl dem Grossen setzten wissenschaftliche Aktivitäten wieder ein - aber unvergleichbar zu dem, was an den arabischen Höfen in Spanien, Aegypten oder Mesopotamiens im Gange war. Das Studium der Pflanzen fokussierte sich auf deren medizinische Verwendung.
Die Querelen zwischen Wissenschaftlern und Geistlichen passierten fast zur selben Zeit im Islam und in den christlichen Reichen, nämlich im 12. und13. JH. Albert, als König und religiöser Mensch, war in der Lage, Studien unabhängig von der Religion zu betreiben. Ibn Ruschd, in einer weitaus weniger günstigen Position, geriet in schwere Auseinandersetzungen mit al-Ghazali und den Geistlichen, die philosophische Wissenschaften als sekundär betrachteten in Beziehung zum religiösen Wissen. Ob es die Wirkung Ghazalis war oder die der Mongolen, welche den Islamischen Wissenschaften ein Ende setzte, ist immer noch eine Angelegenheit gelehrter Dispute.
Die weitere Entwicklung Europas war auch nicht einfach. Für Roger Bacon war Wissenschaft vor allem von praktischem Nutzen. Er betrachtete die Mathematik als das wichtigste Inststrument der Wissenschaften und versuchte seine Studenten davon zu überzeugen, dass sie ihre Objekte besser in der Realität, in der Natur untersuchen, anstatt anhand alter Texte (von Aristoteles z.B.). Viele Sträusse mussten in diesen Jahren mit der Kirche ausgefochten werden, besonders was die Erforschung (Sektion) des menschlichen Körpers betraf.
Dieses Bewusstsein führte im 16. JH. (Renaissance) zur Einrichtung vieler botanischer Gärten. Nun ging es nicht mehr nur um medizinische Pflanzen, sondern generell um die wirtschaftliche Nutzbarkeit von Pflanzen. Die von dem neu entdeckten Kontinent importierten Pflanzen erwiesen sich in der Tat als wirtschaftlich äusserst interessant - wenn auch oft erst hunderte von Jahren später: Kartoffel, Süsskartoffel, Mais, Tomaten (Liebesäpfel, weil sie erst als Aphrodisiakum verwendet wurden), Feuerbohnen, Grüne Bohnen, Ananas, Sonnenblume, Artischocken, Pfefferschoten. Für Gärten: Yucca, Sumach, Passionsblume, Trompetenwinde, Zierwinden, Rabarber (aus Zentralasien), Oberginen (tropisches Asien) und Tulpen (Persien)!
Im 17. Jahrhundert wurde Mathematik definitiv zur Leitwissenschaft, durch die Arbeiten von Descartes. Jungius etablierte die heutige Bedeutung der experimentellen Verfikation (oder Falsifikation, wie's beliebt ..) - was in der arabischen Welt bereits im 12. Jahrhundert durch Al Jazari geleistet worden war. Diese Entwicklung wird auch beschrieben als Entwicklung zur mechanischen Philosophie, Entwicklung der experimentellen, modernen Wissenschaft, oder einfach <des Gebrauchs der wissenschaftlichen Methode>. Ray beschreibt in seiner Historia Plantarum die Beziehung zwischen Pflanze und Habitat, womit er einen sehr frühen Abstecher in die Oekologie macht. Locke erklärt, dass Gott eben so wie moralische Werte durch die Vernunft abgeleitet werden können (was sich bis heute halt doch nicht so ganz bestätigt hat). Von da an scheint Gott definitiv raus zu sein aus den Wissenschaften, bis im 20. Jahrhundert die Notwendigkeit einer Umweltethik, im 21. die Notwendigkeit einer Wirtschaftsethik, die Frage nach der Begründbarkeit von Ethik erneut aktuell machen.
Das 18. JH führe auf der analytischen Seite der Wissenschaft die Pflanzenphysiologie und chemisch-physikalische Studien ein.
Was die Beschreibung (und Systematisierung) der Pflanzen betrifft, so wurde eine enorme synthetische Arbeit geleistet von Linné und anderen. Das Wissen wurde um die historische Dimension erweitert durch das Studium von fossilen Pflanzen, um die räumliche Dimension durch Pflanzengeographie und um die Gestalt-Dimension durch anatomisch-morphologische Studien. Mit seinem "Jardin du Roi" (später "Museum d'Histoire Naturelle"), von Buffon geleitet, war Frankreich damals führend in den biologischen Wissenschaften. Duhamel du Monceau, ein Student von Bernhard de Jussieu, begann gar mit dem Studium von Zucht, Pflanzung und Nutzung von Bäumen, ja zum Teil sogar das, was wir heute Ingenieurbiologie nennen.
In der ersten Hälfte des 19. JH studierten in Deutschland vor allem Schleiden die Entwicklung der Pflanzen, ihre Lebenszyklen, die Integration unterschiedlicher Strukturniveaus und Aktivitäten innerhalb des Pflanzenkörpers und die Beziehungen zwischen Pflanze und Umgebung. Sie zogen konstruktive Theorien mit einem gewissen ganzheitlichen Ansatz dem pedantischen Empirizismus vor. Generell bringt das 19. JH einen enormen Zuwachs an Spezialwissenschaften. Die Botanik wird zerlegt in chemische Physiologie, Metamorphose (ein Vorläufer der Genetik), Zytologie und Mikrobiologie. Jessen verabscheute einerseits die scholastische Entwicklung in der klassischen Botanik durch welche die Terminologie einen irrwitzigen Umfang erhalten hatte. Auf der anderes Seite sah er, dass die Spezialisierung der Botanik, gerade auf der Mikro- (damals noch nicht Nano-) Ebene einen weiteren Schritt in Richtung Reduktionismus darstellte, der nur schwer wieder in das Ganze der Pflanze zu reintegrieren wäre. Mit dem völlig neuen Konzept von Darwin, mit wechelnder Variabilität über die Zeit und der damit verbundenen selektiven Anpassung, war er überhaupt nicht zuhause. Er wies dies als "unwissenschaftlich" zurück.
Unter Liebigs Einfluss begannen von Staat unterstützte Landwirtschaftliche Versuchsanstalten zu spriessen, mit dem Ziel, die Produktion zu erhöhen. Dies erlaubte Deutschland an der Spitze der Pflanzenphysiologischen Forschung zu bleiben, für den ganzen Rest des Jahrhunderts.
Im 20. JH wurde es mit der Spezialisierung noch ärger. Dennoch, einige integrative Konzepte wurden auch entwickelt, ebenso in der Pflanzensoziologie, speziell aber in der Oekologie. Aber sogar diese sind aufgeteilt in viele Spezialitäten:
Die Wissenschaften die sich mit Pflanzen befasst haben, haben immer geschwankt zwischen Reduktionismus (Mikroebene) und integralem Ansatz auf der Makroebene. Sie haben eine hohe Verantwortung in der Bewusstseinsbildung bei Politikgestaltern und Wirtschaftsführern, gerade was die <Grenzen des Wachstums> betrifft. Was noch ansteht in der Entwicklung von Spezialwissenschaften ist eine Art "Entwicklungs- und Managementsphilosophie" (nicht Wissenschaft!), welche die menschliche Entwicklung mit ihrer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ausprägung in RichtungNachhaltigkeit zu lenken vermag. (Der Text stammt von vor 1998 (Publikation), aber dazu steh ich nach wie vor.)
Mysterienkulte arbeiteten (und arbeiten) mit magischen Zeichen (s. z.B. Sternzeichen). Je magischer - desto grösser die Distanz zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem, desto diffuser die Relation. Gerade Vorurteil und Redekunst beruhen auf der Trennung von Bezeichnetem und Bezeichnendem, auf Irreführung (s. Eristik).
Geschieht die Irreführung nicht bereits auf dem Niveau des Wortes, das als Zeichen falsch gedeutet wird, so fällt dies um so leichter, je komplexer die Gedankengebilde werden. Werden Gedanken nur noch aneinander gereiht, gehäuft, geäussert, verteilt - bleiben aber ohne logischen Zusammenhang, so kann kein ordnendes Ganzes entstehen und keine Orientierung. Diese Problematik ist bei Brainworker im Detail beschrieben unter Collage und Konfettidialog, in der Psychologie unter Konfabulation.
Bei Foucault heisst die entsprechende Präsentationsweise Heterotopie, heteroklite Anordnung: Argumente, Wissen wird zusammengestückelt, niedergelegt, gestellt, angeordnet, an in dem Punkte unterschiedichen Orten, dass es unmöglich ist, für sie einen Raum der Aufnahme zu finden und unterhalb der einen oder anderen einen gemeinsamen Ort zu definieren. Die Utopien trösten, selbst wenn sie keinen realen Sitz haben, entfalten sie sich dennoch in einem wunderbaren und glatten Raum, sie öffnen Städte mit weiten Avenuen, wohlbepflanzten Gärten, leicht zugängliche Länder, selbst wenn ihr Zugang schimärisch ist. Die Heterotopien beunruhigen, wahrscheinlich, weil sie heimlich die Sprache unterminieren, weil sie verhindern, dass dies und das benannt wird, weil sie die gemeinsamen Namen zerbrechen oder sie verzahnen, weil sie im voraus die Syntax zerstören, die die Sätze konstruiert, sondern die weniger manifeste, die die Wörter und Sachen (die einen vor und neben den anderen) "zusammenhalten lässt.
Wir sind einen langen Weg der Erkenntnis gegangen, dank Wissenschaft und Philosophie, von der Divination der Mystiker zur Berechenbarkeit der Naturwissenschaften. Da sich aber Interessen besser durchsetzen lassen, wenn nicht Wissen, sondern Glauben die Menschen beherrscht, wurde der Glaube an Berechenbarkeit selbst in den Domänen gefördert, in denen diese nichts zu suchen hat. Naturwissenschaften gelten als DIE Wissenschaften, Sozial- und Geisteswissenschaften dümpeln vor sich hin, sind grad dort von Bedeutung, wo sie Sprachkenntnisse vermitteln, Rechtskenntnisse, Schreibkenntnisse, Lesekenntnisse, also praktisch verwertbare Kenntnisse - nicht aber Denken. Deshalb der Untergang der Philosophie, denn Philosophie ist nichts anderes als die Kunst des Denkens. Die Schwäche der Sozial- und Geisteswissenschaften - im Vergleich zu Naturwissenschaften und Oekonomie ist eben, dass sie keinen Kalkül anzubieten haben, und der die einzige Magie der Aufklärung darstellt. Das moderne Abrakadabra: Es werde Geld! ist in der Oekonomie zuhause, gut verpackt in eben so unverständliche wie meist unbrauchbare Formeln. Seltsam, denn eigentlich gehörte die Oekonomie selbst zu den Sozialwissenschaften, wäre also gemeinsamem Rat unterstellt, nicht autoritär-kausale Gesetze begründend; gehörte zum Reich der freien Wahl der Ziele, nicht zum Reich der kausal fest stehenden Zwänge.
Sehen wir uns an, was Foucault zur Oekonomie zu sagen hat:
Welche Modalitäten der Ordnung sind erkannt, festgesetzt, mit Raum und Zeit verknüpft worden, um das positive Fundament der Erkenntnis zu bilden, die sich in der Grammatik und in der Philologie ebenso wie in der Naturgeschichte und in der Biologie, in der Untersuchung der Reichtümer und der Politischen Oekonomie entfalten? Eine solche Analyse (s. Archäologie des Wissens) gehört, wie man sieht, nicht zur Ideengeschichte oder zur Wissenschaftsgeschichte. Es handelt sich eher um eine Untersuchung, in der man sich bemüht festzustellen, von wo aus Erkenntnise und Theorien möglich gewesen sind, nach welchem Ordnungsraum das Wissen sich konstituiert hat, auf welchem historischen Apriori und im Element welcher Positivität Ideen haben erscheinen, Wissenschaften sich bilden, Erfahrungen sich in Philosophie reflektieren, Rationalitäten sich bilden können, um vielleicht sich bald wieder aufzulösen und zu vergehen. [S. 28]
Politische Oekonomie gab es in der Klassik nicht, weil die Wissensordnung der Produktion nicht existierte. Es entstand allerdings im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ein Konzept mit einer kohärenten und gut gelagerten Schicht mit Begriffen wie Wert, Preis, Handel, Zirkulation, Rente, Zins. Dieses Gebiet, Grundlage und Gegenstand der Oekonomie in der Klassik, war der Reichtum.
Eine rein abstrakte und rücksichtslose "Wissenschaft" des Reichtums" musste sich erst bilden. Sie war in ihren Anfängen Diskussionen verhaftet um moralische Problematik von Zins und Profit, die Theorie des gerechten Preises, die Rechtfertigung des Zinses (der laut Bibel wie Koran eigentlich verboten wäre), die systematische Verwechslung von Wert und Marktpreis, Geld und Reichtum. Merkantilismus als nationale Eigennützigkeit erlaubte da eine erste Abstraktion ökonomischer Prinzipien, die es zu verfolgen gäbe. Hier wird auch klar, dass diese Prinzipien auf Grund des Nationalen Strebens nach Reichtum und Superiorität zu verfolgen wären - nicht aus Gründen der Wissenschaftlichkeit oder gar Gerechtigkeit. Die ökonomische Methode trägt den Grund ihrer Entstehung stets in sich, da es sich um eine typisch teleologische, nicht primär kausale, Denkweise handelt.
Am Ende des 18. JH veränderte sich die Erkenntnis (Episteme) in Europa entscheidend: Negativ isolierte sich das Gebiet der reinen Erkenntnisformen, nimmt gleichzeitig Autonomie und Souveränität im Verhältnis zu jedem empirischen Wissen an, lässt den Plan der Formalisierung des Konkreteren und der Konstituierung reiner Wissenschaften entgegen allem entstehen und immer wieder entstehen; positiv verbinden sich die empirischen Gebiete mit Reflexionen über die Subjektivität, das menschliche Wesen und die Endlichkeit, nehmen sie Wert und Funktion von Philosophie ebensowohl an wie von Reduzierung der Philosophie oder von Gegenphilosophie. [S. 307]
Die Aussage ist, gerade im Zusammenhang mit der Oekonomie, allerdings zu unklar und zu unkritisch. Dass Löhne generell, systemisch bedingt, ungerecht sind z.B. wird hingenommen, da "wissenschaftlich", also unumgänglich. Dass sie aber so sind ist ein rein empirischer Fakt der weder mit Wissen, Wollen noch Sollen das geringste zu tun hat. Hier liegt unser westliches inshallah, das sich allerdings auf keinen Willen Gottes beruft, sondern einfach auf den "wissenschaftlich" beschriebenen Status quo.
Geld musste, vor der Akzeptanz des Papiergeldes als verbrieftem Anspruch, gedeckt durch den gesamten Volkswohlstand, selbst einen Wert haben. Dies gilt nicht nur für Gold und Silber, sondern auch für Muscheln und dergleichen. Diese Formen von Geld waren also eigentlich eher konfortable Realien, Ersatztauschwerte, als Geld.
Wie bei allem was mehrere Funktionen erfüllt, geraten sich diese 3 des öftern ins Gehege. Ist mehr Geld da als Werte, steigen die Preise, d.h., eigentlich entwertet sich das Geld, bis es wieder durch Werte gedeckt ist. (Inflation) Sind jedoch mehr Güter da als Geld, so steigt sein Wert, und die Preise fallen. (Deflation. Apropos Deflation: Falls alle auf die SVP hören und sparen, dann haben wir auch Deflation, logische Folge von Konsumstreik). Ein beiden Fällen kann es seine Funktion als Massstab nicht mehr erfüllen. Im Falle der Deflation, also wenn zu erwarten steht, dass die Dinge morgen noch billiger sind als heute, oder eben das Geld noch mehr wert als heute, so wird das Geld zu einer sich selbst vermehrenden Anlage - und alle sitzen drauf, niemand will es ausgeben, womit der Markt zusammenbricht. Generell werden kleine Münzen, Münzen die keinen Materialwert haben, eh schneller getauscht. s. Brakteaten
Die Geschichte hat schon alles erlebt. Durch die massiven Goldimporte Spaniens sank der Preis von Gold, womit Geld entwertet wurde, also nicht mehr gross als Massstab taugte. Das Preis-Mengen-Gesetz war zwar seit dem 16. JH bekannt, führt aber heute noch andauernd zu Trugschlüssen: Billiger Produzieren reicht nicht - man muss dann auch mehr verkaufen.
Merkantilismus: Kein Export von Wertmetallen, keine Verwendung für andere Zwecke als Geldprägung / günstiger Import von Rohprodukten, teurer Export von verarbeiteten Produkten (Export)
Geld schafft nur Reichtum wenn es ein Tauschmittel bleibt, wenn es Ware ersetzt, ihr Verlagern und Horten gestattet, Rohmaterial verarbeitet, Arbeit verteilt.
Die genaue Geldmenge zu bestimmen, die die Wirtschaft fördert und nicht das Mass verbiegt ist nicht so leicht. Es ist heute die Aufgabe der Zentralbanken, mit eben der Priorität, den Massstab "gerade", d.h. stabil zu halten.
Ein Land in dem das Geld knapp, und dadurch die Preise tief sind, zieht fremde Käufer an. Die Geldmenge nimmt also zu. Der Staat wird reich und mächtig, kann Schiffe bauen und eine Armee unterhalten, Siege erreichen, und noch mächtiger und reicher werden. Allerdings steigen durch die steigenden Geldmengen auch die Preise, man kauft im Ausland - und das Geld wandert ab. So entstehen z.B. langfristige Zyklen, die sog. Kondratieff-Wellen.
Was in der traditionellen Geldtheorie noch gilt, und propagandistisch weidlich ausgenützt wird um Globalisierung zu fördern und Arbeitslose zu plagen, ist die Idee (nur Idee, wenig Tatsache), dass so arm gewordene Länder sich entvölkern, die Menschen in die reichen Länder ziehen, und diese so mit noch mehr Arbeitskräften und Geldumlauf versorgen. Die Zahl der Einwohner muss allmählich, aber unaufhaltsam wachsen, damit die Manufakturen stets reichlich Arbeitskräfte finden können. Dann werden die Löhne nicht schneller steigen als die Reichtümer und die Preise ebensowenig. [S. 241]
Nur theoretisch, nicht praktisch, denn die Menschen die aus armen in reiche Länder ziehen werden dann als Scheinasylanten exportiert, oder als Terroristen, Islamisten, was auch immer. Sehr beliebt auch der Ausdruck: Wirtschaftsflüchtlinge, obwohl der eigentlich nur das rein rationale Verhalten bezeichnet, dass auch laut Theorie zu erwarten wäre. Das Geld ändert seinen Preis eben deutlich rascher als Menschen ihre Werte.
Eine der ersten volkswirtschaftlichen Theorien, eben der Merkantilismus, basierte auf der damaligen Dominanz der Landwirtschaft. Praktisch nichts galt als produktiv, als die Landwirtschaft (eben die, die heute als Subventionsbereich verschrien ist). Irgendwie ist die Produktion natürlicher Ressourcen ja auch genial. Man braucht praktisch nix zu tun, und das Zeugs wächst. Bäume wachsen, Gras wächst, Kühe fressen es, geben Milch, Kälber und Fleisch her. Was will Mensch mehr. Der Landarbeiter wurde durch Naturalgüter für den direkten Konsum entlohnt, was seine Existenz ausreichend sicherte. Dieses Wirtschaften für nicht mehr als die Existenz nennt man Subsistenz. Mehr als das Existenzminimum sollte der Bauer auch nicht kriegen, denn auf das Mehr an Mehrwert, den Nettozins des Bodens, hatte der Bodeneigner anspruch, der Herr der Feude, der Feudalherr. Der Bauer wurde durch den disziplinierten Fabrikarbeiter ersetzt - und der durch den (von sich aus, aus Zwang, sich den Zugang zu bezahlter Leistungsarbeit immer offen zu halten) loyalen, treuen, billigen Angestellten.
Handel benötigte Geld. Das war aber nicht der eigentliche Grund für die Entfaltung der Märkte. Der liegt in der Ueberproduktion wie der spezialisierten Produktion, die ein vielfältiges Angebot möglich macht. Während dem Weidebesitzer nur Milch und Fleisch produzieren konnten, produzierten Ackerbauern Gemüse und Korn, ev. Obst. Bereits hier war Tausch nötig, um eine umfassende Versorgung zu gewährleisten. Man produzierte also mehr als man selbst brauchte, um anderes dafür eintauschen zu können. Je mehr man an Uebermass produzierte, je mehr man an "anderem" wollte, desto intensiver wurde der Handel, und der Bedarf an Geld. Tausch und Transport führten also a) zur Bewertung, b) zu einer Wertsteigerung, da immer mehr Geld in diesen Kreislauf kam, da dieser immer umfangreicher wurde.
Für Adam Smith basierte Reichtum noch auf Arbeit, ein Argument, das heute von den Verwaltern des Reichtums, über das seltsame Wesen, das "arbeitende Geld", zur Irreführung der Arbeitenden gerne verwendet wird. Haben Sie schon mal Geld arbeiten sehen? Der gerechte Preis entsprach also dem Aufwand an Arbeit, der gerechte Lohn der Entschädigung für geleistete Arbeitsstunden - nicht den Wert derselben! Das mag heute irrational erscheinen, aber mit der unterschiedlichen Bewertung von Leistung auf Grund der damit erzeugten Geldwerte beginnen eben die Probleme der Un-Gerechtigkeit.
Erspartes Geld hat zwei Funktionen: Sicherheit und das Ermöglichen von Investitionen. Als Sicherheit gefährdet es allerdings den Geld- und damit Wirtschaftskreislauf - und damit die Wirtschaft, als Investition ermöglicht es neue Produktivität, Arbeit, Handel-n. Geld, insbesondere in der Form von Vermögen und Reichtum, ist also Potential, Vermögen (als Vermögen, Chance, Fähigkeit und Gelegenheit etwas zu tun), Macht (v. machen können), eine Macht die gerne die Ohnmacht der jenigen nutzt, die nichts ersparen können. (s. Armut).
Produktion und Arbeit, vermittelt über Geld für Lohn, bilden einen doppelten Kreislauf:

Die Ersparnisse bilden dazu noch einen dritten Bereich, der nicht direkt als Kreislauf funktioniert, die beiden dominanten Elemente der Wirtschaft also beträchtlich stören kann. Ersparnisse ermöglichen zwar neue Investitionen, weitere, andere Investitionen, aber, sie können auch, besonders wo sie in Geld oder Gold angelegt werden, dem Kreislauf einfach Geld entziehen, ihn also verlangsamen. Zudem erlauben die "Ersparnisse" eben Arbeit durch Geld zu ersetzen, was dem Sparer nur insoweit nützt, als er dabei selbst aktiv sein kann, also Geld statt seiner selbst zur Arbeit einzusetzen vermag. Für die Arbeitskräfte jedoch kann das übel enden, nämlich mit struktureller Arbeitslosigkeit. DER Problembereich unserer Wirtschaft liegt also im Bereich Sparen und Investieren, nicht im Bereich (zu hohe) Löhne.
Die Geld- und Finanzmärkte spielen hier eine zwiespältige Rolle, weder nur negativ, noch nur positiv. Seit Greenspan wird immer mehr Geld frei gemacht, um Kapitaleigner und -Händler an der Börse glücklich zu machen, denn eine "unglückliche Börse" bedeutet eine unglückliche Wirtschaft, also Wirtschaftsschwund statt Wirtschaftswachstum. Dass aber diese Märkte nicht übermässig viel leisten, dafür übermässig gut bezahlt sind, kommt als Kritik nur von denen, die nicht daran verdienen ... also eh nix haben, nix zu melden haben. Basis des Problems ist die, bereits von Adam Smith angelegte falsche Idee von Wohlstand, der sich durch das BSP ausdrücke: Die jährliche Arbeit jeder Nation (Brutosozialprodukt) bildet den Fonds, welcher sie ursprünglich versieht mit all den notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens, die sie jährlich verzehrt und die immer aus dem unmittelbaren Produkt dieser Arbeit bestehen oder daraus, was mit diesem Produkt von anderen Nationen gekauft wird.
Tönt gut, dummerweise gehört dazu auch der Aufwand, der betrieben werden muss, um Schäden zu beheben, die durch diese "Arbeit" entstehen. Der Wert des BSP als absolutem Mass für Wohlstand wird deshalb seit über 30 Jahren bestritten, was aber noch kaum zu Aenderungen der Wirtschaftstheorie oder gar des Wirtschaftens geführt hat. s. Glücksindizes
Gerade der diesem System inneliegende (inhärente) Wachstumszwang verhindert, dass es je irgend ein Ziel erreicht. Ja er bedingt zugleich, dass es sich selbst zerstört, denn die Erde ist endlich, ihre Güter sind endlich, ihre Oberfläche ist endlich, ihr Wassser ist endlich, ihr Boden ist endlich. Sie, die Erde, hat also keinerlei Möglichkeiten, un-endliche Ansprüche zu befriedigen:
Jede Bevölkerung ist, wenn sie keine neuen Quellen findet, dem Untergang geweiht. Umgekehrt unternehmen die Menschen in dem Masse, in dem sie sich vermehren, zahlreichere, fernere, schwierigere, weniger unmittelbar fruchtbare Arbeiten. Die Drohung des Todes ist in dem Verhältnis stärker zu fürchten, in dem der notwendige Lebensunterhalt schwieriger zugänglich wird, und deshalb mus umgekehrt die Arbeit an Intensität zunehmen und alle Mittel benutzen, um sich als ertragreich zu erweisen. So ist das, wodurch die Oekonomie möglich und notwendig wird, eine ständige und fundamentale Situation des Mangels. [S. 316] - und sei es nur des Mangels an Arbeit, bezahlter Arbeit. Auch dies hängt mit den unendlichen Ansprüchen der Kapitalvermehrung zusammen, die irrational und nicht zu befriedigen sind.
Diese Gesetze gelten nach wie vor und äusssern sich eben als Wachstumszwang unserer Wirtschaftsform. Allerdings sehen wir heute die Grenzen möglichen Wachstums. Längst führt Wachtum nicht mehr zu steigendem Wohlstand, sondern frisst diesen durch Kosten für Umweltverschmutzung, Gesundheit, Schadensbehebung wieder auf.
Arbeit war mal das (gerechte) Mass des Tauschwertes. Wer viel arbeitete, sollte Dinge kriegen, an denen eben so viel gearbeitet worden war. Auf diesem Konzept basieren fast alle kommunistischen und sozialistischen Modelle des Wirtschaftens, wie auch die antiquiert-modernen bargeldlosen Tausch- und Schrumpfgeldvereine. Der Markt hat dieses Ideal, gleiche Arbeit, gleicher Lohn, längst überrannt. Politiker können das Argument so oft wiederholen wie sie wollen, es taugt nicht, es stimmt nicht. Löhne werden bestimmt durch die Exklusivität der Herrschaft über möglichst grosse und/oder möglichst ertragreiche Umsätze (s. Der gerechte Lohn / Die grössten Betriebe): Je weniger Angestellte, desto Lohn für diejenigen, die noch da sind, so die neue Form des Lohngesetzes. Je weniger Lohn für Arbeit, desto mehr Lohn kriegt das Kapital, also die Maschinen, die Patente, die Organisationen, die Investitionen - also die sog. Shareholder. Die Manager spielen hier eine zwar wichtige - aber dennoch eine Neben-Rolle. Sie helfen den Eigentümern, ihr Kapital zu vermehren. Sie verstehen meist mehr davon als die Eigentümer. Sie lassen sich in Anteilen an Wertverwaltung und -vermehrung bezahlen statt nach Arbeits-Stunden, was unter den Verhältnissen nichts als rational ist. (s. Abzockerinitiative unter No 4: Einkommensrelationen) Sie sind die neuen Heerführer. Macht man sie zu kommunen Söldnern, so hat das Kapital etwelche Schwierigkeiten, sich derart professionell und rücksichtslos und bevorzugt weiter zu vermehren. Aber die hat es eh. Investitionen haben zur Zeit heillos Mühe, ein sinnvolles und einigermassen verlässliches Einsatzgebiet zu finden, was sich in den äusserst tiefen Zinsen zeigt.
Also werden die Produktionskosten für das Getreide von den sterilsten Landstrichen den Preis des Getreides im allgemeinen bestimmen, selbst wenn es mit zwei- oder dreimal so wenig Arbeit errungen wurde. [S. 317]
Daher arbeiten sich Berbauern für einen Hungerlohn zu Tode, während dem voll mechanisierte Grossbauern recht angenehm leben. Nach der Markttheorie müssten diese Bauern die Bewirtschaftung aufgeben, damit die Betriebe von grössern übernommen werden können (s. Restrukturierung der Landwirtschaft & Die (optimale) Grösse von Landwirtschaftsbetrieben. Ein weltweiter Vergleich).
Allerdings haben die Grossen auch gar keine Lust, irgend welche Kleinbetriebe in abgelegenen Gegenden zu betreiben. Der Preis bestimmt also die Betriebsgrösse, wo der Betrieb stehen kann, was und wie er produziert. Kein Wunder sagen bereits die Hirnforscher, der Mensch sei in seiner Entscheidung nicht frei, denn, oh Wunder, es ist ja der Preis der entscheidet. Auch dieser ein Teil unseres westlichen Inshallahs.
Die Transformation der empirischen Regeln nach und mit denen Marktwirtschaft eben so funktioniert ... wie sie funktioniert, in "wissenschaftliche Gesetze", denen jeder rational, d.h. vernünftig denkende Mensch also zu folgen hat, etabliert eine neue Ordnung, keine Ordnung der Werte, sondern eine Ordnung der Preise, eine Marktordnung. Damit kehrt aber auch die zyklische Welt der Antike, der Heiden, der Unterentwickelten wieder, die keinen Fortschritt kannten, sondern sich, in ewiger Wiederkehr, im Kreise drehten. Die Entwicklungsländer, die Unterentwickelten, das sind nicht diejenigen, die wir mit Entwicklungshilfe, Wirtschaftshilfe und "Beratung" beglücken, sondern wir selbst, da wir gar kein Ziel mehr haben, als uns, des Geldes wegen, dauernd und immer schneller zu drehen. (Was die Derwische zwar auch tun, aber immerhin um Gottes Willen, und mit viel Spass).
Die Wiederkehr der zyklischen Welt in der Marktgesellschaft: zyklische Entwicklung zeigt sich immer durch Schwankungen. Alle Wirtschaftsdaten schwanken in unterschiedlichen Zyklen, d.h. dass die Wirtschaft zyklischer Zeit beruht - ohne Fortschrittsmodell, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Geschichte. Darum das Ende der Geschichte, die Posthistoire. Da dieses <Ende der Geschichte> aber bloss bedeutet, dass wir uns dauernd im Kreise drehen, immer schneller, immer das Selbe, steht doch eigentlich zu hoffen, dass "der Geschichte", d.h. uns, mal wieder was anderes einfällt.
Martin Herzog, Basel, 14.12.09
Vorläufer der Produktions- und Marktorganisation: Banken und HandelsherrenEigentum, Zeiteinteilung, Rechtsordnung, ökonomische Verhaltensordnung wurde, man kann es schätzen oder nicht, mit der Christianisierung eingeführt, vor allem durch die Klöster. In Norddeutschland begann sich im 12. Jahrhundert die Hanse zu formen, welche ein herrschendes Instrument der Interessenvertretung der Händler wurde. Sie wurden durch die Holländer + ständische Interessen abgelöst. Ein Boom entstand durch das Aufkommen der Städte (das Mittelalter war da also nicht ganz sooo finster), die in der Renaissance, vor allem in Norditalien ihre Blüte erlebten. Aehnlich wie im Norden die Fugger, so bauten in Italien die Medici ihr Imperium über das Bankwesen auf. Genau wie heute sah man schon damals dazu, dass die Interessen auch bei Staat und Kirche gebührend vertreten waren. Man hatte also bei den Medici sogar einen Papst - wie sich die Fugger einen Kaiser leisteten. Die Fugger bauten ihr Imperium im 15. und 16. Jahrhundert auf. Nach dem 30-jährigen Krieg war es auch damit zu Ende. Holland seinerseits hatte zwar nicht bloss einen 30-jährigen Krieg, sondern gar einen 80-jährigen (1568-1648). Nutzte aber diesen um eine weltweit agierende See- und Handelsmacht aufzubauen. England war allerdings bereits damals ein ebenbürtiger Partner. 1652-54, im 1. Niederländisch-Englischen Krieg wurden die Niederländer gezwungen, das englische Monopol über den Handel mit den englischen Kolonien anzuerkennen. im 2. von 1663-67, im zweiten gewannen die Holländer mit Unterstützung Frankreichs, den 3. von 1672 bis 1678 unterstützten die Franzosen England, aber der Krieg endete dennoch im Pat, und im 4. (1780-84) konnte wiederum nur die Französische Flotte ein Desaster für ... na ja ... die Niederlande verhindern (auch hier das typisch französische Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund - und Hauptsache alle bleiben kleiner und schwächer als ich). Von nun an herrschte Engelland über die Meere - allerdings nicht mehr über Nordamerika. |
Die wichtigsten historischen Fakten des 17. Jahrhunderts:Was das 17. Jahrhundert vor allem prägte, war der Dreissigjährige Krieg (1618-48) und die religiöse Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken - obwohl auch das Osmanische Reich seine grösste Ausdehnung erreicht hatte, und die Türken 1683 mit über 100'000 Mann bis nach Wien vorstiessen. Das Türkenreich reichte damals von Algerien bis zum Horn von Afrika, umfasste den Jemen ebenso wie alles nördlich und westlich von Bahrain und Qatar, also den Irak - bis Täbris, Armenien, Georgien, Krim, Moldau, Siebenbürgen, Ungarn, Serbien, Bulgarien und Griechenland. In Europa dominierte Frankreich mit Louis 14., der daraus allerdings nicht viel machen konnte ausser Prunk. Wirtschatlich war dies für Holland das goldene Zeitalter. Erst gegen Ende des Jahrhunderts übernahm England die Führung, vor allem weil sein Geld durch Gold und nicht bloss Silber gedeckt war (andere Zeiten, andere Regeln). Die Amsterdamer Börse war der grösste Handelsplatz für Wertpapiere, die bereits damals, fast wichtiger waren als der reelle Handel. China begann sich wieder zu öffnen, Japan verschloss sich dem Rest der Welt - und ging bankrott. Das 17. Jahrhundert rpräsentiert aber auch den Beginn der Aufklärung. Die Wissenschaften machten grosse Fortschritte mit Galilei, Newton, Descartes und Leibniz. (Aus diesem Grunde dürfte Foucault seine Studien hier angesetzt haben.) Zur selben Zeit erreichte allerdings auch die Hexenverfolgung ihren Höhepunkt. Auch Descartes, von den Franzosen hoch gelobt als einer der ihren, Begründer französischer Kultur und Philosophie, konnte seine doch stark spekulative (geometrisch-konstruktivistische) und individualistische Philosophie nur im liberalen Holland entwickeln. Er basiert Wissenschaft nun auf Induktion und Deduktion, wobei das Problem der "beweisenden" Induktion allerdings bis heute ungelöst bleibt. (s. Feyerabends schwarzer Schwan) Wirtschaftlich war es die Zeit der Manufakturen, also der organisierten Handarbeit. Seide und Gobelin waren Produkte mit hoher Wertschöpfung, Baumwolle wurde dies erst durch die Menge, also mit Hilfe der Maschinen, im 19. JH. Weitere: Porzellan, Fayence, Tapeten, Uhren, Schokolade etc. Die tragende Wirtschaftstheorie war hier der Merkantilismus, d.h. Wirtschaften für die Nation, den König, und die Unternehmer natürlich. |
Die wichtigsten Fakten des 18. Jahrhunderts:Die Aufklärung erblüht. Eine Auswahl der wichtigsten Erfinder, Enddecker, Künstler, Politiker
Der Merkantilismus erhält Konkurrenz durch den Freihhandel/Liberalismus (Adam Smith 1776), der dann allerdings vor allem im 19. JH erblüht. In London erblüht die Wertpapierbörse. Die Herrschaften schweiften aus, wofür der Rokoko steht, das Volk verarmte zusehends. Das Bürgertum will an die Macht, was 1789 zur Französischen Revolution führt, die allerdings in gewissen Belangen bereits auf die Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 zurückgreifen kann. Während dem in Frankreich etwa der Absolutismus zur Einheit zwang, waren die meisten Länder Europas von Dynastien beherrschte Kleinstaaten oder ein Konglomerat aus zerstrittenen Kleinfürstentümern (Deutschland), Stadtherrschaften (Basel, St. Gallen, Zürich, Bern, Genf ..) und Landherrschaften in der Schweiz, zerstritten über den Glauben. England, mit Schottland gemeinsam seit 1707, wird zur See- und Grossmacht: James Cook umrundet die Welt, Australien wird zur Kolonie. Polen verabschiedet die 1. Verfassung Europas. Napoleon wird zum Grossen Diktator, der zu Beginn des 19. JH das Schicksal grosser Teile Europas bestimmt. |
Dieser Teil wird hier nicht im Detail zitiert, da sich Foucault mit Frankreich beschäftigt, Frankreich aber immer zentralistisch war, nicht bloss in der behandelten Zeitperiode des 17. JH (Louis 14! - der Sonnenkönig), Polizei, Geheimpolizei und Kontrolle also immer eine recht wichtige Rolle spielten bis weit ins 19. JH hinein (s. Victor Hugo: Les Miserables). Eindrücklich die Schilderung der Verfeinerung und Oekonomisierung der Gewaltanwendung und anderer Machttechniken, zwecks Verhinderung neuer Taten mit dem selben Ziel, zwecks Erziehung und Dressur - und das lange vor der Entwicklung straffer, industrieller Produktionsordnung. Prägend bis heute das wirtschaftliche Denken bei der Strafe, das den Bestraften nicht dem Nichtstun aussetzen will, sondern durch Arbeit der Allgemeinheit nützlich machen - und erziehen. Die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch solche Gratisarbeit wurde heruntergespielt - durch die Existenz von Sozialhilfe, die dann eben die Arbeitslosen unterstützen würde. Welche in Wechsel, Heute sind die von der Sozialhilfe Abhängigen die Bösen, die zu Zwangsarbeit gezwungen werden sollten. Aber auch die generelle Einstellung gegenüber den Arbeitskräften mutet recht "modern" an:
Es gibt keinen einzigen Augenblick des Lebens, aus dem nicht Kräfte herauszuholen sind, sofern man ihn zu differenzieren und mit anderen zu kombinieren weiss. In gleicher Weise greift man in den grossen Werkstätten auf die Kinder und die Alten zurück, weil sie zu einfachen Arbeiten taugen, für die man nicht Arbeiter mit anderen Fähigkeiten einsetzen muss; zudem handelt es sich um billige Arbeitskräfte, und wenn sie arbeiten fallen sie niemandem zur Last: "Die arbeitsame Menschheit" sagte ein Steuereinnehmer über einen Betrieb in Angers, "kann in dieser Manufaktur vom zehnten Lebensjahr an bis ins Greisenalter Hilfsmittel gegen den Müssiggang und das daraus folgende Elend finden. [S. 870]
Diese sorgfältig abgestimmte Kombination der Kräfte erfordert ein präzises Befehlssystem. Jede Tätigkeit des disziplinierten Individuums muss durch Einschärfungen aufrechterhalten und unterbrochen werden, deren Wirksamkeit auf ihrer Kürze und Eindeutigkeit beruht. Der Befehl wird weder erläutert noch gar begründet; er hat allein das gewollte Verhalten auszulösen. [S. 871] Prüfungen, normierende Sanktionen, Disziplinarmassnahmen, Rügen reduzieren Abweichungen, normieren also die Arbeiter:
Die Prüfung macht mit Hilfe ihrer Dokumentationstechnik aus jedem Individuum einen "Fall": einen Fall der sowohl Gegenstand für eine Erkenntnis wie auch Zielscheibe für eine Macht ist. Der Fall ist nicht wie in der Kasuistik oder in der Jurisprudenz ein Ganzes von Umständen, das eine Tat qualifiziert und die Anwendung einer Regel modifizieren kann; sondern der Fall ist das Individuum, wie man es beschreiben, abschätzen, messen, mit anderen vergleichen kann - und zwar in seiner Individualität selbst; der Fall ist aber auch das Individuum, das man zu dressieren oder zu korrigieren, zu klassifizieren, zu normalisieren, auszuschliessen hat usw. [S. 897]
> Und in der Form fragt man sich dann doch, ob das sog. Fall- oder (neudeutsch) Case-Management wirklich so eine dolle Sache sei. Dies um so mehr, als bereits damals (wie heute) wohltätige Organisationen immer auf der Jagd nach "Abweichlern" waren, die es zu disziplinieren galt, also entweder religiös zu moralisieren, wirtschaftlich zur Arbeit anzuhalten, politisch als potentielle Unruhestifter zu neutralisieren. Es gilt Fügsamkeit und Nützlichkeit aller Elemente im System zu steigern. [S. 924] Wie das geschah? Genau wie heute bei praktisch allen: Was bezweckte die Arbeit im Gefängnis? Nicht Gewinn und auch nicht die Formierung einer nützlichen Fähigkeit, sondern die Bildung eines Machtverhältnisses, einer leeren ökonomischen Form, eines Schemas der individuellen Unterwerfung und ihrer Anpassung an einen Produktionsaparat. [S. 949] Das Gefängnis kommt bei Foucault nur schlecht weg, trotz aller Technik, denn die Mehrzahl der Häftlinge kommt auch immer wieder.
Im 18. JH wurde der Soldat zu etwas, das man fabriziert [S. 837] Vielleicht liegt die Sache also umgekehrt. Nicht die Ansprüche des Fliessbandes führten zum Anpassungszwang bei Menschen, sondern die Möglichkeit Menschen zu dressieren, zu formen, zur Idee der Automatisierung von Menschen, zum Homme-Machine (1747) von La Mettrie. Schulen und Arbeitsstätten wurden zu Klausuren, überwachbar, einsehbar - ohne den Beobachteten Einsicht zu geben ins Leben, ja bloss Anwesenheit der Beobachter. Also so ähnlich wie Benthams Panoptikum. Ebenso wurden sie zu hierarchischen Auswahlstätten. Die Arbeiter und Schüler wurden beobachtet, vermessen, charakterisiert, eingeschätzt, eingeordnet. Schüler auch nach Charakter, Eifer, Sauberkeit und Vermögen der Eltern: Die Disziplin ist die Kunst des Ranges und der Technik der Transformation von Anordnungen. [S. 849]
Foucault wird hier ziemlich brutal im Umgang mit den Herrschenden, basiert seine Aussagen allerdings auf zahlreiche zeitgenössische Berichte:
Diese Prozesse (Schüren der Furcht vor dem aufrührerischen Plebs, des Mythos der barbarischen, unmoralischen und gesetzlosen Klassen) stehen hinter solchen der Straftheorie des 18. JH ganz fremden Behauptungen wie: dass das Verbrechen nicht Anlage ist, die Interessen und Leidenschaften in das Herz aller Menschen eingepflanzt haben, sondern dass es fast ausschliesslich Sache einer bestimmten sozialen Klasse ist; dass die Kriminellen, die man einst in allen gesellschaftlichen Klassen fand, jetzt fast alle aus dem letzten Rang der gesellschaftlichen Ordnung hervorgehen; dass neun Zehntel der Mörder, Totschläger, Diebe und Verräter aus dem niederen Volk stammen; dass nicht das Verbrechen der Gesellschaft entfremdet, sondern dass das Verbrechen dadurch zustande kommt, dass man in der Gesellschaft ein Fremder ist, dass man jener entarteten Rasse angehört, von der Targer sprach, jener durch das Elend heruntergekommenen Klasse, deren Laster den grossherzigen Regungen ein unüberwindliches Hinderniss entgegensetzten; dass es unter diesen Bedingungen Heuchelei oder Naivität wäre zu glauben, dass das Gesetz für alle und im Namen aller geschaffen ist; dass es klüger ist anzuerkennen, dass es von einigen gemacht ist und auf andere anzuwenden ist; dass es zwar im Prinzip alle Bürger verpflichtet, sich aber in erster Linie an die zahlenmässig stärksten und am wenigsten aufgeklärte Klasse richtet; dass die politischen und bürgerlichen Gesetze zwar für alle gleich sind, nicht aber in ihren Anwendungen; dass in den Gerichten nicht die Gesamtgesellschaft über eines ihrer Mitglieder urteilt, sondern dass eine mit der Ordnung beauftragte Schicht über eine andere, die der Unordnung geweiht ist, zu Gericht sitzt: An allen Orten, wo man richtet, wo man einsperrt, wo man tötet .. überall fällt eines auf: überall sind zwei wohlgeschiedene Menschenklassen zu sehen, wobei sich die einen immer auf den Sitzen der Ankläger und der Richter, die anderen auf den Bänken der Verdächtigen und Angeklagten finden - was sich daraus erklärt, dass die letzteren aus Mangel an Mittel und Erziehung nicht in den Grenzen der gesetzlichen Rechtschaffenheit zu bleiben wissen. [S. 984]
Das 18. JH reagierte mit einer blutigen Revolution, aus der eine Diktatur des Pöbels erwuchs. Aehnliche Zustände herrschen wieder gegen Ende des 20. und zu Beginn des 21. JH. Heute geht es allerdings nicht mehr um Ober-oder Unterschicht, sondern um Einheimische und Fremde, oder genereller: Um solche die Zugang haben zu sicheren und gut bezahlten Arbeitsbedingungen - und die Tauschmasse, die nach Belieben, nach den Bedürfnissen der Wirtschaft, hin und her geschoben werden darf und dies auch noch mit einem <Hurrah auf die Flexibilisierung> begrüssen soll.
Diese Verfahren drängten anscheinend Delinquenz an den Rand, schufen aber ein zentral kontrolliertes Milieu aus pathologisierten Subjekten. Durch den Druck der Kontrolle an den Rand der Gesellschaft geschoben, auf dürftige und unsichere Existenzbedingungen reduziert, ohne Verbindung mit der Bevölkerung, werden die Delinquenten unweigerlich auf eine lokalisierte, unattraktive, politisch ungefährliche und wirtschaftlich folgenlose Kriminalität zurückgeworfen.
Wer denkt dabei nicht etwa an die "Kriminalität" der Asylsuchenden, die Arbeitsverbot haben - aber eigenverantwortlich agieren solle, die ihrem Glauben und ihren Bräuchen abschwören sollen - aber von aufrechtem Charakter sein sollen; die als fremd und unverwünscht apostrophiert - sich dennoch integrieren sollen. Arbeitslosigkeit, Bettelverbot, Arbeitsverbot, Zwangsaufenthalt- und Beschäftigung tragen bei zur weiteren Kriminalisierung von Kleinmist, sie lösen aber keine Probleme, genau wie dieses vermaledeite Minarettverbot. Es ist diesmal der Pöbel, der sich zum Richter und Herren aufschwingen will über diejenigen, die noch mehr am A... sind als er selbst. Die SVP ist längst die Partei der Pöbelherrschaft, bedient sich, unreflektiert aber geschickt, einer desinformierten Mehrheit zwecks Demokratur.
Der Mensch, der Enge und Kontrolle des dörflichen Milieus entflohen, musste, vor allem in den Städten, sozialisiert, d.h. vor allem kontrolliert und gelenkt werden. Dies geschah mittels Polizei und Bürgerorganisationen direkt, mittels Normen und Gesetzen abstrakt. Normen normieren, d.h. sie verpflichten auf ein bestimmtes Verhalten, beschränken also die Freiheit. Toleranz ist der Rahmen, der die Norm umgiebt. Intolerante Gesellschaften erlauben nur einen sehr engen Rahmen an Freiheiten, tolerantere erlauben mehr Abweichungen von der Norm. Als Normwächter und -Richter tauchten Legionen von Spezialisten auf im 18. Jahrundert: Richter-Professoren, Richter-Aerzte, Richter-Pädagogen, Richter-Sozialarbeiter, sie alle arbeiten für das Reich des Normativen; ihm unterwirft ein jeder an dem Platz, an dem er steht, den Körper, die Gesten, die Verhaltensweisen, die Fähigkeiten, die Leistungen. In seinen kompakten und diffusen Formen, mit seinen Eingleiderungs-, Verteilungs-, Ueberwachungs- und Beobachtungssystemen war das Kerkersystem in der modernen Gesellschaft das grosse Fundament der Normalisierungsmacht.
Hier verweist Foucault schon mal darauf, dass Unfreiheit nicht bloss in Kerkern erzeugt wird, sondern bereits durch Normierung - und das letztere immer "normaler", verbreiteter, alltäglicher geworden ist, so dass wir sie kaum mehr wahr nehmen, insbesondere als auch sie sich mit dem Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit einhüllt: In dem Masse, in dem die Medizin, die Psychologie, die Erziehung, die Fürsorge, die Sozialarbeit immer mehr Kontroll- und Sanktionsgewalten übernehmen, kann sich der Justizapparat seinerseits zunehmend medizinisieren, psychologisieren, pädagogisieren; und in eben diesem Masse verliert das Scharnier an Nützlichkeit, welches das Gefängnis darstellte.
Auch die Zeitplanung ist keine Errungenschaft der Fliessbänder Tailors. Bereits die Klöster hatten eine strenge Zeiteinteilung mit ihren Rythmen, Wiederholungen, Zwang zu Tätigkeiten.
Natürlich spielte sie das auch in Deutschland, Oesterreich-Ungarn (s. Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit) und in der Schweiz (s. Büro Farner, Cincera: Fichenskandal, P26 etcetc. Aktuell: Internetüberwachung), aber ausgehend von unterschiedlichen Strukturen (Deutschland: Junker; Schweiz: regionale Potentaten und "Grossbürger"). Die Schweiz gehörte in Europa offensichtlich zu den ersten, die dem Liberalismus recht freie Bahn gewährten, die Macht also dem Kapital übergaben. In dem Bereich ist Foucault aber ziemlich diffus - oder veraltet.
In dem Beitrag geht es, nicht wie laut Titel zu erwarten, um Epistemologie, also Erkenntnis, sondern um das Verschleiern des Sexuellen, das alte Tradition hat, und heute immer noch stattfindet, wenn auch mit einer etwas seltsamen Methode: Sex ist allüberall. Von der Werbung bis in die Kirche (vor allem die Katholische ...). Aufklärendes Wissen müsste mit Links zu beschaffen sein - und dennoch gibt es ungewollte Schwangerschaften bei Minderjährigen, die zwar mit 16 praktisch alle ihre Erfahrungen haben, aber eben doch nicht all zu viel Ahnung. Von Seiten der Erwachsenen und der Gesetze ist der Umgang mit der Frage schon bald wieder so verklemmt wie vor den 68ern (s. Pornographie)
Das legitim sich fortpflanzende Paar macht das Gesetz. Es setzt sich als Modell durch, es stellt die Norm auf und verfügt über die Wahrheit, es bewahrt das Recht zu sprechen, indem es sich das Prinzip des Geheimnisses vorbehält. [S. 1029]
"Sex wurde unterdrückt, weil er mit der von der kapitalistischen Ordnung erforderten Arbeitsethik unvereinbar war". Diese Aussage wird von Foucault zwar mit unterstützt, aber als Generalisierung und alleinige Begründung dennoch abgelehnt. Immerhin war der Genuss des Aphrodisischen der Kirche (anders als dem Islam) von Anfang an suspekt. Die funktionelle Einschränkung auf Sex innerhalb der Ehe und primär, wenn nicht gar ausschliesslich zum Zwecke der Vermehrung, teilen sich die beiden Religionen allerdings, zumindest während gewisser Phasen.
Im 18. JH und vor allem im Viktorianischen Zeitalter wurde das Paar definitiv zur Kernzelle der Gesellschaft: Das legitime, sich fortpflanzende Paar macht das Gesetz. Es setzt sich als Modell durch, es stellt die Norm auf und verfügt über die Wahrheit, es bewahrt das Recht zu sprechen, indem es sich das Prinzip des Geheimnisses vorbehält. Die Aussage muss natürlich in dem Sinne revidiert werden, als die Monogame Ehe hier bereits seit 1000 Jahren die Norm war, also sicher seit der Christianisierung. In Wales z.B., also bei den Kelten, war die Zweierbeziehung bis zum vollständigen Ablauf des 7. Jahres beliebig auflösbar, erst danach galt sie als fest. (Von daher rührt vermutlich der Ausdruck: Das verflixte siebente Jahr). Im 17. JH. beginnt, laut Foucault, das Zeitalter der Repression. Auch dies kann man natürlich nur so sagen, wenn man die Bauern, die schon seit Jahrhunderten unterdrückt wurden, aussen vor lässt, also als nicht geschichtswürdig betrachtet. Vielleicht meint er es ja aber auch eher in sexueller Hinsicht. Anyhow, man kann oder sollte das vielleicht mal klassenspezifisch betrachten. Die Geschichtsschreibung befasst sich, befasste sich vor allem früher, vor allem mit grossen Herren, Schlachten, Entscheidungen, wichtigen Daten. Das Volk hatte diese einfach zu tragen. Das Volk bestand aber zu dieser Zeit mehrheitlich aus Bauern. Ein Bauernleben besteht aus Tageszyklen und klimatischen, also Jahreszyklen. Jeder Zyklus hat seine Unzahl an Verrichtungen die zu tätigen sind. Es ist ein ewiger Kreislauf, an dem es nichts zu rütteln gibt. Die Ehe war eine Zweckverbindung, man half sich gegenseitig mit der Arbeit, dabei entstanden auch Kinder, reichlich Kinder, die mithalfen. Ueber Sex oder Freiheit oder Zukunft gab's nicht viel zu diskutieren. (Der Begriff "Sex" kam so auch erst im 19. JH auf. Bei den Griechen und Römern hiess das noch Liebesdinge, Liebesfreuden, Geschlechtsleben, Fleischeslust etc.). Die Sache mit der Ewigkeit wurde vom Pfarrer vorgetragen. Diese Verhältnisse änderten sich stark mit dem Aufkommen der landflüchtigen Bauern und bodenlosen Bauern, die sich Arbeit in der Stadt, vor allem bei den sog. Verlegern beschaffen mussten, also als Spinner, Weber oder ähnliches tätig wurden. Die soziale Kontrolle des Dorfes löste sich auf - und wurde durch staatliche Kontrolle ersetzt. Also meiner Meinung nach handelt es sich nicht, wie Foucault das interpretiert, um ein Aufkommen von Kontrolle, sondern bloss um eine Verlagerung von sozialer Gruppenmoral auf öffentliche und Staatsmoral. Was bei Bauern eine kurze, flüchtige Begegnung war, blieb es genau so, und genau so verborgen. Die Völker, bei denen Erotik eine Kunst war (Inder, Araber, Perser, Japan, Rom, China) beschreiben dabei meist bloss eine Elite, genau so wie die Zeiten des freien sexuellen Verkehrs, wie etwa die roaring twenties für die meisten Menschen eher problematisch waren, aber von der Bohème und der Elite, die sich gegenseitig schon immer anbiederten, dazu genutzt wurden, das Leben zu geniessen, so lange es eben noch ging. Die Mehrheit redete nur davon, genau wie in den 68ern.
Die zeitgenössische Familie ist nicht als eine soziale, ökonomische und politische Allianzstruktur zu verstehen, die die Sexualität ausschliesst oder zumindest einengt und auf nützliche Funktionen einschränkt. Die Familie hat vielmehr die Sexualität zu verankern und ihren festen Boden zu bilden. [S. 1110]
Zusammenfassend:
Keine Lust ohne harte Arbeit (s. Glück) - oder: Keine Lust ohne Unlust.
Dauerlust ohne äusseren Anlass lässt sich nämlich erzielen durch direkte Aufnahme der ensprechenden Substanzen, also Opiate, Alkaloide, Endorphine, Opiate - kurzum Drogen. Die langfristige Wirkung ist bekannt, sie führt zu Abhängigkeit, Sucht und Realitätsverlust, nicht zu einem erweiterten Bewusstsein.
Ein grosser Teil der Vorschriften beruht auch auf rein praktischen Absichten. So etwa die Empfehlungen betr. Heiratsalter. Für Mädchen mit 18, Männer mit 37, so dass sie ihre Eltern in der landwirtschaftlichen Tätigkeit und/oder öffentlichen Aufgaben ablösen können. Die Absicht, die hinter jeder Heirat stund, war, sich möglichst gut zu verheiraten, also den Stand zu wahren oder noch besser, zu verbessern, um auch für möglichst gute Bedingungen für die Nachkommen zu sorgen. So lange die Religion noch das Heft in der Hand hielt, war natürlich immer auch das ewige Seelenheil zu berücksichtigen, und mit dem hat ja noch Darwin gekämpft als Mitglied der gesellschaftlichen Elite, die Unterschicht bis weit ins 20. JH hinein. Die Beziehung war ein Bündnis für Nachkommenschaft, Ehre und Vermögen. Falls Liebe auch noch dabei war, um so besser.
Beim alten Griechen Ischomachos wird die Grundlage eigentlich recht gut erklärt: Der oikos besteht nicht nur aus dem Haus, sondern umfasst alle Güter, auch ausserhalb der Polis; er umfasst eine Sphäre von Aktivitäten die mit Lebensstil und ethischer Ordnung verbunden sind. Die Arbeit des Eigentümer der sich richtig um seine Güter kümmert, fördert seine Ausdauer, was gut ist für seine Gesundheit und Kraft, sie ermutigt ihn zur Frömmigkeit, da sie reichlich Gaben an die Götter ermöglicht, sie begünstigt Freundschaftsbeziehungen, da sie Gelegenheit gibt, sich grosszügig zu erweisen, die Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen und den Mitbürgern Gutes zu tun. Der Bürger der an kräftige Arbeit gewöhnt ist, ist auch ein guter Soldat. (Hier beruft sich Ischomachos natürlich auf den freien Bauern, nicht auf einen Schreiberling vom Hofe oder in der Stadt.) Die Ehe wird nicht in erster Linie als Zweierbeziehung betrachtet, sondern im Rahmen des oikos, des Hauses, als Führungsverantwortung des Mannes, der bestimmen muss, wie er seine Gattin zur Mitarbeiterin, Teilhaberin, synergos, machen kann, die er für diese Oekonomie braucht. Die häusliche Ordnung war entscheidend dafür, dass nicht die Verwaltung des ganzen Landes mit seinen Herden und Aeckern in Unordnung geriet. Diese Gemeinschaft, die kononia, beruhte nicht primär auf der Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern auf der Vermittlung einer gemeinsamen Zwecksetzung, die das Haus ist: seine Erhaltung und auch die Dynamik seines Wachstums.
Die Ehepartner haben also eine gemeinsame Aufgabe, ein Ziel, einen geteilten Zweck, der sie die nötige Gemeinschaft finden lässt. Genau diese Grundlage verfiel natürlich mit der Aufteilung in Versorger und Hausfrau, oder noch mehr mit dem beiderseitigen Streben nach Karriere und Erfolg. Da besteht kaum ein gemeinsames Ziel mehr und die Liebe wird oft zu stark gefordert. An Stelle von gegenseitigen Forderungen an die Liebe und das Verständnis des Partners müssten also entweder wieder gemeinsame Ziele treten, oder die Auflösung der Institution und die Uebergabe der Erziehung der Kinder an öffentliche Institutionen, genau so wie das von den Spartanern wie auch Kommunisten vorgesehen war. Nur dies befreit die Eltern aus ihrer Verantwortung gegenüber den Kindern und macht sie frei, sich nur noch, ohne Rücksicht auf Gefahren, ihrem beruflichen Auftrag zu widmen.
In Urkunden vom Ende des 4. oder 3. JH. BC umfassten die Verpflichtungen der Frau den Gehorsam gegen den Mann, das Verbot, ohne seine Erlaubnis auszugehen, weder bei Nacht noch bei Tage, den Ausschluss jeder sexuellen Beziehung zu einem anderen Mann, die Pflicht, das Haus nicht zu ruinieren und ihrem Mann keine Schande zu bereiten. Seinerseits musste dieser seine Frau unterhalten, durfte keine Konkubine ins Haus nehmen, seine Gattin nicht misshandeln, keine Kinder haben aus Verbindungen, die er ausserhalb des Hauses unterhalten mochte. Später wurde es ihm auch verboten, ein weiteres Haus zu haben, in dem er Mätressen, Konkubinen oder Lustknaben unterhielt. Die Frau wurde somit eben so ausschliesslich wie der Mann. Man kann also nicht von einer einseitigen Unterwerfung der Frauen durch die Männer reden.
Bald kam noch die romantische Liebe hinzu, also ein Element ausserhalb von Ehestand und gemeinsamer Güterverwaltung. Dass man gerne zusammen ist, sich vermisst wenn dem so nicht ist, etc. (Ist ja ein Lieblingsthema von Literatur und Zeitschriften, ich kann mich da also kurz fassen).
Im 3. JH gingen auch die Stadtstaaten unter, und damit das allgemeine politische Leben, dass Griechenland, und seine Philosophen, so geprägt hatte. Es war nicht wirklich ein Grund zur Trauer, denn diese kleinen Herrschaften waren ziemlich willkürlich, und ihre Aktionen für die Bevölkerung nicht immer verständlich (s. die Sforzas in der Renaissance). Die Philosophen hatten also in erster Linie den Auftrag, irdischen Trost zu spenden, die Individualisierung zu stärken, Autonomie zu kultivieren. Von daher der grosse Unterschied westlicher, immer individualistischer Philosophie, und östlicher Philosophie, die eher auf die Gemeinschaft, vor allem der Familie, baut(e).
Die Macht der geschlechtlichen Lust, und den Sinn dahinter, hat übrigens Galen schon recht gut beschrieben: Der Demiurg musste, um den Fortbestand der Menschen zu sichern, sich einer List bedienen: Dies List arbeitet mit drei Elementen. Zum ersten mit Organen, die allen Tieren gegeben sind und der Befruchtung dienen. Sodann mit einem Vermögen zur Lust, das ausserordentlich und "sehr heftig" ist. Schliesslich, in der Seele, mit dem Begehren, sich dieser Organe zu bedienen - erstaunliches und unsagbares Begehren. [S. 1463] Die Ausschüttungen des Nucleus Accumbens an Glückshormonen erzeugt diese Lust und dieses Begehren nach dauernd neuer Lust. Allerdings wurde das Konzept leicht kastriert, indem der Erwerb von Geld, vor allem der überraschende Erhalt von viel Geld, ganz ähnliche Wirkungen erzeugt. Von da her ist auch der äussere Zwang durch den Staat nicht mehr so dringend wie im 17. JH. Dazu kommt die Selektion der Weibchen, die sich zur Paarung nicht nur zeugungskräftige, sondern vor allem auch "Unterhaltskräftige" Partner erwählen. Fazit: Kein Geld / kein Job, kein Sex. Kein Vermögen / kein Haus - keine Frau. Ganz ausgeprägt zeigt sich das in wirtschaftlich unterentwickelten Regionen. So etwa in Ostdeutschland, wo die Frauen in den Westen ziehen und Westler heiraten (das, die ökonomisch höhere Potenz, war das ganze Geheimnis, nicht irgend ein verborgener Charme). Ebenso in den Bergdörfern Chinas, wo die Frauen an die Küste ziehen. Wegen des eh herrschenden Frauenmangels in China durch die Einkindehe und der Ermordung weiblicher Kinder haben sie da gute Chancen.
In Griechenland gewannen gegenseitiger Respekt, Hilfe, Aufmerksamkeit, Wohlwollen und Sorge umeinander in der Ehe die Oberhand gegenüber der Nachkommenschaft. Die Gegenwart des Andern steht im Mittelpunkt des Ehelebens. Das Paar sollte eine ethische Einheit bilden: Diese Einheit beschreibt Musenius als das Resultat der Einfügung zweier Stücke in ein Gerüst; sie müssen genau aufeinander gerichtet sein, um ein festes Ganzes zu ergeben. [S. 1511]
Weder die Ehe die um des Bettes willen geschlossen, noch die Ehe, die um gemeinsamer Interessen willen geschlossen, ist von Bestand. Im Bett fehlt bald "der Pepp", Interessen ändern sich - wenn keine Liebe da ist, die den Zerfall verhindert. Damit sind auch Zärtlichkeit und Sex gemeint "als Prinzip und Unterpfand der Liebes- und Freundschaftsbeziehung." [S. 1550]
Ueberwachen und Strafen endet mit dem Jahr 1830, beschreibt also nur eine relativ kurze - und vergangene - Zeit. Dennoch führte es zu Kommentaren wie: "Es ist lähmend; es mag ja richtige Beobachtungen enthalten, aber es hat gewiss auch Grenzen, weil es uns blockiert, weil es uns daran hindert, in unserer Tätigkeit wie bisher weiter zu machen." Ich antworte, dass genau diese Reaktion beweist, dass die Arbeit erfolgreich war, dass sie so funktioniert hat, wie ich es vorhatte. Man liest dieses Buch demnach als ein verändernde Erfahrung, die es einem verwehrt, derselbe zu bleiben wie bisher oder zu den Dingen, zu den anderen, das gleiche Verhältnis zu unterhalten wie vor der Lektüre. Das zeigt, dass das Buch eine Erfahrung ausdrückt, die über die meinige weit hinausgeht. [S. 1592]
Methode des Strukturalismus nach Lévi-Strauss: 1) Erfassung sprachtheoretisch geschlossener Zeichensysteme2) Zergliederung in deren kleinste Sinnelemente 3) Rekonstruktion der spezifischen Verknüpfungsregeln legt 4) ein Stück der unbewussten Logik einer Kultur frei. |
Das alles nannte man Strukturalismus. Aber zugleich war er mehr, nämlich die Infragestellung des Subjekts. Seit Nietzsche ist die "Unwahrheit" des Erkennens Thema kritischer Philosophie. Mit der Postmoderne hat sie, die generelle Unwahrheit, sich als Wahrheit durchgesetzt, d.h. alles gilt, nicht gilt, egal, hauptsache wir reden drüber und verdienen irgendwo, irgendwie Geld. Der Wahn wird zum Sinn. (Insbesondere der Wahn des ewig währenden Wachstums der Wirtschaft).
Foucaults Methode wird ab und zu ebenfalls als "strukturalistisch" bezeichnet - wogegen er sich allerdings heftigst verwehrt: Garaudy sprach von "abstraktem Strukturalismus", Piaget von "Strukturalismus ohne Strukturen", Dufrenne von "Neopositivismus", Lefêbre von "Neo-Elatismus", Sylvie Le-Bon von "verzweifeltem Positivismus", Amiot von "Kulturrelativismus" oder "historisierendem Skeptizismus" etc.
Als Strukturalisten wurden Mitte der sechziger Jahre Leute bezeichnet, die "völlig unterschiedliche Forschungen betrieben hatten, denen allerdings eines gemeinsam war: Sie versuchten einer Form der Philosophie, der Reflexion und der Analysen ein Ende zu setzen oder aus dem Wege zu gehen, die wesentlich um die Behauptung des Primats des Subjekts kreiste. Das reichte vom Marxismus, der damals vom Begriff der Entfremdung beherrscht wurde, über den phänomenologischen Existentialismus, mit der gelebten Erfahrung im Mittelpunkt, bis zu jenen Tendenzen der Psychologie, die in dem Bemühen, sich der menschlichen Erfahrung etwas anzuschmiegen - sagen wir: im Namen der Selbsterfahrung -, das Unbewusste ablehnte. Das konnte Zornesausbrüche hervorrufen. [S. 1509-10]
Da sich der Existentialismus von der marxistischen Gehorsamspflicht gegenüber dem Kanon (Marx/Lenin) löste, wurde er von denselben bekämpft, durfte im Osten nicht angesprochen werden.
Problem: Frankfurter Schule in Frankreich übersehen, kaum diskutiert. Dazu kommt das Problem der Polemik: Wenn abweichende Ideen bekämpft werden wie "der Klassenfeind", kann eigentlich kein Dialog entstehen.
Foucault trug eigentlich nicht zum theoretischen Fortschritt einer Wissensformation bei, also zur Wissen-Schaft, sondern im Gegenteil zu ihrer radikalen Desillusionierung.
Martin Herzog, Basel, 22.12.09